Im Gespräch, Mit Gefühlen umgehen

„Gefühle sind eine wertvolle Ressource“ – „Alzheimer und wir“ im Gespräch mit Anja Kälin

Die Alzheimer-Erkrankung meiner Mama macht auch sehr viel mit mir. Manchmal bin ich traurig, manchmal wütend, manchmal fühle ich mich schuldig oder hilflos und ja, auch in manchen Momenten fröhlich, glücklich und zuversichtlich. Ein richtiges Gefühls-Chaos also. Warum es sich lohnt als Angehöriger eines Menschen mit Demenz über seine Gefühle zu sprechen und wie es gelingt, mit negativen Gefühlen umzugehen, darum geht es in Teil 2 von „Alzheimer und das Gefühls-Chaos“. Ein Interview mit Anja Kälin.

Beim Bloggen begegnen mir so viele spannende Menschen, die sich mit den Themen Alzheimer und Demenz beschäftigen. Diese Gespräche sind eine große Bereicherung für mich. In meiner Interview-Reihe teile ich sie mit euch.

„Gefühle sind eine wertvolle Ressource“

Anja_Kaelin_systemische_Beraterin

Anja Kälin ist Familiencoach und Mitgründerin des Vereins Desideria Care e.V. Sie berät Angehörige von Menschen mit Demenz und kennt die Demenz auch aus privater Erfahrung: Ihre Mutter hatte Alzheimer.

Im Podcast „Leben, Lieben, Pflegen“ spreche ich mit Anja über Themen von Angehörigen.

Liebe Anja, ich möchte mit dir über Gefühle sprechen. Meine Mama hat vor gut neun Jahren die Diagnose Alzheimer bekommen. Seitdem setze ich mich damit auseinander und merke an mir oft ein Gefühls-Wirrwarr: mal fröhlich und dankbar, aber auch traurig, hilflos oder wütend und hilflos. Geht das anderen Angehörigen auch so?
Ja, auf jeden Fall. In unseren Coachings kümmern wir uns zu einem großen Teil um die Gefühle. Viele Angehörige erleben eine Achterbahn der Gefühle. Die beginnt häufig mit der Diagnose. Denn die verschafft einerseits Klarheit, aber auch oftmals dieses Gefühl, dass da etwas festgestellt wird, gegen das man sich nicht wehren kann und dass man nicht ändern kann. Da tauchen häufig auch ganz schreckliche Bilder auf, viele widerstreitende Gefühle und eine Ohnmacht.

Kommen die Angehörigen immer so früh, also schon kurz nach der Diagnose, zu euch?
Manchen kommen sehr früh, andere auch viel später. Die haben versucht, alles normal weiterzumachen, nach dem Motto: ‚In der Normalität liegt die Stärke“. Das ist aber ein Trugschluss. Wenn man so tut, als ob alles normal ist, verdrängt man seine Gefühle und verhindert einen konstruktiven Umgang damit.

Wer kommt zu dir?
Wir sprechen mit unserem Angebot die ganze Familie an. Es könnten auch die Betroffenen selber zu uns kommen. Aber der Grundgedanke war, vor allem etwas für die Angehörigen zu tun. Aus meiner eigenen Betroffenheit heraus weiß ich, dass Angebote für Angehörige fehlen. In den ganzen Gesprächen mit den Ärzten oder den Einrichtungen, habe ich gedacht: Wer nimmt mich denn mal wahr? Wer schenkt mir ein paar nette Worte?

Warum ist es so wichtig, auch die Angehörigen zu sehen?
Je stabiler Angehörige sind, desto besser können sie den Herausforderungen begegnen, die die Pflege mit sich bringt. Nur, wenn sie noch ein Stück Optimismus und Lebensbejahung in sich tragen, können sie für den anderen da sein. Viele Angehörige, gerade die direkt pflegenden Angehörigen, stecken in so einem Tunnel und vergessen sich selber völlig. Aber das hilft im Endeffekt nicht, nicht ihnen und auch nicht dem Menschen mit Demenz. Oft endet das dann mit großer Verzweiflung.

Mir fällt es nicht so leicht, über meine Gefühle zu sprechen. Ich habe das erstmals in einem Angehörigen-Seminar der Alzheimer-Gesellschaft getan. Es war eine Überwindung, aber hat mir gut getan. Mein Papa hingegen würde das nicht tun.
Das ging mir auch so. Angehörigen-Gruppen sind wichtig, aber das liegt auch nicht jedem. Mit unserem Coaching wollen wir Angehörigen einen geschützten Raum geben, um über ihre Gefühle und ihre Situation zu reflektieren. Desiree von Bohlen, mit der ich Desideria gegründet habe, hat die gleiche Erfahrung bei den Maltesern gemacht, wie ich als pflegende Angehörige. Viele kümmern sich um die Erkrankten, aber auf die Angehörigen schaut keiner, obwohl sie jeden Tag eine enorme Leistung vollbringen.

Braucht es Coaching?
Es kann sinnvoll sein, sich von einem Coach begleiten zu lassen. Oder mit einem Therapeuten oder Psychologen zu sprechen. Wenn man als Angehöriger in der Situation steckt, fällt es oft schwer, das alleine zu reflektieren. Da kann es förderlich sein, wenn jemand Drittes von außen hilft und unterstützt. Denn zu der Lösung komme ich ja im Idealfall selber. Zu einer Lösung kann ich nur kommen, wenn ich in das Gefühl hineingehe und überlege, was ich verändern möchte.

Was bringt es Angehörigen ganz konkret, wenn sie über ihre Gefühle sprechen?
Gefühle sind eine wertvolle Ressource. Wenn ich ein Gefühl ausblende, bekomme ich nicht die Hinweise, die ich bräuchte, um kreativ zu werden. Die Angst sagt mir vielleicht: „Hier wird es brenzlig, du brauchst Unterstützung“ oder die Wut sagt mir: „Oh, offensichtlich stecke ich in einer Überlastung.“ Oder die Trauer sagt: „Ich glaube, du musst mal eine Runde weinen und dich selbst bemitleiden.“ Das sind alles Hinweise auf Bedürfnisse, Sehnsüchte und Schutzstrategien, also eigentlich Bewältigungsstrategien.

Und wenn man das gar nicht genau erkennt, sondern nur traurig ist und weint?
Dann ist das auch gut, denn es ist in der Regel befreiend und erleichternd. Die Tatsache, dass Tränen fließen, hört sich schwer und tragisch an, aber meistens ist es so, wenn diese Emotionen sich zeigen darf, dass es danach viel besser geht. Die Traurigkeit ist ja berechtigt. Sie kann einen gleichzeitig auch in eine Qualität führen, dass man sagt: „Okay, jetzt habe ich genug geweint, jetzt packe ich es an.“

Wie komme ich aus dem Gefühl der Traurigkeit heraus?
Die Traurigkeit ist berechtigt. Man kann erst einmal beobachten und sie annehmen. Das ist ja häufig so wie eine Welle, die über einen schwappt. Im Nachgang lohnt es sich dann zu schauen: Was hast diese Traurigkeit ausgelöst? und versuchen aufzudröseln: Was ist da gerade passiert? Warum bin ich traurig? Wen betrauere ich? Meine Mama oder mich? Was fehlt mir da? Und dann noch einmal drüber nachzudenken: Was wollen mir diese Tränen erzählen? Um dann zu schauen, was könnte mir helfen, um mich aus der Traurigkeit herauszuholen oder um beim nächsten Mal mit dieser Emotion anders umzugehen.

Da hast du mich jetzt voll erwischt. Ich denke oft, ich darf nicht traurig sein, aber ich bin es dennoch. Wie findet man da eine positiven Blick?
Ich bin da manchmal sehr provokativ und frage direkt: Was ist denn gut? Eine Klientin war deshalb schon mal fast empört und meinte, ob ich sie ärgern will. Da habe ich gesagt: „Nein, es wäre vielleicht mal eine andere Sicht auf die Dinge.“ Erst war die Dame fünf Minuten still und dann hat sie gesagt: „Endlich habe ich das Sagen.“ In dem Fall ging es um das Thema Finanzen und große Entscheidungen. Ihr Mann hat ihr das nie zugetraut, aber nun musste und durfte sie es machen und war auch stolz auf sich. Dieses Reframing ist auch zu gucken, aus einem anderen Blickwinkel heraus, und zu sehen, dass da nicht nur Verluste sind, sondern auch kleine Geschenke dabei.

Ja, das kenne ich. Wenn ich mit meiner Mama zusammen bin, ist das zwar ganz anders als früher, aber ich erlebe sehr innige oder witzige Momente. Die genieße ich sehr.
Es geht darum, diese schönen Momente wahrzunehmen und sie als Quelle und Ressource für da weitere Tun zu nutzen. Wenn man lächelt, hat das positive Reaktionen zur Folge und das macht es dann auch wieder leichter. Am Ende ihres Lebens bin ich meiner Mutter auf eine Art und Weise nahe gekommen, die ohne diese Krankheit wahrscheinlich nie stattgefunden hätte. Ich habe gelernt, auch ohne Worte zu kommunizieren und was wahre Begegnungen sind zwischen zwei Menschen, die sich mögen und schätzen. Insofern gibt es bei jedem Schlechten etwas Tröstliches und vielleicht sogar etwas Gutes.

Und wie kann man jemand anderem helfen? Wie kann ich zum Bespiel meinem Papa helfen, der sich ja im Alltag um meine Mama kümmert und sie pflegt? Mein Bruder und ich besuchen sie so oft es geht, rufen häufig an und versuchen Dinge aus der Ferne zu organisieren, aber sind eben nicht immer da.
Dieses Ich-rede-es-mir-mal-von-der-Seele und mit etwas Abstand auf die Situation schauen, hilft vielen pflegenden Angehörigen schon ungemein. Im Gespräch klärt sich vieles. Es geht gar nicht darum, konkrekte Tipps zu geben, sondern dem anderen einen Raum zum Reden und Reflektieren zu geben. Damit er die Dinge und Gefühle für sich klären kann. Es kann also schon helfen, miteinander zu telefonieren und dem anderen zuhören.

Er hat mal gesagt, dass es für ihn immer so traurig ist, wenn mit einem Mal etwas, das Mama immer konnte, nicht mehr klappt. Das geht mir auch so. Das ist wirklich traurig.
Genau, das markiert immer wieder einen kleinen Wendepunkt und einen kleinen Abschied. Auch da ist es wieder so, da gibt es eine zweite Seite. Häufig kommen Sachen dazu. Das eine verabschiedet sich, aber etwas anderes kommt oder etwas Neues ist möglich. Es hilft, das zu suchen. Ich habe zum Beispiel angefangen, meiner Mutter vorzulesen. Es lohnt sich, zu schauen, wo entsteht Etwas, aus dem ich für mich Kraft und Sinn und etwas Gutes schöpfen kann. Ich bin definitiv an Grenzen gekommen. Aber ich habe durch diese Krankheit persönliche Reife bekommen. Das ist tatsächlich ein Prozess, den man als Angehöriger durchläuft. Ich konnte am Ende mit meiner Mutter lachen, es war unglaublich.

Hast du einen Tipp, wie man im Alltag ganz konkret mit seinen Gefühlen und Gedanken umgehen kann?
Schreiben ist zum Beispiel eine Aufgabe, die ich vielen Klienten gebe. Abends in ein oder drei Punkten aufschreiben, was gut war. Oder was nicht gut war und was man sich für den nächsten Tag wünscht.

Unser „Leben, Lieben, Pflegen“-Podcast

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Im Podcast sprechen Anja und ich regelmäßig über Themen, die Angehörige von Menschen mit Demenz beschäftigen. Wir erzählen von unseren Erfahrungen und hoffen, dass wir anderen Angehörigen Mut machen und den ein oder anderen Tipp mit auf den Weg geben können. Den „Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie“ gibt’s überall, wo es Podcasts gibt und hier natürlich auch

2 Gedanken zu „„Gefühle sind eine wertvolle Ressource“ – „Alzheimer und wir“ im Gespräch mit Anja Kälin“

  1. Hallo Peggy, toll, dass du es schaffst, diesen Blog zu führen. Meine Mann ha eine beginnende Demenz und ich lese auch sehr viel dazu, um möglichst informiert zu sein und nicht zu viel „falsch“ zu machen. Aber etwas zu wissen und es dann auch zu fühlen, sind leider 2 Sachen. Z.B. nicht ungeduldig zu werden…
    Ein Buch, was mir sehr geholfen hat, meine Trauer zu verstehen, war: „Da und doch so fern – Vom liebevollen Umgang mit Demenzkranken “ von Pauline Boss! Zürich 2014
    Sie beschreibt darin das Phänomen, dass der andere ja noch da ist, aber er ist eben nicht mehr der Mensch, der er mal war, d.h., wenn jemand gestorben ist, ist ganz klar, dass man traurig ist! Aber hier ist ja das Paradoxe, dass die Person noch da ist, es ist aber eben nicht mehr die Person, die sie mal war und das zu verstehen war, für mich sehr wichtig, damit mir klar wurde, was mich so traurig gemacht hat bzw. macht!
    Vielleicht interessiert dich das Buch…

    Jedenfalls Danke, dass du deine Gedanken und Gefühle teilst!

    Schöne Grüße
    Dagmar Dörger

    1. Liebe Dagmar, vielen Dank! Das Buch klingt sehr spannend. Kann ich gut nachvollziehen… Meine Mama ist ja noch da, aber trotzdem trauere ich und vermisse sie, weil die Mama von früher eben doch nicht mehr da ist 😢 Ich schicke dir ganz liebe Grüße und viel Kraft und Geduld! Und ich freue mich, wenn du meinen Blog liest und wir uns austauschen 💜

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