Wie ich helfen kann

Nesteldecken für Menschen mit Demenz – Im Gespräch mit Jessica Prumbaum

Viele Menschen mit Demenz sind unruhig und die Finger sind immerzu in Bewegung. Jessica Prumbaum näht seit mehreren Jahren Nesteldecken für Menschen mit Demenz. Im Interview erzählt, sie, worauf es dabei ankommt und wie die Decken verwendet werden.

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Zwei Nesteldecken für Menschen mit Demenz: vielfältig und wunderschön

Warum nesteln viele Menschen mit Demenz?

Über die Unruhe meiner Mama habe ich schon häufiger geschrieben. Manchmal hat sie einen großen Bewegungsdrang, meist spielt sie mit ihren Fingern an ihrem Jäckchen oder dem Pullover. Sie tastet und fühlt gerne – und das brachte meine Kinder zu der Frage: „Warum spielt die Oma immer mit den Händen?“

Das Nesteln und erspüren hilft ihnen, ihren Körper besser wahrzunehmen. Meine Recherchen führten mich unter anderem zu Jessica Prumbaum. Im Interview berichtet sie über die besonderen Decken und Kissen.

Interview mit Jessica Prumbaum

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Jessica Prumbaum näht seit sechs Jahren Nesteldecken für Menschen mit Demenz. Was anfangs ein Hobby war, hat sich zu einem umfassenden Job entwickelt. Auf Patchwork Design informiert Jessica über die Decken und Kissen und verkauft ihre Decken. Immer noch ist jedes Stück ein Unikat. Jessica arbeitet ehrenamtlich in einem Seniorenheim

Liebe Jessica, was genaus sind denn Nesteldecken?

Als ich vor sechs Jahren angefangen habe, Nesteldecken zu nähen, war das noch nicht so bekannt. Seitdem hat sich Einiges getan, auch weil viel mehr über das Thema Demenz gesprochen wird. Nesteldecken sind spezielle Therapie- oder Motorikdecken. In jede Decke vernähe ich verschiedene Stoffe und unterschiedliche Elemente wie Holz- oder Plastikringe, Bommeln, Taschen, Fäden. Ich habe gut 100 Elemente, aus denen ich wähle, denn zu voll darf die Decke auch nicht sein.

Warum verwendest du so viele Elemente und Stoffe?

Mit Nesteldecken oder -kissen setzt man taktile Reize. Stoffe haben unterschiedliche Strukturen und durch eine Kombination mehrerer Stoffe und Elemente kann ich feinmotorische Anreize schaffen und zum Erfühlen und Tasten motivieren. Die Decken und Kissen dienen nicht nur der Beschäftigung, sie können auch die Feinmotorik fördern. Bei mir ist jede Decke ein Unikat. Ich bin auch immer wieder auf der Suche nach alten Stoffen, etwa mit Mustern von früher oder alten Tischdecken, weil ich hoffe, dass die Menschen mit Demenz so auch einen Wiedererkennungseffekt spüren.

Kleine Elemente regen das Fühlen an

Wie kommen deine Decken bei den Menschen mit Demenz an?

Anfangs haben vor allem Angehörige Decken oder Kissen bei mir gekauft. Mittlerweile habe ich auch viele Bestellungen von Pflegeheimen. „Angehörige und Pflegende erzählen mir immer wieder, dass die Menschen mit Demenz durch das Nesteln ruhiger werden und sich entspannen.“ Ein Mann erzählte, dass er nun wieder entspannt mit seiner Frau Autofahren könne, weil sie während der Fahrt mit der Decke beschäftigt ist und nicht mehr versucht die Autotür aufzumachen. Das Fühlen regt aber auch Menschen mit Demenz an, die sonst eher „abwesend“ sind. Wenn ich solche Rückmeldungen bekomme, geht mir das Herz auf.

Welche Elemente sind besonders beliebt?

Taschen, Bommeln und Fransen sind zum Beispiel ganz wichtig, das merke ich durch Rückmeldungen. Viele Menschen mit Demenz mögen es, die Fransen zu sortieren oder sie glatt in eine Reihe zu legen. Auch Holzringe sind beliebt. Sie sind einerseits ein Handschmeichler, anderseits lassen sie sich greifen. Deshalb ist eigentlich immer ein Holzring an jeder Decke.

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Bommeln an einer Nesteldecke kommen oft gut an

Worauf achtest du beim Nähen beziehungsweise worauf sollte man achten, wenn man eine Decke oder ein Kissen nähen möchte?

Die Rückseite von meinen Decken ist aus Vlies, sodass sie kuschelig und weich ist und auch wirklich wie eine Decke verwendet werden kann. Kleine Elemente sollte man gut befestigen oder darauf verzichten. Ich verwende zum Beispiel keine kleinen Knöpfe, denn wenn man zwei, drei Tage an einem Knopf dreht, dann löst der sich einfach und es besteht die Gefahr, dass derjenige den Knopf in den Mund nimmt. Bommeln oder Stoffe müssen gut halten, denn unter Umständen wird viel an ihnen gezupft oder gezogen.

Es ist wichtig, dass die Elemente fest vernäht sind

Und die Farbe? Worauf kommt es da an?

Ich nehme gerne kräftige und fröhliche Farben, bleibe aber oft in einer Farbwelt. Mir ist es wichtig, dass die Decke harmonisch wirkt. Ich habe verschiedene Stoffquadrate und nähe dazwischen jeweils einen Streifen, weil es so insgesamt ruhiger wirkt. Ich finde es immer schön, wenn man auch bei den Stoffen und Farben individuelle Vorlieben aufnimmt, also auch die Lieblingsfarbe oder -motive verwendet oder personenbezogene Materialien einarbeitet wie Hosenträger/Gürtelschnallen, die getragen wurden, Stocknägel von Wanderstöcken, Embleme eines Sportvereins, Tierstoffe für Tierliebhaber.

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Fühlschnur zum Nesteln – Anleitung in 7 Schritten

Eine Fühlschnur kann man ganz einfach selbst herstellen

Nicht jeder kann oder möchte nähen und eine Nesteldecke braucht nun doch ein wenig Zeit. Für alle, die es schneller mögen (so wie ich), denen kann ich eine Fühlschnur zum Nesteln empfehlen. Sie lässt sich wirklich ganz einfach basteln und so gestalten, dass sie persönliche Lieblingselemente enthält oder individuelle Themen aufgreift. Hier findet ihr eine Anleitung, wie ihr in sieben Schritten eine Nestelschnur herstellt. Versprochen, das ist ganz easy!

15 Gedanken zu „Nesteldecken für Menschen mit Demenz – Im Gespräch mit Jessica Prumbaum“

  1. Hallo Peggy, ich finde diesen Beitrag sehr interessant und frage mich, ob sie bei Männern genauso wichtig sind, wie bei Frauen. Sollte ich eine Decke gewinnen, würde ich sie gern meinem Mann weiterschenken, der seit 2016 die Diagnose Alzheimer hat.
    Liebe Grüße und eine schöne Adventszeit, Karin

    1. Liebe Karin, Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau, aber werde mal meine Community fragen 😉 Die Rückmeldungen von Mitarbeitern aus Pflegeheimen waren aber durchweg positiv, also so, dass auch Männer die Decken gerne nutzen und nesteln. Lg Peggy

  2. Liebe Peggy,
    bei meiner Mama wurde vor 6 Jahren Demenz diagnostiziert. Seit ca 2 Jahren kann sie nicht mehr sprechen und mittlerweile liegt sie meiste Zeit im Bett und ist geistig in einer anderen Welt. Manchmal sehe ich ihre Augen noch kurz aufleuchten und frage mich, was sie dann wohl denkt. Dann nestelt sie auch stark an ihrer Kleidung oder Decke. Ich würde mich daher riesig freuen, wenn ich eine Nesteldecke für sie gewinnen konnte. Gelb und orange waren immer ihre Lieblingsfarben.
    Herzliche Grüße und eine schöne Weihnachtszeit wünscht dir Alexandra

    1. Liebe Alexandra, danke für diesen Einblick in deine bzw. eure Geschichte. Ich wünsche dir viele schöne Momente mit deiner Mama und immer wieder solche Leucht-Momente 💓 Ganz liebe Grüße Peggy

  3. Hallo Peggy! Bei mir ist es auch meine Mama die an Alzheimer erkrankt ist. Seit 2015 haben wir die Diagnose und mein Vater pflegt sie mit grosser Geduld zuhause. Ich verfolge deinen Blog mit grossem Interesse weil meine Mutter deiner in vielem ähnelt. Wir würden uns auch riesig über eine Decke freuen. Liebe Grüsse! Sonja

    1. Liebe Sonja, oh ja, das klingt sehr ähnlich. Mein Papa pflegt auch mit großer Geduld. Meiner Mama gefällt ihre Decke auch total. Die sind wirklich schön 😉 Lg Peggy

  4. Liebe Peggy, ich arbeite in einer Gedächtnisambulanz. Zu uns kommen besorgte Patienten und ihre Angehörigen zur Abklärung der kognitiven Leistungen, in ganz unterschiedlichen Stadien. Falls ich eine deiner wunderschönen Decken gewinnen würde, würde ich diese meinen Patienten/ Angehörigen empfehlen, weil ich weiß, wie belastend diese motorische Unruhe für beide Seiten sein kann. Alles Gute und bleib gesund! LG Tine

  5. Diese Decken funktionieren auch bei Männern. Ich habe eine für meinen Vater genäht, und dann darin Dinge eingearbeitet die er aus alten Zeiten kannte, z.B. einen Schlüsselanhänger, der so eine Rieselei im Plexiglas sehen lässt.
    Ich denke wir können einfach schauen was der Erkrankte früher getan hat, das zeigt auch, an was er heute Interesse haben könnte.

  6. Hallo Efia, vielen Dank für den Tipp! Ich finde es auch sehr interessant, dass du Dinge aus dem früheren Berufsleben deines Vaters mit eingenäht hast. Das werde ich auf jeden Fall für meinen Mann berücksichtigen. Herzliche Grüße und eine besinnliche Weihnachtszeit, Karin

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