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Keine Angst vor dem Thema Pflegeheim

Als meine Mama die Diagnose Alzheimer erhielt, tauchte urplötzlich das Schreckgespenst Pflegeheim auf. Ich habe sofort daran gedacht, und den Gedanken, dass meine Mama alleine in einem Pflegeheim ist, schnell und weit von mir geschoben. Wir haben uns nie dazu ausgetauscht. Nun bereue ich das, denn mit ihr kann ich nicht mehr reden. Ich merke, wie wichtig es ist, sich damit zu beschäftigen und doch fällt es schwer. Mit der neuen Folge „Leben, Lieben, Pflegen“ möchten Anja Kälin und ich alle ermutigen, sich über das Thema Pflegeheim zu informieren.

Das Thema Pflegeheim – ein Schreckgespenst für mich

Mit der Alzheimer-Diagnose meiner Mama tauchte das Thema Pflegeheim auf: als großes Schreckgespenst. Wir sprachen in den Wochen nach der Diagnose als Familie viel darüber, wie es weitergehen könnte. Wir sprachen auch viel über das Umziehen, aber das Thema Pflegeheim klammerten wir aus. Ich dachte, wir hätten noch Zeit, um darüber zu reden. Und ehrlich gesagt, waren wir anfangs bemüht, so viel Normalität wie möglich herzustellen, damit alles einfach weiter laufen kann.

Mir machte das Thema Pflegeheim Angst – und das macht es noch immer. Neulich habe ich in einem Brief an meine Mama geschrieben, dass ich es bereue, nicht mir ihr darüber gesprochen zu haben. Denn nun geht es nicht mehr, weil sie kaum noch redet. Vielleicht war ich über all die Jahre zu feige, um mich meinen eigenen Ängsten zu stellen. Möglicherweise war es auch nur die Angst, sie zu kränken und zu beschämen und die Sorge, sie könnte denken, wir wollten sie nicht mehr bei uns haben und wir würden sie „abschieben“ wollen.

Wann ist der beste Zeitpunkt für ein Gespräch?

Heute denke ich, dass wir gleich nach der Diagnose hätten anfangen sollen, darüber zu sprechen. Meine Eltern haben sich damals ja auch schnell darum gekümmert, eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht aufzusetzen. Das wäre doch auch ein guter Zeitpunkt gewesen, um das Thema Pflegeheim anzugehen, oder?

In der neuen Folge von „Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie“ spreche ich mit Anja Kälin von Desideria Care genau über solche Fragen. Anja weiß aus der Begleitung von Angehörigen von Menschen mit Demenz, dass es vielen genau so geht wie mir. Auch sie selber hat die Erfahrung gemacht, wie schwer es fällt, sich mit dem Thema Pflegeheim auseinanderzusetzen. „Pflegeheim ist ein Thema, das gerne auf die lange Bank geschoben wird. Dabei schwingen von den Angehörigen oft Schuldgefühle, Ängste, aber auch Gefühle des Versagens und des Verrats mit“, erklärt sie im Podcast „Leben, Lieben, Pflegen“.

Ihr Rat: So früh wie möglich das Thema angehen. „Es fällt schwer darüber nachzudenken, und doch ist es wichtig. Denn dieser unvorhergesehene Moment kommt in vielen Familien tatsächlich sehr häufig und dann ist es gut, wenn man sich schon mal Gedanken gemacht hat oder idealerweise auf der Warteliste der Wunsch-Einrichtung steht“, sagt Anja.

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Die neue Folge von „Leben, Lieben, Pflegen“

Welche Möglichkeiten gibt es?

Bei meinen Eltern spielt das Thema Wohnen gerade eine große Rolle, weil sie im Haus einiges haben umbauen zu lassen. Mama hat große Probleme beim Treppengehen, deshalb waren Veränderungen notwendig. Kurz kam das Thema Pflegeheim auf, über andere Alternativen sprachen wir kaum, auch weil wir uns nicht damit beschäftigen wollten. Irgendwie war da der naive Wunsch da, es würde wieder alles gut und Mama gesund werden.

Wer sich mit dem Thema „demenzfreundlich wohnen“ beschäftigt, der entdeckt, dass es da durchaus noch mehr Alternativen gibt, zum Beispiel betreute Wohn- und Hausgemeinschaften, Seniorenresidenzen, Demenz-WGs, Mehrgenerationenhäuser. Eigentlich muss die Entscheidung gar nicht sein: Pflegeheim oder nicht? Aber, nur, wer sich informiert und eben auch das Wohnen und Thema Heim anspricht, kann eine Entscheidung treffen.

Was hilft bei der Wahl des Pflegeheims?

Wie finde ich ein gutes Heim? Was ist überhaupt ein gutes Heim? Es gibt viele gute Checklisten, die bei der Suche und Auswahl eines Pflegeheimes unterstützen. An dieser Stelle möchte ich euch an hilfreiche Websiten weiterleiten:

  • Die Checkliste zur Pflegeheimauswahl der Weissen Liste, einer gemeinsame Idee der Bertelsmann Stiftung und Weissen Liste (der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen) deckt viele Fragen und Punkte ab, auf die man bei der Auswahl und Besichtigung achten sollte. Auf der Website kann man auch nach Pflegeeinrichtungen suchen.
  • der Pflegelotse ist ein unabhängiges und kostenloses Informationsportal des vdek, das bei der Suche nach einer geeigneten Pflegeeinrichtung im gesamten Bundesgebiet hilft. Man findet zum Beispiel Informationen über Größe, Kosten, besondere Versorgungsformen sowie Lage und Anschriften der Einrichtungen
  • Stationäre Pflege – gute professionelle Pflege erkennen. Das ist ein hilfreicher Ratgeber vom Zentrum für Qualität der Pflege (ZQP), den man kostenlos bestellen oder herunterladen kann
  • Der Ratgeber „Umzug ins Pflegeheim“ der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist sehr hilfreich und gibt viele praktische Tipps

All die Checklisten und Internetseiten können eine gute Vorbereitung und Unterstützung sein. Was aber hilft bei der Entscheidung? Das habe ich Anja gefragt und sie hat gesagt: „Es waren eine Reihe an Kleinigkeiten, die zu einem guten Bauchgefühl geführt haben. Das war vielleicht eher diffus, aber es war so, dass ich dachte, ich könnte es mir vorstellen – und ich könnte es mir auch vorstellen, als Angehörige gerne in das Heim zu kommen.“ Bei der Entscheidung kann das Worksheet „Entscheidungshelfer“ unterstützen.

Ich bin froh, dass meine Mama noch zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung sein kann – und ich wünsche mir sehr, dass sie bis zum Ende zu Hause wohnen kann. Aber ich weiß, dass es oft nicht möglich – und auch nicht hilfreich – ist, weder für den Menschen mit Demenz noch für die Angehörigen. Für diesen Fall möchte ich mich vorbereiten und keine Angst mehr vor dem Thema Pflegeheim haben.

Podcast „Leben, Lieben, Pflegen“: Umzug ins Pflegeheim

Noch mehr Informationen könnt ihr im Podcast anhören. Anja und ich sprechen auch darüber, wie man in der Familie eine Entscheidung trifft, wenn man sich uneinig ist, und welche Veränderungen und Chancen der Umzug in ein Pflegeheim mit sich bringen kann. Denn auch das gibt es. Das Heim kann eine Chance sein, wieder in Kontakt mit anderen zu kommen und wieder in Beziehung zu kommen.

Es gibt Themen, die sind irgendwie tabu, obwohl sie doch immer da sind. So wie das Thema Pflegeheim. Es ist wichtig, sich frühzeitig damit auseinanderzusetzen – und doch fällt gerade das so schwer. In der neunten Folge von "Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie" sprechen Familiencoach Anja Kälin und Alzheimer-Bloggerin Peggy Elfmann unter anderem darüber wie man ein gutes Pflegeheim für seinen Menschen mit Demenz findet, wie man in der Familie eine Entscheidung trifft, wenn man sich uneinig ist, und welche Veränderungen und Chancen der Umzug in ein Pflegeheim mit sich bringen kann.

Foto: Michael Schofield/Unsplash

2 Gedanken zu „Keine Angst vor dem Thema Pflegeheim“

  1. Vieles wird in einer Institution professioneller und deshalb auch besser gemacht. Es wird vielleicht auch nicht alles 100%ig sein, aber ehrlich: Läuft es zuhause 100%ig?

    Denken wir doch nur an die Institution „Kindergarten“. Ich bin sicher Sie lieben Ihre Kinder um nichts weniger als Ihre Eltern. Und doch bringen Sie sie in den Kindergarten. Oder denken wir an die Institution „Schule“. Abgesehen von der Schulpflicht: Wem würde es heute noch einfallen, sein Kind zuhause zu unterrichten oder unterrichten zu lassen, anstatt es in die Schule zu schicken?

    Auch in der Institution „Pflegeheim“ wird vieles professioneller und deshalb auch besser gemacht, selbst wenn es einmal etwas geben kann, das verbesserungswürdig ist. Auch darüber kann man sprechen.

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