"Liebe Mama..."

Liebe Mama, lass uns Gedichte lesen!

Seitdem ich lesen kann, bin ich ein Bücherfan. Auch meinen Töchtern lese ich gerne vor. Ich habe erst vor kurzem angefangen, meiner Mama vorzulesen – und zwar Märchen, weil ich weiß, dass sie die früher gerne mochte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich ihr vorgelesen habe. Und doch war ich skeptisch, ob Märchen so gut geeignet sind. Nun habe ich einen Fortbildung zum Vorlesen bei Menschen mit Demenz gemacht und dabei Gedichte für mich entdeckt und gemerkt, dass ich sie unbedingt mit Mama lesen möchte.

Liebe Mama, lass uns Gedichte lesen!

Vor fünf Jahren schon habe ich ein Buch für dich gekauft: „Märchen gegen das Vergessen“. Damals hast du schon nicht mehr gelesen und auch nur noch wenig gesprochen. Du warst oft sehr unruhig und bist immer wieder um den Tisch im Esszimmer gegangen, irgendwie versunken in einer anderen Welt. Mir fiel es gar nicht so leicht, etwas mit dir zu machen. Früher war das nie ein Problem, ich habe mir nicht mal Gedanken darum gemacht.

Aber mit der fortschreitenden Alzheimererkrankung warst du doch häufig in einer anderen Welt und mir fiel es schwer, dich zu erreichen. Ich war gerne mit dir spazieren, denn in der Natur bist du aufgelebt. Du hast nicht mehr viel gesprochen, aber du konntest flott spazieren. Draußen war es einfacher, mit dir zu kommunizieren und ich glaube, dir ging es ähnlich. Oft hast du unterwegs Blumen gepflückt oder einen schönen Stein mitgenommen, genauso wie ich es auch oft mache. Aber wenn wir im Haus waren, wusste ich oft nicht so richtig, was ich mit dir machen kann. Einfach nur auf der Couch sitzen, erschien mir zu langweilig und ich dachte, ich müsste mir dir doch etwas unternehmen, um dir etwas Gutes zu tun.

Ein Märchenbuch für dich?

Durch Zufall habe ich damals dieses Märchenbuch entdeckt und dachte, das wäre eine gute Möglichkeit Zeit miteinander zu verbringen. Du hattest mir mal erzählt, dass du Märchen mochtest und Rotkäppchen als Kind dein Lieblingsmärchen war. Also, bestellte ich das Buch – aber ich las erstmal nicht daraus vor. Irgendwie fand ich nie den richtigen Moment. Mir fehlte die Ruhe, dir fehlte die Ruhe, irgendetwas stand immer an und ich war unsicher: Wie sollte ich das Vorlesen einbauen? Wann wäre der beste Zeitpunkt? Sollte ich mit dir und den Kindern lesen oder nur mit dir? Ich machte mir so viele Gedanken und irgendwie ging es Vorlesen unter.

Vergangenes Jahr entdeckte meine mittlere Tochter dieses Märchenbuch. Sie ist mindestens so ein Bücherfan, wie ich es damals war und las eine Märchengeschichte nach der anderen. Und ich dachte, dass ich dir endlich mal daraus vorlesen muss. Auch meine Kleinste fand immer mehr Gefallen am Vorlesen (lange Zeit mochte sie es gar nicht). Ich lese seither wieder viel vor und spüre diese besondere Nähe, diese kuschelige Geborgnheit und Wärme, die in der Vorlesesituation entsteht. Auch da dachte ich wieder, dass ich dir endlich mal aus diesem Märchenbuch vorlesen möchte.

Da waren wieder meine Fragen und Gedanken, ob du die Geschichten noch verstehst oder ob es nicht zu anstrengend ist. Und doch habe ich angefangen, weil ich an die Nähe und das Miteinander dachte, das ich beim Vorlesen mit meinen Töchtern erlebe. Ich wollte dir diese Nähe schenken – und ich wollte sie auch selber erleben.

Es war eines Morgens in der Adventszeit, ganz in der Früh und im Haus war alles ruhig. Du saßt auf dem Sofa. Der Fernseher lief und du hast gar nicht hingesehen. Dann habe ich ihn ausgeschaltet, denn natürlich würdest du dich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren können (wer kann das schon?). Ich habe durch das Buch geblättert und gemerkt, dass die Geschichte von Rotkäppchen sehr lang ist. ‚Wie lang darf die Geschichte sein?‘, fragte ich mich und kam ins Grübeln, ob Märchen wirklich so toll zum Vorlesen sind oder ob sie nicht viel zu kompliziert sind oder zu brutal… Ich habe mich neben dich gesetzt und dir die Geschichte von Frau Holles Apfelgarten vorgelesen.

Ich habe schnell gemerkt, dass du dem Inhalt gar nicht richtig folgst. Beim nächsten Mal habe ich „Der süße Brei“ vorgelesen, weil es kürzer ist. Diese Vorlesesituation war weihnachtlich und gemütlich. Es war schön neben dir zu sitzen und dir vorzulesen und doch war ich unsicher. ‚Mache ich es gut genug?‘, habe ich mich gefragt. Hast du meine Zweifel gespürt?

Nähe durchs Vorlesen

Liebe Mama, du weißt, wie gerne ich lese. Dass ich gerne vorlese, weißt du vielleicht nicht ganz so gut. Ich lese meinen Töchtern sehr gerne vor, aber von meinem Alltag als Mutter bekommst du schon lange nicht mehr so viel mit. Und dann gibt es noch eine andere Ebene als Vorleserin. Im vergangenen Jahr, als ich zum ersten Mal, mit meinem Buch Lesungen gegeben habe, habe ich gespürt, wie ich andere Menschen berühren kann, indem ich vorlese. Ich hoffe, dass auch du gespürt hast, wie gerne ich für dich gelesen habe und weiter lesen möchte. Als wir da so gelesen haben, habe ich gemerkt, dass es wirklich eine gute Möglichkeit ist, dir nahe zu kommen.

Vor kurzem habe ich eine Fortbildung zu dem Thema Vorlesen bei Menschen mit Demenz gemacht, weil ich gerne mehr erfahren wollte. Ich wollte wissen, was ich verbessern kann oder wie ich einen guten Text für dich aussuche. Es war ein ganzer Tag und ich habe sehr viel von Stefanie Helsper gelernt: Sie hat genau das richtige Maß an Theorie vermittelt, zu Demenz und auch zum Vorlesen. Etwa, dass es wichtig ist, langsam und deutlich zu lesen, dass man auf Ironie und Wortspiele verzichtet, dass Blickkontakt und Impulse zum Sprechen wichtig sind. Sie hat viele Beispiele gebracht, um all die Theorie zu verbildlichen. Vorlesegeschichten für Menschen mit Demenz sollten kurz sein, maximal fünf Minuten, so die Empfehlung von Steffi Helsper.

Dieser Workshop hat mich motiviert, etwas Neues auszuprobieren. Als kleine Übung habe ich das Gedicht „Das Lied der Vögel“ von Hoffmann von Fallersleben gelesen, dabei sehr darauf geachtet, es nicht nur zu lesen, sondern es zu fühlen und diesem Gedicht Leben einzuhauchen. Dabei habe ich an Steffi Helspers Rat: „Gib den Entertainer“ gedacht. Während ich die Zeilen vorlas, war ich in meinem Gefühl ganz nah an den Vögeln, die frisch und wohlgemut ihr Gefieder schwingen.

Liebe Mama, ich freue mich sehr, dir dieses Gedicht bald vorzulesen. Und ich werde noch ein paar andere mitbringen, sie werden von der Natur und den Blumen handeln, denn beides mochtest du immer gerne und magst es immer noch. Beim Vorlesen ist es ja wie mit so vielen Dingen in der Demenz: Die Biografie und die eigenen Lebenserfahrungen spielen eine immense Rolle. Sie sind eine Ressource und können helfen, schöne Momente zu schaffen.

Liebe Mama, lass uns bald lesen, ja?

Deine Peggy

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