"Liebe Mama..."

Liebe Mama, wohin wolltest du gehen?

Vor ein paar Tagen erst habe ich eine Erfahrung gemacht, die für mich ganz schrecklich war: Ich habe meine Mama verloren. Es war gar nicht lange, maximal 20 Minuten, aber es hat sich angefühlt wie Stunden. Und die Gedanken erst, die in meinem Kopf kreuz und quer rasten. Wo war sie? Wie finde ich sie? In meinem Alltag mit den Kindern bin ich ja manchmal besorgt und ängstlich, aber so panisch voller Angst war ich schon sehr lange nicht mehr. In diesem Brief an meine Mama geht es ums Verlieren und Finden, Fehler machen und daraus lernen

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Liebe Mama,

wohin wolltest du gehen? Warum bist du weggelaufen?

Ich war bei euch. Papa hatte einen Termin in der Stadt und hat mich gefragt, ob ich dich zu deiner Hausärztin bei uns im Dorf begleiten kann. „Natürlich“, habe ich gesagt. Ich hatte mir zwei Stunden frei genommen von meiner Arbeit und alles gut geplant. Ich habe mich sogar gefreut, denn ich mag es Zeit mit dir zu verbringen. Und ich war froh, dass Papa doch mal was abgeben konnte. Das fällt ihm sonst sehr schwer. Nicht, dass er kein Vertrauen in mich oder meinen Bruder hätte, aber er kann dich einfach nicht loslassen.

Er fuhr uns zur Ärztin und dann weiter zu seinem Termin. Wir kamen schnell dran – und sind Hand in Hand nach Hause spaziert. Ich habe erzählt, du bist still neben mir gelaufen. Ich habe versucht, dich zum Sprechen zu motivieren, habe dir die Blumen in den Vorgärten und den Kirchturm gezeigt. Aber es war so heiß, eigentlich wollte ich nur nach Hause. Und ich hatte mir fest vorgenommen, deinen Termin bei dem anderen Arzt sofort abzusagen, damit es erledigt ist.

Wir kamen in das Haus, ich ging vor und ließ die Tür offen, damit du hinterher kommst. Ich eilte zum Telefon, telefonierte kurz, holte einen Stift, um den alten Termin aus dem Kalender zu streichen. Dann wollte ich zu dir – und wie naiv, ich ging davon aus, dass du im Flur stehst, denn in letzter Zeit bewegst du dich selten von alleine. Du bleibst meistens stehen und wanderst kaum noch umher. Als ich dich holen wollte und zu dir ging, warst du nicht mehr da.

„Mama“ rief ich und hatte einfach nur Angst

Ich dachte, du bist um die Ecke gebogen und stehst auf der Terrasse. Doch da warst du nicht. Ich bin den Weg ums Haus herum zur Straße gerannt, aber auch da warst du nicht. Und in meinem Kopf schrie es: ‚NEIN. Mama, ist weg.‘ „MAMA. MAMA“, habe ich gerufen. Wie ein kleines Kind. Obwohl, nein, wenn meine kleine Tochter „Mama“ schreit, dann ist das meist sehr energisch. Sie braucht mich, ich soll ihr helfen, sie will etwas haben… In dem Moment, in dem ich laut „Mama“ geschrien habe, hatte ich einfach nur Angst.

Und ich bekam ein schlechtes Gewissen. Da hat Papa dich einmal losgelassen – und dann passiert so etwas. Würde er mir Vorwürfe machen? Viel schlimmer wären wohl die Vorwürfe, die ich mir selbst machen würde…

Ich bin unsere kleine Straße bis ans Ende gerannt – und habe dich immer noch nicht gefunden. Während ich rannte, versuchte ich zu überlegen, wohin du wohl gegangen bist. Nach oben auf den Feldweg? Vermutlich nicht, denn da führt ein kleiner Anstieg hinauf. Obwohl, diesen Weg kennst du gut. Oder bist du nach unten zum Dorfteich? Vermutlich nicht, denn da sind Treppen – und gerade runterwärts gehst du die nicht gern. WOHIN? WARUM? UND NUN?

Warum bist du weggelaufen?

Und dann fiel mir ein, dass es Papa vor zwei Jahren mal ähnlich ergangen war. Du warst plötzlich weg, während er im Garten irgendwas gepflanzt hatte. Er hat mir später erzählt, wie er dann ins Auto gestiegen ist und die Straßen abgefahren ist. Und ich habe gedacht: Was, wenn du zwischendrin heimgekommen wärst und er wäre dann nicht da? Den Fehler wollte ich nicht machen. Also rannte ich zur Nachbarin, klingelte Sturm und fragte, ob sie vielleicht unser Haus im Blick haben könnte, weil ich dich suche und du weg bist und ich nicht weiß, wo du bist und ich nur möchte, dass sie sieht, wenn du wieder da bist. Sie war gerade mitten am Kochen, aber kam sofort mit und ging zu unserem Haus.

Und ich rannte so schnell wie schon lange nicht mehr, viel schneller als bei meinen Joggingrunden. Ich rannte noch mal die Straße hoch, nahm die Stufen runter zum Dorf, rannte zum Bach und zum Teich. Im Kopf sah ich, wie du den Abhang zum Bach hinabgefallen warst und nicht mehr aufstehen konntest.

Ich weinte und rief „MAMA“. Dann ging ich nach rechts. Einfach so, ohne Grund. Diese Straße spazieren wir nicht so oft entlang, aber da war eine Frau im Vorgarten und ich fragte sie, ob sie eine Dame mit einem blauen Shirt und blonden Haaren gesehen hatte (dabei hast du doch längst graue Haare). „Ja, ja, die stand hier und dann ist sie dort lang gegangen“, sagte sie mir in einem unbeschwerten Ton, wie man halt so miteinander plaudert.

Ich rannte weiter – was für ein Zufall, dass ich die Turnschuhe und nicht die Ballerinas angezogen hatte, als wir zur Ärztin aufgebrochen waren. Ich rannte so schnell ich konnte. Und dann sah ich dich. Du standest an der Kreuzung, wo es zur Hauptstraße geht. Allein in der Mittagshitze. „Mama“, habe ich gerufen und bin zu dir geeilt. Du hast deine Augen zusammen gekniffen, hast mich vermutlich kaum erkannt.

Viel zu viel Gefühl – und die Frage nach der Schuld

Wärest du meine Tochter gewesen, die ich verloren hätte, du wärest bestimmt in meine Arme gerannt und an mir hochgesprungen. Aber du standest einfach dort und wirktest nicht mal aufgewühlt oder verwirrt. Die vorwurfsvolle Frage: „Warum bist du weggelaufen? Wo wolltest du denn hin?“, habe ich mir verkniffen. Ich habe meine Gefühle rausgelassen und gesagt: „Mama, ich hatte solche Angst“ und geweint wie ein kleines Mädchen.

Ich hoffe, das hat dir keine Angst gemacht. Du reagierst sehr sensibel auf unsere Körpersprache reagierst und dass es dir sehr nahe geht, wenn ich weine oder laut werde. Ich habe dich an die Hand genommen und wir sind ganz eng nebeneinander zurückgelaufen und ich habe angefangen, mir Vorwürfe zu machen. Wie konnte ich nur?

Dann kam unsere Nachbarin und strahlte dich an. „Na, hast du einen kleinen Spaziergang gemacht?“, fragte sie fröhlich und plauderte, während ich meine Tränen unterdrückte. Ihr Plaudern tat auch mir gut und als wir endlich zu Hause waren, hatte ich mich gefasst. Denn ich weiß ja, wenn ich aufgelöst und nervös bin, überträgt sich das auf dich – und das wollte ich nicht. Wir setzen uns auf die Terrasse, ich holte uns etwas zu trinken und bald hast du ein wenig geruht.

Bei Alzheimer: Hinlaufen, weglaufen, verirren

Würde Papa mir Vorwürfe machen? Ich war mir erst nicht sicher, was er sagen würde. „Mama war kurz weg. Sie ist einfach davon marschiert und dann habe ich sie unten an der Kreuzung gefunden“, sagte ich etwas kleinlaut. Stirnrunzeln und tiefes Atmen. „Sonst geht sie immer nur die Straße hoch oder zur Nachbarin“, sagte er. Und ich dachte: „Na, ich wünschte, das hättest du mir vorab erzählt. Dann hätte ich vielleicht anders gehandelt.“ Er sagte nichts, er war einfach froh, dich wieder zu haben – so wie ich auch.

Ich war zwei, drei Tage mit diesem Verlust- und Schuldgefühl beschäftigt und habe dann beschlossen, zu akzeptieren, was passiert war. Ja, ich hätte besser auf dich aufpassen müssen. Ja, ich hatte einen Fehler gemacht. Ich hätte dich nicht alleine vor dem Haus stehen lassen sollen und denken, dass du mir folgst. Denn auch wenn du dich nicht mehr so viel bewegst wie früher, hast du natürlich immer noch einen Bewegungsdrang und eigenständige Gedanken.

Vielleicht wolltest du dich nur ein wenig bewegen und einen kleinen Spaziergang machen? Vielleicht hast du dich an eine Situation von früher erinnert und dachtest beispielsweise, du musst noch etwas im Dorf einkaufen oder aus der Apotheke holen, und bist deshalb weggegangen. Experten sprechen dabei von einer sogenannten Hinlauftendenz. Vielleicht hast du dich auch unwohl gefühlt oder Papa gesucht, der sonst ja immer da ist und es nun nicht war. Bist du weggelaufen, weil du dich fremd gefühlt hast?

In Zukunft passe ich besser auf dich auf

Auf der Seite des Wegweisers Demenz stehen die Unterschiede grob zusammengefasst und ich habe es mir noch einmal genau durchgelesen. Ich glaube, du bist weder weg- noch hingelaufen. Genau weiß ich das ja nicht, weil du nicht mehr sprichst. Aber du wirktest nicht ängstlich und auch nicht gehetzt oder eilig. Bist du einfach deinem inneren Drang gefolgt, ein wenig zu spazieren? Es tut mir leid, dass ich nicht achtsamer war.

Ich fühle mich immer noch schlecht, dass mir das passiert ist. Aber irgendwie hatte es auch etwas Gutes. Ich habe gemerkt, dass du echt noch gut zu Fuß bist und immer noch etwas von der Läuferin hast, die du früher warst. Dank dieser Situation habe ich mitbekommen, dass du wichtige Helfer in deiner Umgebung hast, wie unsere liebe Nachbarin, die spontan vom Kochen für die Großfamilie aufgesprungen ist, um dich mit zu suchen.

Und ich habe gespürt, wie schön es ist, dich zu finden und zu haben. Ich werde so gut ich kann auf dich aufpassen, ich werde aus meinen Fehlern lernen und falls ich mal wieder etwas nicht richtig mache, dann bitte verzeih. Ich möchte, dass ich dich noch lange mit dir Hand in Hand gehen und in deine lieben Augen schauen kann.

Deine Peggy

3 Gedanken zu „Liebe Mama, wohin wolltest du gehen?“

  1. Hallo Peggy, vielen Dank für den Beitrag. Mein Mann hat Alzheimer und findet sich zur Zeit in unserem Ort noch allein zurecht. Aber meine große Angst ist, dass er irgendwann nicht mehr zurück findet. Deshalb habe ich bald nach der Diagnose nach einer Uhr geschaut, mit der ich ihn über Google Maps orten kann. Das gibt mir Sicherheit und ihm noch ein wenig Freiheit. Für deine Mutter kommt diese Idee sicher zu spät, aber vielleicht kann ich andere Betroffene erreichen. Wichtig finde ich, dass die GPS Uhr bald nach der Diagnose genutzt wird, damit der Demenzerkrankte sich an die Uhr gewöhnen kann.
    Herzlichst, Karin

    1. Liebe Karin, danke für deine liebe Nachricht. Das ist ja eine tolle Idee mit der Uhr. Wie schön, dass ihr diese Lösung gefunden habt, denn so profitiert ihr beide. Er kann sich alleine bewegen und du hast trotzdem Sicherheit. Vor Jahren hatten wir auch mal kurz über so etwas nachgedacht. Damals hatte es eine Situation gegeben, wo Mama länger verschwunden war. Aber das war das einzige Mal. Dazu kommt, dass mein Papa technich weder bewandert noch interessiert ist und wir wussten, dass das auf Dauer nicht wirklich funktionieren wird. Denn es ist, wie du sagst, man muss so etwas auch benutzen (wollen). Dann klappt das super. Wir hatten damals entschieden, viele kleine Zettel mit ihrem Namen und ihrer Adresse in ihren Jacken zu verteilen. Zum Einsatz gekommen ist es tatsächlich nie. In letzter Zeit hatte Mama wenig Bewegungsdrang, weshalb ich dieses Mal so überrascht wurde von der Situation. Aber vielleicht reaktivieren wir die Zettel-Idee wieder.
      Ganz liebe Grüße, Peggy

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