Im Gespräch

Demenz neu sehen – Interview mit Désirée von Bohlen und Halbach

Wenn du Bilder von Demenz siehst, welche siehst du: Ist es das Bild von einem Gehirn, das sich auflöst und in Tausende Puzzleteile zerfällt? Oder ist es ein lächelnder Mensch inmitten seiner Familie? Dargestellt wird häufig Ersteres. „Die negativen Bilder wirken stigmatisierend. Was wir brauchen, sind positive, stärkende Bilder“, sagt Désirée von Bohlen und Halbach. Sie veranstaltet mit ihrem Verein Desideria Care den Fotowettbewerb „Demenz neu sehen“ und ruft Profi- und HobbyfotografInnen auf, das Bild von Demenz zu verändern. Im Interview erzählt sie, wie Bilder helfen können, die Demenz eines Angehörigen zu verarbeiten und welche Bilder von Demenz sie sich wünscht.

Unbeschwert im Alltag mit Demenz: Lotta und ihr an Alzheimer erkrankter Großvater Fritz beim Toastessen und Rumalbern –
Quelle: Desideria Care e.V./Hauke Dressler

Bilder von Demenz

Wir benutzen das Wort Demenz, um eine kognitive Erkrankung zu erklären. Es ist aber auch mehr als das nur ein Wort und wirkt stigmatisierend. Negative Klischees und Stereotype gehen damit einher und Betroffene berichten von negativen Gefühlen. Ähnlich ist es mit Bildern über Demenz. Auch sie entsprechen häufig den negativen Stereotypen. Da werden Bilder von Demenz gezeigt, auf denen das Gehirn in Puzzleteile zerfällt oder der Mensch sich auflöst. Diese Bilder machen Angst und haben mit dem Alltag wenig gemeinsam. Auch deshalb fotografiere ich meine Mama häufiger. Ich möchte zeigen, dass man auch mit Demenz schöne Momente erleben kann und dass da Liebe und Zuversicht ist.

In diesem Interview spreche ich mit Désirée von Bohlen und Halbach über die Kraft der Bilder und was sie sich von dem Projekt „Demenz neu sehen“ erhofft:

„Wir wollen dazu beitragen, das Stigma aufzulösen und den Blickwinkel über Demenz zu ändern.“

Désirée von Bohlen und Halbach

Désirée von Bohlen und Halbach hat den Verein Desideria Care gegründet. Der Verein unterstützt Angehörigen von Menschen mit Demenz und bietet Coachings, Seminare und Veranstaltungen wie Musik im Kopf. Auch der Podcast „Leben, Lieben, Pflegen“ ist ein Projekt von Desideria Care.

Liebe Désirée, wenn du das Wort Demenz hörst, was hast du dann im Kopf?

Demenz ist ja etwas, das man nicht hören will. Schrecklich, grauenvoll, Hilflosigkeit – das verbinde ich spontan damit.

Typisch für Darstellungen von Demenz sind Bilder von einem Gehirn, das sich auflöst oder dessen Zellen wie Blätter davonfliegen. Wie nimmst du diese Bilder wahr?

Seitdem ich mich mit Demenz beschäftige und Angehörige und Menschen mit Demenz begleite, ist mir bewusst geworden, was da dargestellt wird. Demenz wird fast immer defizitär gezeigt. Mir ist schon klar, dass es nicht leicht ist, eine Krankheit zu bebildern, die man von außen nicht unbedingt erkennen kann. Aber diese negativen Darstellungen wirken stigmatisierend. Und die Stigmatisierung wirkt sich negativ auf die Betroffenen, die Familien, die ganze Gesellschaft aus.

Du hast mit Desideria Care zu dem Foto-Wettbewerb „Demenz neu sehen“ aufgerufen. Wie kam es dazu?

Der Auslöser war ein Artikel im Demenz-Magazin. Dieser handelte davon, wie Demenz dargestellt wird und welchen Einfluss das hat. Wir haben intern darüber gesprochen und waren uns schnell einig, dass sich das ändern muss.

Was ist euer Ziel?

Wir wollen dazu beitragen, das Stigma aufzulösen und den Blickwinkel über Demenz zu ändern. Natürlich erleben Familien durch die Demenz Negatives und große Herausforderungen, aber es gibt auch schöne Seiten. Uns geht es darum, den Blick darauf zu richten und den Familien so Mut zu machen.

Diese anderen, schönen Seiten – sind das Erfahrungen, von denen die Familien berichten, die du und dein Team begleitest?

Ja, von meinen Klienten bekommen wir oft das Feedback, dass sie das Leben mit Demenz keineswegs nur negativ erleben. Angehörigen wird unglaublich viel abverlangt. Wem es gelingt, die Demenz anzunehmen, der kann auch andere Seiten der Demenz wahrnehmen und dann ins Gestalten kommen. Wenn Angehörige und Menschen mit Demenz nur mit negativen Bildern konfrontiert werden, schürt das wiederum negative Gedanken und Gefühle. Was wir brauchen sind positive, stärkende Bilder.

Inwieweit können Bilder helfen, die Demenz eines Angehörigen zu verarbeiten?

Bilder haben eine große Macht, bleiben im Gedächtnis und wecken Emotionen. Ich bin davon überzeugt, dass sie einen therapeutischen Wert haben, sowohl das Fotografieren als auch das Betrachten. Ich fotografiere sehr gerne in der Natur. Wenn ich die Kamera in die Hand nehme, dann sehe ich auf einmal ganz andere Dinge. Mein Blick schärft sich. Ich bin im Hier und kann mich von der Kamera leiten lassen. Der Fotograf Hauke Dressler, der Botschafter des Fotowettbewerbs, hat es so formuliert: „Der Blick durch die Kamera hat mir erlaubt, die Familiensituation mit anderen Augen zu betrachten.“ Fotografieren ist eine Art von Therapie.

Im Alltag mit Demenz gibt es aber nun mal Frustmomente. Die lassen doch nicht schönfotografieren, oder?

Nein, diese Momente gibt es. Aber es sind nicht die einzigen. Außerdem können Bilder helfen, das Erlebte zu besprechen. Wenn es gelingt, unbeschwerte, mutmachende Augenblicke im Foto festzuhalten, so hilft dies bei der Verarbeitung der Demenz. Mit dem Foto-Wettbewerb möchte ich vor allem Angehörige motivieren, die Kamera in die Hand zu nehmen und bewusst die schönen Momente festzuhalten.

Wer kann beim Wettbewerb mitmachen?

Der Fotowettbewerb ist offen für alle, sowohl für Profi-Fotografen als auch für Laien. Es gibt drei verschiedene Kategorien, sodass Amateure nicht mit Profis konkurrieren müssen. Aus allen Einsendungen wird die Jury die besten Bilder aussuchen, die im Spätsommer ausgestellt und veröffentlicht werden.

Welche Bilder wünschst du dir für den Wettbewerb?

Das Ziel sind nicht perfekte oder aufwendig inszenierte Bilder. Ich wünsche mir Bilder, die berühren. Auch Bilderreihen wären toll, damit kann verschiedene Gesichter der Demenz zeigen. Ich freue mich über ungewöhnliche und besondere Augenblicke aus dem Leben mit Demenz. Die schönen Momente sollen sichtbarer werden, denn auch die gibt es im Alltag mit Demenz.

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Foto-Wettbewerb „Demenz neu sehen“

Logo_Demenz_neu_sehen_Preis für Fotografie

Es gibt drei Kategorien: Profi, Nachwuchs, Amateur
Der Preis ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert. Förderer des Preises ist die Josef und Luise Kraft-Stiftung.
Einsendeschluss: 15. Juni 2022.
Weitere Infos und die Teilnahmebedingungen zum Wettbewerb findet ihr hier: Demenz neu sehen

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Online-Workshop am 17. März

Am 17. März um 19 Uhr lädt Desideria Care zu einem Workshop mit dem Fotografen Hauke Dressler ein. Der Bremer Fotograf ist der Botschafter des Fotowettbewerbs „Demenz neu sehen“. Hauke Dressler hat seinen Vater über Jahre mit der Kamera begleitet und so auch dessen demenzielle Veränderungen festgehalten. Im Workshop berichtet Hauke Dressler, wie er durch das Fotografieren einen Zugang zu der Welt seines Vaters gefunden hat und gibt Impulse zum Fotografieren. Der Workshop ist gratis, um Anmeldung wird gebeten: Hier zum Workshop anmelden.

In dieser Folge von "Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie" geht es um das Thema Fotografie – und dazu haben Familiencoach Anja Kälin und Bloggerin Peggy Elfmann einen Gast eingeladen: den Fotografen Hauke Dressler.

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