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Kinderbücher über Alzheimer im Check Nr. 11: „Omas Rumpelkammer“

„Omas Rumpelkammer“ erzählt die Geschichte von Sofia und ihrer Oma. Sofia liebt es, ihre Oma zu besuchen und in Omas Rumpelkammer zu übernachten. Doch dann fangen die Veränderungen an: die Oma kann nicht mehr backen, verirrt sich in der Wohnung und dann noch das Truthahn-Debakel. Bald steht fest, dass Oma in ein Seniorenheim umziehen wird, um nicht mehr alleine zu sein. Für Sofia ist das schrecklich. Ich kann das nachvollziehen. Für mich ist die Vorstellung, dass meine Mama nicht mehr zu Hause leben kann, auch mit vielen Ängsten verbunden. Meinen Kindern geht es da ähnlich. Das Buch „Omas Rumpelkammer“ setzt sich auf fröhlich-liebevolle Art mit diesem Thema auseinander. Mir hat es Mut gemacht, auch weil Sofia, als sie sich überwindet und ihre Oma besucht, erlebt, dass es ihr gut geht und sie sie immer noch genauso lieb hat. Check Nr. 11 der Kinderbücher über Demenz: „Omas Rumpelkammer“

Omas Rumpelkammer_Cover

Regelmäßig stelle ich euch Kinderbücher über Demenz und Alzheimer vor. Zum diesjährigen Welt-Alzheimertag konnte ich die Deutsche Alzheimer Gesellschaft und die LeseLounge für meine Idee einer digitalen Vorlese-Aktion gewinnen. Das hat mich sehr gefreut, vor allem auch, dass sich so viele Kinder und Jugendliche als Vorleser*innen gemeldet hatten und offen mit dem Thema Demenz umgehen. Heute stelle ich euch endlich mal wieder ein Buch vor: „Omas Rumpelkammer“ von Bette Westera (Susanna Rieder Verlag). Ein Buch, das sich mit Humor und viel Liebe dem Thema Demenz widmet, auf eine kindlich unbeschwerte Art.

Sofias und Omas Rumpelkammer

Die kleine Sofia liebt es, wenn sie bei ihrer Oma übernachten darf. Dann darf sie nämlich in der Rumpelkammer schlafen und in der Rumpelkammer gibt es jede Menge Schätze. Da sind Knöpfe, Ansichtskarten mit Namen auf der Rückseite, die keiner mehr lesen kann, Gläser mit Seifenresten, Tassen und Teller mit und jede Menge mehr.

Mich erinnert das ein wenig an die Wohnung meiner Oma. Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich es geliebt, bei meiner Oma mit den Knöpfen und den vielen kleinen Kram-Dingen zu spielen. So ähnlich ist es bei meinen Töchtern, die es lieben, in den alten Schmuckkästchen, Dosen, Schatullen, Näh-Kästchen meiner Mama zu stöbern und damit zu spielen. Ein klein wenig sind wir also auch Sofia.

Bei ihrer Oma darf Sofia Dinge tun, die sie zu Hause nicht machen darf. Sie darf zum Beispiel alleine einen Pfannkuchen backen oder Geschirr abspülen und nach dem Abendessen darf sie noch eine heiße Schokolade trinken. Die beiden puzzeln bis spät am Abend.

„Ich fühle mich wie ein altes Puzzle, von dem immer mehr Teile verschwinden“, sagt die Oma.

Demenz ist wie ein Puzzlespiel

Doch dann, nach dem Puzzlespielen wird die Oma traurig. „Wegen der Teile, die verschwinden“, erklärt sie Sofia. Und das Mädchen denkt an das Puzzlespiel und schlägt vor, dass sie doch ein neues kaufen können. Doch dann erklärt die Oma: „Ich rede von mir selbst. Ich fühle mich wie ein altes Puzzle, von dem immer mehr Teile verschwinden. Manchmal wache ich auf und dann weiß ich nicht mehr, was für ein Tag heute ist…“

Damit beschreibt Bette Westera die beginnende Demenz der Oma. Ich finde den Vergleich mit dem Puzzlespielen wunderbar, denn er ist sehr verständlich und nachvollziehbar. Die Vorgänge im Gehirn, die mit einer Demenz einhergehen, sind für Kinder (und auch für Erwachsene) oft schwer vorstellbar. Das Beispiel mit dem Puzzle bringt es einfach auf den Punkt – ohne dass es gleich als Riesen-Problem dargestellt wird. Denn so ein Puzzle, das macht ja auch Spaß.

Sofia macht sich zwar auch Gedanken um dieses Vergessen, aber sie beruhigt die Oma, dass sie ebenfalls hin und wieder etwas vergisst und auch die Mama sich nicht immer alles merken kann und deshalb wichtige Dinge notiert. Und sofort am nächsten Tag kauft sich die Oma ein rotes Heft. Solche Erzählungen sind es, die meinen Kindern gefallen. Sie finden es schön, von Tipps für den Alltag mit Demenz zu erfahren. So ein Heft zum Hineinschreiben kann meine Mama mittlerweile nicht mehr nutzen, aber wäre die Demenz nicht so weit fortgeschritten, würden meine Töchter meiner Mama vielleicht ein Notizheft empfehlen.

Vergessen und Verirren

Sofias Oma vergisst aber ein bisschen mehr als ein paar Kleinigkeiten, das wird schnell klar. Im vergangenen Jahr hatte sie bereits zu Weihnachten den heiß geliebten Truthahn vergessen. Damit dies in diesem Jahr nicht wieder passiert, versucht Sofias Mama ihr zu helfen. Aber sie vergisst es doch – und bestellt doppelt. Ja, blöd. Man könnte sich jetzt ärgern und schimpfen. Und vermutlich würde ich das mit mir tun. Aber Sofias Oma kann mit ihren kleinen Fehlern (‚Sind es wirklich Fehler?‘, frage ich mich beim Schreiben…) mit Witz umgehen. Sie planen ein Überraschungs-Festmahl für den zweiten Feiertag, an dem es normalerweise nur Reste gibt. Nur blöd, dass die Oma den Truthahn in der Waschmaschine versteckt und das vergisst.

Omas_Rumpelkammer_Truthahn
„Wir wollten euch überraschen“, sagt Sofia.
„Ja, das ist euch gelungen“, sagt Papa.

Doch die Geschichte mit dem Truthahn macht die Oma auch traurig. Sie zieht sich zurück. Während alle Erwachsenen das hinnehmen, sich insgeheim sorgen und besprechen, ist Sofia die einzige, die die Oma in diesem traurigen Moment an sich heranlässt. „Ich bin traurig“, sagt sie und zählt all die Dinge auf, die nicht mehr klappen. Die kleine Sofia muntert sie auf, indem sie sich mit ihr ins Bett kuschelt und anfängt zu erzählen, was sie denn alles nicht vergisst.

Das ist es, was ich an meinen Kindern auch so mag. Sie akzeptieren das, was meiner Mama nicht mehr gelingt scheinbar viel einfacher als ich. Während ich so oft daran denke, wie es doch früher war und in meiner kleinen Sehnsuchtswelt lebe, sind sie viel pragmatischer und suchen nach Dingen oder Aktivitäten, mit der sie der Oma eine Freude machen können.

Ein neues zu Hause für Oma

Sofias Mama möchte, dass die Oma in ihrer Nähe zieht, in das Haus Rosenhag. Bei der ersten Besichtigung gefällt es eigentlich nur der Mutter. Sofia beobachtet alles sehr aufmerksam und skeptisch. Omas Fazit nach dem Besuch ist: „Ich möchte hier für kein Geld der Welt wohnen. So hoch und so beengt.“ Als sie dies äußert, merkt man, wie Sofia wieder aufatmen kann. „Sie wird nicht hier einziehen. Niemals. Sie bleibt für immer in ihrem alten Haus.“

Doch dann geht es schneller als gedacht. Die Oma stürzt von der Küchenleiter und muss ins Krankenhaus. Nach dem Krankenhaus kommt sie in die Reha und währenddessen fährt Sofia mit ihren Eltern in den Ferien in Omas Haus. Während Sofia noch denkt, sie würden aufräumen, zeigt sich schnell, dass sie ausräumen. Sofia versucht, ihre Eltern zu überzeugen, dass Oma in ihrem Haus weiterleben könnte („Sie kann ihr Bett doch unten hinstellen.“) und sie findet ganz kreative Lösungen. Ich habe sofort Sofias Traurigkeit gespürt, denn der Abschied von dem Haus und Omas Rumpelkammer lassen sich nicht mehr aufhalten. Noch weiß Sofia nicht den wahren Grund.

Den erfährt sie kurz darauf, als die Mama ihr erklärt, dass die Oma eine Krankheit hat und deshalb so viel vergisst – und dass diese Krankheit nicht mehr weggeht. Und so räumen die Eltern nach und nach das Haus auf, packen, was die Oma mit ins Seniorenheim nehmen soll und sind sehr beschäftigt. Sofia denkt an die Sachen in Omas Rumpelkammer, an die vielen kleinen Dinge, die eigentlich zu nichts mehr nutze sind, aber die die Oma so sehr liebt. Und so packt sie für die Oma eine Kiste mit dem Blechtrommler, dem Murmelspiel und noch etliches mehr. „Karton von Oma und Sofia!!! Nicht wegwerfen!!!“, schreibt sie darauf.

Und dann zieht die Oma um, in ein schönes Seniorenheim, ganz in Sofias Nähe. Sie könnten sich viel häufiger sehen als früher, denn da war Sofia nur in den Ferien zu Besuch. Aber jetzt will Sofia nicht mehr zur Oma. Sie erfindet Ausreden, um ihre Mutter nicht begleiten zu müssen. Dabei wird klar, dass sie sich schon nach der Oma sehnt, aber nach der Oma von früher und dass sie Angst hat. Angst, vergessen zu werden. Zum Glück hat sie Eltern, die dies merken und die Kleine ermutigen. Dann traut sich Sofia doch wieder zur Oma – und die Wiedersehensfreude ist riesig.

Mein Fazit: Omas Rumpelkammer macht Mut

Am Ende, als sich Sofia und ihre Oma wiedersehen, gestalten sie das Nachtschränkchen zu einem Rumpelschränkchen um. Sofia verspricht, jedes Mal, wenn sie zu Besuch kommt, etwas aus der Oma-und-Sofia-Kiste mitzubringen. Beim ersten Besuch hat sie den Blechtrommler dabei. Man spürt, dass Sofia nervös und aufgeregt ist, aber die liebevolle Vertrautheit der beiden ist sofort da. Die fröhlichen Oma-Sofia-Dialoge haben mich sofort lächeln lassen.

Das Buch „Omas Rumpelkammer“ ist für Kinder zwischen acht und zehn Jahren empfohlen. Man kann es wunderbar vorlesen, aber geübte Grundschüler können es auch alleine lesen. Die Autorin Bette Westera wurde vielfach für ihre Arbeiten ausgezeichnet. Mit „Omas Rumpelkammer“ ist ihr ebenfalls ein wunderbares Buch gelungen.

Ich finde es toll, dass Demenz nicht als Problem dargestellt wird, sondern als etwas Normales und dass auch das Thema Pflegeheim kein Tabu bleibt. In sehr vielen Kinderbüchern zieht die erkrankte Oma/der erkrankte Opa zu der Familie. Das ist natürlich schön und wunderbar, wenn das möglich ist und die Umstände es zulassen. Die Realität ist jedoch häufig eine andere.

Viele Menschen mit Demenz leben irgendwann in einem Heim. Mir selber fällt es nicht nur schwer, darüber zu sprechen, sondern mir das überhaupt vorzustellen. Umso dankbarer bin ich für Bücher wie „Omas Rumpelkammer“, die mich einerseits herausfordern, um mich mit diesem Thema überhaupt zu beschäftigen (denn ich glaube, dass die schlechteste Vorbereitung die fehlende Vorbereitung ist).

Und andererseits ist es diesem Buch gelungen, Mut zu machen. Denn es hat gezeigt, dass die Verbundenheit und Nähe bleibt, egal wo die Oma wohnt. Dass die Freude miteinander immer noch da ist, wenn man sich nahe ist. Und dass ein Abschied weh tun kann, gerade von etwas, das man sehr lieb gewonnen hat. Dass man vielleicht immer noch Sehnsucht danach hat und traurig wird, wenn man sich erinnert.

Ich bin froh, dass in diesem Buch gelacht und geweint wird, dass Sofia bockig sein darf und enttäuscht. Denn das wünsche ich mir, für mich, für meine Mama und meine Kinder, dass wir sein dürfen wie wir sind und uns immer nah sein können.

Dieses Buch hat meiner Seele gut getan. Sehr.

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Buch-Info: Omas Rumpelkammer. Bette Westera. Illustrationen von Joanne Lew-Vriethoff, Susanna Rieder Verlag. 2017. 200 Seiten.

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4 Gedanken zu „Kinderbücher über Alzheimer im Check Nr. 11: „Omas Rumpelkammer““

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