In den vergangenen Jahren habe ich gemerkt, wie viele Dinge verloren gehen. So oft dachte ich, ich hätte noch Zeit, dies oder jenes zu erfragen oder mit meinen Eltern zu besprechen und dann war es irgendwie zu spät. Vor kurzem habe ich Sebastian Hartung kennengelernt. Er hat mit einem Partner die App emori gegründet und möchte Familien helfen, frühzeitig ins Gespräch zu kommen. Im Interview erzählt er davon, wie emori funktioniert, wie es zu der Idee kam und welche Rolle seine an Demenz erkrankte Oma dabei spielt.

Es gab diesen Punkt, an dem ich bemerkte, dass ich kaum noch Fotos von meiner Mama hatte. Die Krankheit hatte mich zögerlich gemacht, sie zu fotografieren. Doch da waren keine Bilder mehr da und dann begann ich häufiger, mit dem Handy kleine Schnappschüsse zu machen und hielt den Alltag meiner Eltern mit der Demenz fest. Videos jedoch habe ich kaum welche und viele Fragen, die ich gerne gestellt hätte, habe ich nicht mehr gestellt. Manche Erinnerungen sind verblasst und ich habe mal einen Brief dazu geschrieben (Liebe Mama, wo wohnen deine Erinnerungen?) Ich versuche es mit Papa anders zu machen, aber es ist nicht leicht und auch hier merke ich, für manche Fragen und Themen scheint die Zeit nicht mehr zu sein.
Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich von emori erfahren haben. Das ist eine App, gegründet in Deutschland und sie möchte ein Zuhause für Familiengeschichten sein. Ich habe mit einem der Gründer – Sebastian Hartung – ein Interview geführt. Und Sebastian sagte: „Ich habe davor so viele Apps zu anderen Themen entwickelt, aber ich wollte etwas Sinnvolles starten, das einen wirklichen Nutzen hat.“ Im Interview erfahrt ihr mehr über die App und wie es dazu kam. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch seine Erfahrungen mit seinen Großeltern und mit der Demenzerkrankung seiner Oma.
Disclaimer: Ich erhalte keine Provision und auch kein Honorar für dieses Interview. Ich möchte euch gute Ideen vorstellen, die mehr Miteinander unterstützen (falls ihr da einen Tipp habt, schreibt mir gerne.)
Interview mit Sebastian Hartung
Sebastian, was ist das Ziel von emori und was kann die App?
Emori ist das Zuhause für die eigenen Familiengeschichten. Das Ziel ist einfach: Keine Familie soll ihre wertvollen Geschichten mehr verlieren. In der App erlebt ihr Erinnerungen wieder wie ein Gespräch, mit echten Stimmen. Besondere Momente sammelt ihr wie Stationen auf einer gemeinsamen Familienkarte. Alles bleibt sicher und privat, nur in eurer Familie und mitmachen können alle Generationen. So bleiben eure Geschichten lebendig, statt mit der Zeit verloren zu gehen.
Wie ist die Idee zu emori entstanden?
Am Anfang stand eine sehr persönliche Erfahrung. Ich bin jahrelang zu meinen Großeltern gefahren. Die wichtigsten Momente passierten beiläufig, auf der Couch im Wohnzimmer, nicht bei besonderen Anlässen. Heute ist mein Großvater verstorben, meine Großmutter leidet an Demenz. Ein großer Teil dieser Geschichten ist für immer verloren. Mir wurde klar: Fotos bewahren Bilder, aber nicht die Stimme und nicht das Gespräch. Genau deshalb stehen Familienerinnerungen im Mittelpunkt von emori und die Demenz meiner Großmutter hat mir schmerzhaft gezeigt, wie schnell sich dieses Zeitfenster schließt.
Wie funktioniert emori? Wie nehme ich damit Erinnerungen auf und was passiert dann damit?
Emori begleitet euch mit einfühlsamen Fragen durch ein Gespräch. Ihr müsst nicht überlegen, was ihr erzählen sollt, sondern folgt einfach der Frage und erzählt los. Eure Antworten nehmt ihr direkt in der App auf, mit echter Stimme, wenn ihr möchtet auch mit Video. Danach landet die Erinnerung nicht in einem unsortierten Ordner, sondern bekommt ihren Platz: Ihr könnt sie einem Menschen, einem Ort oder einem Moment zuordnen — wie Stationen auf eurer Familienkarte — und findet sie so jederzeit wieder. Nach und nach entsteht aus einzelnen Geschichten eine lebendige Familienchronik, zu der jede Generation beiträgt.
Viele ältere Menschen sind ja nicht so technikaffin. Wie gut lässt sich emori bedienen?
Emori ist bewusst für alle Generationen gebaut, gerade auch für Menschen, die mit Technik sonst wenig anfangen können. Es gibt keinen komplizierten Aufbau und keine Hürden: Man folgt einfach der Frage und erzählt los, mehr braucht es nicht. Oft übernimmt ein jüngeres Familienmitglied das Einrichten, und die Großeltern tun nur noch das, was sie am besten können — erzählen. Genau dieses „einfach erzählen dürfen“ ist uns wichtiger als jede Funktion.
Fotografieren, filmen oder eine Sprachaufnahme machen – das ist ja auch so möglich. Was genau unterscheidet emori denn?
Ein Video auf dem Handy ist schnell gemacht und genauso schnell in der Kamerarolle verschwunden. Der Unterschied liegt in drei Dingen: Erstens die richtigen Fragen. emori bringt genau die Fragen mit, nach denen man sonst nie fragt. Es sind die Wendepunkte, die kleinen Alltagsgeschichten. Zweitens der rote Faden: Aus einzelnen Videoclips wird eine geordnete Familienchronik, in der man Erinnerungen wiederfindet, statt sie zu verlieren. Und drittens der geschützte Raum: Alles bleibt sicher und privat, nur in eurer Familie — kein Feed, keine fremden Augen, keine Likes. Kurz gesagt: Ein Cloud-Speicher lagert Dateien, emori macht Erinnerungen erlebbar.
Was rätst du Angehörigen, gerade auch bei Demenz?
Mein wichtigster Rat: Wartet nicht auf den perfekten Moment. Der Moment ist fast immer früher, als man denkt. Viele halten das Thema für wichtig, aber nicht für dringend und schieben es auf, bis es manchmal zu spät ist. Gerade bei einer beginnenden Demenz zählt jede Woche, in der noch Geschichten erzählt werden können.
Fangt klein an, mit einer einzigen Frage, einer einzigen Erinnerung. Es geht nicht darum, alles festzuhalten, sondern anzufangen und schon die erste Geschichte fühlt sich oft wie ein kleiner Schatz an. Das gemeinsame Erzählen ist auch für den Menschen mit Demenz ein schönes, verbindendes Erlebnis. Außerdem merkt man oft schon in den ersten Minuten was man alles noch nie gefragt hat und erfährt Neues über die Person, der man eigentlich doch schon so lange so nah ist.
Wie sind deine Erfahrungen mit emori bisher und was sagen andere Nutzende?
Die schönste Bestätigung kam ganz am Anfang, mit unserem allerersten Prototyp — technisch noch ganz am Anfang. Ich bin damit zu meiner Großmutter gefahren, sie war damals 90, und habe gefragt: „Oma, hast du Lust, mal etwas auszuprobieren, das ich gerade baue?“ Ich habe mein Handy vor sie gestellt, mich ihr gegenübergesetzt und einfach ein paar Fragen zu ihrer Vergangenheit gestellt, unter anderem, wie das damals mit ihrer Ausbildung war. Sie fing an zu erzählen: von ihrem Ausbilder, davon, dass sie die einzige Frau in der Bank war, etc. Und meine Oma sprudelte.
Vorher war sie an dem Tag eher zurückgezogen und hatte wenig gesagt. es waren auch meine Tante und andere im Raum, alle haben durcheinandergeredet. In dem Moment, als sie zu erzählen begann, wurde es still: Alle hörten auf zu reden und schauten sie an. Nach nur 20 Minuten fragten alle im Raum: „Was war denn gerade mit der Oma los? Die hat ja richtig gesprudelt!“ Einige haben in diesen Minuten sogar Dinge über sie neu erfahren.
Dieses eine Gespräch hat mir gezeigt, was in solchen Fragen steckt: Sie holen nicht das Tagesaktuelle hervor, sondern das Tiefere, das, wovon Menschen eigentlich gern erzählen und wofür im Alltag kaum Raum bleibt. Der ganze Raum war plötzlich auf meine Oma fokussiert. Ich bin bis heute unendlich froh, dass ich diese 20 Minuten aufgenommen habe. Meine Großmutter ist heute 91, ihre Demenz schreitet voran und genau deshalb weiß ich, wie kostbar diese Aufnahmen sind.
Was genau passiert mit den Daten? Wie schützt ihr sie? Und wie kommt man an die Daten, falls man kein Abo mehr möchte?
Für mich ist Datenschutz kein Zusatz, sondern das Fundament, gerade weil es hier um sehr Intimes geht. emori ist so gebaut, dass die Daten allein der Familie gehören. Wir entwickeln und hosten emori in Deutschland und arbeiten vollständig nach der DSGVO. Wir verkaufen keine Daten, geben nichts an Dritte weiter und erstellen keine künstlichen Nachbildungen von Stimmen. Es geht auch um digitale Souveränität: Familien sollen die Kontrolle über ihre Erinnerungen behalten und nicht von großen Anbietern aus dem Ausland abhängig sein. Und ganz praktisch: Wenn jemand kein aktives Abo mehr möchte, lassen sich alle Daten jederzeit als komprimierte ZIP-Datei herunterladen, und das Abo kann anschließend geschlossen werden. So bleibt die Kontrolle immer bei euch.
Und so sieht die App emori aus
Es lassen sich Ton- und Videoaufnahmen machen. Emori bietet dazu Fragen als Gesprächsstart wie „Was ist deine schönste Sommererinnerung aus der Kindheit?“ und natürlich auch die Möglichkeit, frei aufzunehmen. Gemeinsam lassen sich Bilder, Videos und Sprachnotizen zu Festen und anderen Familienevents sammeln.
Die App funktioniert über ein Abo-Modell: Entweder zahlt man quartalsweise oder pro Jahr oder auch per Einmalzahlung. Bis zu acht Familenmitglieder können die Funktion nutzen. Und ihr könnt es jederzeit für 14 Tage kostenlos probieren. Hier findet ihr mehr Infos auf der Website von emori





