Kinderbücher

Kinderbücher über Alzheimer und Demenz im Check: Nr. 9 „Pauli muss ins Altersheim“

Dieses Kinderbuch über Alzheimer und Demenz hat uns ganz besonders gefallen. Wollt ihr wissen, warum? Weil es so fröhlich ist und einfach Spaß macht zu lesen. Es ist unbeschwert und viel netter als es der Titel erahnen lässt. Also, bitte nicht abschrecken lassen. Dieses Buch lohnt sich zum Vorlesen und für Kinder, die schon lesen können. Es bietet viele konkrete Gesprächsanreize und wunderschönen Lokalkolorit, denn Paul lebt mit seiner Mama in Österreich. Ein toller Kinderroman, den ich gerne empfehle: „Pauli muss ins Altersheim“ im Check Nr. 9 bei Kinderbüchern über Alzheimer und Demenz

Cover_Pauli-muss-ins-Altersheim

Es ist schon eine Weile her, als ich eine nette E-Mail bekommen habe von Anita Mild, ob ich ihr Buch „Pauli muss ins Altersheim“ (Picus Verlag) kennenlernen möchte. Wollte ich natürlich sehr gerne. Denn ich möchte euch in meiner Reihe Kinderbücher über Alzheimer und Demenz immer wieder spannende Bücher vorstellen. Meine Töchter wollten es auch kennenlernen. Als sie das Buch in den Händen hielten, waren sie erst ein wenig skeptisch. Doch dann fanden sie es richtig toll – und ich auch. Denn in diesem Buch steckt zwar eine Geschichte über Demenz, aber es ist ganz und gar nicht schwer, traurig oder wütend, sondern fröhlich, witzig und spannend.

Pauli hat Angst – und meine Tochter auch

Pauli ist ein fröhlicher Junge. Jeden zweiten Tag begleitet er seine Mutter ins Altersheim. Aber anders als seine Mutter hat Pauli überhaupt keine Lust auf diese Besuche. „Da beim Opa ist es eh wie in einem Gruselhaus“, sagt Pauli. Seine Unlust kommt vor allem daher, dass es ihm dort unheimlich ist. Dass ihm die Menschen unheimlich sind. Da gibt es „den Humpler“, die „durchsichtige Frau“ und die „Pudelhaubenfrau, die mit dem Gummibaum redet“. Im Altersheim wohnt auch Paulis Opa, aber der Opa erkennt Pauli oft nicht, sondern begrüßt ihn mit „Na, hallo, wen haben wir denn hier?“

Pauli

Anita Mild beschreibt die Figuren aus der Sicht der Kinder – und bringt sie damit auf den Punkt. Sie sieht hin und beschreibt, so wie Kinder ihre Umgebung sehen. Das macht das Buch für mich besonders. Ich konnte mir sofort vorstellen, wie die Personen aussehen. Und ich konnte nachvollziehen, wie es in Pauli aussieht und dass er sich im Altersheim nicht wohl fühlt unter diesen Menschen, die ein wenig, nun ja, anders sind.

Der Humpler ist ein grantiger Mann, der humpelnd durch den Flur geht und dabei mit seinem Gehstock schlägt. Die durchsichtige Frau ist so blass, dass ihre Haut aussieht wie durchsichtig. Sie sitzt im Rollstuhl und schaukelt vor und zurück. Die Autorin erklärt nicht langwierig, sondern beschreibt die Realität – und die ist in den meisten Altersheimen für Kinder ein wenig sonderbar. „Also, das erste Kapitel war nicht so schön, da hatte ich etwas Angst„, sagte meine achtjährige Tochter. Sie wollte fast aufhören zu lesen, obwohl sie sich doch sonst sehr für das Thema interessiert und obwohl sie gerne liest. „Der Titel ist auch doof. Warum muss Pauli denn ins Altersheim? Er muss doch gar nicht dahin“, sagte sie.

Ich konnte verstehen, dass ihr der Titel nicht so gefiel und dass ihr die Beschreibungen der Bewohner ein wenig Angst gemacht hatten. Ich hatte sie schnell gelesen, ja vielleicht auch überlesen, weil mir die Beschreibungen auch ein wenig Angst machten? Denn das meine Mama mal als durchsichtige Frau in einem Rollstuhl sitzt und nur vor und zurück schaukelt, macht mir durchaus große Angst. Diesen Gedanken möchte ich sehr weit weg schieben und anders als meine Tochter scheint es mir leichter zu fallen, Unschönes auszublenden.

„Kinderbücher sollten immer einen guten Anfang haben“, erklärte mir mein Kind. Nun ja, vielleicht war der Einstieg nicht so toll, dachte ich. „Lies doch weiter“, motivierte ich meine Tochter. Ich hatte das Buch vorher gelesen und wusste, dass die Geschichte meinem Kind sicher gefallen würde und dass sie ein gutes Ende hat. Meine Tochter nahm das Buch etwas skeptisch, las weiter – und wollte dann gar nicht mehr aufhören zu lesen.

Lila: Wie eine Pippi Langstrumpf im Altersheim

Anfangs ist Pauli das einzige Kind im Altersheim, doch er bleibt es nicht. Denn Pauli trifft Lila – und anders als Pauli geht Lila sehr gerne ins Altersheim. Lilas Omi hatte einen Schlaganfall und soll nun im Heim wieder zu Kräften kommen. Und weil Lila schon immer jeden Tag nach der Schule zu ihrer Omi gegangen ist, macht sie das auch weiterhin. Lila traut sich jede Menge und beeindruckt Pauli nicht nur durch ihren Kopfstand.

Lila

Ich mochte Lila sofort – und meine Töchter auch. Lila hat mich ein wenig an Pippi Langstrumpf erinnert. Sie ist frei und mutig und selbstständig und fröhlich. Lila geht nicht nur ganz alleine ins Altersheim, sondern hat dort keine Scheu. Sie spielt dort mit ihrem Seil, schlägt ein Rad und macht Kopfstände. Die Vorstellung, dass ein Mädchen Leben in ein Altersheim bringt, fröhliches und unbeschwertes Leben, finde ich wunderschön.

Lila kennt sich sehr gut mit ihrer Omi aus und hilft ihr. Und auch hier wieder: Anita Mild erklärt das nicht aus der Erwachsenensicht oder ordnet es ein, sondern beschreibt die Szenen einfach und das auch noch treffend. Meine Tochter war zum Beispiel total beeindruckt, dass Lila weiß, dass ihre Omi trinken will, als die den Kopf etwas bewegt.

Meine Mama redet kaum noch. Die Kinder möchten ihr gerne helfen, aber ich merke, dass sie oft nicht genau wissen, was meine Mama braucht oder gerne möchte – und dementsprechend handeln sie sehr vorsichtig. Meine mittlere Tochter ist ja auch beeindruckt, weil wir Erwachsenen scheinbar immer wissen, was die Oma will. Entsprechend toll fand mein Kind Lila, denn die versteht ihre Oma sehr gut. Warum? Nicht, weil Lila besondere Fähigkeiten hat, sondern weil sie schon immer viel Zeit mit ihrer Omi verbracht hat.

Demenz: Wenn der Opa an Schönes von früher denkt

Dementsprechend weiß Lila eine ganze Menge über ältere Menschen. Sie erklärt auch Pauli, wie das so ist mit dem Gehirn. Während Pauli viel grübelt und sich sorgt, hat Lila schon eine Erklärung gefunden. Auf diese Weise erklärt die Autorin Demenz, ohne auch nur einmal das Wort Demenz zu verwenden. Erst dachte ich, das geht doch nicht. Ein Kinderbuch über Demenz ohne das Wort Demenz? Aber beim zweiten Lesen dachte ich: Klar geht das. Denn das Wort ist für Kinder nicht weiter wichtig. Sie wollen wissen, was da passiert und warum Oma oder Opa sich so anders benehmen.

Pauli zum Beispiel wundert sich, warum sich der Opa nichts mehr merkt und warum er vergisst, wer Pauli ist. „Wenn wir alt werden, werden wir kleiner und schrumpeln. … Und wenn alles schrumpelt an uns, dann tut das wahrscheinlich auch unser Gehirn und man muss sich halt entscheiden, worüber man nachdenken will“, erklärt Lila. Und wenn man sich entscheiden müsse, dann denke man halt lieber an die schönen Dinge, die man früher erlebt habe als an jetzt.“ Was für eine schöne Erklärung!

Das Buch spielt in großen Teilen zwar in einem Altersheim, aber es dreht sich auch ganz viel um diese besondere Kinderfreundschaft. Paulis Opa freundet sich mit der Pudelhaubenfrau an. Lila und Pauli wollen herausfinden, ob die Stimmen, die die Pudelhaubenfrau hört, etwa aus der Mütze kommen. Sie spionieren den beiden hinterher, bis sie in einer Geheimmission die Mütze ausprobieren.

Paulis Opa und die Pudelhaubenfrau

Mein Fazit: Tolles Kinderbuch über Demenz

Für meine Achtjährige hatte das Buch genau die richtige Dosis Erklärung und Aufregung. Auch das Rätsel um die Mütze und ob die Stimmen aus der Mütze kommen, fand sie spannend. Meine Elfjährige hat das Buch gerne gelesen, aber war nicht so im Bann. Der Verlag empfiehlt das Buch für Kinder von sechs bis acht Jahren. Ich denke, das trifft es gut, wobei ich es generell für Kinder im Grundschulalter empfehlen würde. Gerade für Leseanfänger ist es auch schön zum selber lesen. Die Absätze sind kurz, es gibt ausreichend Freiraum und die Kapitel sind von überschaubarer Länge. Optimal also für einen Erst- oder Zweitklässler.

Einziges Manko ist vielleicht der Titel. Der klingt so negativ. Mit „Pauli muss ins Altersheim“ ist Anita Mild so ein fröhlicher, unbeschwerter Kinderroman gelungen – und er hätte auch einen fröhlicheren Titel verdient. Aber dann wiederum: Hauptsache, der Inhalt stimmt!

Das Buch spielt in Österreich und ist gefärbt mit typisch österreichischen Begriffen wie Erdäpfel und Schlag. Auch gehen Lila und Pauli nicht ins Café, sondern ins Kaffeehaus. Ich fand das sehr charmant, diesen Lokalkolorit und so haben meine Kinder auch gleich etwas über Österreich gelernt. Ein Wort wie „Erdäpfel“ haben sie seither nicht vergessen.

Was für ein Happy End – Pauli und Lila sind fröhlich.
Und meine Tochter auch 🙂

Und das schöne Ende, das ich meiner Tochter versprochen hatte? Gibt es natürlich auch! Lilas Omi ist am Ende des Buches wieder so fit, dass sie entlassen wird, aber alle machen gemeinsam Urlaub auf dem Bauernhof. „Das ist meine Lieblingsseite“, sagte meine Tochter. Klar, alle sind glücklich und zufrieden, so wie es bei einem Happy End sein soll, ganz besonders bei einem Kinderbuch.

Buchinfo: Pauli muss ins Altersheim. 2017. Anita Mild, Angela Holzmann. Picus Verlag.

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