Kinderbücher

Kinderbücher über Alzheimer im Check Nr. 8 „Als Opapi das Denken vergaß“

Regelmäßig schreibe ich Buch-Rezensionen zu Kinderbüchern über Alzheimer und Demenz. Heute stelle ich euch mal kein Bilderbuch, sondern einen Kinderroman vor. Er handelt von Mia und ihrem Urgroßvater – Opapi genannt -, der vom Bodensee zu Mias Familie nach Hamburg zieht. Mia möchte für ihren Opa da sein und sich um ihn kümmern. Doch sie erlebt, dass mit dem Opapi gleichzeitig noch ein geheimnisvoller, kleiner Junge auftaucht. Ein frecher, aber herzensguter Junge, so wie es der Opapi früher war. Wer ist das – und was hat er mit den Erinnerungen des Opapis zu tun? Das erfahrt ihr in dieser märchenhaften Kindergeschichte. Nur so viel sei verraten: Irgendwie bleiben wir immer Kind. Teil 8 der Kinderbücher über Alzheimer: „Als Opapi das Denken vergaß“

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Hier kommt Teil 8 der Kinderbücher über Alzheimer und Demenz:

Die Geschichte von „Als Opapi das Denken vergaß“ (Uticha Marmon, Magellan Verlag) beginnt an einem besonderen Mittwoch. Es war ein Schultag wie jeder andere für Mia. Aber an diesem Tag würde ihr geliebter Urgroßvater vom Bodensee zu ihnen nach Hamburg ziehen. „Opapi“ nennt Mia ihn liebevoll. Er würde in die Wohnung nebenan ziehen und sie freute sich, dass sie ihn dann besuchen so konnte, so oft sie wollte.

Als sie am ersten Morgen nach der Ankunft des Opapis freudig in seine Wohnung ging, begegnete ihr dort jedoch ein kleiner Junge in kurzen Hosen und Matrosenkittel. Er roch nach Fisch und wühlte in Opapis Kisten. „He, wer bist du denn?“, fragte Mia den Jungen. „Ich? Der Berti“, sagte er und kramte weiter, auf der Suche nach seiner Steinschleuder.

Das Geheimnis um Berti

Mia verstand all das nicht, vor allem wunderte sie sich, wo ihr Opapi war. Dieser Berti sprach ein bisschen merkwürdig und seine Kleidung wirkte so altmodisch. Dann schnappte er sich die kleine Schachtel, in die Mia Schwäne aus Salami für den Opa gelegt hatte – und brachte alles durcheinander. Wie wütend Mia auf Berti war! Dann schossen ihr Tränen in die Augen und sie drehte sich weg, weil sie nicht wollte, dass er merkt, dass sie weint. Und mit einem Mal war ihr Opapi da und nannte sie „Mia-Mäusle“ und alles war wieder gut. Berti hingegen war verschwunden.

Das Geheimnis um Berti lüftet sich langsam. Mia fragte ihren Opapi, ob er einen Berti kenne. „Und ob ich den kenne… Ganz Lindau hat den gekannt. Wo der Berti auftauchte, da war was los. Da mussten die Leute sich in Acht nehmen“, antwortet der. Aber Berti tauchte erst einmal nicht mehr auf. Und der Opa erzählte nicht mehr. Mia fragte ihren Papa, aber auch der kannte keinen Berti.

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Berti

Mia hilft, die Erinnerungen hervorzuholen

Die kleine Mia hat jede Menge zu tun. Sie verbringt viel Zeit mit ihrem Opa. Sie gehen spazieren zum See und schauen Fotos von früher an. Opapi wird in die Familie integriert, und das finde ich wunderschön. Denn genau so wünsche ich es mir ja auch, dass meine Mama weiter ein Teil des Familienlebens ist, auch wenn sie selber vieles nicht mehr kann.

Bei Mias Opapi verschwinden immer häufiger die Erinnerungen. Die Autorin umschreibt dies sehr blumig und kreativ, als schwarze Farbe, die alles, was der Opa gewusst hat, übermalt. Erinnern hingegen sei wie „ein großer, nasser Schwamm, mit dem man die schwarze Farbe wieder wegwaschen konnte“. Was für ein schönes Bild und so eine gute Erklärung, finde ich.

Mia und ihr Opapi machen Zeitspaziergänge, er erzählt von früher und Mia hört gut zu, um sich alles zu merken und ihrem Opapi zu erzählen, wenn er es vergessen hat. Immer wieder taucht Berti auf und mit ihm schlüpft sie auf magische Art und Weise tatsächlich in die Orte der Vergangenheit. Zusammen laufen sie Schlittschuh, streifen durch Lindau und spucken der Dampflock in den Schornstein. Mit Berti ist alles leicht und kindlich.

Viel Verantwortung für Mia. Zu viel?

Mit dem Opapi ist Mia auch gerne zusammen, aber da wirkt sie immer so erwachsen und verantwortungsbewusst. „Mia musste dafür sorgen, dass er sich so oft wie möglich erinnerte“, steht im Buch und ich habe mich gefragt, ob dieses Kind nicht ein bisschen zu viel Verantwortung trägt.

Meine Töchter jedenfalls tun sie es nicht, schon allein, weil ich es nicht möchte. Denn Kinder nehmen sehr viel auf sich, damit es ihren Familien gut geht und fühlen sich zuständig. Und dieses wunderschöne Gefühl, dass zur Liebe und Familie gehört, kann schnell zur Last werden. Die kleine Mia fühlt sich so verantwortlich, dass ich mich manchmal frage, wo ihre Eltern sind und ob sie das auch im Blick haben.

Dank Alzheimer wieder in der Kindheit

Der Magellan-Verlag empfiehlt dieses Buch für Kinder zwischen neun und elf Jahren. Und tatsächlich würde ich davon abraten, das Buch mit jüngeren Kindern zu lesen. Es ist wirklich schön, aber stellt auch sehr philosophische Fragen und arbeitet mit diesen verschiedenen Figuren, die auch meine große Tochter (11) anfangs verwirrten: Berti ist Opapi und Opapi ist Berti. Immer, wenn Opapi verschwindet, taucht Berti auf.

„Häh?“, machte meine Tochter. Ganz ehrlich: Ich habe es auch nicht sofort verstanden. In seinen verwirrten Phasen taucht Opapi in seine Kindheit. Jeder, der sich mit Demenz und Alzheimer beschäftigt, weiß, dass Menschen mit Demenz sich oft phasenweise in einer viel jüngeren Lebensphase fühlen, also auch in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter. Dass Berti und Opapi ein- und derselbe Mensch sind, habe ich auch nicht sofort verstanden, denn vor Mia steht ja tatsächlich einmal ein kleiner Junge und dann der 88-jährige Opapi.

Die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten – Opapi ist Berti und Berti ist Opapi

Für meine Tochter hingegen war dies anfangs verwirrend. Aber ich bin der Autorin sehr dankbar für diese Geschichte. In vielen Büchern – auch in Kinderbüchern – geht es um das Vergessen und Traurigsein, allesamt Probleme und Herausforderungen, die im Zuge einer Demenz auftreten. Kind sein hingegen ist etwas Schönes. Erst recht in der Erinnerung. Ich finde es wunderbar, dass der Opapi auch Kind sein darf, dass er noch einmal Streiche macht und frech ist, dass diese Wesenszüge immer noch da sind und der kleine Mia so viel Freude bereiten.

Mein Fazit: ein Fühlbuch für ältere Kinder

Dieser Kinderroman ist vom Stil und der Erzählweise auf jeden Fall für ältere Kinder – und für Erwachsene. Ich habe dieses Buch gern gelesen, und auch noch ein zweites Mal. Ich mag es, dass Opapi zum Kind wird und Kind sein darf. Deswegen hätte ich auch einen anderen Titel schöner gefunden. Denn „Als Opapi das Denken vergaß“ klingt so negativ und wie ein trockenes Ratgeber- oder Erklärbuch – und das ist es definitiv nicht.

Obwohl natürlich jede Menge über Demenz und Alzheimer erklärt wird. Dass die Krankheit Demenz heißt und nicht ansteckend ist – Fragen also, die Kinder sich unweigerlich stellen. Die philosophischen Fragen, wo die Erinnerungen sind, wenn man sie vergessen hat, die werden angedeutet und laden ein, sich mit seinen Kindern darüber auszutauschen. Eine klare Antwort findet Mia nicht – und ja auch sonst keiner.

„Als Opapi das Denken vergaß“ ist für mich ein Fühlbuch. Es geht um die Gefühle von Mia, ihre Gedanken und Sorgen – und sie äußert sie in ihrer kindlichen Unbefangenheit. Der Opapi ist mal Opapi und mal Berti und doch immer derselbe. Und das ist ja auch eine der Kernbotschaften, die ich meinen Kindern immer versuche mitzugeben: Die Oma ist immer noch die Oma, mit all ihren Erfahrungen und Erlebnissen.

Buchinfo: Als Opapi das Denken vergaß. 2014. Uticha Marmon. Magellan Verlag.

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