Heute ist ein besonderer Tag: Mamas Geburtstag. In den vergangenen beiden Jahren war ich an diesem Tag oft sehr betrübt, vor allem seit Mamas Tod. Aber heute ist das anders, wohl auch weil die Freude überwiegt, dass meine große Tochter aus Kanada wiedergekommen ist. Aber noch etwas hat sich verändert: Ich habe so oft das Gefühl, dass Mama in mir ist – und das mit meinem Herzen zu verstehen trägt mich sehr.

Liebe Mama, du bist in mir, immer!
Nun ist es schon bald zweieinhalb Jahre her, dass du nicht mehr bei uns bist und ich habe so viel damit gehadert. Erst konnte ich es gar nicht verstehen, dass du gestorben bist und mir fehlten die Worte. Ich erinnere mich daran, wie die Mitarbeiterin aus dem Pflegeheim anrief und sagte: „Ihre Mutter ist eingeschlafen“. Damals brauchte ich endlos lange, um zu verstehen, was sie mir sagen wollte. Ich erinnere mich, wie wir alle zwei Tage später bei der Floristin standen und über die Farbe der Schleife des Blumenschmucks entscheiden sollten. Und ich dachte, dass ich das nicht will. Wie ein kleines Kind fühlte ich mich. Wenn ich keine Schleife aussuche, dann gibt es kein Gesteck, dann keine Feier und… alles wird gut… Nun ja…
Und dann warst du schon Monate lang nicht mehr da und ich habe es trotzdem nicht verstanden. Vielleicht lag es auch daran, dass Papas Krankheit so viel überschattet hat und Aufmerksamkeit brauchte. Da war so viel Kämpfen und Trauern, um ihn und die Beziehung, die wir für eine kurze Zeit hatten, wo sollte denn da das Trauern um dich noch Platz haben? Ich erinnere mich, wie ich dann manchmal dachte: Zum Glück musst du das nicht machen und ihn pflegen. Du hast dich doch immer um alle anderen gekümmert, vielleicht war es so etwas wie dein gutes Recht, dass du mit deiner Alzheimererkrankung so viel Fürsorge und Liebe und Zärtlichkeit bekommen hast.
Ich weiß nicht mehr, wann es war. Aber es gab Momente, da habe ich angefangen, dich zu vermissen. Ich war wütend und traurig zugleich, dass du nicht mehr da warst. Dass du mich allein gelassen hast und ich dich nicht mehr um einen Rat fragen konnte: Um die großen Dinge (Wie soll das mit Papa klappen? ) und um die kleinen Dinge (Wie hast du es geschafft, dass dein Hefeteil immer aufgegangen ist?).
Es war im vergangenen Herbst, ich war auf Lesetour mit meinem Buch und vor einer Lesung hatte ich ein besonderes Gespräch, das mir immer noch guttut. Vor der Lesung gab es eine Pause und alle gingen in die Kantine der Klinik, wo die Veranstaltung stattfand. Zufällig kam ich mit dem Seelsorger der Klinik ins Gespräch. Ich erzählte ihm, dass ich dich vermisse und du mir so oft fehlst. Und während ich erzählte, bekam ich einen Kloß im Hals. Er lächelte mich an und sagte, er habe da so seine eigene Theorie, ob er sie mir sagen dürfe. Und dann sagte er mit großer Bestimmtheit: „Ihre Mutter ist noch da. Sie ist in Ihnen.“ Wir sprachen lange darüber und ich dachte darüber nach, wieviel von dir in mir ist.
Du fehlst mir wirklich oft und ich würde so gerne mal wieder von dir in den Arm genommen werden, auch dein Murmeln hören, mit dem du dich in deinen letzten Monaten verständlich gemacht hast. Aber es ist wie es ist und wahrscheinlich würdest du sagen: „Schau nach vorne und sei tapfer.“ Heute, da schaue ich zurück und weiß, es ist okay, traurig zu sein. Gleichzeitig bin ich dankbar und sehe immer häufiger Züge von dir in mir.
Heute war ein wunderbarer Tag, denn meine große Tochter ist aus Kanada zurückgekommen und liebe Mama, du hättest es geliebt, dabei zu sein und sie in die Arme zu schließen. Ich habe so sehr daran gedacht, wie du mich vor vielen Jahren von meinem Highschool-Abenteuer vom Flughafen abgeholt habt und vermutlich mit einem ähnlichen Gefühl von Vorfreude gewartet hast.
Neulich, da habe ich eine Dinner Speech gehalten (Kannst du es glauben, ich eine Dinner Speech?). Ich habe über Sprache gesprochen, wie unsere Worte ausschließen oder auch Mut machen können. Auch da warst du in mir. Es war ein wirklich schöner Abend, hatte all meinen Mut gesammelt und vor sehr vielen Menschen geredet. Und danach, da ging ich zu dem Gästehaus, in dem ich ein Zimmer hatte. Ich ging an der kleinen Mauer entlang, durch die schmale Tür und dann über die Streuobstwiese. Dann roch ich die roten Rosen, die nicht nur von besonderer Fülle waren. Sie dufteten wie Rosen nach einem warmem Sommerregen, rein und königlich und ich dachte an dich.
Deine Peggy
