Was die Kinder fragen

Tabu-Thema Pflege? Wie Kinder davon profitieren, wenn wir über Pflege sprechen

Pflegen und gepflegt werden – das sind Themen, über die wir erst anfangen zu sprechen, wenn sie uns betreffen. Zugegeben, ich bin da keine Ausnahme. Auch für mich spielt das Thema Pflegen erst eine Rolle, seitdem meine Mama diese durch ihre fortgeschrittene Alzheimererkrankung benötigt. Ich bin mir oft unsicher, inwieweit ich die Kinder einbeziehen kann und halte praktische Pflege-Themen lieber fern. Aber: Ich merke auch, dass sich meine Kinder dafür interessieren. Und ich weiß: Sie suchen sich ihre eigenen Antworten, falls sie von mir keine bekommen. Ein kleines Plädoyer, für mehr Hinhören und Sprechen über heikle Themen, die für Kinder oft gar nicht so heikel sind.

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Tabu-Thema Pflege?

Ich weiß nicht mehr, wann Themen rund um Pflege bei uns Einzug gehalten haben. Es ist wie mit so vielen Dingen im Leben mit Demenz: Die Veränderungen sind fortlaufend. Sie schleichen dahin wie eine Schnecke und erst wenn man seinen Blick für längere Zeit abwendet, sieht man, welchen Weg sie schon fortgelegt hat. Nach und nach hielten immer mehr Hilfsmittel bei meinen Eltern Einzug und auch mehr pflegerische Unterstützung.

Ich spreche mit meinen Kindern immer mal wieder über Alzheimer und Demenz. Ich weiß nicht immer eine Antwort auf ihre Fragen, aber ich finde es wichtig, die Themen anzusprechen. Ich möchte vermeiden, dass sie Fragen beschäftigen, auf die sie versuchen eine eigene Antwort zu finden und sich vielleicht unnötig Sorgen machen. Denn genau dassiert ja häufig, wenn man auf ihre Fragen nicht eingeht. „Kinder machen sich immer ihre eigenen Gedanken und setzen daraus eigene Geschichten zusammen. Besser ist deshalb der offene Umgang“, rät Christina Kuhn vom Demenz-Support in einem Interview über Kinder und Demenz.

Über pflegerische Dinge zu sprechen fällt mir allerdings gar nicht so leicht. Eigentlich kein Wunder, ich habe es nie gelernt. Genauso wenig wie das Thema Pflegeheim waren Bettauflagen, Rollatoren oder Inkontinenzauflagen je Themen, über die wir gesprochen haben – obwohl sie doch Themen für so manch Eine waren. Wie

Warum es schwerfällt, über Pflege zu sprechen

Pflegen – das sind irgendwie immer noch ein Thema, über das nicht gesprochen wird. Ich meine jetzt nicht politische Strukturen, sondern die körperliche Pflege. Es ist ein Tabu-Thema in der Gesellschaft. Auch im kleinem Kreis, etwa unter Freunden oder in der Familie, wird kaum darüber gesprochen. Warum? Ist es die Scham? Ja, vermutlich spielt die Scham eine große Rolle. Oder sind es Ekelgefühle? Vielleicht auch. Oder liegt es schlichtweg an der eigenen Überforderung? Ja, möglicherweise.

Dazu kommt, dass jeder und jede noch mal seine eigenen Gründe hat, warum man nicht darüber redet. Mein Grund ist oft die Unsicherheit: Ich möchte für meine Mama gerne alles richtig machen, merke aber, wie schwer es mir manchmal schon fällt, ihr die Schuhe zu wechseln oder Zähne zu putzen. Wenn ich davon erzähle, wie schwierig das ist und wie ratlos es mich macht, was denken dann die anderen von mir? Bin ich unfähig zu pflegen?

Solche Gedanken und falsche Glaubenssätze kommen mir in meinen Kopf. Ich versuche sie einfach weiterziehen zu lassen, denn ich weiß, dass es vor allem darum geht, es so gut wie möglich zu machen. Und dass es okay ist, nicht weiter zu wissen.

Heikle Themen, die für die Kinder nicht heikel sind

Es hängt natürlich auch damit zusammen, sich von den Vorstellungen und Rollenbildern – von dem Bild als Mutter und von dem als Tochter. „Wir haben eine romantische Vorstellung über das heilige Familienleben“, hat Nicole in ihrem Blog geschrieben. Das Problem: Die Vorstellung hat mit der Realität oft nicht so viel gemeinsam. Es lohnt sich, die Realität zu sehen und sie auch die Kinder sehen zu lassen.

Erst neulich habe ich gemerkt, wie aufmerksam meine KInder für Pflege-Themen sind und wie sie sich dafür interessieren. Die Kleinste hat die Inkontinenzeinlagen meiner Mama im Bad gesehen und bei jedem Toilettengang zeigte sie darauf und fragte mich nach. Und irgendwann sagte sie: „Die sind für die Oma.“ Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte, aber ich fühlte mich erleichtert, als ich merkte, dass es für sie ganz normal schien. Sie wertete nicht, sie schämte sich nicht. Diese Einlagen sind für einfach etwas, das die Oma braucht. Diese Situation hatte mir mal wieder gezeigt, dass Kinder im Umgang mit Demenz oft kleine Lehrmeister sind.

Oder die Stützstrümpfe. Ich habe viel und oft vorab mit meinem Bruder, meinem Papa und der Leiterin vom Pflegedienst darüber gesprochen. Mit meinen Kindern kaum. Aber als wir neulich bei meinen Eltern waren, wurde es Thema. „Ach so, das sind Stützstrümpfe“, kommentierte meine mittlere Tochter und erzählte, was sie sich in ihrem Kopf zusammengereimt hatte: Ein Strumpf, der von außen eine Metallschiene befestigt hat, damit die Oma besser gehen und stehen kann.

Was meine Kinder lernen: Pflege gehört zum Leben dazu

Auch der Pflegedienst ist so ein Thema. Meinem Papa ist es schwer gefallen, den Pflegedienst zu akzeptieren – und das, obwohl er selber oft sagte, dass alles so anstrengend geworden sei. Aber dass jemand anders meiner Mama mal die Haare wäscht war ein wenig wie das Eingeständnis, es alleine nicht zu schaffen. Und auch mir bereitet der Pflegedienst immer mal wieder ein schlechtes Gewissen. Weil der Gedanke, als perfekte Tochter zu versagen, da oft mitschwingt. Dieses verklärte Bild, Pflege alleine meistern zu können, begleitet mich immer noch – und das obwohl ich es doch besser weiß.

Pflegen kann keiner alleine. Körperliche Pflege kann man nicht mal so nebenbei machen. Es ist eine Aufgabe – und ich bin davon überzeugt, dass der zu Pflegende und pflegende Angehörige davon profitieren, wenn man dafür ein Netz an Helfern hat und wenn man offen über die Herausforderungen spricht.

Ich wünsche mir, dass meine Töchter durch Mamas Alzheimererkrankung nicht nur lernen, was Alzheimer ist, sondern auch, dass Pflegen ein ganz normaler Bestandteil des Lebens ist und dass es gut ist, offen damit umzugehen.

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