"Liebe Mama..."

Liebe Mama, wie wird Weihnachten schön?

Diese Vorweihnachtszeit ist irgendwie anstrengend und mir fällt es schwer, mich auf Weihnachten zu freuen. In dieser Zeit vermisse ich meine Mama irgendwie ganz besonders. Zurückzuschauen macht mich traurig und auch froh. Denn ich sehe: Wir können es schön machen, so wie wir es mögen. Darum geht es in diesem Brief an meine Mama, der in meinem digitalen Schreib-Café entstanden ist: Liebe Mama, wie wird Weihnachten schön?

Liebe Mama, wie wird Weihnachten schön?

Vor ein paar Tagen hat es hier zum ersten Mal geschneit. Als ich gestern am späten Nachmittag spazieren war, wirkte es sehr weihnachtlich. In vielen Fenstern hängen leuchtende Sterne, in den Gärten stehen geschmückte Tannen. Es ist schön anzuschauen – und doch fällt es mir schwer, mich auf Weihnachten zu freuen. Dieses Weihnachtsgefühl ist bei mir noch nicht angekommen. Ich denke an all die Aufgaben, die noch erledigt werden müssen und versuche zu planen. Dazu die Geschenke und natürlich frage ich mich, was ich dir schenken könnte.

Ich habe heute eine kuschelige Decke im Schaufenster gesehen und dachte, das wäre was für dich. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, dann ist mein bestes Geschenk vermutlich Zeit und Nähe. Wenn ich bei dir bin, dann kann ich für dich da sein. Aus der Ferne ist es schwierig.

Liebe Mama, weißt du noch, wie es früher war? Ich erinnere mich daran, wie wir in der Vorweihnachtszeit Unmengen an Plätzchen gebacken haben. Nicht nur eine oder zwei Sorten, wie ich es jetzt mache, nein, du hattest eine lange Liste an Plätzchen-Rezepten, die wir jedes Jahr gebacken haben. Bis spät abends standen wir in der Küche und haben die heißen Vanillekipferl im Puderzucker gewälzt. Mich hat es frustriert, wenn die Kipferl zerbrochen sind (und das sind sie leider regelmäßig), aber du konntest das problemlos. Wir haben gebacken und genascht, der Plätzchenduft hat Weihnachtsstimmung verbreitet.

Ich erinnere mich, wie liebevoll du im Haus und im Garten dekoriert hast. Du hast dich mit deinen Freundinnen immer zum Adventsbasteln getroffen und einen riesigen Kranz gemacht, der immer im Flur hing. Ein schönes Gesteck hatten wir auch, überall Lichter und Kerzenschein. Ich erinnere mich an warme, frohe Weihnachten und dass ich es genossen habe, zu Hause zu sein. Wenn das mal nicht ging, war ich traurig. Weihnachten – das war eigentlich nur ein gutes Fest, wenn ich bei euch war. Mit meinen Kindern habe ich in den vergangenen Jahren häufig in München gefeiert und wir haben uns erst am ersten oder zweiten Feiertag gesehen. An Heiligabend nur zu telefonieren, hat mich immer ein wenig traurig gemacht.

Das Weihnachten von früher gibt es nicht mehr

Eigentlich ist es kein Wunder, dass ich dich an Weihnachten besonders vermisse – und dann auch traurig werde. Denn dieses Weihnachten von früher, das gibt es so nicht mehr.

In den ersten Jahren nach der Diagnose hast du auch Plätzchen gebacken, aber du brauchtest Unterstützung. Das Abmessen und Abwiegen klappte nicht mehr gut. Papa hat dir dabei geholfen und ich fand es rührend, wie er versucht hat, dich dabei zu unterstützen. Aber irgendwann hat auch er aufgehört, es war ihm zu mühselig, alles alleine zu machen. Ich erinnere mich, dass ich einmal bei euch war und mit den Kindern gebacken habe. ich hatte gehofft, du würdest mitmachen, aber du bist nur um den Tisch und im Flur auf- und ab gewandert und hattest kein Interesse mehr. Ich war traurig, denn ich hatte ein wenig gehofft, es würde ein gemeinsames Backen wie früher werden.

Im Jahr darauf habe ich mit meinen Töchtern alleine gebacken. Ich war ein wenig traurig, weil ich daran denken musste, wie gerne ich mit dir (und meinen Kindern) dieses Ritual fortführen würde. Aber ich habe mich auch gefreut. Denn du hast mir beigebracht, wie man Vanillekipferl backt. Heute bin ich diejenige, die die Kipferl meisterlich wenden kann und die Kinder schimpfen über zerbrochene Kipferl.

Weihnachten_Vanillekipferl
Vanillekipferl – ganz nach Mamas Rezept

Wenn ich an all das denke, dann fange ich an, mich ein wenig mehr auf Weihnachten zu freuen. Vor allem freue ich mich darauf, bei dir zu sein. Keine Frage, es wird ein anderes Weihnachten als früher, aber ich hoffe, dass du von Weihnachten noch viel spürst und wir dir diese Weihnachtsstimmung vermitteln können.

Was wünschst du dir?

Oft lese ich, dass Menschen mit Demenz alles vergessen. Aber ich merke ja an dir, dass es nicht so ist. Natürlich kannst du Vieles nicht mehr und hast vergessen, du nimmst deine Umgebung doch sehr gut wahr. Spürst du auch, wenn Plätzchenduft durchs Haus zieht? Das weiß ich nicht. Aber du isst die Plätzchen mit großem Genuss und ich werde dir hoffentlich Vanillekipferl mitbringen.

Liebe Mama, mir ist so gar nicht weihnachtlich bislang. Aber ich möchte für dich und auch für mich und die Kinder ein schönes Weihnachten gestalten. Ich weiß ganz gut, was meine Kinder mögen. Was wäre dir besonders wichtig? Worauf würdest du dich freuen? Ich wünschte, wir könnten uns darüber austauschen.

Weihnachten 2021 – dankbar für die gemeinsame Zeit

So gerne würde ich von dir wissen, was du dir wünschst. Aber du sprichst schon lange nicht mehr und mir bleibt also vor allem die Körpersprache, an der ich erkennen kann, was dir guttut. Ich merke immer wieder, wie viel Freude dir die Musik macht. Gerne denke ich an vergangenes Jahr, als ich mit dir das Silvesterkonzert von der Semperoper im Fernsehen angeschaut habe. Als die Musiker spielten, bist du aus deinem müden Zustand aufgewacht und hast fröhlich mit den Beinen gewippt. Das zu spüren, war wunderschön. Ein echter Glücksmoment.

Ich sehne mich nach dem Weihnachten von früher – und weiß doch, dass dieses Sehnen nicht viel bringt. Wärest du die gesunde Mama ohne Alzheiemer, dann würdest bestimmt an meine Geduld appelieren und so etwas sagen wie: „Das wird schon“. Vielleicht sollte ich mir das vornehmen und weniger versuchen zu planen. Besser: auf dich einlassen und dankbar sein, dass wir diese Tage miteinander verbringen können. Gewiss, es wird anders als früher, aber lass uns diese gemeinsame Zeit genießen. Vielleicht muss Weihnachten nicht besonders schön sein, vielleicht genügt es, wenn wir einfach sein können.

Ich freue mich auf dich!

Deine Peggy

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