Kommunikation

Fotografieren bei Demenz? Ja, klar!

Wenn ich bei meiner Mama bin, mache ich jedes Mal ein Selfie von uns. Ich fotografiere uns, auch wenn sie dabei ihre Augen geschlossen hat. Ich mache Fotos von meinen Eltern und ich fotografiere meine Kinder mit meiner Mama. Denn ich möchte uns festhalten, ich möchte Mama festhalten – und vor allem möchte ich auch zeigen, wie das Leben mit Demenz aussehen kann (jenseits all der Schreckensbilder von sich auflösenden Köpfen und Menschen). Deshalb: Fotografieren bei Demenz? Ja, klar!

Papa hilft Mama_Frühling 2022

Fotografieren mit Demenz?

Mittlerweile mache ich regelmäßig Bilder von meiner Mama und mir, egal wie wir aussehen, egal ob sie in die Kamera schaut oder nicht. Die Fotos sind nicht perfekt, aber sie sind gut so, wie sie sind. Und manche finde ich so passend und berührend, dass ich sie hier auf dem Blog zeige. Das war nicht immer so.

Ich schaue mir gerne gute Fotos an und kann mich dafür begeistern, habe aber immer eher selten zur Kamera gegriffen. Klar, auf Reisen habe ich fotografiert. Gerne Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge und Sehenswürdigkeiten, was man halt so fotografiert. Seitdem ich meine Kinder habe, halte ich Meilensteine und viele alltägliche Momente meiner Töchter in Fotos und Videos fest. Meine Eltern habe ich häufig nur dann fotografiert, wenn eines der Kinder bei ihnen auf dem Arm oder Schoß war.

Aber Mama alleine zu fotografieren oder sie mit mir zu fotografieren, kam mir lange nicht in den Sinn. Auch die Diagnose Alzheimer hat daran nichts geändert. Mamas Erkrankung hat mich wohl eher noch beklommener gemacht, weil ich mir nicht sicher war, ob ich sie fotografieren darf.

Nur die schönen Momente fotografieren?

Ich habe erst bewusst mit dem Fotografieren angefangen, als ich auch angefangen habe zu bloggen. Mein Blog ist für mich der Platz, wo ich meine Gedanken und Erfahrungen mit Mamas Alzheimererkrankung sammle und weitergebe, aber es war auch immer mein Wunsch, andere Seiten von Demenz zu zeigen. Zu beschreiben, dass eben nicht alles grau und hoffnungslos und schrecklich ist, so wie ich es lange Zeit in meinem Kopf hatte. Die Krankheit ist schrecklich, aber nicht alles ist schrecklich damit – und ich wünschte, ich hätte das schon damals so gewusst. Das hätte vielleicht diese Angst und Panik nach der Diagnose gemindert.

Auch so sieht Demenz aus: Was für ein schöner Moment mit Mama.

Ich möchte die guten, die schönen Momente zeigen und festhalten und was ich durch Mamas Alzheimer gelernt habe und immer noch lerne. Mein Wunsch ist es, anderen Angehörigen Mut zu machen. Ich wollte Mama fotografieren und habe vor allem in den schönen Momenten zur Kamera gegriffen. Wenn sie fröhlich war, wenn sie schick gekleidet war und so wie früher hübsch zurechtgemacht.

Aber im Alltag mit einer fortschreitenden Demenz gibt es auch viele andere Situationen: solche, in denen Mama weint, trübe schaut, erschöpft ist und andere, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, aber ich denke, ihr wisst, was ich meine.

Bei unseren ersten Selfies habe ich darauf geachtet, dass Mama fröhlich ist oder dass sie in die Kamera schaut. Dass es ein „schönes Bild“ wird. War eines dabei, das meinen Kriterien nicht entsprochen hat, habe ich es gelöscht.

Mach das Bild!

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich plötzlich gar kein Bild mehr hatte. Ich hatte sie gelöscht oder gar nicht erst gemacht, weil ich immer wieder dachte ‚Ich kann Mama doch nicht so fotografieren‘. Aber nun hatte ich von diesem Wochenende bei meinen Eltern kein einziges Bild von Mama. Das hat mich traurig gemacht.

Es war der Blogbeitrag „Take the picture“ von der Amerikanerin Lauren Dykovitz, der mich zum Umdenken gebracht. Meine Mama hat mittlerweile auch oft den fernen Blick, schließt ihre Augen oder lässt den Körper und Kopf ganz schlaff hängen, so wie Lauren es von ihrer Mutter beschreibt. Und doch sagt Lauren, dass es wichtig ist, zu fotografieren. „This is the hardest part of our story, but it’s still a part of our story. And I still want to remember it, to remember her“, schreibt sie. Als ich diese Worte gelesen habe, konnte ich nur zustimmen und habe mir zum Vorsatz genommen, auch die nicht so schönen Momente mit meiner Mama festzuhalten, für mich und meine Familie.

Mama hat die Augen geschlossen, wie so oft. Trotzdem ein wunderbares Bild für mich.

Es tut mir manchmal weh Mama anzuschauen, wie sie in sich versunken ist und trübe schaut. Und genauso schwer fällt es mir mitunter, Bilder von früher zu betrachten, auf denen sie fröhlich und gesund ist, weil ich dann traurig werde, dass sie sich so verändert hat. Aber natürlich, all das gehört zu ihrem Leben. Was würde es bedeuten, wenn ich sie jetzt nicht fotografiere? Fehlen dann nicht Jahre und viele wichtige Erinnerungen und das alles nur, weil sie nicht perfekt waren?

Auch wenn die Selfies mit Mama oft alles andere als ein perfektes Bild, so sind sie mir wichtig geworden. Und oft finde ich sie so schön, dass ich sie zeigen möchte. Wäre das für Mama okay? – Das ist die Frage, die ich mir stelle und wenn ich sie mit Ja beantworten kann, veröffentliche ich das Bild. Ich zeige sie nicht in beschämenden Momenten, das ist mir wichtig. Denn das letzte, was ich möchte, ist sie bloßzustellen. Und bitte: Fotografieren nicht mit Veröffentlichen gleichsetzen.

Fotografie ermöglicht eine neue Sicht auf Demenz

Auch der Fotograf Hauke Dressler plädiert dafür, seine Angehörigen mit der Demenz zu fotografieren. In der aktuellen Podcastfolge von „Leben, Lieben, Pflegen“ von Desideria Care haben Anja Kälin, Isabel Hartmann und ich mit ihm über Fotografieren und Demenz gesprochen. Hauke Dressler hat seinen Vater, der eine Demenz hatte, über Jahre fotografisch begleitet. Im Podcast erzählt er, wie er seinem Vater über das Fotografieren nahe gekommen ist. Seine Erzählungen haben ich sehr berührt.

Hauke Dressler mit Vater
In Folge 17 „Demenz neu sehen“ dreht es sich um das Thema Fotografieren und Demenz. Fotograf Hauke Dressler (links im Bild) spricht über seine Erfahrungen mit seinem Vater (rechts) und wie die Fotografie sie nahe gebracht

Fotografie ermögliche ganz Vieles und im Podcast haben wir darüber gesprochen, was das alles sein kann. Klar, zum einen helfen Bilder den Menschen festzuhalten und sind eine Erinnerung. Aber das ist noch mehr. „Fotografieren kann ein Reflektionsprozess für den Fotografen sein und ermöglicht einen anderen Bild auf das Geschehen“, erklärte Anja. Und genauso könne Fotografie auch helfen, schwierige Gefühle besprechbar zu machen.

In dieser Folge von "Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie" geht es um das Thema Fotografie – und dazu haben Familiencoach Anja Kälin und Bloggerin Peggy Elfmann einen Gast eingeladen: den Fotografen Hauke Dressler.

Neue Bilder von Demenz schaffen und Angst nehmen

Für mich geht es vor allem darum, Erinnerungen festzuhalten, von meiner Mama und von uns. Mich rührt es, wenn sich meine Tochter auf die Terrasse neben die Oma setzt, beide in ihren Winterjacken und Decken eingekuschelt – und sie dann ihren Kopf auf Mamas Schulter legt. Wenn meine Töchter für die Oma eine Theater- oder Turn-Vorstellung im Garten zeigen und wenn sie ihre Hand nehmen, weil sie alleine nicht die Treppe geht. All das sind Erfahrungen, die für uns alle wichtig sind.

Und vielleicht können sie einen kleinen Beitrag leisten, die Demenz aus einer anderen Sicht wahrzunehmen. Nicht nur als das Schreckgespenst, das vorherrscht und das in Bildern von sich auflösenden Köpfen und Menschen darstellt, sondern auch die Fürsorge, die Liebe und die Nähe, die man mit der Demenz eines Angehörigen erfahren kann.

Mein aktuelles Lieblingsbild ist ein Bild von meinen Eltern. Mein Papa legt meiner Mama eine Halskette um und das Bild zeigt viel Vertrautheit und Fürsorge. Über den beiden hängt der rote Herzballon von Mamas Geburtsfeier im vergangenen Jahr – und er passt richtig gut.

Auch so sieht Demenz aus – und die Fürsorge und Liebe.

Warum es so wichtig ist, dass neue Bilder von Demenz geschaffen werden, darüber habe ich mit Désirée von Bohlen und Halbach gesprochen, die den Foto-Wettbewerb „Demenz neu sehen“ gestartet hat. Übrirgens: Der Wettbewerb läuft noch bis Mitte Juni und sowohl Profis als auch Laien können teilnehmen.

Viel Spaß beim Fotografieren!

3 Gedanken zu „Fotografieren bei Demenz? Ja, klar!“

  1. Liebe Peggy,
    dass ist eine so schöne Idee. Auch ich habe ganz viele Fotos von meiner Mama gelöscht, da ich die Bilder nicht schön empfand.
    Nun habe ich meine Mama vor zwei Wochen in ein sehr schönes Heim gegeben, da ich zu Hause ihre Pflege einfach nicht mehr alleine stemmen konnte und auch merkte wie sie in der Tagespflege aufblühte und bei uns total in sich gekehrt war und auf nichts Lust hatte. Es hat mir zwar das Herz gebrochen, aber ich will ja nur ihr Bestes. Aber mir fehlen so sehr Fotos von ihr. Aber morgen darf ich sie das erste Mal nach der Eingewöhnung Wiedersehen und werde gleich Deine Idee mit dem Selfie umsetzen. Weil es ist egal wie meine Mama aussieht! Sie ist meine Mama und für mich immer die Schönste!

    1. Liebe Ina,
      ich wünsche dir einen wunderschönen Besuch morgen bei deiner Mama und dass ihr schöne Stunden miteinander verbringen könnt. Ja, mache die Fotos, unbedingt. Du hast Recht: Es ist egal, wie Mama aussieht. Sie ist und bleibt die Beste.
      Ganz liebe Grüße, Peggy

  2. Ich mache inzwischen viele Videos von meinem Sohn mit seinen Großeltern (seinem dementen Opa und den anderen). Da hört man dann auch die Stimme und sieht wie sie miteinander umgehen.

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