Wohnen

Demenz & Wohnen: Das Treppenproblem – und wie wir es (erstmal) gelöst haben

Vor einem Jahr hat es angefangen, dass meine Mama immer häufiger Probleme beim Treppengehen hatte. Zunächst wurde das Hinuntergehen schwierig. Sie stockte oft vor den letzten Stufen und traute sich nicht, ihren Fuß weiter nach unten zu setzen. Den Sommer über ging sie etwas besser. Aber leider hat das Problem nun wieder zugenommen und das Treppengehen – hinauf und hinab – stellt ein großes Problem dar. Was tun? Verschiedene Möglichkeiten kommen infrage: Umräumen, Umbauen, Umziehen. Wie wir das Treppenproblem (erstmal) gelöst haben und welche Fragen uns dabei geleitet haben, erfahrt ihr in diesem Blog-Artikel.

Hand_Treppen
Mit einer Hand am Geländer klappt es viel besser

Demenz: Ursachen für das Treppenproblem

Mama hat schon seit längerem Probleme beim Treppensteigen. Bislang ging es aber meist darum, dass sie die Treppen nicht mehr hinunter geht. Sie blieb meist an der vorletzten oder letzten Stufe stehen und traute sich nicht, ihren Fuß weiter nach unten zu setzten. Sie wirkte richtig blockiert. Blockiert vor Angst, noch einen Schritt zu machen. „Nur ein Schritt, komm trau dich! Das ist doch nicht schwer“, flehte Papa Mama manchmal richtig an. Aber Mama wollte diesen einen Schritt nicht tun und blieb vehement stehen. Kaum zu glauben, dass eine passionierte Sportlehrerin nun nicht mehr Treppen gehen konnte. Warum? Wie können wir ihr helfen?

Was war die Ursache für diese Treppen-Angst? Menschen mit Demenz leiden nicht nur an Erinnerungsverlust, sondern sie verlernen auch ganz gewöhnliche Handlungsabläufe. „Es handelt sich um eine sogenannte Apraxie„, sagte Mamas Neurologe. Rein körperlich ist ihre Bewegung nicht eingeschränkt. Aber ihr Gehirn kann Bewegungen und Handlungen nicht mehr steuern. Menschen mit Demenz vergessen nicht nur Personen oder Erinnerungen, sondern auch Handlungen und alltägliche Abläufe. Treppengehen gehört dazu.

Dazu kommt: Die Alzheimer-Erkrankung geht mit dem Verlust von optisch-räumlichen Fähigkeiten einher. „Das Gehirn kann Bilder nicht mehr so gut umsetzen“, erklärte mir Iris Gorke von der Alzheimer Gesellschaft München im Angehörigen-Seminar. Menschen mit Demenz würden nicht mehr so gut dreidimensional sehen können und haben daher Probleme, die Gesehene einzuordnen oder zu bewerten. Eine Linie am Boden oder ein dunkler Fußabtreter können beispielsweise nicht mehr als solche erkannt werden, sondern stellen Hindernisse dar.

Lag das Treppenproblem vielleicht nur an der Farbe und Struktur der Treppen und des Bodens? Womöglich. Denn bei meinen Eltern im Haus ist es tatsächlich so, dass die Treppen sich deutlich von dem Boden unterscheiden. Da führen weiße Fliesentreppen in den Keller hinab und am Ende der Treppe liegt eine schwarze Fußmatte. Auch, wenn man vom ersten Stock ins Erdgeschoss geht, ändert sich der Untergrund (von einem Teppich zu Fliesen).

Kleine Strategien helfen beim Treppengehen: zählen, dichten, stützen

Was also tun? Wir haben als Erstes den Fußabtreter weggetan, damit Mama nicht mehr vor diesem scheinbar schwarzen Loch stehen muss. Mehr haben wir am Haus nicht verändert, weil das einen immensen Aufwand und große Kosten bedeutet hätte. Wir haben es mit kleinen Strategien probiert, um Mama beim Treppegehen zu helfen: Wir haben gezählt, von eins bis zehn. Und häufig hat sie sogar mitgezählt und nachgesprochen. Papa hat gerne auch mal Gedichte oder kleine Sprüche gesagt. Mama hat dann manchmal mitgemurmelt – und das hatte immer den wunderschönen Nebeneffekt, dass sie gesprochen hat und wir ihre Stimme gehört haben.

Ich gebe es zu, ich bin nicht die eifrige Sängerin oder Dichterin. Meine Strategie ist viel mehr, direkt neben Mama zu gehen und ihre Hand zu halten – und darauf zu achten, dass sie sich am Geländer festhält. Dieser Halt hat ihr gut getan, denn sie hat sich dann oft weiter getraut. Manchmal hat auch das nicht funktioniert, dann habe ich mich vor sie gestellt und ihre Hände genomme. Dann stehe ich mit dem Rücken nach unten – das hat den Vorteil, dass sie nicht sieht, wie es nach unten geht.

Mamas Angst vor der letzten Stufe

Immer häufiger funktioniert all das gar nicht mehr. Dann stelle ich mich meist erstmal neben sie und lächle sie an. Versuche etwas Motivierendes zu sagen wie: „Jetzt gehen wir weiter, das schaffen wir bestimmt.“ Manchmal genügt das nicht und wir nehmen immer wieder Anlauf. Die letzte oder vorletzte Stufe ist dennoch häufig schwierig.

Mama hat schon des öfteren einen kleinen Sprung gemacht. Ich versuche, das zu vermeiden, denn ich habe Angst, dass sie sich dabei wehtut. Ich lenke Mama eher ab, oft indem ich ihren Arm und meinen Arm etwas hin- und herschwinge. Die klassische Ablenkungsstrategie, die eigentlich immer wirkt. Wenn etwas nicht mehr geht, lohnt es oftmals nicht, einfach immer mehr davon zu machen. Viel besser ist es, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu legen – und dann klappt es oft wie von alleine.

Aber ein zügiges Treppengehen, das gibt es mit meiner Mama nicht mehr. Die Treppen werden mehr und mehr zu einer Herausforderung für sie. Als wir damals Mamas Arzt fragten, was man machen könnte, hatte der was von einem Treppenlift erzählt. Sollte das wirklich die Lösung sein? Noch bevor wir weiter darüber sprechen konnten, hatte Mama bessere Phasen und ging fast von alleine die Stufen hinab. Bis vor einigen Wochen.

Auf der Treppe: Nichts geht mehr

Ich war bei meinen Eltern und brachte meine Kinder ins Bett, als ich vom Flur flehende Rufe hörte. „Was ist los?“, fragte ich alarmiert. Meine Eltern wollten nach oben in ihr Schlafzimmer gehen. Doch da stand meine Mama auf der Hälfte der Treppe, mein Papa vor ihr und versuchte sie zu ziehen. „Papa“, rief ich. Mehr konnte ich nicht sagen, so bestürzt war ich. Ich sah die Unsicherheit in Mamas Augen und die Verzweiflung in den Augen meines Papas.

War das die nächste Stufe im Weg mit der Demenz-Erkrankung? „Setz dich“, sagte ich meinem Papa. Ich wollte ihn ablösen und diese verfahrene Situation auflösen. Er ging nach oben, setzte sich auf den Stuhl und atmete tief aus. Ich stellte mich neben Mama, nahm ihre Hand und wippte unsere Hände hin und her. Doch das half nicht, Mama ging nicht weiter. Wir standen da eine Weile und mit viel Zureden und Halten ging es irgendwann, aber was für eine Herausforderung. Was für ein Schreck, für mich, aber auch für Mama und Papa.

Es war nicht das erste Mal gewesen. „Manchmal brauchen wir eine Stunde, um abends die Treppen hochzugehen„, sagte Papa am nächsten Tag. Eine Stunde für 30 Stufen. „Papa“, rief ich bestürzt. Und dachte: Warum sagt er denn nichts? Warum erzählt er denn nicht von diesen anstrengenden Situationen? Ich fühlte mich richtig schlecht, aber spürte auch gleich: So geht das nicht weiter. „Was können wir denn machen, Papa? Wir müssen uns was überlegen“, schlug ich vor und begab mich auf die Suche nach der besten Lösung.

5 Fragen, um das Treppenproblem zu lösen

Viele, viele Diskussionen später weiß ich immer noch nicht, was die „beste Lösung“ ist. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die sich auskennen, mit Mamas Arzt, mit ihrer Tagespflege, einem Pflegedienst, einer Wohnraumberatung. Mittlerweile denke ich, dass es die eine perfekte Lösung nicht geben kann, sondern dass es immer eine individuelle Lösung ist.

Die habe ich nicht alleine getroffen, natürlich nicht, denn es sind ja meine Eltern, die in ihrem Haus wohnen. Aber mit meinem Bruder habe ich viel gesprochen, mit meinem Papa viel diskutiert. Wir haben überlegt, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Dabei haben uns folgende Fragen geholfen:

  1. Können wir so umräumen, dass Mama die Stufen nicht mehr gehen muss? – Einfach Zimmer tauschen und umräumen – reicht das vielleicht? Schnelle Erkenntnis: Leider nein. Das Badezimmer und Schlafzimmer sind im ersten Stock. Wir können das Schlafzimmer nach unten verlegen, aber das Badezimmer ist nun mal oben. Es muss also eine andere Lösung her.
  2. Kann ein Treppenlift das Problem lösen? – Möglicherweise. Allerdings wären das Bade- und Schlafzimmer immer noch oben – und diese zwei Ebenen eher unpraktisch im Pflegealltag. Außerdem kostet so ein Treppenlift eine ganze Menge. Besser sei, das rieten mir die Profis von der Wohnraumberatung und vom Pflegedienst, wenn wir Bade- und Schlafzimmer nach unten verlegen und so eine barrierefreie Wohnung schaffen.
  3. Können wir ein Badezimmer im Erdgeschoss einbauen lassen? – Tja, im ersten Moment waren wir uns unsicher, denn diese Idee stand noch nie zur Debatte. Aber ja: fachkundige Experten meinen, dass es möglich ist. Wir haben die Baupläne angeschaut und in Gedanken schon viele Möbel gerückt und beschlossen: machbar ist es. Auch, wenn dann unten ein normales Zimmer wegfällt, bleibt immer noch genug Platz für Mama zum Umherwandern. Das ist nämlich wichtig für sie.
  4. Wollen meine Eltern den Umbau wirklich? – Diese Frage haben wir uns vor allem gestellt, weil so ein Umbau nicht nur nervig ist, sondern eine Menge kostet. Eine Alternative wäre ein Umzug in eine barrierefreie Seniorenwohnung oder ein Pflegeheim. Und an diesem Punkt wurde es extrem schwierig. Papa sorgt sich, dass der Umbau viele Nerven und viel Geld kosten würde – und es unklar ist, ob sich das Umbauen „lohnt“. „Das wird dir keiner sagen können“, meinte ich. Davon mal abgesehen ist ja die Frage generell, was „lohnen“ bedeutet. Geht es darum, wie lange meine Eltern in ihrem Haus wohnen können oder ob sie glücklich sind oder ob der Umbau den Wert des Hauses steigert? Meinem Papa geht es vor allem darum, wie lange sie dort noch wohnen können. Das können fünf Monate oder fünf Jahre sein, keiner von uns kann es vorhersehen und wirtschaftlich kalkulieren.
  5. Die Alternative: Können sich meine Eltern einen Umzug vorstellen? – Meine Eltern haben sich nach der Wende einen Wunsch erfüllt und das Haus gebaut. Ihr großer und lang ersehnter Traum wurde wahr. Wir haben in den vergangenen Wochen viel über einen Umzug in eine barrierefreie Wohnung, in ein betreutes Wohnen, gesprochen. Mein Bruder und ich sehen die vielen Vorteile, die meine Eltern dort hätten. Aber als mein Papa davon erzählte, wie sehr das Haus sein und Mamas Zuhause geworden sei und er sich nicht vorstellen kann, woanders zu wohnen, da habe ich gemerkt, was Angehörigen-Coach und Demenz-Beraterin Petra Wieschalla neulich im Gespräch meinte mit „Helfen ist nicht: Ich mache, was ich denke, was gut für dich ist.“ Helfen ist: Ich unterstütze dich bei dem, was dir wichtig ist.

Seitdem ist meine Meinung, dass nur mein Papa wissen kann, wo und wie er mit Mama wohnen möchte – und ich ihn dabei unterstützen werde. Ob das die richtige oder perfekte Lösung ist, weiß ich nicht. Aber ich möchte, dass meine Eltern dort wohnen können, wo sie sich wohl fühlen.

Wie wir das Treppenproblem erstmal gelöst haben

Und deswegen haben wir Pläne geschmiedet für einen Umbau – und umgeräumt. In einer Wochenendaktion haben mein Bruder und ich aus dem Esszimmer ein neues Schlafzimmer für meine Eltern gemacht. Denn so müssen meine Eltern abends zum Schlafen nicht mehr in den ersten Stock gehen. Zähneputzen können sie in der kleinen Toilette. Abends ist Mama oft müde, da klappen viele Dinge nicht mehr so gut wie morgens. Deshalb ist das erstmal eine gute Zwischenlösung.

Im nächsten Schritt soll aus Mamas altem Arbeitszimmer ein Bad werden, mit ebenerdiger Dusche und viel Platz, sodass man es auch mit einem Rollstuhl benutzen kann. „Sollen wir das wirklich machen?“, hat mich Papa neulich gefragt und gestöhnt: „So viel Aufwand!“ Ja, das wird viel Aufwand, aber wenn sie sich wohlfühlen, dann lohnt sich das.

Das Treppenproblem ist dann übrigens noch nicht komplett gelöst, denn auch von außen gibt es Treppen, die man gehen muss, um ins Haus zu kommen. Aber sie sind viel flacher und es sind weniger. Wie wir das lösen möchten, erzähle ich ein anderes Mal.

Übrigens: Seit meine Eltern abends nicht mehr „nach oben“ gehen müssen, ist es deutlich entspannter geworden. Für beide eine Erleichterung, sich abends direkt ins Bett legen zu können, ohne einen Marathon von 30 Stufen bewältigen zu müssen. Und morgens fällt es Mama tatsächlich einfacher als abends, die Stufen zu nehmen. So weit funktioniert es also… Ich hoffe, dass diese Phase noch lange anhält.

7 Gedanken zu „Demenz & Wohnen: Das Treppenproblem – und wie wir es (erstmal) gelöst haben“

  1. Ich finde es so toll, wie Du schreibst und gerade ich erlebe mit meiner Mutter täglich neue Situationen, wo es gut tut, zu lesen das sich viele so rührend kümmern und das macht Mut und gibt Kraft.

      1. ja, solange das papa noch schafft.
        der kommt mir allerdings zu kurz in ihrem blog.

Kommentar verfassen