Wohnen

Wohnen und Demenz: Die Teppich-Diskussion

Im Haus meiner Eltern dreht es sich gerade stark um das Thema Wohnen. Meiner Mama fällt es immer schwerer, Treppen zu gehen und deshalb wurde nun umgebaut. Natürlich geht das damit einher, Zimmer neu einzurichten. Etwas, worüber wir sehr viel diskutiert haben, ist das Thema Teppich. Einerseits die größte Stolperfalle überhaupt und Gefahr, dass meine Mama (oder mein Papa) stürzen. Andererseits extrem wichtig, damit die beiden sich wohl fühlen. Wie findet man da eine Lösung? Ich habe da mal ein paar Fakten und Meinungen zusammengetragen – und erzähle ich euch, welche Lösung wir gefunden haben.

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Teppiche: Stolpergefahr für Menschen mit Demenz – also unbedingt weg damit?
Foto: Sina Saadatmand/ Unsplash

Demenzfreundlich wohnen

Als meine Eltern sich vor bald 30 Jahren den Traum vom Eigenheim erfüllten, hatten sie noch keine Ahnung davon, dass ein paar Stufen mal ein Riesen-Thema für sie werden würden. Sie waren beide immer sehr sportlich und aktiv. Sie waren der Typ Sportlehrer, der auch den Hüftaufschwung noch vorturnt. Meine Mama fand nach der Diagnose Demenz Halt im Laufen und nahm sogar an Wettkämpfen teil. Doch in dem vergangenen Jahr wurde das Treppengehen immer mehr zu einer Herausforderung. Und schließlich so sehr, dass wir eine neue Lösung gesucht haben – und zwar schrittweise.

Ich habe ja schon beschrieben, dass wir eine kurzfristige Lösung für das Treppenproblem gefunden hatten, indem wir das Schlafzimmer ins Erdgeschoss geräumt haben. Das hat einiges an Stress genommen. Im zweiten Schritt wurde aus Mamas altem Arbeitszimmer im Erdgeschoss nun endlich ein Badezimmer. Nun muss sie im Haus keine Treppen mehr gehen, diese Sturzgefahr ist also gebannt. Und doch gibt es ein Thema, das uns seit langem begleitet und über das wir immer wieder diskutieren: Weg mit den Teppichen oder nicht? Mein Papa hängt an seinen Teppichen, ich sehe darin eine einzige Stolperfalle und möchte sie loswerden. Was sagen die Experten? Wie gefährlich sind Teppiche wirklich?

Stolperfalle Teppich?

Fest steht: Menschen mit Demenz stürzen besonders häufig. Studien zeigen, dass sie ein rund 20-mal höheres Sturzrisiko als gesunde Gleichaltrige haben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie liegen zum einen an den körperlichen Einschränkungen wie Muskelschwäche, Problemen beim Sehen oder Geh- und Balancestörungen.

Aber auch die Umgebung kann das Sturzrisiko beeinflussen. „Angehörige haben durch das passende Wohnumfeld einen viel größeren Einfluss als sie oft denken“, erklärte Janina Herbst von der Hamburger Angehörigenschule in einem Webinar zum Thema Sturzprävention.

„Typische Stolperfallen im Haus sind Treppen und Teppiche“, sagte Janina Herbst. Wenn Teppiche Wellen schlagen, kann man leicht darüber stolpern. Menschen mit Demenz (oder anderen Einschränkungen) können dann oft nicht schnell genug reagieren und fallen hin.

Die Folgen eines Sturzes können massiv sein, da sie gerade bei älteren Menschen mit Knochenbrüchen einhergehen. Mehr als 90 Prozent der Oberschenkelhalsfrakturen entstehen im Zusammenhang mit einem Sturz. Solche Frakturen führen häufig dazu, dass Menschen aus dem Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung entlassen werden. Oft erleben die Menschen noch Monate nach einem Sturz Schmerzen. Auch die Angst vor einem erneuten Sturz führt zu Angst und Einschränkungen in der Bewegung. „Oft führt ein Sturz zu einer Negativspirale. Es ist also wichtig, dass Angehörige so gut es geht, versuchen einem Sturz vorzubeugen“, sagte Janina Herbst.

Teppiche können wichtig sein

Also, weg mit dem Teppich? So pauschal könne man das nicht sagen, meint Janina Herbst. „Wenn der Boden sehr glatt ist, kann ein Teppich sogar wichtig sein, da man dadurch nicht so schnell wegrutscht“, erklärte sie.

Auch Antje Holst, die beim Kompetenzentrum Demenz die Musterwohnung für Menschen mit Demenz betreut, rät nicht pauschal von Teppichen ab: „Viele Profis schreien beim Thema Teppich sofort auf und warnen davor. Aber für einen Menschen mit Demenz ist der Teppich vielleicht ein wichtiger Orientierungspunkt oder eine Erinnerung. Dann muss man abwägen, was wichtiger ist: die Sicherheit und die Barrierefreiheit oder eben die Vertrautheit und Behaglichkeit.“

Und was sagen Ärzte dazu? „Sturzpatienten haben in der Regel nicht mehr Stolperfallen in ihrer Wohnung als „normale“ Menschen, so dass die Beseitigung keine wirkliche Sturzreduktion bringt, denn sie stürzen auch in einer optimierten Umgebung“, schrieb Dr. Martin Runge über die Vermeidung von Stürzen und Brüchen.

Welche Faktoren erhöhen das Sturzrisiko?

Teppiche sind vielleicht die sichtbarste Stolperfalle, aber bei weitem nicht die einzige und auch nicht die entscheidendste. „Der größte Risikofaktor liegt in der abnehmenden Mobilität“, erklärt Janina Herbst im Webinar. Nehmen Bewegungseinschränkungen, Unsicherheiten beim Gehen, Gleichgewichtsprobleme zu, dann steigt die Sturzgefahr. Wichtig, um dem entgegenzuwirken, sei regelmäßige Bewegung. „Aus Vorsicht bewegen sich viele weniger. Das ist aber genau die falsche Reaktion, denn dadurch verschlechtern sich die körperlichen Fähigkeiten und das Sturzrisiko steigt“, weiß die Fachfrau. Sie plädiert für Bewegung, auch im kleinen Maße und gezielte Balance-Übungen. „Das können auch kleine Übungen sein, wie im Sitzen die Zehenspitzen aufzustellenwichtig ist, dass man in Bewegung bleibt.“ Ihre Lieblingstipp: mal barfuß über die Wiese gehen. Das trainiere die Fußmuskeln.

Faktoren, die sich kaum beeinflussen lassen: Manche Menschen haben durch körperliche Einschränkungen oder Erkrankungen wie Osteoporose, Parkinson, Schwindel ein erhöhtes Sturzrisiko. Auch Medikamente können einen Einfluss haben, da sie etwa das Bewusstsein trüben oder den Kreislauf schwächen können.

Aber es gibt auch Faktoren, die man beeinflussen kann: „Schlecht sitzende Kleidung kann eine echte Stolperfalle sein„, sagt Janina Herbst. Wenn die Hose zu lang oder zu weit sei, die Socken oder Schuhe rutschen, würden viele stolpern und stürzen. „Auch kompliziert zu öffnende Kleidung erlebe ich als Risiko, etwa wenn die Menschen eine Blasenschwäche haben und zur Toilette eilen, weil es schwierig ist, die Kleidung zu öffnen, dann passiert es leicht, dass sie in der Eile hinfallen“, erklärt die Expertin.

Sehschwäche ist ein häufiger Gefahrenpunkt, etwa durch Erkrankungen oder auch eine Brille, die nicht mehr passt. Janina Herbst rät dazu, die Sehschärfe überprüfen und die Brille regelmäßig anpassen zu lassen.

Unsere Lösung für das Teppich-Problem

Anfangs wolle ich partout alle Teppiche loswerden. Das Webinar und auch die Rercherche zu dem Thema hat mir gezeigt, dass das vielleicht gar nicht notwendig ist. Und dass es gut ist, abzuwägen und eine Lösung zu finden, unsere eigene Lösung. Denn für meine Mama und meinen Papa sind Teppiche wichtig. Sie hatten ihr ganzes Leben lang am Boden ihrer Wohnungen und ihres Hauses Teppiche. „Zu kalt“, „zu nackig“, „zu leer“ – mit diesen Worten beschreibt mein Papa noch heute Parkett-, Laminat- oder Fliesenfußboden.

Der neue Boden im Erdgeschoss ist durch den Umbau so nackig – und ja, wir haben im Wohnzimmer einen Teppich hineingelegt. Die Läufer aber, die bislang immer obenauf lagen, haben wir entfernt. Er wellte sich regelmäßig und war tatsächlich eine Stolpergefahr.

„Wenn man sich für einen Teppich entscheidet, dann sollte man darauf achten, dass er am Boden aufliegt. Man kann ihn auch mit doppelseitigem Klebeband befestigen“, rät Janina Herbst. „Werden Sie kreativ, um die Wohnung sicher zu gestalten.“

Den dicken großen Teppich haben wir übrigens ins Obergeschoss verlagert, dahin, wo meine Mama nur noch selten ist. Die unteren Wohnbereiche, wo sie viel umherwandert, haben wir am Boden tatsächlich frei geräumt. Nur im Wohnzimmer vor der Couch liegt ein Teppich, zum Wohlfühlen. In allen anderen Bereichen – dort, wo Mama viel unterwegs ist – ist es „nackig“, wie mein Papa sagt. Mama geht langsamer und auch etwas unsicherer – und wir wollen kein Risiko eingehen.

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2 Gedanken zu „Wohnen und Demenz: Die Teppich-Diskussion“

  1. hallo Peggy, eine gute Lösung – finde ich. So bleibt es heimelig genug und doch bestmöglich abgesichert. Das Thema hatten wir zum Glück nie, denn meine Eltern und ich hatten immer Hunde, sodass die Wohnung eh immer teppichfrei war. Was allerdings auch nicht zu unterschätzen ist, ist die nachlassende Sehstärke. Die kann irgendwann auch kein Augenarzt mehr überprüfen , wenn wie bei meinem Vater, durch Alzheimer die Sprache früh verloren geht. Manchmal genügen schon unterschiedliche Farben am Boden oder auch Sonne und Schatten und der MmD wird unsicher im Gang. Mein Papa hat sich oft gebückt und am Boden gefühlt, ob da was liegt, oder ob da eine Stufe ist. Im Seniorenheim sehe ich dieses Verhalten bei sehr vielen anderen Bewohnern auch. Kommt denn deine Mutter mit dem Umbau sonst zurecht? Diese Veränderung ist ja auch nicht zu unterschätzen… LG Tanja

    1. Liebe Tanja, ja, stimmt das mit der Sehschwäche kommt vermutlich nich hinzu. Aber wie will man das testen bei jemandem, der nicht mehr spricht? Meine Mama schaut jedoch kaum auf den Boden, sondern läuft einfach so vor sich her.
      Den Umbau hat sie gut angenommen. Da, wo früher ihr Arbeitszimmer war, ist jetzt das Bad. Schön groß und hell – und dank Papa immer sehr gut geheizt 😉 Lieben Gruß Peggy

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