Kinderbücher

Kinderbücher über Alzheimer im Check Nr. 10 „Meine Omi, die Wörter und ich“

Regelmäßig stelle ich euch Kinderbücher zum Thema Alzheimer und Demenz vor. Endlich mal wieder ein Bilderbuch, das man schon mit jüngeren Kindern anschauen kann. „Meine Omi, die Wörter und ich“ ist ein wunderschön illustriertes Buch, das sich mit dem Thema Alzheimer und Demenz auf eine besondere Art und und Weise auseinandersetzt. Es geht ums Vergessen und zwar ums Vergessen der Wörter. Es geht aber auch ums Erinnern und zwar ums Erinnern der Wörter. Meiner jüngsten Tochter haben die farbenfrohen, fantasievollen Illustrationen viel Freude gemacht, mich hat die Geschichte sehr berührt. Der kleine Mio bekommt von seiner Omi Wörter geschenkt – laute, wilde, hoffnungsvolle, traurige und am Ende gibt sie ihm ein ganz Besonderes. Welches? Das verrate ich euch in der Buchbesprechung. Nr. 10 „Meine Omi, die Wörter und ich“. Am Ende findet ihr auch einen Link mit Leseprobe.

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„Es war einmal“… So fangen seit Jahrhunderten Märchen an und auch das Bilderbuch „Meine Omi, die Wörter und ich“ (Nikola Huppertz und Elsa Klever, Tulipan Verlag) beginnt mit diesen Worten. Ich habe es gelesen und es hat mich wie ein Märchen tatsächlich bezaubert.

Omi bringt die Wörter in die Welt

Der kleine Mio erzählt die Geschichte, wie die Wörter in die Welt kamen. Und zwar in seine eigene Welt. Seine Omi schenkte sie ihm. Sie war eine Frau, die nur ein kleines Zimmer besaß, mit einem Bett, einem Stuhl, einem Tisch, einem Schank und ein bisschen Firlefanz. Arm an Materiellem also, wenn man es so sehen will. Aber Mios Omi hat einen ganz besonderen Reichtum: Sie ist reich an Wörtern. Sie ruft sie alle herbei und Mio staunt.

Es kommen laute und wilde Wörter wie der Springteufel oder die Panzerkette, aber auch leise und schüchterne Wörter wie das Wetterleuchten oder der Augenstern. „Es gab Wörter für alles und jeden. Wörter, die gute Laune machten… Und Wörter die eklig waren…. Wörter für die Angst… und Wörter zum Hoffen…“, erzählt Mio.

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Mio begrüßt alle Wörter, auch die wütenden und lauten

Am Ende hat Mio so viele Wörter, das das kleine Zimmer der Omi zu einem riesigen Palast geworden ist. Wie ich diese Vorstellung liebe! Na, klar, ich bin Journalistin und habe natürlich große Freude an besonderen Wörtern und mag die Poesie und den Klang, den Sprache erzeugen kann. Aber ich finde auch die Vorstellung wunderschön, dass die Großen den Kleinen wertvolle Dinge fürs Leben mitgeben – und damit meine ich nicht Geld oder Wertgegenstände – sondern Gedanken, Geschichten oder eben Wörter.

Die Welt erfahren – mit viel Kreativität

Mio bekommt all diese Wörter von seiner Omi und er steckt sie in in die Taschen seines Mantels. „Nimm sie alle mit“, sagt Mios Omi. Und der Junge stopft jedes neue Wort in eine Tasche, egal ob das nun der Tunichtgut, der Tränenschleier oder der Märchenwald ist. Mio schaut immer fröhlich, er begrüßt jedes neue Wort. Sogar den wütenden Drachen, den meine Vierjährige mit „gruselig“ und „böse“ beschimpfte, winkt Mio herbei.

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Mio sammelt alle Wörter. Er nimmt sie auf wie in einem Mantel mit vielen Taschen

Mios Omi wird immer stiller. Irgendwann war ihr Zimmer stumm. Mio brachte dann seiner Omi Wörter mit. Es waren Wörter aus seiner Welt wie Konsolenspiel, Glowboard oder Manga-Magazin. Seine Omi, die nun gebückt am Stock ging, begrüßte sie. Doch die Wörter wollten nicht bleiben, die Omi verstand sie nicht und die Wörter langweilten sich. Dann wurde es klein und sehr stumm in Omis Zimmer.

Der Tulipan-Verlag empfiehlt dieses Buch für Kinder ab vier Jahren. Ich habe mich gefragt, ob das nicht zu früh ist und ob es für Kindergartenkinder nicht zu abstrakt ist. ‚Verstehen die überhaupt, dass es dabei um Demenz geht?‘, habe ich überlegt. Aber als ich „Meine Omi, die Wörter und ich“ mit meiner vierjährigen Tochter angeschaut habe, habe ich gemerkt, dass es genau richtig ist. Meine Kleine lebt und spielt oft in einer Fantasie-Welt, macht Rollenspiele von morgens bis abends und kann die tollsten Geschichten erzählen. Sie hatte großen Spaß daran, die farbenfrohen und fantasievollen Illustrationen zu betrachten.

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Als Mios Omi immer stiller wird, bringt Mio ihr seine Wörter mit

Wir haben die Zeichnungen angeschaut, überlegt, was wie heißen könnte und dabei hat meine Tochter neue Wörter wie den Springträger erfunden. Meine Kleine, die sonst kaum still sitzen und einer Geschichte lauschen kann, hat in Ruhe Seite für Seite geblättert, betrachtet, gezeigt und erzählt. „Das ist ein schönes Buch“, erklärte sie am Ende.

Alzheimer: Ein Kinderbuch-Thema für Vierjährige?

Ich muss ja zugeben, dass ich mit meiner Vierjährigen bislang wenig über Alzheimer und Demenz gesprochen habe. Ich merke natürlich, dass sie sehr aufmerksam beobachtet und auch genau merkt, dass die Oma anders ist. Sie hat schon verstanden, dass wir der Oma viel helfen und versucht dies auch zu tun. Wenn wir vom Garten in das Haus kommen, weist sie meinen Papa aufmerksam darauf hin, dass Mama noch die Schuhe ausziehen muss und sie Hausschuhe braucht. Meine Vierjährige weiß nicht, dass die Oma Alzheimer hat, weil es in ihrer kleinen Kinderwelt diesen Begriff, diese Erklärung nicht braucht. Sie hilft der Oma, weil sie merkt, dass sie sie braucht.

Ich habe mich bislang ein wenig davor gescheut, mit meiner jüngsten Tochter über meine Mama zu sprechen. Dieses Buch hat uns eine gute Gelegenheit gegeben. Die Begriffe „Alzheimer“ oder „Demenz“ spielen keine Rolle in dem Buch, es ist auch nicht hundertprozentig klar, was Mios Omi nun hat. Vielleicht ist sie auch einfach alt? Aber mir hat es eine bildhafte Beschreibung für meine Mama geliefert. Ich habe meiner Tochter erzählt, dass Mios Omi so stumm geworden ist wie die Oma. „Aha“, meinte mein Kind. „Sie kann nichts mehr sagen, aber sie hat ihn immer noch sehr lieb“, erklärte ich. Meine Tochter nickte und blätterte weiter.

Unser Fazit: ein Mut-Mach-Buch für alle

Dieses Buch ist kein Erklärbuch über Alzheimer oder Demenz. Meine Tochter hat nichts über das Krankheitsbild gelernt. Aber sie hat etwas viel Wichtigeres gelernt und zwar über das Geben und Nehmen, das Kommen und Gehen.

Wir werden in diese Welt geboren, sind anfangs ein winziges Baby wie Mio. Und was für ein Glück ist es, wenn es Menschen gibt wie die Omi, die uns voller Fantasie und Kreativität beim Wachsen unterstützen. Denen wir etwas geben können, wenn wir mehr können und wissen als sie. Und von denen etwas zurückbleibt, selbst, wenn sie von dieser Welt gegangen sind.

Das Thema Tod und Sterben fällt mir schwer und ich habe immer Angst in Kinderbüchern darüber zu lesen, weil ich mich vor kritischen Fragen der Kinder fürchte. Aber ich habe gemerkt, dass die Kinder den Tod viel besser akzeptieren können. Ich habe große Angst vor dem Tod meiner Mama und bin oft traurig über ihre Krankheit. Das merke ich auch daran, dass mir jedes Loslassen schwerfällt. Dass ich immer noch die kleine Hoffnung habe, dass alles wieder gut und Mama gesund wird.

„Meine Omi, die Wörter und ich“ ist ein Buch für Kinder, aber ich merke, wie es auch mir als erwachsene Frau sehr guttut. Der Gedanke, dass etwas von ihr immer in mir sein wird, tröstet mich sehr. Dieses Buch ist wie ein gutes Märchen, ein bisschen traurig, mit einem Happy-End und ganz viel Raum für Fantasie. Es macht Mut, dass irgendwie alles weitergeht. „Alles wird gut“, sagt meine beste Freundin immer, wenn ich traurig bin. Die Geschichte von Mio hat mein Herz erfüllt, für mich ist es ein Mut-Mach-Buch, für Kleine und Große und ich empfehle es sehr gerne weiter.

Und am Ende übrigens, da sagt die Omi kurz vor ihrem Tod noch ein ganz besonderes Wort: Mio.
Was für eine schöne Geschichte, denn Mios allererstes Wort war: Omi.

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Mio und Omi, für immer verbunden

Buchinfo: Meine Omi, die Wörter und ich. 2017. Nikola Huppertz und Elsa Klever. Tulipan Verlag. 36 Seiten.

Hier geht’s zu einer Leseprobe von „Meine Omi, die Wörter und ich“

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