Demenzmoment, Prävention

Immer wieder diese Hoffnungslügen – Hört bitte auf damit!

Vor einiger Zeit bekam ich einen Anruf von jemandem, der mir sagte, er könne meine Mama heilen. Ein paar Tage später bekam ich über Social Media die Einladung zu einem Vortrag darüber, wie man mit einem gewissen Nahrungsmittel, das Risiko an einer Demenz zu erkranken „deutlich minimieren“ könne. Mich machen solche Behauptungen wütend. Einzelne Mittel können eine Demenz weder vorbeugen noch heilen. Bitte hört auf, diese Hoffnungslügen zu verbreiten! Ich weiß, wie leichtfertig man daran glaubt. Selbst, wenn das Mittel nicht schadet, so lenkt es doch von anderen, wirksamen Unterstützungsleistungen ab. Mein Beitrag zum Demenzmoment-Thema Wut: Immer wieder diese Hoffnungslügen.

Immer wieder diese Hoffnungen – und Hoffnungslügen

Vor ein paar Tagen erst scrollte ich in meinem Instagram-Feed und bin dabei auf eine Einladung zu einem Vortrag für ein Nahrungsmittel gestoßen. Das Mittel könne das Risiko, an einer Demenz zu erkranken „deutlich“ minimieren, so lautete das Versprechen. ‚Wie bitte?‘, dachte ich. Seit Jahrzehnten forschen Wissenschaftler an diesem Thema und sind immer noch nicht fündig geworden, weil der Entstehungsprozess einer Demenz so komplex ist. Und nun soll die Einnahme eines zugegeben simplen Mittels einer Demenz vorbeugen können?

‚Schon wieder so eine Hoffnungslüge‘ dachte ich und war genervt. Erst kurz zuvor hatte ich einen Anruf bekommen von jemandem, der mir erklärte, er könne meine Mama heilen.

Bitte hört auf damit, solche Aussagen zu verbreiten!

Mama und das Kokosöl

Ich kenne diese Hoffnungen aus eigener Erfahrung. Eines Tages, Mama hatte bereits die Diagnose Alzheimer erhalten, traf ich in der Küche meiner Eltern auf Kokosöl. Meine Mama aß jeden Tag zwei Esslöffel davon und wenn sie es vergaß, erinnerte mein Papa sie daran. Ich habe sie ziemlich ungläubig angeschaut. Dachten sie tatsächlich, dass das Kokosöl Mamas Alzheimer heilen könnte? „Warum nimmt Mama das?“, wollte ich von meinen Eltern wissen.

Mein Papa erzählte, dass er gelesen hätte, dass Kokosöl gegen Alzheimer helfen könnte und zumindest den Verlauf verlangsamen kann. Er wusste nicht mehr, wo das stand oder von wem er den Tipp bekommen hatte, aber sie wollten es zumindest probieren. Ich hatte keine Ahnung vom wissenschaftlichen Stand, aber dachte: ‚Wenn es tatsächlich so ein Wundermittel wäre, dann hätte der Arzt das doch empfohlen. Dann würde jeder Kokosöl nehmen, und es würde eine Erkrankung wie Alzheimer nicht mehr geben.‘

Ich war damals zu perplex, um zu antworten. Und eigentlich hoffte ich ja auch darauf, dass wir solch ein Mittel finden könnten und dass Mamas Erkrankung verschwindet. Wer hätte das nicht gerne, das Wundermittel gegen Alzheimer? Meine Mama nahm das Öl noch einige Monate, zusätzlich zu ihrem Alzheimer-Medikament. Irgendwann hörte sie auf, das Öl zu essen, denn irgendwie wurde klar, dass die Alzheimererkrankung fortschritt und auch das Öl daran nichts änderte.

Ja, Ernährung und Demenz hängen zusammen, aber es ist komplex

Was ist dran am Kokosöl? Es existieren Erfahrungsberichte von Menschen, die dem Kokosöl eine positive Wirkung bescheinigen, unter anderem, dass die regelmäßige Einnahme den Verlauf einer Demenz verlangsamt und sogar rückgängig gemacht hat. Erklärt wird dies mit den Fettsäuren, die in der Kokosnuss enthalten sind. Belege durch wissenschaftliche Studien fehlen allerdings. Ein ausführlicher Artikel der Stiftung Warentest hat diverse Heilversprechen von Kokosöl hinterfragt und entzaubert sie. Bei der Website „medizin transparent“ kann man solche Behauptungen ebenfalls abfragen, zum Beispie auch zu Kokosöl . „medizin transparent“ arbeitet unabhängig und ist ein Projekt von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems.

Damit möchte ich nicht sagen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Ernährung und Demenz gibt. Den gibt es durchaus. Die renommierte FINGER-Studie hat gezeigt, dass gesunde Ernährung (neben Bewegung und kognitivem Training) das Risiko für eine Demenz reduziert. Gesunde Ernährung, dazu gehört: viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukte, fettarme und wenig Milch- und Fleischprodukte, wenig Zucker und mindestens zweimal pro Woche Fisch.

Wissenschafter untersuchen immer wieder einzelne Lebensmitteln und Vitamine, wie unter anderem auch Kokosöl, aber die Aussagen beruhen bislang auf Zellkulturen oder Tiermodellen. Solche Studien lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen.

Bei der Prävention kommt nicht auf ein einzelnes Lebensmittel an, sondern auf das Gesamtpaket Ernährung – und weitere Lebensstilfaktoren wie Bewegung, kein Rauchen, soziale Kontakte… Auch in der FINGER-Studie war der Ansatz über verschiedene Bereiche des Lebens entscheidend.

Was diese Hoffnungslügen bewirken

Na gut, dann bringt`s halt nichts, ist ja auch egal – könnte man meinen. Hauptsache probiert. So dachte ich damals auch, aber mittlerweile sehe ich das anders und mich machen solche Versprechungen wütend. Das hat drei Gründe:

  1. Es kann durchaus schädlich sein, wenn man nur auf ein Lebensmittel oder ein Nahrungsergänzungsmittel setzt. Eine Studie aus dem Fachjournal Circulation zeigt etwa, dass Kokosöl den LDL-Cholesterinspiegel erhöht und damit das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen erhöht (und nicht davor schützt, wie es oft heißt). Auch zum manchmal empfohlenenen Vitamin E sind Nebenwirkugnen bekannt, sodass die Leitlinie Demenz davon abrät. Auf eigene Faust sollte man solche Mittel nicht nehmen und schon gar nicht das vom Arzt empfohlene Medikament absetzen, sondern dies immer mit Arzt oder der Ärztin besprechen.
  2. Diese Mittel spielen mit der Hoffnung. Sie gaukeln Heilung vor. Mitunter geben Menschen viel Geld dafür aus, weil sie glauben, davon wieder gesund zu werden. Es ist ja auch wirklich verlockend, der Gedanke, dass man ein gutes Lebensmittel oder Vitamin zu sich nimmt und davon gesund wird oder bleibt. Ich vermute, dass jede und jeder, der einen Angehörigen mit Demenz betreut kennt, diese Hoffnung hegt.
  3. Solche vermeintlichen Wundermittel können von anderen Maßnahmen abhalten. Das können Medikamente und Therapien sein, vor allem aber halten sie einen selber davon, die Demenz anzunehmen und seinen Weg mit der Demenz zu gestalten. Auch im größeren Maßstab wäre es sinnvoll, mehr Fokus auf unterstützende Maßnahmen zu legen.

Weg von Hoffnungslügen, hin zu echter Unterstützung

Um es klarzustellen: Ich finde Forschung wichtig und notwendig und gut. Denn es wäre großartig, wenn es eines Tages gelingt, einer Demenz wirksam vorzubeugen oder sie zu behandeln.

Was wir aber heute schon tun können und sollten, ist, den Fokus auf die Ansätze und Maßnahmen zu legen, die tatsächlich hilfreich sind und diese zu fördern. Ich hätte da auch ein paar Ideen:

  • So weiß man, dass Bewegung sehr förderlich ist, sowohl bei der Prävention als auch für Menschen mit Demenz. Es wäre nützlich und absolut sinnvoll, mehr Angebote in dieser Richtung zu etablieren und die Menschen mehr darüber aufzuklären.
  • Auch soziale Kontakte sind wichtig. Menschen, die einsam sind, haben ein höheres Demenzrisiko. Auch für Menschen, die mit einer Demenz leben, ist der soziale Austausch und Teilhabe wichtig. Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen ziehen sich aber häufig zurück und werden mit der Zeit einsamer. Selbsthilfegruppen von und mit Menschen mit Demenz sind zum Beispiel eine gute Möglichkeit, um Teilhabe und soziales Miteinander zu fördern. Mehr Gruppen und Angebote für unterstützte Selbsthilfe wären hilfreich.
  • Menschen mit Demenz wollen teilhaben an unserer Gesellschaft, wie jeder andere auch. Im Alltag erleben sie viele Herausforderungen und Probleme, die dies einschränken. Wie können sie untersützt werden. Eine persönliche Assistenz wäre eine Möglichkeit.
  • Pflegende Angehörige kommen oft an ihre Grenzen, weil sie rund um die Uhr pflegen. Vielen fehlt ein Pflege-Netzwerk, weil oft auch externe Angebote fehlen. Auch in punkte Beratung und Begleitung von Pflegenden gäbe es Ansatzpunkte, etwa wie die des Dementia Care Managers.

Welche Untersütztung würde euch oder euren Angehörigen mit Demenz gut tun? Wovon sollte es mehr geben? Ich freue mich, wenn ihr es mir in de Kommentaren mitteilt.

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Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #Demenzmoment. Hier findet ihr noch mehr Texte dazu.

Ein Gedanke zu „Immer wieder diese Hoffnungslügen – Hört bitte auf damit!“

  1. Unrealistische Erwartungshaltungen „zu verkaufen“ ist höchst unfair. Auch dann, wenn sie von ehrwürdigen ÄrztInnen „versprochen“ werden.

    Es wird niemals gelingen, einem halbseitig gelähmten Schlaganfallpatienten eine Sportlerwade anzutrainieren. Viel nützlicher ist es, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken und realistische Ziele anzustreben. Im obigen Beispiel etwa, dass PatientInnen und ihre Umwelt lernen mit der verbliebenen Behinderung optimal zurechtzukommen.

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