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Vom Wünschen und Schenken

Meine Töchter haben ihre Wunschzettel längst an das Christkind geschickt. Teilweise sind die Zettel sehr lang, voller schöner Dinge, die sie sich zu Weihnachten wünschen. Da fällt das Schenken extrem leicht. Für meine Mama hingegeben bin ich ein wenig ratlos. Weihnachten mit Alzheimer: Was kann ich meiner Mama schenken? Womit mache ich ihr eine Freude? Vom Wünschen und Schenken – und worauf es für mich ankommt.

Wünschen_Schenken

Schon wieder Advent!

Der zweite Advent ist längst vorbei, der dritte steht schon vor der Tür und bald ist Weihnachten. Bislang fühle ich kaum weihnachtliche Vorfreude. Ehrlich gesagt tue ich mich in diesem Jahr unheimlich schwer mit Weihnachten. Das liegt auch an Corona und an all diesen Erwartungen, die ich spüre und die ich selber im Kopf habe. Ich habe mit den Kindern Plätzchen gebacken und die Wohnung dekoriert, damit ein wenig Weihnachtsstimmung einzieht. Die Kinder freuen sich auf Heiligabend und haben mehrere Tage an ihren Wunschzetteln geschrieben.

Ich bin dankbar für diese Zettel und diese klaren Wünsche (obwohl ich auch ohne sie jede Menge Ideen hätte, worüber sich meine Töchter freuen würden…) Bei meiner Mama hingegen fällt es mir viel schwerer. In meinem allerersten Blogtext habe ich über die Frage „Liebe Mama, was kann ich dir schenken?“ geschrieben. Der Anlass war damals Mamas Geburtstag und ich kam zu dem Schluss, dass ich ihr nichts Materielles schenken werde, sondern Zeit.

Was schenkt man jemandem, der zufrieden ist?

Nun, im Dezember 2021, weiß ich nicht, ob sich meine Mama etwas wünscht. Sie spricht kaum mehr und ist oft in ihrer Welt. Sie ruht sehr viel und schließt ihre Augen, häufig sogar beim Essen. Es scheint, als ob sie das Dasein ermüdet. Dennoch habe ich meist das Gefühl, dass es ihr sehr gut geht, weil sie in sich ruht. Was schenkt man jemandem, der zufrieden ist und keinen Wunsch äußert?

Klar, ich wüsste, was sie gebrauchen könnte. Eine neue Hose zum Beispiel oder eine kuschelige Strickjacke. Aber das ist irgendwie immer so eine Kategorie Geschenk, von dem ich denke, dass es kein „richtiges“ Geschenk ist. Es ist halt pragmatisch und nutzwertig, aber mir fehlt der ideelle Wert und vor allem das Gefühl. Ich mag nicht so recht so etwas schenken. Woran liegt das? An meinen Erwartungen, was ein „perfektes“ Geschenk sein muss? Oder habe ich Angst vor der Enttäuschung, die ich spüren könnte, wenn sich mein Gegenüber nicht freut? Und das liegt nicht mal daran, dass das Geschenk an sich nicht gut ist, sondern an der Alzheimererkrankung. Ich bin mir nämlich gar nicht sicher, ob Mama von diesem Geschenk überhaupt etwas mitbekommt.

Oder gar nichts schenken?

Wenn sie davon nichts mitbekommt, kann man das Schenken dann nicht ganz lassen? Diese Frage spukt in meinem Kopf herum und ich suche nach einer Antwort. Ich bin überzeugt, dass meine schönsten Geschenke für Mama nichts Materielles wären, sondern vor allem Zeit und Nähe. Wenn ich sie besuche und mit ihr gemeinsam Zeit verbringe, ist es nur ein Alltag, der da abläuft. Aber mit diesen kleinen alltäglichen Dinge wie dem Spaziergang durchs Dorf oder neben ihr zu sitzen, kann ich ihr doch wirklich etwas Gutes tun, davon bin ich überzeugt. Weihnachten ist für Menschen mit Demenz sowieso häufig anstrengend, ich möchte nicht, dass es Mama überfordert. Also auf das Schenken verzichten?

Advent_Kerze

Nein, trotz allem möchte ich Mama nicht nichts schenken. Ich möchte ihr an Weihnachten ein Geschenk mitbringen. Denn Schenken ist irgendwie auch ein Zeichen der Liebe. Ich kann mit meiner Mama kaum noch über Worte kommunizieren, aber über das Gefühl geht das sehr gut. Sie nimmt die Stimmungen und Emotionen, die in den Momenten vorherrschen, sehr gut wahr. Wenn also reihum jeder dem anderen etwas schenkt und diese Weihnachtsstimmung aufzieht, dann soll meine Mama diese ebenfalls spüren dürfen.

Schenken, was Freude bereitet

Ich möchte ihr etwas schenken, das ihr Freude bereitet. Ich könnte eine schöne CD schenken, denn ich habe gemerkt, dass meine Mama Schlager richtig gerne mag. Wenn sie Schlagermusik hört, gerne so aus den 1960ern und -70ern, dann wird sie munter und manchmal richtig aktiv, indem sie klatscht und sich im Takt wiegt.

Oder ich bastle etwas zum Nesteln? Denn Mama spielt gerne mit ihren Fingern an ihren Bommeln am Jäckchen oder an dem Bändchen. Sie tastet gerne an der Fühldecke und auch an dem Bändchen des Plüschhunds, den meine Freundin ihr gebastelt hat. Vielleicht wäre das schön…

Möglicherweise hätte Mama Freude an einer bunten Kerze, die mit ihrem Farbenspiel das Wohnzimmer erleuchtet. Oder ich schenke Pfefferminz-Bruch und Eierlikör, beides mag sie sehr gerne.

Ich weiß noch nicht, was es wird, aber ich werde etwas finden, das ihr Freude bereitet, da bin ich mir sicher. Je mehr ich nachdenke, umso mehr Ideen entdecke ich.

Das wichtigste Geschenk ist trotz allem kein physisches, davon bin ich überzeugt. Ich wünsche mir, dass wir Zeit miteinander verbringen können, ganz in Ruhe und entspannt. Und ich bin mir irgendwie sicher, dass das auch ihr Wunsch ist und ich genau das schenken sollte.

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Weihnachten mit Demenz

In dieser Folge von „Leben, Lieben,Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie“ tauschen Anja Kälin von und ich uns über Weihnachten mit Demenz aus und welche Erfahrungen wir gemacht haben. Plus: Tipps für ein entspanntes Fest

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