Expert:innen-Gespräche, Tipps für den Alltag

Interview mit Dr. Sarah Kohl: „Die dauerhafte Gabe von Antipsychotika ist ein Problem“

Viele Menschen mit Demenz nehmen Beruhigungsmittel. Diese Arzneimittel können hilfreich sein, für eine gewisse Zeit und bei bestimmten Symptomen. Aber: „Die dauerhafte Gabe ist ein Problem“, sagt Psychiaterin Dr. Sarah Kohl vom Projekt DECIDE. Antipsychotika schränken nicht nur die Lebensqualität ein, sondern sie können auf Dauer auch der Gesundheit schaden. Ich habe mit Sarah Kohl darüber gesprochen. Im Interview erklärt sie, wann Antipsychotika notwendig sind, welche Nebenwirkungen damit einhergehen können und warum es sich meist lohnt, die Mittel abzusetzen. Sie erklärt auch, auf welche Anzeichen Pflegende achten sollten und wie das DECIDE-Projekt helfen kann.

Frau hält Tabletten in der Hand
Viele Menschen mit Demenz bekommen viele Medikamente. Wann sind Antipsychotika notwendig?
Foto: Towfiqu Barbhuiya/Unsplash

In meiner Rubrik Expert:innen-Gespräche unterhalte ich mich mit Fachleuten zu verschiedenen Themen rund um Demenz. Dieses Mal wird es sehr medizinisch. Ein Interview über Medikamente und vor allem Beruhigungsmittel, sogenannte Antipsychotika, mit der Psychiaterin Dr. Sarah Kohl.

Interview mit Dr. Sarah Kohl über Beruhigungsmittel

Dr. Sarah Kohl ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für kognitive Störungen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München. Sie ist für das Projekt DECIDE tätig und klärt über den Gebrauch von Beruhigungsmitteln bei Menschen mit Demenz auf.

Frau Dr. Kohl, viele Menschen mit Demenz nehmen Psychopharmaka, zum Beispiel Beruhigungsmittel. Warum werden diese Arzneimittel überhaupt verschrieben?

Die Hauptursache, weshalb Menschen mit Demenz Beruhigungsmittel verschrieben bekommen, sind Verhaltenssymptome. Diese treten vorwiegend im fortgeschritteneren Stadium der Demenz auf und können sich verschieden äußern: als Unruhe, Ängstlichkeit, Aggressivität, Enthemmung, Schlafstörung. Ungefähr 80 Prozent der Menschen mit fortgeschrittener Demenz entwickeln Verhaltenssymptome. Dann kommen häufig Beruhigungsmittel zum Einsatz, zumeist Antipsychotika. Der AOK-Pflegereport von 2017 hat festgestellt, dass 40 Prozent der Pflegeheimbewohner dauerhaft mindestens ein Antipsychotikum bekommen.

Wie wirken diese Antispsychotika?

Antipsychotika wirken – wie der Name schon sagt – sehr gut gegen psychotische Symptome, also Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Aber typischerweise werden sie bei Demenz nicht antipsychotisch angewendet, sondern aufgrund der beruhigenden Wirkung verschrieben. Das unerwünschte Verhalten wird durch die sedierende, also beruhigende Wirkung des Medikaments unterdrückt. Das kann phasenweise notwendig sein, allerdings sollte die Medikation nur vorübergehend gegeben werden. Die dauerhafte Gabe ist ein Problem.

Warum ist es ein Problem, wenn Antipsychotika dauerhaft genommen werden?

Diese Medikamente können mit starken Nebenwirkungen einhergehen. Die Menschen mit Demenz werden durch die Mittel schläfriger und können beispielsweise nicht mehr so gut an Betreuungs- oder Therapieangeboten teilnehmen. Antipsychotika wirken sich nicht nur auf die Lebensqualität negativ aus, sondern sie bringen auch gesundheitliche Risiken und Nebenwirkungen mit sich. Es kann zu Schwindel, niedrigem Blutdruck und Bewegungsstörungen kommen, was wiederum die Sturzgefahr erhöht. Die Bewegungsstörungen äußern sich wie Parkinson-Symptome: Steifigkeit in den Gelenken und kleinschrittiger Gang. Man weiß zudem, dass Antipsychotika die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen können. Aus Studien ist bekannt, dass Antipsychotika mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko und einer erhöhten Sterblichkeit einhergehen.

Sie sind in Pflegeheimen unterwegs und prüfen vor Ort die Medikamente der Bewohner:innen. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Ich war mit dem Projekt DECIDE bislang in 20 Pflegeheimen und habe die Diagnosen und die Medikation von circa 2000 Bewohner:innen angeschaut. Bei den Bewohner:innen mit Demenz liegt die Verschreibungsrate von sedierenden Psychopharmaka im Schnitt bei 52 Prozent. Es gibt große Unterschiede zwischen den Pflegeheimen: Die Spanne reicht von 35 bis 68 Prozent. Die am häufigsten verschriebenen Präparate sind Risperidon, Pipamperon, Quetiapin und Melperon.

Sollte also generell auf Antipsychotika verzichtet werden?

Nein, tatsächlich zweifle ich die Indikation, warum diese Medikamente angesetzt werden, selten an. Sie sind in vielen Fällen hilfreich, verringern den Leidensdruck der Person mit Demenz, wenn zum Beispiel Angst und Unruhe gelindert werden und erleichtern den Umgang und die Pflege. Das Problem ist, dass diese Mittel teils dauerhaft gegeben und die fortgesetzte Gabe oft nicht kritisch hinterfragt wird. Die Medikamentengabe sollte regelmäßig überprüft und angepasst werden. In vielen Fällen lässt sich die Dosierung zumindest reduzieren oder das Mittel sogar ganz absetzen.

Können die Verhaltenssymptome dann wieder auftreten?

Ja, das kann passieren, vor allem, wenn die Verhaltenssymptome sehr stark ausgeprägt waren. Unter bestimmten Voraussetzungen aber- zum Beispiel wenn das Verhalten seit mindestens drei Monaten stabil gebessert ist, kann das Reduzieren oder Ausschleichen der Medikation risikoarm und sehr erfolgreich gelingen. Langzeituntersuchungen zeigen allerdings, dass die Mittel später oft wieder angesetzt werden. Das liegt daran, dass mit dem Fortschreiten der Demenz wieder zunehmend Verhaltenssymptome auftreten können. Aber selbst eine Dosisreduktion oder auch ein Absetzen der Medikation für einen gewissen Zeitraum kann ein Gewinn sein. Die Lebensqualität nimmt zu, die Menschen können mehr am Leben teilhaben und das Risiko für Schlaganfälle und Stürze sinkt.

Bei welchen Nebenwirkungen sollte man stutzig werden?

Es ist gar nicht so einfach, Nebenwirkungen zu erkennen. Gerade Menschen mit fortgeschrittener Demenz können ihre Beschwerden häufig nicht mehr selbst äußern und die Nebenwirkungen sind sehr unspezifisch. Hilfreich ist es, wenn das Pflegepersonal und die Angehörigen genau hinschauen und sich über Veränderungen austauschen. Wenn der Mensch mit Demenz plötzlich dauernd schläft oder Bewegungsstörungen hat, dann fällt das auf. Ich rate, sich dann an den Arzt zu wenden, der das Medikament verschrieben hat.

Inwieweit kann DECIDE Menschen mit Demenz helfen?

In Bayern bieten wir für Angehörige von Pflegeheimbewohner:innen mit Demenz eine Telefonsprechstunde zur Beratung bezüglich Beruhigungsmitteln bei Demenz an. Angehörige und Interessierte können sich auch auf unserer Website www.decide.bayern informieren. Uns ist es wichtig, über das Thema zu informieren und aufzuklären, deshalb halten wir Vorträge und Fortbildungen für Ärzt:innen, Apotheker:innen und Pflegekräfte und veröffentlichen Artikel in verschiedenen Zeitschriften. Wir wollen auch die aktuellen Handlungsempfehlungen und Leitlinien zum Thema verbreiten: Wie gesagt, oft sind sedierende Medikamente hilfreich, aber es sollte einmal im Monat überprüfen werden, ob das Medikament noch notwendig ist. Eine Reduktion beziehungsweise ein Ausschleichen der Medikation sollte versucht werden, wenn die Verhaltenssymptome über einen angemessenen Zeitraum, zum Beispiel drei Monate, anhaltend gebessert sind oder natürlich, wenn starke Nebenwirkungen auftreten. Die Schlüsselrolle haben hierbei das Pflegepersonal und die Angehörigen, weil sie den Arzt auf Nebenwirkungen aufmerksam machen können oder auf die Besserung der Symptome.

Kann man präventiv etwas tun, also dass Antipsychotika gar nicht erst verschrieben werden?

Man weiß, dass es kritische Punkte gibt, wann vermehrt Verhaltenssymptome auftreten. Das kann der Umzug ins Pflegeheim oder ein Krankenhausaufenthalt sein. Die fremde Umgebung – neue Menschen, ein neues Zimmer – überfordern viele Menschen mit Demenz, die dann mit Angst, Unruhe oder auch aggressivem Verhalten reagieren. In jedem Fall sollte man sich zunächst auf Ursachensuche begeben und versuchen, auslösende Faktoren zu identifizieren. Diese sind individuell: Sie können an der Umgebung liegen oder durch unerfüllte Bedürfnisse des Menschen mit Demenz, wie Überforderung, Langeweile oder auch medizinische Probleme wie Schmerzen begründet sein. Auch pflegebezogene Faktoren können das Auftreten von Verhaltenssymptomen beeinflussen.

Inwieweit wirkt sich das Verhalten der Angehörigen aus?

Wenn es der pflegenden Person schlecht geht – sie gereizt, überfordert, belastet ist – dann kann sich das auf den Menschen mit Demenz übertragen, sodass er unruhiger und nervöser wird. Deshalb spielt die Selbstfürsorge eine große Rolle, sodass man als pflegender Angehöriger oder professionelle Pflegekraft die Ressourcen hat, wertschätzend zu pflegen. Eine liebevolle Zuwendung kann Verhaltenssymptomen vorbeugen.

Und wenn das allein nicht hilft?

Dann rate ich als ersten Schritt zu nicht-medikamentösen Therapien. Psychosoziale Maßnahmen wie Ergotherapie, körperliche Aktivierung, Musiktherapie oder Entspannungsverfahren wirken sich positiv auf Verhaltenssymptome aus. Eine klare Tagesstruktur und regelmäßige Aktivitäten gemeinsam mit dem Menschen mit Demenz sind hilfreich. Bei ausgeprägten Verhaltenssymptomen ist aber manchmal eine medikamentöse Behandlung unumgänglich.

Was raten Sie Angehörigen?

Verhaltenssymptome sind eine große Herausforderung für Angehörige. Wenn der Mensch mit Demenz schreit oder aggressiv wird, dann ist das belastend. Niemandem geht es gut damit. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Als meine Großmutter Verhaltenssymptome bei Demenz entwickelte, habe ich mich zunächst sehr von ihr zurückgezogen, weil mir der Umgang mit ihrem veränderten Verhalten schwerfiel. Es hilft, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen. So merkt man, dass man mit dem Thema nicht alleine. Ich empfehle allen Angehörigen, sich Gesprächspartner zu suchen, etwa auch über die Alzheimer Gesellschaft.


Das DECIDE-Projekt

DECIDE ist ein vom Bayrischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördertes Projekt zur „Reduktion sedierender Psychopharmaka bei Heimbewohner:innen mit fortgeschrittener Demenz“. Initiiert wurde es am Zentrum für Kognitive Störungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München unter Leitung von Prof. Janine Diehl-Schmid (Chefärztin am Zentrum für Altersmedizin, kbo Inn-Salzach-Klinikum, Wasserburg).

DECIDE richtet sich an Angehörige von Menschen mit Demenz und Pflegekräfte in Bayern. Auf der Website finden sich ausführlichere Informationen über Verhaltenssymptome und die Gabe von Beruhigungsmitteln. Auch die Leitlinien und Informationen für professionell Pflegende finden sich dort, sowie eine Online-Vortragsreihe für professionell Pflegende

Angehörige von in Pflegeheimen lebenden Menschen mit Demenz in Bayern können auch die Telefonsprechstunde nutzen: Immer donnerstags zwischen 14 und 17 Uhr findet kostenlos eine fachärztliche Beratung zu Psychopharmaka und Beruhigungsmitteln statt. Telefon: 089 – 41 40 64 53

8 Gedanken zu „Interview mit Dr. Sarah Kohl: „Die dauerhafte Gabe von Antipsychotika ist ein Problem““

  1. Angehörige von bettlägerigen, an Demenz Erkrankten „beschuldigen“ Pflegepersonal und Institutionen gelegentlich der „medikamentösen Ruhigstellung“, um sich die Pflegearbeit zu erleichtern.

    Lassen Sie mich erklären, wie man die Richtigkeit der angeführten Begründung überprüfen kann.

    Auch bei korrekter Indikation, Dosierung und Verabreichung von Psychopharmaka kann es zu vermehrter Schläfrigkeit von Patientinnen kommen, sodass die Körperpflege deutlich schwerer zu absolvieren ist, als wenn ein Patient wach ist.

    Machen Angehörige einen Blick unter die Bettdecke und sehen einen gut gepflegten Patienten, ein glatt gestrichenes Leintuch etc. Dann wurde der Patient bestimmt nicht medikamentös „ruhig gestellt“, um dem Pflegepersonal die Arbeit zu erschweren.

    1. Vielen Dank für die ergänzenden und erklärenden Worte. Ich finde diese doch recht praktischen Tipps sehr hilfreich, denn gerade, wenn der Mensch eine fortgeschrittene Demenz hat, kann er/sie selber nicht mehr berichten und als Angehörige ist es wirklich schwer einzuschätzen, weshalb das Mittel gegeben wurde und welche Wirkungen und gegebenenfalls Nebenwirkungen es hat.
      Wichtig ist sicher auch, dass man bei entsprechendem Verdacht mit dem Pflegepersonal kommuniziert und für einen offenen Austausch bereit ist.

  2. Ich glaube, dass dies richtig und wichtig, aber auch ein sehr schwieriges Thema ist. Denn für die alternativen Therapien, die ich eigentlich normal finde, braucht man einfach einige Menschen. Mein Mann, den wir zu Hause pflegen, hat eine sehr liebevolle Betreuerin, die stundenweise zu ihm kommt. Im Hauptberuf arbeitet sie in einem Pflegeheim. Oft kann es vorkommen, dass Sie und vier Kolleginnen 30 Demenz Patienten betreuen müssen… die alternativen Therapien, die Frau Dr. Kohl anspricht, haben wir zu Hause mit einer Betreuungsquote von 2 zu 1 umgesetzt und ich bin ganz ihrer Meinung, dass es viel besser für meinen Mann war/ist, dass wir seine Symptome ohne Risperidon ausgehalten haben.. jetzt ist er wieder ruhiger, aber es kostet schon unglaublich viel Kraft, diesen besseren und sanfteren Weg zu gehen.. Abends geben wir meinem Mann dennoch Zopiklon und Mirtazipin, damit er ruhig schlafen kann und wir auch…
    Ich würde mir sehr wünschen, dass es auch in Pflegeheimen möglich ist, dies so umzusetzen, ich glaube, dass es viele liebevolle pflegende Personen gibt, ich frage mich nur, wie es umsetzbar ist, wenn wir uns damit schon schwer tun, aber damit habe ich jetzt vielleicht nicht genau zu dem Thema kommentiert, denn ich stimme ja zu, dass dies wichtig ist….

    1. Stimmt, liebe Anja, da hast du Recht. Alternative Therapien sind extrem hilfreich, aber in der Realität hapert es oft daran, dass nicht genug Personal da ist oder gar niemanden gibt, der diese Therapien anbieten könnte. Das ist sowohl im ambulanten, als auch im stationären Bereich leider ein großes Problem.
      Wenn du das so beschreibst, wie ihr euch mit zwei Pflegenden um eine Person kümmert, dann ist tatsächlich sehr fraglich, wie das in Einrichtungen funktionieren soll.
      Und Beruhigungsmittel haben ja auch ihre Berechtigung. Sie können allen Beteiligten helfen, dem Betroffenen und den Pflegenden. Ich möchte nichts verteufeln und ja, das ist in der Tat ein schwieriges Thema und doch wichtig, darüber Bescheid zu wissen.

      1. Absolut haben „Beruhigungsmittel“ ihre Berechtigung. Will man zB agitierte Patienten nicht in einen Herzinfarkt treiben.
        Deshalb spreche ich von indizierter, richtig dosierter und richtig verabreichter Therapie.

    2. Liebe Anja Heidenreich,

      Danke für deinen Kommentar. Du hast genau zum Thema kommentiert.

      Ich weiß, dass es Mut und Kraft braucht zu beschreiben was du erlebst. Deinen Beitrag hier sehe ich stellvertretend für die vielen Menschen, die Ähnliches durchmachen wie du. Auch wenn sie es nicht öffentlich sagen können oder sagen wollen.

      Dein Beitrag wirkt wie ein Hilferuf. Aber echte Hilfe lässt sich im Internet nicht finden, weil jeder Fall individuell ist – und zwar von Patientenseite ebenso wie von Angehörigenseite.

      Jede*r Erkrankte hat neben der Erkrankung mit ihren „Färbungen“ auch den eigenen Charakter. Und nicht alle Angehörigen haben dieselben zeitlichen, örtlichen, finanziellen, beruflichen, familiären, physischen, psychischen, emotionalen, oder charakterlichen Möglichkeiten.

      Deshalb antworte ich allgemein, obwohl du insgeheim zur beschriebenen Therapie vielleicht Zustimmung oder Verbesserungsvorschläge erwartest. Doch ist es seriöser Weise nicht möglich effektiv zu helfen, ohne die individuellen Parameter mit einzubeziehen.

      Mit altersmedizinischem Wissen müssen dir Therapieziele dargelegt werden und müssen dir Prognosen aufgezeigt werden, damit du Perspektiven entwickeln und haben kannst. Unter diesen Aspekten wird dir geholfen, die eigene Persönlichkeit und dein eigenes Leben zu verorten.

Kommentar verfassen