"Liebe Mama...", Demenzmoment

Liebe Mama, was sind deine Glücksmomente?

Früher waren Erfolge Momente des Glücks für mich. Und Mama hat sich immer mit mir gefreut. Mittlerweile sehe ich andere Glücksmomente: kleine, scheinbar belanglose Dinge wie die Sonnenstrahlen am frühen Morgen können mir einen Glücksmoment bescheren, einfach weil ich sehen kann, wie schön sie sind. Momente des Glücks mit meiner Mama sind Momente der Nähe: ein Lächeln, eine Umarmung. Mich macht es glücklich, wenn es gelingt, ihr etwas Gutes zu tun. Meist gehe ich davon aus, dass diese Situationen auch sie glücklich machen. Doch ist das so? Liebe Mama, was sind deine Glücksmomente?

Peggy_Mama_Umarmen

Liebe Mama, was ist denn Glück?

Früher habe ich mir nicht viele Gedanken über das Glück gemacht. War ich immer glücklich? Nein, beileibe nicht. Momente des Glücks waren für mich Erfolge. Wenn ich sehr gute Arbeiten schrieb, gute Noten bekam, Bestzeiten beim Laufen erreichte. Ich war glücklich, wenn ich unterwegs war, auf Reisen, Menschen traf und neue Dinge erlebte. Dann bekam ich mein erstes Kind und Glück waren fortan auch ganz andere Sachen und vor allem viel Nähe mit meinen Mädchen.

Wenn ich nicht glücklich war, war ich unglücklich. Ich habe viel schwarz-weiß gesehen: Glück oder Unglück. Heute glaube ich, dass wir uns die meiste Zeit wohl irgendwo dazwischen befinden und es oft auch eine Sache der Interpretation ist, ob ich glücklich bin oder nicht.

Das Glück der kleinen Dinge

Der Philosoph Wilhelm Schmid schreibt in seinem Buch „Glück“ darüber, warum Glück nicht das Wichtigste im Leben ist. Sein Buch zu lesen war für mich herausfordernd – und sehr erleichternd. Denn ich habe einmal mehr verstanden: Ich muss gar nicht nach dem großen, permanenten Glück streben. Es ist total egal, ob ich glücklich bin oder nicht. Ich darf einfach sein.

Und Glück – sind das nicht ganz andere Dinge als Erfolge? Als du die Diagnose Alzheimer bekommen hast, habe ich nicht an Glück gedacht. Du weißt, für mich war das alles ganz schlimm und schrecklich. Und die Menschen, die erzählt haben, dass es in jedem Schlimmen auch etwas Gutes gibt, die habe ich nicht ernst genommen. Heute weiß ich, dass das durchaus stimmt. Denn ich spüre ja immer wieder, dass ich mit dir Glücksmomente verbringe. Es sind kleine, sehr schöne Momente, die ich nicht missen möchte!

Meine Glücksmomente mit dir

Mich macht es glücklich, wenn ich zu euch komme und du mich anlächelst. Als ihr mich beim letzten Besuch am Bahnhof abgeholt habt, hast du erst irritiert geschaut. Du hast mich angeblickt. „Ich bin’s“, habe ich gesagt. Du hast zu Papa geguckt. „Deine Peggy ist das“, sagte er. Und dann hast du mich angesehen, hast zaghaft gegrinst und deine Augen hatten dieses Leuchten. Das war ein Glücksmoment für mich.

Für mich sind es auch Glücksmomente, wenn ich merke, dass ich dir helfen kann – am besten, wenn ich dir helfen kann, etwas selbst zu tun. Wie beim Frühstück neulich. Papa war kurz aufgestanden, um etwas zu holen. Ich habe mich neben dich gesetzt und deine Tasse zu deinem Mund geführt. In letzter Zeit brauchst du viel Unterstützung, aber ich dachte, vielleicht magst du ja selber trinken. Du kannst oft noch viel, wir sehen es nur nicht immer. Also führte ich die Tasse an deine Hand. Du hast die Tasse mit deinen Fingern genommen, sie zum Mund geführt und getrunken. Wieder und wieder – und ich habe mich gefreut. Denn du kannst noch viel, oft sehe

Mama hebt Tasse alleine
Glück ist auch, dir helfen zu können

Liebe Mama, was sind deine Glücksmomente?

Meist gehe ich davon aus, dass meine Glücksmomente mit dir, dich auch glücklich machen. Doch ich frage mich: Ist das so? Wie gerne würde ich mit dir darüber sprechen, was deine Glücksmomente sind. Aber das geht nicht mehr. Mir bleibt das Hinsehen und Beobachten – und vielleicht einfach Ausprobieren. Denn letztlich ist es immer individuell, egal ob nun mit oder ohne Demenz, was uns glücklich macht.

Meine liebe Mama, ich spüre, dass es dich glücklich macht, wenn:

  • ich neben mich neben dich auf die Couch setze und dir Nähe schenke
  • meine Kinder dich umarmen
  • meine Kleinste laut lacht
  • wir uns in die Augen schauen
  • du ein Eis isst und dir danach die Lippen schleckst
  • Papa deine Wange streichelt

Die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Sie ist erst der Anfang. Ich werde sie fortführen und möchte sammeln, was dich glücklich macht. Ich werde die kleinen und großen Momente aufschreiben. Denn ich möchte, dass sie bleiben und wir dir immer wieder Glücksmomente schenken können.

Deine Peggy

Peggy_mama_Glücksmoment
Ich möchte die kleinen Momente mit dir nicht missen

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Dieser Blogartikel macht mit bei der Blogparade #Demenzmoment. Dort findest sind noch weitere Beiträge zum Thema „Glück“. #Demenzmoment ist eine gemeinsame Aktion von BloggerInnen für mehr Sichtbarkeit und Diversität rund um das Thema Demenz, initiiert von Tanja Neuburger und mir.

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Genau hinsehen – das ist das Motto des Welt-Alzheimertages in diesem Jahr. Und darüber sprechen Anja und Peggy auch in der 13. Folge von "Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie". Dabei geht es um ganz verschiedene Aspekte: dass es wichtig ist, schon vor der Diagnose genau hinzuschauen und den Betroffenen ernst zu nehmen. Über ihren Wunsch nach einer demenzsensiblen Gesellschaft, in der alle genau hinsehen. Und dass auch Angehörige auf sich selbst und die eigenen Grenzen achten sollten.

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