Expert:innen-Gespräche, Gefühle verarbeiten

Wie gelingen Glücksmomente mit Demenz? – Interview mit Stefanie Helsper

Glücksmomente im Alltag zu erleben, das tut jedem Menschen gut. Menschen mit Demenz verlieren jedoch nach und nach die Fähigkeit, es sich selber schön machen zu können. Wie kann es gelingen, dass sie Glücksmomente erleben können? Darüber habe ich mit Stefanie Helsper gesprochen, die das Buch „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ geschrieben hat. Wie also können pflegende Angehörige und Pflegekräfte Menschen mit Demenz unterstützen? Indem sie sich auf die Personen einlassen und ein bisschen Pippi Langstrumpf werden, sagt Stefanie Helsper. Warum und weshalb, das erfahrt ihr im Interview.

Steffi Helsper
Stefanie Helsper gibt in in ihrem neuen Buch Tipps, wie man Glücksmomente schaffen kann

Immer wieder spreche ich mit Expert:innen über das Thema Demenz. Mich interessiert vor allem, wie man Menschen mit Demenz unterstützen kann, sodass sie ein gutes Leben führen können (hier findest du alle Interviews). Bei meiner Recherche bin ich auf das Buch „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ von Stefanie Helsper & Harriet Heier (Ernst Reinhardt Verlag) gestoßen. Nachdem ich vor kurzem über die Glücksmomente meiner Mama geschrieben habe, hat mich dieses Buch sehr interessiert.

„Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ ist ein Ratgeber für Pflege- und Betreuungskräfte, aber auch für pflegende Angehörige lesenswert. Die Buchvorstellung findest du hier. Ich freue mich, dass ich eine der Autorinnen – Stefanie Helsper – dazu interviewen konnte.

Stefanie Helsper ist Ergotherapeutin mit Demenz-Schwerpunkt. Sie leitet das Institut „Fortbildung mit Herz“ in Herborn, schult Pflege- und Betreuungskräfte und berät Angehörige.

„Meine Aufgabe ist es, den richtigen Schlüssel zu finden, um das Schloss zum Herzen aufzuschließen“

Liebe Steffi, was ist für dich ein Glücksmoment?

Für mich ist ein Glücksmoment zum Beispiel, wenn ich mit meiner Familie an der Waterkant in Sankt Peter Ording spazieren gehe. Dann fühle ich mich wohl. In so einem Glücksmoment spüre ich ein Kribbeln im Bauch und bin ganz bei mir.

Du hast mit deiner Co-Autorin Harriet Heier das Buch „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ geschrieben. Weshalb?

Die meiste Fachliteratur nimmt den defizitorientierten Blickwinkel ein. Wir wollten etwas Positives schreiben, das von den Ressourcen der Menschen mit Demenz ausgeht. Zudem war uns wichtig, dass das Buch leicht zu lesen ist. Es gibt viele lange und komplizierte Fachbücher. Aber eine Pflegefachkraft, die im Schichtdienst arbeitet, hat oft keine Energie und Zeit dafür. Um Menschen mit Demenz zu begegnen, brauche ich fundiertes Fachwissen. Das wollen wir auf eine positive und leichte Art und Weise vermitteln.

Welche Rolle spielen Glücksmomente für Menschen mit Demenz?

Glücksmomente sind für uns alle wichtig. Sie heben die Stimmung und wirken vielfältig. Forscher haben zum Beispiel festgestellt, dass Menschen, die immer wieder Glücksmomente erleben, ein besseres Immunsystem haben und weniger Schmerzen empfinden können. Wir Menschen sind alle Individuen und jeder bewertet andere Situationen als Momente des Glücks. Menschen mit Demenz verlieren im Laufe ihrer Erkrankung die Fähigkeit, es sich selber schön machen zu können. Sie benötigen Unterstützung, um Glücksmomente erleben zu dürfen.

Was passiert, wenn sie diese schönen Momente nicht mehr erfahren?

Dann rutschen Menschen mit Demenz oft in ein negierendes Verhalten und können zum Beispiel Zwänge entwickeln. Ich erinnere mich an einen Herrn, der Maler war, und einen Wischzwang entwickelt hat. Viele Menschen werden antriebslos, wenn sie keine oder wenige Glücksmomente erleben. Sie wirken energielos und niedergeschlagen. Manche entwickeln Schlafstörungen, Appetitmangel oder körperliche Symptome wie Herzrasen.

Typisch für Menschen mit Demenz sind ja das Nesteln oder andere permanente Bewegungen. Kann das eine Folge sein?

Diese sogenannten Autostimulationen haben mehrere Ursachen. Wir Menschen sind den ganzen Tag mit unseren Händen in Bewegung, Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz hingegen sind selten aktiv und liegen oder sitzen viel. Das Bedürfnis, die Hände einzusetzen, aber bleibt. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass sie auf der Suche nach Spürreizen sind und sich über dieses Nesteln selbst spüren wollen. Nesteln oder andere Bewegungen sollte man nicht verbieten oder darüber diskutieren. Es kommt darauf an, sie in positive und Freude stiftende Tätigkeiten umzuwandeln. Das kann das Schälen von Äpfeln, Schleifen von Holzstückchen oder Beschäftigen mit einer Fühlschnur sein.

Wie kann eine Fühlschnur für einen Glücksmoment sorgen?

An einer Fühlschnur sind Gegenstände aus der Biografie des Menschen befestigt. Ich erinnere mich an eine Dame, die sehr unruhig war. Als wir erfahren haben, dass ihre Familie früher Hunde gezüchtet hat und sie mit Hunden groß geworden ist, haben wir uns dieses Wissen zu Nutze gemacht. Wir haben eine Fühlschnur erstellt, mit einer Hundemarke, einem Hundehalsband und allerlei Hunde-Utensilien. Damit hat die Dame gearbeitet und wurde dadurch entspannter.

Wie wirken sich Glücksmomente auf Menschen mit Demenz aus?

Wenn Menschen mit Demenz Glücksmomente erleben, genießen sie diese unendlich. Die Freude kommt oft ganz ungeschminkt. Wenn wir uns freuen, halten wir uns oft an unsere erwachsenen Konventionen und werden nicht laut oder emotional. Menschen mit Demenz sind Konventionen egal. Sie sind ein wenig wie Pippi-Langstrumpf. Ich erlebe oft große Dankbarkeit. Ich vergleiche meine Arbeit oft mit einem Schlüsselbund, an dem ich verschiedene Schlüssel habe. Meine Aufgabe ist es, den richtigen Schlüssel zu finden, um das Schloss zum Herzen aufzuschließen und einen Glücksmoment zu fördern.

Wie kann es gelingen, Glücksmomente zu fördern?

Es braucht ein ordentliches Wissen über Demenz und die Veränderungen, die mit der Erkrankung einhergehen. Dazu gehört etwa, nichts persönlich zu nehmen oder zu wissen, dass man anders kommunizieren muss. Und dann braucht es die Bereitschaft, sich auf den anderen Menschen einzulassen und sich für seine Biografie zu interessieren.

Warum spielt die Biografie eine Rolle?

Im Buch verwenden wir das Bild einer Kommode mit Schubladen. Die Schubladen stehen für verschiedene Zeitspannen. In den unteren Schubladen sind die frühen Erinnerungen. In den oberen Schubladen, sind die aktuelleren Erlebnisse. Bei einer Demenz verlieren Menschen im Laufe der Erkrankung den Zugang zu ihren Erinnerungen. Bildlich gesehen rosten die Schubladen ein und lassen sich nicht mehr öffnen. Die neueren Schubladen rosten dabei zuerst ein. Die unteren Schubladen lassen sich am längsten öffnen. Die Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend bleiben am längsten.

Die Schubladen des Lebens – die unteren lassen sich meit am längsten öffnen. Quelle: „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ (Helsper & Heier; Ernst Reinhardt Verlag)

Wie kann man dieses Wissen in der Tagespflege oder im Pflegeheim nutzen?

Ich bin großer Fan von Fallberatung und rate Angehörigen und Pflegekräften, sich an einen Tisch zu setzen. Am besten tauscht man sich frühzeitig darüber aus, welche Erfahrungen der Mensch mit Demenz in seinem Leben gemacht hat. Was war ihm wichtig? Welche Hobbys und Vorlieben hat und hatte er? Was waren prägende Erlebnisse in der Kindheit und Jugend? In dieser Zeit machen wir die meisten Erfahrungen zum ersten Mal. Daher haben wir später auch die eindrücklichsten Erinnerungen an diese Lebensspanne. Häufig liegen die Ressourcen von Menschen mit Demenz in dieser Phase des Lebens. Es lohnt sich, die unteren Schubladen aufzuziehen.

Sind Glücksmomente nur kurze, schöne Momente oder wirken sie langfristig?

Glücksmomente wirken sich auch langfristig für Menschen mit Demenz aus. Sie steigern das Wohlbefinden und sorgen für mehr Lebensqualität. Indem Menschen mit Demenz gezielt gefördert werden, ist es denkbar, das schwere Stadium der Demenz höchst lange hinauszuzögern. Ich erinnere mich sehr gut an eine Dame aus unserer Tagespflege. Als sie zunächst kam, hat sie viel geweint und wir fanden keinen Zugang zu ihr. Dann habe ich erfahren, dass sie Frisörin ist und einen eigenen Salon hatte, wie auch schon ihre Mutter. Als ich sie das nächste Mal gesehen habe, bin ich zu ihr gegangen und habe gesagt: „Gucken Sie mal meine Haare an. Die sehen aus wie von einem Pferd. Was kann man denn da machen?“ Sie nahm eine Strähne und hat gelacht. Da hatte ich das Gefühl, dass ich sie ein wenig in die Betätigung und in den Stolz gebracht habe. Das haben wir dann über vier Wochen gesteigert und am Ende hat sie mir jeden Tag eine Hochsteckfrisur gemacht. Diese Dame konnte fast nicht mehr sprechen, sie konnte fast nicht mehr laufen, aber sie hat mir dann jeden Tag eine fantastische Hochsteckfrisur gemacht. Die Dame hat nicht mehr geweint, sie hat besser gegessen und war fröhlicher.

Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein. Ist das immer so?

Nein, das funktioniert nicht immer so gut. Aber es lohnt sich fast immer, nach den Ressourcen zu fahnden und diese zu nutzen. Ressourcen ermöglichen kleine Glücksmomente und diese können viel bewirken. Das Frisieren hat der Dame ein Gefühl der Selbstwirksamkeit gegeben. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nachhaltig ist, wenn man den richtigen Schlüssel zum Herzen gefunden hat.

Im Buch schreibt ihr über die „Hand voller Glücksmomente“. Was ist das?

Die „Hand voller Glücksmomente“ steht für ein Schema, das man sich im Pflege-Alltag gut merken und nutzen kann. Jeder Finger steht für einen Handlungstipp, wie man Glücksmomente für Menschen mit Demenz schaffen kann. Die fünf Tipps stammen aus verschiedenen Bereichen: Bewegung, Kommunikation, Erinnerungen, Ressourcen, Entspannung. Alle Bereiche sind gleich wichtig. Es ist wie mit dem Schlüsselbund. Man wählt den Schlüssel, also den Bereich, der für die Person mit Demenz und für die Betreuungsperson in der jeweiligen Situation funktioniert.

Die Hand voller Glücksmomente. Quelle: „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ (Helsper & Heier; Ernst Reinhardt Verlag)

Im Buch geht ihr auch auf die Pflegenden und das Thema Selbstfürsorge ein. Weshalb?

Selbstfürsorge ist für die Gruppe der Pflegenden unheimlich wichtig, egal ob Pflegekräfte oder pflegende Angehörige. Ich merke durch meine Beratungen, dass die Selbstfürsorge häufig auf der Strecke bleibt. Bei vielen kommt es zu einer Erschöpfungsdepression. Dem ist es wichtig vorzubeugen. Es ist wichtig, dass Pflegende gut für sich sorgen und selbst wertvolle Glücksmomente erleben.

Wie kann es gelingen, dass die Pflegenden nicht zu kurz kommen?

In dem Stressmoment selbst kann man oft gar nicht viel machen. Aber es hilft enorm im Alltag eine Routine aufzubauen. Die sorgt dafür, dass die eigene Powerbank der Seele immer geladen ist. Welche Routine das ist, ist individuell unterschiedlich. Bei manchen ist es Yoga, bei anderen ein Dankbarkeitstagebuch oder ein Spaziergang.

Kann man in jungen Jahren irgendwie für die Glücksmomente im Alter vorsorgen?

Das ist ein toller Gedanke und ja, man kann durchaus vorsorgen. Damit andere einem später mal helfen können für diese Glücksmomente zu sorgen, müssen sie wissen, welche Vorlieben man hat und welche Erinnerungen wichtig sind. All das kann man aufschreiben und dazu gibt es ja auch sehr schöne Bücher zum Ausfüllen. Es lohnt sich, in der Familie und mit Freunden zu sprechen und sich mitzuteilen. Denn nur wenn andere über die Biografie Bescheid wissen, kann später einmal damit gearbeitet werden.

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Verlosung: „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“

Glücksmomente für Menschen mit Demenz_Drei Bücher zur Verlosung

Ich verlose drei Bücher „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“ von Stefanie Helsper und Harriet Heier (Ernst Reinhardt Verlag).*

So könnt ihr teilnehmen: Beantwortet mir hier oder unter meinem Instagram- oder Facebook-Post folgende Frage: Was ist für dich ein Glücksmoment? Jeder, der auf einem meiner Kanäle kommentiert, landet in der Losbox. Ich werde daraus die drei Gewinner*innen ziehen.

Ich freue mich, wenn ihr euren Freunden von der Verlosung erzählt und meinen Beitrag auf Instagram oder Facebook teilt.

Viel Glück!

* Zu gewinnen gibt es dreimal ein Buch „Glücksmomente für Menschen mit Demenz“. Wert: 19,90 Euro. Es wird drei Gewinner*innen geben. Mitmachen könnt ihr hier auf dem Blog, auf Instagram und Facebook. Eine Teilnahme ist ab 18 Jahren möglich. Eine Auszahlung in bar ist nicht möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitmachen könnt ihr bis zum 17.2.2022 um 16:00 Uhr. Der/die Gewinner/in wird aus allen Teilnehmenden ausgelost und per Mail oder DM benachrichtigt.
Der Gewinn wurde zur Verfügung gestellt vom Ernst-Reinhardt-Verlag. Herzlichen Dank dafür!

32 Gedanken zu „Wie gelingen Glücksmomente mit Demenz? – Interview mit Stefanie Helsper“

  1. Ich bin jeden Tag glücklich wenn ich aufwache und ich dadurch einen weiteren Tag auf unseren wunderschönen Welt zu verbringen.

  2. Am Abend ein schöner Film, z.B. Derrick ansehen, was gutes zu trinken und dann ins Bett.
    Oder wenn mein Lieblingsverein Bayern München gewinnt.

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