Meine Eltern werden alt, Selbstfürsorge

Was ist dir wichtig? – Von der Illusion der Selbstständigkeit

Vor einer Weile war ich auf einer Veranstaltung, auf der viele Fachleute sich rund um Pflege und Pflegeeinrichtungen ausgetauscht haben. Es ging auch um die Frage: Was ist wichtig, wenn du Pflege brauchst? Selbstständigkeit sei das wichtigste, lautete die Antwort. Ich kann das sehr gut nachempfinden und doch denke ich, dass wir damit einer Illusion nachhängen und dass dieser Wunsch nach Selbstständigkeit das Pflegen oft schwer macht. Und: Weißt du, was dir wirklich wichtig ist?

Dieses Foto ist schon etwas älter, aber für mich zeigt es, was wirklich wichtig ist (für mich)

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Veranstaltung eingeladen. Es kamen dort viele Menschen aus der Pflegebranche zusammen und viel wurde über Pflege-Einrichtungen gesprochen: was es brauche, um diese zu bauen und zu betreiben und was die Bewohnenden sich wünschen und was die Mitarbeitenden. Besonders hängen geblieben ist mir ein Gespräch zweier Leiter von Pflegeheimen: einer arbeitete bei einem kirchlichen Träger, der andere hatte ein exklusives Senior-Living gegründet.

Am Ende der Diskussion wurde es persönlich und der Moderator fragte: Was wäre Ihnen wichtig, wenn Sie Pflege bräuchten?

Was wäre dir wichtig, wenn du Pflege brauchst?

Das ist eine extrem wichtige Frage und doch stellen wir sie uns kaum. Und das ist so ziemlich unabhängig vom Alter, wie ich immer wieder merke. Auch Menschen in höherem Alter denken oft nicht darüber nach, was ihnen wichtig wäre in einer Pflegesituation. Und genau das trägt dann zu Diskussionen und Steitereien bei, wenn eine Person pflegebedürftig wird und Unterstützung in der Familie organisiert wird. In meinem Buch „Meine Eltern werden alt“ gehe ich näher darauf ein und schreibe: „Den Kindern bleibt dann nichts anderes übrig als Mutmaßungen, begleitet von unausgesprochenen und mitunter falschen Erwartungen und eigenen Erfahrungen.“

Es gibt wirklich gute Gründe, sich damit zu beschäftigen, zumindest mal ab und an (und wie das funktionieren kann, darüber schreibe ich ja im Buch). Ich weiß, dass das Zeit brauch zum Nachdenken, denn es ist gar nicht so einfach überhaupt zu wissen, was einem wichtig wäre, wenn man Pflege benötigt.

Zurück zum Gespräch: Beide Leiter waren sich einig, dass es ihnen am wichtigsten ist, dass sie ihre Selbstständigkeit erhalten können. Ich kann das so gut nachvollziehen und kenne es von mir und von meinem Papa. Er wollte sich am liebsten alleine um Mama kümmern und es hat viele Gespräche gebraucht, bis er Unterstützung zulassen konnte. Auch innerhalb der Familie wollte er alles selbst machen. Ein Standardsatz war (und ist es noch): „Ich schaffe das schon.“

Der Wunsch nach Selbstständigkeit macht Hilfeannehmen schwer

Aber wenn ich eines in den vergangenen Jahren gemerkt habe, dann dass dieser Satz einem die Pflege und Unterstützung so richtig schwer machen kann. Denn wenn man alt wird und erkrankt und die Fähigkeiten abnehmen – egal ob kognitive oder körperliche – hilft es, wenn andere Menschen unterstützen. Wenn unser gesellschaftliches Ideal aber die Selbstständigkeit ist, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass es schwer fällt, jene Hilfe anzunehmen, die man eigentlich bräuchte.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit macht es auch aber auch denen schwer, die helfen möchten. Ich habe dazu mal einen Text geschrieben: einen Brief an Papa. Mich macht es unzufrieden und hilflos, wenn genau das, was eigentlich so gut tun würde, nicht möglich ist. Aber natürlich weiß ich auch, dass da viel mehr Gründe und Prägungen dahinter stecken. Zu sagen „Jetzt nimmt doch mal Hilfe an“ verändert die Einstellung nicht einfach so. Und doch glaube ich, dass es wichtig ist, dies zu tun.

Was brauchen wir wirklich?

Veränderungen brauchen Zeit und eine Strategie der Baby-Schritte. Was immer dazu beiträgt: ein Bewusstsein über das Thema. Und vielleicht ist der erste Schritt, den jeder von uns tun kann, darüber nachzudenken, was ihm wichtig wäre, wenn immer mehr von alleine nicht klappt. Noch lange bevor wir vom Pflegenetzwerk sprechen, geht es doch um folgendes:

Weißt du, was dir wichtig ist?

Ich habe ein paar Tage nach der Veranstaltung mit Sonja gesprochen. Ihre Mutter hatte eine Demenz und Sonja hat sie in all den Jahren begleitet. Ich wollte von ihr wissen, was sie durch das Pflegen gelernt habe und Sonja sagte: „Es gibt im Leben nichts wichtigeres als Beziehungen, dass man Menschen in seinem Leben hat und nicht alleine ist“.

Und ich denke, dass Selbstständigkeit vielleicht wichtig ist, aber noch wichtiger sind Gemeinschaft und Menschen an unserer Seite.

Was denkt ihr?

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