Corona, Wie ich helfen kann

Immer noch im Corona-Alltag: Auf der Suche nach Entlastung

Als im März auf einmal alles geschlossen wurde und Corona im Alltag dominierte, dachte ich, dass danach „alles wieder normal“ wäre. Wenn man sich so umschaut, wirkt es auch fast so: Restaurants, Freibäder und Kindergärten sind wieder geöffnet. Aber eben nur fast: Da ist der Mund-Nasen-Schutz, ohne den kein Einkaufen möglich ist. Da sind Beschränkungen in der Schule – und auch in Mamas Tagespflege. Bei einem leichten Husten hieß es sofort: Besuchsverbot für 14 Tage. Das ist richtig und gut so, aber brachte meinen Papa doch irgendwie an seine Grenze. Und es zeigt: Ein Zurück zu Normal ist nicht in Sicht. Viele pflegende Angehörige sind allein und mittlerweile überlastet. Wie können wir in dem neuen Alltag klarkommen? Auf der Suche nach Lösungen

Corona-Alltag Entlastung

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind Menschen, die sich um andere kümmern, stark belastet. Da sind zum einen Mütter und Väter, die durch die Kita- und Schulschließungen im März mit einem Mal Vollzeit für ihre Kinder da sein mussten – und nebenbei ihren Job weitermachen mussten oder aber in Kurzarbeit waren und voller Sorgen. Da sind zum anderen pflegende Angehörige, die durch Schließungen von Tageseinrichtungen für ihre Menschen mit Demenz da sein mussten – oft neben ihrer Berufstätigkeit.

Was für ein Glück für meine Mama, dass mein Papa längst in Rente ist. Die Doppelrolle als Berufstätiger und pflegender Angehöriger musste er nicht ausüben, im Stress war er dennoch. Denn plötzlich konnte er das Entlastungsangebot der Tagespflege nicht mehr nutzen. Und auch wir Kinder trauten uns nicht zu meinen Eltern, aus Angst das Coronavirus zu ihnen zu tragen.

Seit Corona: Strenge Regeln in der Tagespflege

Papa und Mama waren auf sich allein gestellt – und sie haben es gut gemeistert: mit Spazierengehen. Wir haben angerufen und Karten geschickt. Eine Riesen-Anstrengung war es dennoch für meinen Papa. Als es hieß, dass die wieder Tagespflege aufmacht und Mama wieder drei Tage in der Woche gehen kann, dachten wir alle, dass jetzt ein bisschen Normalität einkehrt und mein Papa Untersützung für den Alltag bekommt bekommt. Doch: Natürlich gelten in der Tagespflege jetzt auch strengere Regeln. Denn das Coronavirus ist ja immer noch da. Das Robert Koch-Institut schätzt die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland weiterhin als hoch ein, für Risikogruppen sogar als sehr hoch.

Jede Einrichtung muss ein Hygienekonzept vorlegen, auch Mamas Tagespflege. Dazu gehören natürlich auch die Basis-Regeln, also das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, Einhalten von Abstandsregeln und gründliche Handhygiene. Und dazu gehört auch ein Besuchsverbot bei Erkältungssymptomen, egal wie leicht sie sein mögen. Meine Mama war gerade mal fünf Tage wieder in der Tagespflege, da bekam sie einen leichten Husten – und Besuchsverbot für 14 Tage.

„Papa geht es nicht so gut. Kannst du hinfahren?“, fragte mein Bruder, der im Lockdown-Gebiet lebt. Sollte die Erkältung wirklich so drastisch sein? Mein Papa so hilflos, obwohl er doch davor wochenlang einen guten Weg für sich und Mama gefunden hatte? Als ich ihn anrief und fragte, wie es geht, sagte er nur „Es geht nicht gut.“ So eine ehrliche Aussage habe ich selten gehört. Normalerweise sagt Papa: „Ich schaffe das schon“, denn er möchte es gerne alleine schaffen und er möchte mich nicht belasten (beides Themen, über die ich oft mit ihm diskutiere…).

Spontane Hilfe – und ein neuer Weg zu Entlastung?

Und so entschied ich sehr schnell: Ich fahre zu meinen Eltern und arbeite von dort aus. „Geht das wirklich?“, fragte mein Papa nach und klang schon etwas hoffnungsvoller. „Ja, ich komme drei Tage, dann muss ich zurück“, sagte ich. „Ja, das wäre schön“, antwortete er, während ich bereits mein Zugticket buchte.

Ich schätze, der Homeoffice-Homeschooling-Alltag mit den Kindern hat mich abgehärtet – oder mir einfach gezeigt, dass nicht alles schwarz-weiß ist. Dass es auch ein Miteinander gibt und ich arbeiten kann, während die Kinder zu Hause sind. Es mag nicht den alten 9-bis-5-Vorstellungen entsprechen, aber es funktioniert zumindest phasenweise. Früher dachte ich, das geht gar nicht…

Manchmal denke ich, ich bin eine schlechte Tochter, weil ich nicht dauernd bei meinen Eltern bin, um sie im Alltag zu unterstützen. Aber dann wiederum: ich bin ja nicht nur Tochter, sondern auch Mutter. Diese Doppel-Aufgabe macht mir manchmal sehr zu schaffen, denn irgendwie kann ich keinem so gerecht werden wie ich das gerne hätte. Weil ich mich immer an dem Absoluten, dem Perfekten messe. Aber das braucht es vielleicht gar nicht. Ein kleines Bisschen hilft auch schon.

Durch meinen spontanen kurzen Besuch habe ich gemerkt, dass ich auch helfen kann, obwohl ich nicht dauernd da bin, aber dafür gezielt. Dass ich helfen kann, obwol ich einen Großteil des Tages arbeite und am Laptop sitze, denn da gibt es auch Zeit davor und danach. Oder dass es meinem Papa guttut, wenn er jemanden zum Reden hat und jemand, der ihm hilft, den Alltag zu organisieren. Dass es ihn schon ein wenig entlastet, wenn ich Mama beim Essen helfe und er sich in der Zeit in Ruhe duschen oder die Einkaufsliste schreiben kann. Und wie sich Mama gefreut hat, mich zu sehen! Wie schön es war, mit ihr abends eine Runde um den Dorfteich zu spazieren – nur sie und ich.

Demenz-Partner und ein Netzwerk

Klingt so schön harmonisch und perfekt, aber der Besuch hat mir auch meine Grenzen gezeigt. Unmöglich jede Woche zu meinen Eltern zu fahren, also nicht unmöglich, aber mit meinem aktuellen Leben nicht vereinbar. Und vor allem habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, ein Netzwerk für meine Eltern zu haben. Meinem Papa fällt es schwer, andere um Hilfe zu bitten. Da haben meine Erkärungen und Diskussionen in den vergangenen Jahren wenig geändert.

Wenn es aber Hilfen gibt, nimmt er sie gerne an. Etwa das Rezept in der Apotheke einzulösen. Die Nachbarin zu fragen, ob sie mal eine Stunde bei Mama bleiben kann. Eine Unterstützung für den Haushalt zu organisieren. Für ihn einen Termin beim Amt auszumachen. Ihm die Haare zu schneiden, damit er nicht zum Frisör muss…

Ich könnte noch mehr aufzählen und ich bin froh, dass Familie, Freunde und Nachbarn so etwas wie Demenz-Partner für meine Mama und meinen Papa geworden sind. Ich habe mich gefreut, dass die Nachbarin meinem Papa zum Geburtstag statt einer Flasche Wein Gutscheine geschenkt hat. Einen Gutschein, dass sie mal mit Mama eine Runde spazieren geht. Einen Gutschein, dass sie Papa mal einen Kuchen backt, wenn er Besuch bekommt. Ich hoffe, dass dies ein Stück Entlastung schenkt.

Hilfen und digitale Angebote im Corona-Alltag

Um pflegende Angehörige in der Corona-Krise zu entlasten, hat die Bundesregierung verschiedene Hilfen erlassen (zunächst vorübergehend bis zum 30.September 2020):

  • das Pflegeunterstützungsgeld kann bis zu 20 Tage in Anspruch genommen werden
  • bei einer akut auftretenden Pflegesituation dürfen Angehörige bis zu 20 Tage zu Hause bleiben
  • Pflegezeit- und Familienpflegezeit werden flexibler gestaltet
  • die Entlastungsbeiträge können flexibler eingesetzt werden
  • die Kostenerstattung auf Hilfsmittel wurde auf 60 Euro erhöht

Eine gute Übersicht gibt es hier auf der Seite der Verbraucherzentrale „Corona: Was, wenn die Pflege neu organisiert werden muss“

Die Alzheimer Gesellschaft stellt in ihren Kalenderblättern Anregungen und Ideen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörige vor, etwa Mini-Mitsing-Konzerte, die Rote-Nasen-Fenstervisite oder die kostenlose Online-Gefühls-Werkstatt. Sogar der Deutsche Olympische Sportbund hat Bewegungstipps gesammelt.

Eine Demenzstrategie – für mehr Unterstützung

Fest steht: Digitale Angebote können direkten Kontakt und menschliche Unterstützung nicht ersetzen. Sie sind eine gute Ergänzung, aber die Frage, was Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen in Corona-Zeiten brauchen, muss dringend weiter gedacht werden. Der Schutz vor dem Virus ist extrem wichtig, aber Menschen, die pflegen dürfen nicht alleine gelassen werden.

Jüngst wurde die Nationale Demenzstrategie beschlossen. Mit 27 Zielen und mehr als 160 Maßnahmen wohl die umfangreichste Empfehlung zu einer demenzfreundlichen Gesellschaft. Beratung, Begleitung, Unterstützung, Entlastung – viele gute Gedanken und Ziele sind in der Strategie enthalten, letztlich braucht es Menschen, die sich kümmern. Gut, wenn das viele zusammen machen: Neben PartnerInnen, Geschwistern, Kindern auch Pfleger, Therapeuten oder Ehrenamtliche. Ich finde es wichtig, dass dies auch in Corona-Zeiten angegangen wird, denn Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen brauchen diese Unterstützung ganz dringend.

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