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Kinderbücher über Alzheimer im Check: Nr. 5 „Opa Rainer weiß nicht mehr“

Ich verbringe meine Zeit nun zu Hause und bin mit den Kindern zusammen. Das ist anstrengend, aber bringt auch viele schöne Gelegenheiten, um Dinge gemeinsam zu tun. Zum Beispiel lesen. Vielleicht geht es euch ja ähnlich und ihr seid auf der Suche nach neuen Kinderbüchern. Das Buch „Opa Rainer weiß nicht mehr“ zeigt die Welt des Alzheimer auf wunderbar surreale und kindliche Weise. Absolute Leseempfehlung! Nr. 5 in meiner Reihe „Kinderbücher zu Alzheimer und Demenz“

Opa Rainer weiß nicht mehr

Wir haben eine Weile nicht so viel gelesen, aber momentan verbringe ich viel Zeit mit den Kindern und wir lesen vielleicht nicht unbedingt viel mehr, aber wir haben vor allem auch viel Zeit zum Reden.

Ich habe schon mehrere Kinderbücher über Alzheimer vorgestellt und finde dies wichtig und gut. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Bücher nicht unbedingt zu den Lieblingsbüchern meiner Kinder gehören. Es sind nun mal Bücher, die traurig machen, denn das Thema Alzheimer und Demenz ist traurig, egal wie schön und lustig die Zeichnungen dazu sind. Es sind Bücher, die zum Nachdenken anregen und über die man mit den Kindern auch sprechen sollte. Meist geschieht das ja automatisch, aber es tut einfach gut, sich dafür Zeit einzuplanen.

Das Buch „Opa Rainer weiß nicht mehr“ (Knesebeck Verlag) habe ich schon vor einer Weile zugeschickt bekommen. Ich habe es ein paarmal durchgeblättert, meine großen Töchter auch, aber wir hatten noch nicht viel Ruhe. Und jetzt haben wir es endlich geschafft.

Demenz: Dinge vergessen, die kinderleicht sind

Die Geschichte handelt von Mia und ihrem Opa. Der Opa hat Mia immer in die Schule gebracht. Morgens haben sie ein Wettrennen veranstaltet, und der Opa war immer der schnellste. Doch dann bemerkt Mia, dass der Opa nach und nach Dinge nicht mehr weiß. Dinge, die eigentlich kinderleicht sind. Er erkennt seine eigenen Schuhe nicht mehr, weiß nicht mehr, wohin mit dem Stecker vom Wasserkocher und steht hilflos vor dem gekochten Ei. „Eigentlich leicht“, sagt die kleine Mia, als der Opa verwirrt vor den Schuhen steht und nicht mehr weiß, dass ihm die braunen und praktischen Schuhe gehören.

Das hat mich ehrlich gesagt, anfangs ein bisschen gestört an dem Buch, dass es eine Aufzählung an Dingen ist, die nicht mehr gehen, die nicht mehr funktionieren, die der Alzheimer-Betroffene nicht mehr kann. Es ist das Negative, das dominiert, dachte ich genervt. Es ist so, wie wir in unserer Gesellschaft Alzheimer und Demenz sehen: Wir erkennen und konzentrieren uns auf die Dinge, die nicht mehr gehen. Schade, denn eigentlich tut das weder den Betroffenen noch den Angehörigen gut, und all den potenziell Betroffenen und Angehörigen auch nicht.

Mia benennt diese Dinge zwar, aber sie wertet sie nicht. Das habe ich ehrlich gesagt, erst beim zweiten Lesen gemerkt und gedacht: „Ja, so wäre es sicher gut in der Gesellschaft.“ Denn keiner kann abstreiten: Alzheimer ist ein stetiges Vergessen, von Gegenständen, von Routinen, vom Alltag, ja von Dingen, die eigentlich kinderleicht sind.

Mia zeigt, wie es geht – Die Alzheimer-Welt annehmen

In dem Buch „Opa Rainer weiß nicht mehr“ erzählt Mia, wie ihr Opa Schritt für Schritt Dinge nicht mehr weiß und kann. Aber Mia blickt darauf nicht abwertend, sondern hat einen besonderen Zugang zu der Alzheimer-Welt ihres Opas. Wenn der Opa nicht mehr weiß, was das für ein Haken ist, dann schaut Mia (und ihr kleiner Bruder) genau hin. Denn der Haken ist ja eigentlich gar kein normaler Haken, sondern sieht wie ein Krake aus.

Was ist das nur für ein Haken? – Oder doch ein Krake?

„Aber das geht doch nicht“ oder „Aber das ist doch so und so“ berichtigen wir Erwachsenen Alzheimer-Betroffene oft. Und auch ich habe das anfangs gemacht. Sätze wie „Mama, das geht doch so“ oder „Nein, das ist falsch“ habe ich gesagt, ohne mir deren Tragweite bewusst zu sein. Damals wusste ich noch nicht, was ich durch die Beschäftigung mit dem Thema heute weiß: In der Welt der Alzheimer-Betroffenen erscheint es logisch, was sie tun und denken. Deshalb sind Argumentationen sehr fehl am Platz und führen eigentlich nur zu Streit und schlechten Gefühlen.

Und das kann die kleine Mia ohne irgendwelche Seminare gemacht zu haben oder Bücher gelesen zu haben: Sie nimmt den Opa an, wie er ist und verschafft ihm dadurch ein gutes Gefühl. Sie macht in seiner Welt sogar mit. Als der Opa nicht mehr weiß, wofür ein Unterhemd da ist, spielen die beiden Kinder mit dem Opa verkleiden. Mia wickelt sich ihr Unterhemd um den Kopf und wirkt noch viel verrückter um den Opa, der es über seinen Pulli gezogen hat. Gemeinsam sind sie die Unterhosenbande, erzählt die kleine Mia. Als der Opa traurig ist, weil er nicht weiß, wie er den Keks aufmachen soll, hilft Mia ihn zu ermahnen. „Niemand kann so etwas von ganz alleine“, sagt sie. Wie schön muss es für diesen Opa sein, eine Enkelin wie Mia zu haben.

Opa Rainer weiß nicht mehr - Keks
Mia weiß, wie man die Kekse öffnet – und alle sind glücklich

Vorlesen lohnt sich, auch über schwierige Themen

Laut Verlag ist das Buch für Kinder ab fünf Jahren geeignet. Ich habe es mit meiner gerade Vierjährigen gelesen. Sie fand das komisch. „Warum stellt der Opa Tassen in die Waschmaschine?“, fragte sie irritiert, nachdem wir das Buch gelesen hatten. Im Leben meiner Kleinen musst absolute Ordnung herrschen. In ihrer Welt wissen Erwaschsene alles und machen alles richtig. Dass die Oma eine Krankheit namens Alzheimer hat, ist ihr noch nicht bewusst. Ich wollte dann eigentlich gar nicht weiter sprechen, als sich meine Mittlere einschaltete.

„Weißt du, der Opa hat eine Krankheit und deswegen macht er das“, erklärte sie der kleinen Schwester und erzählte, was sie über Alzheimer weiß. Mit ihren sieben Jahren fand sie das zwar auch komisch, was der Opa da macht, aber sie kann es zuordnen. Sie weiß schon einiges über Alzheimer, denn sie sieht ja an ihrer Oma, dass die bei vielem Unterstützung braucht und auch bekommt. Dass Alzheimer blöd ist, aber dass da eine Familie ist, die den Betroffenen nicht alleine lässt.

Und das fand ich wiederum sehr schön, dass meine Töchter anfangen, sich untereinander über Alzheimer auszutauschen. Dass die Großen der Kleinen etwas beibringen und erklären – und sie vielleicht gemeinsam die Krankheit der Oma verarbeiten können.

Unser Fazit

Meiner Tochter haben vor allem die Zeichnungen gefallen – und mir auch sehr. Denn die sind ein bisschen surreal, aber bilden die Momente eigentlich genau richtig ab. Da steht der Opa mit seinem Eierlöffel vor einem riesigen Ei. Natürlich ist kein Ei in der Wirklichkeit so groß, aber die Herausforderung, dieses Ei zu essen, das ist für Alzheimer-Patienten irgendwann so riesig wie eben dieses Ei. Ich glaube, als Bilder können Kinder und auch Erwachsene diese Gefühle und Veränderungen vielleicht sogar besser verstehen als lange Erklärungen.

Mein Fazit: Ein wahnsinnig schönes, total nett illustriertes Kinderbuch. Es spricht Themen an, die auftauchen, wenn Oma oder Opa Alzheimer haben. Das wichtige an diesen Büchern ist ja nicht die Erklärung über die Krankheit, sondern mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, und das hat bei uns super funktioniert.

Buchinfo: Opa Rainer weiß nicht mehr. 2018. Kirsten John, Katja Gehrmann. Knesebeck Verlag.

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