"Liebe Mama..."

Liebe Mama, ich vermisse dich als Oma – und feiere mit dir!

Meine Große hat Geburtstag. Für sie ist der Tag fröhlich aufregend, für mich mischt sich Traurigkeit hinein. An solchen Tagen merke ich irgendwie viel schmerzlicher als sonst, dass Mama Alzheimer hat. Ich erinnere mich an ihre Freude von damals – und weiß auch, wie fröhlich es sie jetzt macht, die Kinder zu haben. Ein neuer Brief an meine Mama: Liebe Mama, ich vermisse dich als Oma – und feiere mit dir!

Liebe Mama, ich vermisse dich als Oma!

Heute feiern wir Geburtstag, mal wieder ohne dich und Papa. “Das tut mir leid”, sagt Papa, als wir telefonieren. Du bist gerade in der Kurzzeitpflege, er besucht dich jeden Tag und wir sprechen abends am Telefon darüber, wie es dir geht und wie es ihm geht (es fällt ihm so schwer, das merkst du vermutlich, oder?).

„Passt schon“, sage ich zu Papa. „Geht halt nicht anders.“ Ich möchte so tun, als wäre es okay, aber es macht mich traurig. Und ich bin genervt von mir. Dir geht es doch gut. Meiner Tochter geht es gut. Sie verbringt einen schönen Geburtstag, mit ihren Freundinnen. Ich habe ihr zwei Kuchen gebacken und den tollsten Kaktus gekauft, den ich finden konnte (sie liebt Kakteen, weißt du).

Ich denke daran, wie aufgeregt du vor 14 Jahren warst. Als ich anrief und sagte, dass meine Tochter geboren ist. Du hattest schon Wochen zuvor angefangen, für sie zu stricken. Du hast Mützchen, Söckchen und Jäckchen gestrickt. Du hattest schon immer viel Wolle zu Hause und hast viel gestrickt, aber für mein Baby hast du extra weiche Wolle bestellt. Du hast dich so auf meine Tochter gefreut.

Du hast dich immer so über mein Baby gefreut

Und dann war sie da – und mir war es manchmal viel zu viel. Ich konnte dir am Telefon davon erzählen. Ein paar Wochen später hattest du einen schweren Autounfall. Es wurde meine erste Reise mit Kind. Mit meiner wenige Wochen alten Tochter kam ich mit dem Zug zu dir. Den Unfall sah man dir immer noch an, aber du hattest für mich und meine Kleine gesorgt. Du hattest den Schreibtisch meines Bruders in einen Wickeltisch umfunktioniert und warst so stolz. Du hast dich so gefreut, dass mein Baby und ich dir ein wenig Gesellschaft geleistet haben und schnell ging es dir wieder richtig gut.

Und ich war froh, dich zu haben. 

Mit der Diagnose änderte sich das – und irgendwie auch nicht. Ich war unsicher, ob ich ein zweites Kind bekommen dürfte. Du brauchtest mich und wie sollte das funktionieren? Ich habe ein zweites Kind bekommen und dann sogar ein weiteres. Du warst einer der wenigen Menschen, die sich darüber von Herzen gefreut haben. Du hast vom Zusammensein mit den Mädchen gezehrt und auch heute noch sind das frohe und schöne Momente für dich. In den vergangenen Jahren habe ich oft erlebt und gestaunt, wie unbeschwert die Kinder mit dir umgehen und wie fröhlich du mit ihnen bist (vielleicht weil du bei ihnen nie korrigiert wurdest?).

Ach, meine liebe Mama, ich vermisse dich nicht nur als Mama, sondern auch als Oma. Ich weiß, wenn diese Alzheimererkrankung nicht wäre, wärest du für mich und meine Tochter da. Das sind meine Bilder im Kopf und meine Wünsche, die ich so gar nicht möchte, denn sie machen mich doch eigentlich nur traurig. Aber sie sind da – und das ist wohl einfach so.

Liebe Mama, ich bin so sicher, du wärest die beste Oma. Und weißt du was, es ist wunderbar, dass du da bist! Meine Mädchen haben dich sehr lieb. Sie machen sich Gedanken um dich und wollen, dass es dir gut geht. Und sie können von dir lernen.

Oma und Enkelin – viele Jahre später.

Meine liebe Mama, heute vor 14 Jahren haben wir in Gedanken miteinander angestoßen, du und Papa mit den Nachbarn, ich war noch in der Klinik. Ich werde heute anstoßen, wieder in Gedanken, und wissen, dass du doch irgendwie auch dabei bist.

Deine Peggy 

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