Gastbeitrag, Selbstfürsorge

Gastbeitrag von Antje: „Ein Schatz im Briefkasten“

Seit ein paar Wochen bekomme ich regelmäßig Post: die Stärkungsbriefe von Antje Koehler. Seit vielen Jahren arbeitet sie rund um das Thema Demenz. Aber als Angehörige erlebte sie die Herausforderungen noch mal neu. Hier schreibt sie davon und wie sie die Stärkungsbriefe für Angehörige entwickelt hat. Und: Es gibt ein Gewinnspiel: Ihr könnt ein Digital-Abo gewinnen, für euch oder als Geschenk.

Antje Köhler sitzt an einem Baum und schreibt

Ich freue mich immer, wenn ich euch andere Stimmen und Perspektiven bieten kann. Denn ich kann immer nur für mich und meine Erfahrungen zum Thema Demenz sprechen. Aber jeder macht eigene – und ich glaube, dass es hilfreich und wertvoll ist, all diese Erfahrungen zu teilen. Deshalb veröffentliche ich regelmäßig Gastbeiträge (hier findet ihr alle Gastbeiträge.)

Hier findet ihr einen Gastbeitrag von Antje Koehler. Ich habe Antje auf einer Tagung zum Thema Demenz kennengelernt. Sie hat dort einen Vortrag zum Thema „Weiße Trauer“ gehalten. Ich habe viel gelernt und vor allem habe ich mich sehr verstanden gefühlt. Aber sie ist nicht nur Fachfrau, sondern auch Angehörige – und das hat ihr noch mal neue Sichtweisen eröffnet. Es hat beispielweise dazu geführt, dass sie ein neues Projekt entwickelt hat: die Stärkungsbriefe für Angehörige. In diesem Gastbeitrag teilt sie ihre Erfahrungen und erklärt, was hinter diesen besonderen Briefen steckt.

Gastbeitrag von Antje: „Ein Schatz im Briefkasten“

Ich dachte immer, ich kenne ich mich aus, mit dem Thema Demenz. Schließlich arbeitete ich mit viel Fachwissen und Freude schon seit über 20 Jahren mit betroffenen Menschen und ihren Angehörigen zusammen. Doch dann erkrankte mein Schwiegervater an einer Demenz. Und ich erlebte, wie es ist, wenn die Theorie plötzlich das eigene Leben trifft.

Es war … so anders als alles, auf das ich vorbereitet war. Über sechs Jahre lang lernten wir in der Familie nicht nur meinen Schwiegervater, sondern vor allem uns selbst auf neue Art und Weise kennen. Beruflich war ich die Ruhe und Geduld in Person, als Schwiegertochter fühle ich mich nicht selten irritiert, genervt und erschöpft. Nicht zuletzt hilflos angesichts der Veränderungen, die ich vom Kopf her verstand und auf die mein Herz doch nicht vorbereitet war. Nachmittage mit immer gleichen Fragen, die sich gefühlt hundertfach wiederholten. Lebensmittel im Kleiderschrank, merkwürdige Erklärungen und verletzende Beschuldigungen. All das machte uns wütend und ratlos, weil die Veränderungen eben nie nur die erkrankte Person betreffen, sondern das gesamte Familiensystem herausfordern und radikal verändern.

Mein fachliches Wissen unterstützte uns dabei, als Familie die Veränderungen einordnen und besser verstehen zu können. Doch im herausfordernden Alltag half das Wissen immer wieder nur begrenzt. Bis…, ja bis ich irgendwann verstand, dass es nicht darum ging, immer noch mehr Wissen für uns heranzutragen. Denn weder die Lücken im Gedächtnis meines Schwiegervaters noch diejenigen in unserem Begleiten und Funktionieren konnten durch noch mehr Informations-Bausteine für den Verstand geschlossen werden.

Es war unser Herz, das eine Brücke suchte und brauchte. Die Aufgabe bestand darin, eine neue Art und Weise der Verbindung und Verbundenheit möglich zu machen und einen gangbaren Weg zwischen großen Fragen und pragmatischen Lösungen zu finden.

Verborgene Schwerstarbeit

Rückblickend wundere ich mich selbst, wie lange ich etwas ganz Entscheidendes in meiner eigenen Familie fast übersah. Welch große Aufgabe für Angehörige still und verborgen hinter den lauten Fragen zu Diagnosen, Medikamenten, Finanzen, dem Umgang mit emotionalen Ausbrüchen und der Organisation von Arztterminen und einem Wust an Unterstützungs-, Pflege- und Betreuungsleistungen liegt. Neben all dem ist das eigene Wachsen, Sortieren, Verstehen, Trauern, Loslassen, Suchen und Gestalten von kleinen nächsten Schritten eine oft unsichtbare, emotionale Schwerstarbeit.

Ich kenne niemanden, dem dieser Weg leichtfällt. Keiner und keine von uns hat ihn sich selbst ausgesucht. Weder die von Demenz betroffenen Menschen noch ihre Angehörigen werden vom Leben gefragt, ob diese Erfahrung ihnen gerade passt.
Ein (begleitender, betreuender oder pflegender) Ehepartner, Sohn, Tochter, Enkelin, Freund, Nachbarin, Bruder etc. zu sein, ist dabei nicht einfach nur eine weitere Rolle, sondern ein komplexer Prozess, in den wir alle erst mühsam hineinwachsen müssen. Ein Prozess, der sich laufend verändert und der Zeit, Geduld, Verständnis und Mitgefühl braucht – nicht nur mit anderen, sondern vor allem mit sich selbst.



Vergiss dich nicht

Während wir mit wachsender Sorge (und Argusaugen!) die Veränderungen meines Schwiegervaters beobachteten und uns ständig mit ihm und seiner Demenz beschäftigten, begann ich zu begreifen, wie wichtig es ist, dass wir als Angehörige den Blick auf uns selbst nicht vergessen. Denn die Tür zu einem leichteren Leben mit einer Demenz geht – bildlich gesprochen – nach innen auf. Und die große Aufgabe, mit einem Menschen mit Demenz in der Familie Leben zu lernen, können wir nur meistern, wenn wir uns selbst nicht vergessen. Wenn wir uns ändern – nicht den Menschen mit einer Demenz.

Karte mit einem Spruch: "Manchmal genügt es schon fünf Minuten am Fenster zu stehen und nur auf sich zu schauen."

Dieser Weg brauchte so viel mehr als Wissen rund um ein Krankheitsbild und Hilfe für einen zunehmend komplizierter werdenden Alltag. Was uns fehlte, um in der Fülle der Fragen und Herausforderungen nicht nur mit Müh und Not zu überleben, sondern weiter ein gutes Leben gestalten zu können, war Nahrung fürs Herz und Entlastung für die Seele. Verständnis für das Wirrwarr an Gefühlen, die sich in uns abspielten. Milde im Umgang mit dem Nicht- Gelingenden, für das wir uns schämten. Und ein Gefühl davon, in den großen Herausforderungen, die uns umtrieben, nicht allein zu sein.

Fragen, die im Alltag mit Demenz helfen

Ich begann deshalb damit, mir andere Fragen zu stellen. Was hilft uns, als Angehörigen, um dem Schreck und der Resignation angesichts der Diagnose Demenz etwas Ermutigendes entgegenzusetzen? Wie schaffen wir das, im Alltag mit einem Menschen mit Demenz weniger genervt und mehr verbunden miteinander zu sein? Was trägt uns durch die Momenten, in denen der Kopf nur noch schwarzmalt und das Herz sich im Kreis dreht? Was können wir lassen, sodass der erkrankte Mensch sich mehr gesehen, besser verstanden und bei uns sicherer fühlen kann? Wo bleiben wir mit unserer Trauer, unserer Wut?

Welche Zugänge stärken unsere Kreativität, wenn der erkrankte Mensch nachts plötzlich aufsteht, um „ins Büro zu gehen“ oder „nach Hause“ zu wollen? Wieso zum Teufel haben wir das Gefühl, ständig so viel falsch zu machen, obwohl wir uns ein Bein ausreißen? Nicht zuletzt: Wie gehen wir und andere damit um, wenn Zu- und Angehörige untereinander verschiedenen Vorstellungen von der Betreuung haben? Und wieso bringen uns Hinweise von anderen, wir sollen uns ja gut um uns selber kümmern, so sehr auf die Palme? …

Mit der Zeit waren da nicht nur Fragen über Fragen. Ich wuchs Stück für Stück in Antworten hinein, die nicht nur uns, sondern auch anderen Familien halfen, zuversichtlich zu bleiben, Luft zu holen und neue Perspektiven zu entdecken.

Mut für den Alltag

Seit dieser Erfahrung schreibe und verschicke ich Stärkungsbriefe an Angehörige von Menschen mit einer Demenz. In den Briefen steht bewusst die Person, die begleitet, im Mittelpunkt – und nicht die nächste Erklärung zum Krankheitsbild Demenz. Jeder und jede liest die Briefe für sich, wann es passt und der Alltag hergibt – und doch sind wir über alle Unterschiedlichkeit hinweg dabei auch unsichtbar (über das gemeinsame Lesen) miteinander verbunden.

Wir sehen, was ist. Und machen, was geht. Das ist genug.

Auch wenn jeder und jede von uns seinen ureigenen Weg finden muss, mit der Erfahrung einer Demenz in der Familie leben zu lernen, können wir so von den Erfahrungen anderer lernen und profitieren. Und uns Rückenwind und Auftrieb geben lassen. Stärkung zwischen den Zeilen. Durch Worte, die die Kraft haben, die Welt der Demenz ein wenig besser und leichter werden zu lassen. In Form von kleinen Schätzen auf Papier.

Stärkungsbrief von Antje Köhler

Sie sind bewusst als „richtige Post“ im Briefkasten gedacht (auch wenn es möglich ist, sie auch digital, per Email, zu bekommen). Denn meine Erfahrung ist: Manche Botschaften brauchen Gewicht. Sie dürfen langsam verschickt werden und wollen angefasst und entfaltet werden. Es tut gut, wenn sie mit einem Kaffee oder einem Becher Tee in der Hand immer wieder angeschaut werden können, sodass wir sie spüren und (wortwörtlich) begreifen.

Weil Worte mehr Kraft haben, wenn man sie in den Händen halten kann. Und schöne Post zwischen Werbung und Rechnungen im Briefkasten immer auch eine Einladung ist. Ein Moment für eine Pause. Ein kleines Ritual der Ruhe im trubeligen Alltag. Eine Möglichkeit, um innezuhalten und sich selbst nicht zu vergessen. Ein „Nur für mich“, auch wenn sich sonst so vieles um den oder die Andere dreht.

Wege entstehen beim Gehen

Meinen fünften Stärkungsbrief beginne ich mit dem Vorschlag: „Gehen wir eine Runde spazieren? Manchmal hilft nichts mehr als eine Portion frische Luft und etwas Bewegung!

Wenn man es genau nimmt, ist die Zeit, die du dir zum Lesen meiner Briefe nimmst, ja auch eine geteilte Wegstrecke rund um das Thema Demenz. Ein Übungsweg. Eine Reise ins Vertrauen, zu kleinen Änderungen deines Blickwinkels und Verhaltens. Zu mehr Menschlichkeit und Möglichkeiten. Wir trainieren unseren Herzmuskel, hinterfragen alte Bilder und suchen gemeinsam nach dem, was das Leben mit einem Menschen mit Demenz leichter macht. Lichtvoller. Mutiger. Reicher“. Es gibt in jeder Familie dazu immer ein Rädchen zum Drehen. Und ich bin tief davon überzeugt, dass auch ein Leben mit einem Menschen mit Demenz immer noch gut werden kann. Anders gut.

Manchmal sind es wenige Worte oder Sätze, die uns Menschen in schwierigen Zeiten geradezu an die Hand nehmen können. Auch in einer digitalen Welt ersetzt nichts für mich das Rascheln von Papier. Ich selbst bewahre in einer Schatzkiste Briefe auf, die viele Jahre alt sind – Liebesbriefe, besondere Urlaubskarten, eine Botschaft ans Christkind, die liebevollen Kondolenzkarten meiner Freundin Ulla. Worte, die Bedeutung haben.

Manchmal beginnen sie noch nach vielen Jahren beim Lesen zu leuchten. Vielleicht mag ich deshalb liebevoll und geschriebene und gestaltete Post so gern. Selbst wenn sie in Zeiten von Emails und Whatsapps zu einer aussterbenden Spezies gehören, in einer Welt ohne Briefe möchte ich nicht leben. Sie haben mir schon oft gezeigt, dass es sich lohnt, das zu teilen, was Kraft gibt und hilft, gemeinsam zu wachsen und der eigenen Ohnmacht ein Stück ihrer Macht zu nehmen. Mein Gang durchs Leben fühlt sich jedenfalls anders an, wenn ich in Gesellschaft unterwegs bin. Den Stürmen zu trotzen und die Sonne auch hinter Wolken zu sehen, ist gemeinsam einfach so viel leichter als allein.


Weitere Infos: Die Stärkungsbriefe gibt es als Digital-Abo und als Papier-Abo. Es gibt auch die Möglichkeit, ein Abo mit Beratungsgespräch mit Antje abzuschließen. Alles Infos findet ihr auf demenz-staerkungsbriefe.de


Verlosung: Digital-Abo der Stärkungsbriefe – für dich oder als Geschenk

Ich verlose ein digitales Abo der Stärkungsbriefe. Mit dem digitalen Abo erhaltet ihr einmal pro Woche für zwölf Wochen liebevoll gestaltete Briefe per Mail. Sie geben Halt und vermitteln zudem viel hilfreiches Wissen rund um Demenz. Es ist dein wöchentlicher Impuls zum Durchatmen.

So nehmt ihr teil: Wenn ihr am Gewinnspiel teilnehmen möchtet, kommentiert hier oder unter meinem Instagram-Post, warum oder für wen ihr das Abo gewinnen möchtet. Jeder, der auf einem der Kanäle kommentiert, landet in der Losbox. Ich werde aus allen Teilnehmenden eine Person ziehen, die gewinnt.

Viel Glück!

Eure Peggy

* Zu gewinnen gibt es ein digitales Abo der Stärkungsbriefe. Wert: 48 Euro. Mitmachen könnt ihr hier auf dem Blog und/oder auf Instagram. Jede Person kann nur einmal teilnehmen. Eine Teilnahme ist ab 18 Jahren möglich. Eine Auszahlung in bar ist nicht möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mitmachen könnt ihr bis zum 5.3.2026 um 20.00 Uhr. Der/die Gewinner/in wird aus allen Teilnehmenden ausgelost und benachrichtigt.
Der Gewinn wurde von Antje Koehler zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!

14 Gedanken zu „Gastbeitrag von Antje: „Ein Schatz im Briefkasten““

  1. Die Idee der Stärkungsbriefe ist eine wunderbare Idee.
    Alles , was hier darüber geschrieben wurde, stimmt zu 100 % und spricht mich total an.
    Leider kommt es für mich zu spät, da mein lieber Mann bereits verstorben ist, aber dennoch hat mir alleine dieser Text für heute den Tag versöhnlich beginnen lassen.
    Danke dafür ❤️

  2. Wundervolle Idee der Stärkungsbriefe – da ich meinen Mann Pflege -nun im 11 Jahr und das Heim leider langsam näher kommt – und die Trauer mich oft überwältigt – ich wohne in der Schweiz somit ist das Porto wohl zu teuer.

    1. Liebe Liliane, alles Liebe & Gute für dich und deinen Mann.
      Der Versand der Briefe ist als „richtige Post“ in die Schweiz tatsächlich leider zu kompliziert. Genau deshalb gibt es auch per Mail. Als „digitales Briefabo“ kannst Du Dir die Stärkungsbriefe nämlich auch unkompliziert in die Schweiz und nach Österreich schicken lassen.
      Herzliche Grüße, Antje

  3. Ich liebe Antjes Briefe und kann nur jede und jeden ermuntern, sich oder anderen lieben Menschen diese außergewöhnliche Freude zu machen. Balsam für die Seele und das Herz!

  4. Ich durfte bei Antje an einem Kurs teilnehmen (Gut ist was guttut), der mir sehr bei der Pflege meiner dementen Mutter hilft.

  5. Manche Tage sind leichter, manche weniger leicht, für den Erkrankten ebenso wie für die Angehörigen. Das liegt aber daran, dass man im Alltag und im Leben ja auch noch andere Herausforderungen zu bewältigen hat die einen viel Kraft und Energie kosten und die Nerven einfach manchmal blank liegen.

  6. Die Stärkungsbriefe sind eine tolle Idee!
    Wir sind nach und nach mehr gefordert, da die Demenz bei meinem Schwiegervater immer mehr zum Vorschein kommt.

    1. Da geht es Dir ganz ähnlich wie mir. Die Demenz meines Schwiegervaters hat so viel mit mir und uns als Familie gemacht 💔. Ich wünsche Euch das Beste, um gestärkt mit dieser neuen Situation umgehen zu können 🌷

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