Wie ich helfen kann

Reden gegen die Einsamkeit – Interview mit Elke Schilling

Viele ältere Menschen fühlen sich einsam, so eine aktuelle Befragung. Besonders häufig sagen dies jene mit gesundheitlichen Einschränkungen. Auch pflegende Angehörige fühlen sich oft einsam, in der Corona-Pandemie hat dies noch zugenommen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und weiß, wie einsam sich mein Papa phasenweise gefühlt hat und wie gut es ihm tat, mit uns oder meinem Bruder zu telefonieren. Auch das Projekt Silbernetz möchte sich diesem Problem annehmen. Denn Einsamkeit, so Initiatorin Elke Schilling, kann „ein erhebliches Risiko für vorzeitige Sterblichkeit, Demenz, Depression und kardiovaskuläre Erkrankungen sein und das Immunsystem schwächen.“ Immer mehr Menschen rufen an, aber nicht alle Anrufe können angenommen werden. Deswegen hat der Verein eine Spendenaktion gestartet.

Einsamkeit

Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass Einsamkeit für viele ältere Menschen ein großes Thema ist. 22 Prozent der befragten Älteren fühlen sich häufig oder zumindest hin und wieder einsam. Überdurchschnittlich häufig sagten dies Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. 41 Prozent von ihnen fühlen sich einsam. Die besonderen Umstände der Corona-Pandemie haben dies noch einmal verstärkt.

Ich kenne das von meinen Eltern. Durch die Alzheimererkrankung meiner Mama leben sie deutlich ruhiger als früher, und gerade während der Lockdown-Phasen einsam. Tägliches Spazierengehen waren eine Routine dagegen, sowie häufige Anrufe von mir und meinem Bruder. Da habe ich auch gemerkt, wie gut es tut, zu telefonieren. Und selbst, wenn ich in der Ferne bin, kann ich doch ein wenig helfen.

Ein Projekt, das sich gegen Einsamkeit im Alter eintritt, ist Silbernetz e.V., ein einzigartiges Hilfs- und Kontaktangebot für ältere Menschen in Deutschland. Seit Monaten verzeichnet das Team Rekord-Anrufzahlen. Immer mehr einsame Senior*innen nutzen das Silbertelefon, aber mittlerweile können nicht mehr alle Anrufe angenommen werden. Zu hohe Telefongebühren sind der Grund. Deshalb hat Silbernetz nun ein Crowdfunding gestartet und bittet um Spenden, damit sie den Menschen entlastende Gespräche statt einer Warteschleife bieten können.

Interview mit Elke Schilling

Silbernetz Einsamkeit Elke Schilling
Silbernetz-Initiatorin Elke Schilling. Foto: Gordon-Welters

Elke Schilling ist die Initiatorin von Silbernetz e.V. Erstmals schaltete Silbernetz über die Weihnachtsfeiertage 2017/18 ein kostenfreies Hilfetelefon. Keiner sollte über die Feiertage alleine bleiben. Das war der Auftakt des Projekts, das zunächst auf Berlin beschränkt war. Seit der Corona-Pandemie ist es bundesweit aktiv.
Aktuell sind die Telefonzeiten täglich von 08:00 – 22:00 Uhr, unter 0800-470 80 90

Frau Schilling, viele ältere Menschen fühlen sich einsam. Wie wirkt sich das auf ihre Gesundheit und Psyche aus? 
Einsamkeit ist ein Gefühl des Mangels an erwünschten sozialen Kontakten. Studien sagen, dass Einsamkeit ein erhebliches Risiko für vorzeitige Sterblichkeit, Demenz, Depression und kardiovaskuläre Erkrankungen sein und das Immunsystem schwächen kann.

Sind Menschen mit Demenz und pflegende Angehörige besonders von Einsamkeit betroffen? 
Das ist zu vermuten. Demenz mindert in zunehmendem Maße das Erinnerungsvermögen und die Fähigkeit, schlüssig zu kommunizieren und damit in Kontakt mit anderen Menschen zu gehen. Pflegende Angehörige sind oftmals rund um die Uhr eingebunden in die Fürsorge für den Menschen, den sie pflegen. Da fehlen auf Dauer Zeit und Möglichkeiten, darüber hinaus gehende soziale Kontakte zu knüpfen und lebendig zu erhalten.

Einfach mal reden – das ist unser Motto

Elke Schilling

Was erwartet Menschen, wenn sie bei Silbernetz anrufen und wie funktioniert das?
Einfach mal Reden – das ist unser Motto. Das heißt, unsere Mitarbeiter*innen sind Gesprächspartner*innen auf Augenhöhe an der Hotline. Sie hören zu und nehmen Anteil an dem, was der Mensch am anderen Ende besprechen möchte. Das kann ein kurzer Wortwechsel sein, um mit einem Gespräch in den ansonsten einsamen Tag zu starten, oder eine Frage, die an diesem Tag die Anruferin besonders beschäftigt. Auf jeden Fall ist es anonym, vertraulich und kostenfrei für unsere Anrufer*innen

Was bewirkt das?
Ein wenig Entlastung, etwas Entspannung, ein gemeinsames Lachen, das Gefühl, nicht ganz allein zu sein. Manche rufen täglich an und manche nur, wenn sie sich besonders bedrückt fühlen. Viele bedanken sich für‘s Zuhören, für unser Da-Sein und manchmal für eine Anregung oder Information, die wir im Gespräch geben konnten. Und manche möchten eine*n Silbernetz-Freund*in. Das ist ein*e Ehrenamtliche, von uns vermittelt, die „ihren“ Gesprächspartner dann jede Woche einmal für ein persönliches Telefongespräch anruft

Silbernetz hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet: Warum und wofür sammeln Sie Spenden?
Wie gesagt, für unsere Anrufer*innen ist das Gespräch kostenlos, weil wir für die Verbindungskosten aufkommen. Das leisten wir ausschließlich aus Spendenmitteln. Mit fünf Euro können wir vier Gespräche von je 25 Minuten Dauer bezahlen. Täglich rufen uns zwischen 150 und 180 verschiedene Menschen an. Das summiert sich

Können Sie meinen Blog-Lesenden noch einen Rat geben: Wie kann man helfen? Was kann jeder tun?
Einmal 5 Euro für unsere Kampagne spenden. Wenn viele das tun und wir unsere Zielsumme erreichen, dann legt die Hertie-Stiftung noch einmal drauf und wir könnten so bis zu 18.000 Gespräche sichern. Und darüber hinaus: Hilfe anbieten, wenn welche gebraucht wird, Geduld üben, wenn ein alter Mensch an der Supermarktkasse etwas länger braucht, weil eben noch etwas gesagt werden muss oder auch unsere Rufnummer weitergeben 0800 4 70 80 90, wenn erkennbar ist, dass da ein älterer Mensch niemand zum Reden hat.

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