Corona

Pflegen in Corona-Zeiten

Die zweite Corona-Welle rollt längst, die Zahlen der Neu-Infektionen mit dem Coronavirus steigen rasant. Abstand halten und die Kontakte einschränken – das sind die wichtigsten Prinzipien nun und sie sollten für uns alle selbstverständlich sein. Ich nehme das sehr ernst und halte mich auch daran. Aber in einem Punkt stehe ich vor einem Dilemma – und zwar in der Pflege. Als pflegende Angehörige auf Abstand zu gehen, würde heißen nicht helfen zu können. Wie kann ich meine Mama mit Alzheimer in Corona-Zeiten pflegen? Worauf kann ich achten, um sie nicht zu gefährden? Fragen über Fragen in dieser Corona-Pandemie und der Versuch, eine Lösung zu finden.

Immer noch oder schon wieder stecke ich im Corona-Dilemma. Die Zahlen der Neu-Infektionen steigen, trotz Kontaktbeschränkungen. Noch einmal wiesen Politiker und Experten auf die Beschränkungen und Basisregeln hin. Die oberste Priorität ist immer noch Abstand und Kontakte einschränken. Wie soll das gehen?

Im privaten Bereich bekomme ich das hin und auch beruflich sitze ich seit Wochen im Homeoffice ohne direkten Kontakt mit meinen Kollegen. Aber wie soll das in der Pflege funktionieren? Anders als während der ersten Welle geht es für mich momentan nicht nur darum, meine Mama mal eine Zeitlang nicht zu sehen, sondern viel mehr darum, meinen Teil als pflegende Angehörige nicht leisten zu können. Was tun?

Studie: Pflegen in der Corona-Pandemie

Im ersten Lockdown habe ich mich strikt an die Kontaktbeschränkungen gehalten und war bis auf wenige Supermarkteinkäufe nur zu Hause. Ich habe mich nicht zu meinen Eltern getraut, weil ich Angst hatte, dass sie sich mit dem Coronavirus anstecken könnten und versucht, aus der Ferne Kontakt zu halten. Doch schon nach vier, fünf Wochen habe ich gemerkt, was für eine Riesen-Belastung die Corona-Krise für meinen Papa ist. Denn plötzlich war er der einzige, der meine Mama gepflegt hat. Die Tagespflege hatte geschlossen, mein Bruder und ich hielten Abstand, ebenso wie Freunde und Bekannte. Wir alle hatten Angst, meine Eltern anzustecken. Trauriges Fazit: Mein Papa war kurz vor der Überlastung.

Eine Untersuchung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) gemeinsam mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin hat übrigens gezeigt, dass mein Papa kein Einzelfall war. Die Wissenschaftler untersuchten, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf die häusliche Pflegesituation hat. Sie befragten 1000 pflegende Angehörige. Jeder Vierte gab an, dass ihn die Situation mehr oder weniger überfordert. Jeder Dritte sagte, dass sich die Pflegesituation durch die Corona-Krise verschlechtert hatte. Besonders belastend war die Situation für Angehörige von Menschen mit Demenz.

Sie berichteten häufiger von Gefühlen der Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung und deutlich seltener von schönen Momenten im Beisammensein mit dem Menschen mit Demenz. Drei von zehn Befragten sagten: „Es kommt für mich zu Mehrbelastungen, weil Dienstleistungen und Hilfestrukturen im nahen Wohnumfeld wegfallen.“ Sechs von zehn sagten, dass es nicht gelingt, Kontakte zur pflegebedürftigen Person stärker auf Telefonie oder Videotelefonie zu verlagern.

Corona-Krise und die Pflege auf mehrere Schultern verteilen?

Die Pflege und Betreuung eines Menschen mit Demenz ist keine Aufgabe, die ein einzelner Mensch schaffen kann – und doch haben wir es in der Corona-Situation erwartet. Was für ein Irrglaube! Denn genau das ist es ja, was pflegende Angehörige brauchen: ein Netz an Helfern und idealerweise auch ein Netz in der Familie, sodass die Last nicht nur auf einem Familienmitglied liegt.

Bei uns in der Familie ist es zum Beispiel so, dass mein Papa meine Mama hauptsächlich pflegt. Sie geht dreimal in der Woche in die Tagespflege und mein Bruder und ich fahren regelmäßig, spätestens aber nach vier Wochen zu meinen Eltern, um Papa zu unterstützen. Wir helfen aus der Ferne mit organisatorischen Dingen und bei Bedarf sind wir auch mal häufiger vor Ort. Wir versuchen die Pflege so gut es geht auf mehrere Schultern zu verteilen. Doch wie soll das nun in Corona-Zeiten gehen?

8 Dinge, auf die ich in Corona-Zeiten achte

Ganz klar: Ohne Kontakt geht es nicht. Nicht in der Pflege eines Menschen mit Demenz. Aber damit ich möglichst sicher helfen kann und meine Mama (und meinen Papa) vor dem Coronavirus schütze, achte ich ganz besonders auf diese 8 Punkte:

  1. Kontakte einschränken: Alle nicht notwendigen Kontakte einschränken. Gerade, wenn ich weiß, dass ich zu meinen Eltern fahre, achte ich in der Woche davor ganz besonders darauf, niemanden zu treffen. Nicht mal meine beste Freundin. Und auch keine Kollegen. Auch Arztbesuche vermeide ich in dieser Zeit.
  2. Mund-Nasen-Schutz tragen: Immer, wenn ich auf andere Menschen treffe, trage ich mittlerweile einen Mund-Nasen-Schutz (auch wenn es mich fürchterlich nervt, weil meine Brille beschlägt, aber die Sicherheit geht vor)
  3. Auf Abstand achten: beim Einkaufen achte ich darauf, mindestens zwei Meter Abstand zu anderen zu haben. Ich gehe gleich morgens einkaufen, weil dann am wenigsten los ist.
  4. Hände regelmäßig waschen: Immer, wenn ich nach Hause komme, den Kindergarten betrete oder vor dem Essen, ist die erste Handlung: Hände waschen – und zwar lange und gründlich und mit Seife.
  5. Die Corona-Warn-App nutzen: So kann ich über mögliche Kontaktbegegnungen informiert werden.
  6. Beim Niesen oder Husten darauf achten, in die Armbeuge zu niesen oder husten.
  7. Regelmäßig Sport machen, um mein Immunsystem zu stärken und mich fit zu halten. Ich fahre fast nur Fahrrad oder gehe zu Fuß und jogge regelmäßig. Gute Ernährung und auf ausreichend Schlaf achten sind ebenfalls wichtige Punkte. Zumindest das mit der Ernährung schaffe ich auch.
  8. Und dieser Punkt ist besonders wichtig: All diese Punkte auch meinen Kindern beizubringen. Denn sie gehen in Schule und Kindergarten und könnten sich dort auch anstecken und damit mich anstecken und ich dann wiederum meine Eltern.

Was hätte Mama gewollt? Was will Papa? Und was ich?

Natürlich ist da immer noch ein Rest-Risiko. Durch mein Verhalten kann ich das Risiko zwar minimieren, aber ganz ausschalten kann ich es nicht. Und: Natürlich können meine Eltern sich auch beim Einkaufen anstecken oder meine Mama in der Tagespflege. Deswegen spreche ich auch immer wieder mit ihnen darüber, wie sie sich schützen sollten.

Ich bin also zu meinen Eltern gefahren, weil mein Papa Unterstützung braucht in diesen Tagen und weil ich meinen Teil als pflegende Angehörige beitragen möchte. Mama braucht uns alle, auch wenn Corona ist. Es ist eine Gratwanderung und es ist auch keine einfache Entscheidung. Aber dann habe ich an einen Tipp gedacht, den mir Anja Kälin, Familien-Coach und meine Podcast-Partnerin gesagt hat: „Frag doch mal deine Mutter. Die gesunde Mutter von früher, was hätte sie gesagt und dir geraten?“

Das habe ich getan. Ich bin mir sicher, sie hätte nicht gewollt, dass ich ein Risiko eingehe. Aber sie hätte auch gewollt, dass wir Papa nicht alleine lassen. Dass wir ihn, wenn es die Umstände zulassen, unterstützen. Und das tue ich. Denn Pflege eines Menschen mit Demenz ist nun mal keine Aufgabe, die einer alleine bewältigen kann.

Mich interessiert aber auch: Wie macht ihr das als Pflegende oder pflegende Angehörige?

4 Gedanken zu „Pflegen in Corona-Zeiten“

  1. Sehe das genauso! Meine Mutter pflegt hauptsächlich meinen Vater, aber wir alle ( einschließlich unserer Kinder) packen mit an, Geht auch gar nicht anders, da Papa immer 2 Leute für den Gang zur Toilette und ins/ aus dem Bett benötigt. Dazu kommt, dass ich im KH arbeite und so natürlich viele Kontakte habe…. da hilft nur gute Händehygiene!
    Natürlich versuchen wir alle, so gut es geht, auf Kontakte zu verzichten.

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