Tipps für den Alltag

Körperpflege, Scham und Grenzen

In der neuen Podcastfolge „Leben. Lieben. Pflegen“ dreht es sich um das Thema Körperpflege. Das kann herausfordernd sein und ich erinnere mich daran, dass mir manche Dinge leicht fielen, andere hingegen unangenehm waren. Das Gespräch mit meinen Gästen Anja Kälin und Désirée von Bohlen und Halbach hat mir gezeigt, dass es sehr vielen Angehörigen so geht. Und wir haben darüber gesprochen, wie es ein wenig leichter werden kann.

Es gibt Themen, über die spricht man nicht wirklich als Angehörige. Körperpflege, Hygiene und Inkontinenz zählen sicher dazu. Obwohl es durchaus Themen sind, die belasten können. In der neuen Podcastfolge „Leben. Lieben. Pflegen“ waren Anja Kälin und Désirée von Bohlen und Halbach von Desideria zu Gast und sie haben genau davon erzählt.

Désirée hat von der Erfahrung in ihrer Angehörigengruppe berichtet: „Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis sich ein Mitglied den Mut gefasst hat, das Thema mal anzuschneiden. Und dann haben wir eine ganze Stunde für dieses Thema verwendet… Das war sehr, sehr notwendig. Das war richtig spürbar, dass da eine große Erleichterung stattgefunden hat innerhalb der ganzen Gruppe, weil jeder gemerkt hat, dem anderen geht es ähnlich.“

Ich wollte nicht beschämen, nicht übergriffig sein

Es ist eine Gratwanderung und für jeden sicher auch individuell. Bei der Körperpflege zu unterstützen kann eine Herausforderung sein. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Manche Themen fand ich ganz einfach, etwa meiner Mama beim Haarewaschen oder Duschen zu helfen, war nie ein Problem der Nähe.

Was ich hingegen schwierig fand: In der Anfangsphase der Demenz, mit starkem Schweißgeruch, auch an der Kleidung, umzugehen. Ich wollte sie nicht beschämen, auch nicht übergriffig sein. Wie reagiert man da sensibel und achtsam? Gar nicht so einfach. Und es sind auch nicht immer dieselben Strategien, die helfen. Auch an kleine Notlügen erinnere ich mich wie „Dein T-Shirt ist da dreckig. Vielleicht ziehst du dir ein anderes an?“ oder „Ich habe dir ein neues Deo/Parfum mitgebracht. Magst du es mal ausprobieren?“ Fühlte sich alles lausig an.

Mit meinem Papa bin ich da jetzt manchmal direkter und sage: „Es wäre gut, wenn du mal duschen gehst.“ Denn drum herum reden, hilft uns oft nicht. Es fühlt sich alles irgendwie mies an. Aber dann wiederum denke ich, ist es ja gut und richtig: Es geht schließlich nicht nur um mein Empfinden, sondern ich möchte ihm helfen, weiter so zu sein, wie er in gesunden Tagen wäre. Dass er nämlich selber dran denken würde, sich regelmäßig zu duschen. Dass er starken Schweißgeruch bemerken würde und sich wäscht. Und klar, irgendwie geht es auch darum, ihn nach außen zu schützen, dass andere nicht schlecht über ihn reden…

Körperpflege: Falls Ekel aufkommt

Letztlich ist es immer ein individuelles Thema, weil es ja auch davon abhängt, wie jede einzelne Person mit Hygiene umgeht, wo die eigenen Grenzen liegen und wann Scham aufkommt. Und klar, auch die Beziehung, die man miteinander hat und immer hatte, spielt hinein. Nacktheit mit meiner Mama war vielleicht auch deshalb nicht beschämend, weil es das früher nie war. Da war kaum Scheu. Mit meinem Papa war das schon immer anders. Und ich kann mir (derzeit) nicht vorstellen, ihn zu duschen.

In der neuen Podcastfolge haben Anja und Désirée als erfahrene Therapeutinnen erzählt, was helfen kann, mit dem Thema umzugehen. Was ich besonders hilfreich und auch entlastend fand, war, was Anja sagte: „Falls da Ekel aufkommt, vielleicht weil der Angehörige in die Hose uriniert hat. Das ist aber tatsächlich ein Gefühl, was normal ist und auch kommen darf, aber dafür schämt man sich eventuell und fühlt sich schlecht und illoyal, fühlt sich vielleicht auch in seiner Rolle nicht genügend. So nach dem Motto, das muss ich doch aushalten können, warum schaffe ich das nicht? Und ich denke, da sind viele Erwartungen auch an einen selber, also normativ, wie man denkt, dass gute Pflege und gute Beziehung und gute Partnerschaft oder gute Familienbande, was die alles aushalten müssen, wo man aber eigentlich an Grenzen kommt.“

Körperpflege gehört zur Pflege dazu – und ist doch eines der schwierigsten Themen. Viele Angehörige erleben dabei Gefühle wie Scham, Ekel oder Hilflosigkeit und trauen sich kaum, darüber zu sprechen. In dieser Folge von „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie“ spricht Podcast-Host Peggy Elfmann mit Désirée von Bohlen und Halbach und Anja Kälin darüber, warum Körperpflege so oft zum Konflikt wird, was das mit Grenzen, Rollen und Selbstbestimmung zu tun hat – und wie Entlastung gelingen kann.

Sich dieser eigenen Grenzen – und auch der des Angehörigen – bewusst zu sein, das ist der erste Schritt, um sich Unterstützung zu holen. Das kann das Gespräch in einer Angehörigengruppe sein, bei dem man auch praktische Tipps bekommt. Aber es kann auch der Pflegedienst sein, der bestimmte Aufgaben übernimmt.

Hört gerne hinein in die Podcastfolge „Wenn Körperpflege zum Konflikt wird„.

Wie geht es euch mit dem Thema? Was sind eure Erfahrungen?

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