Expert:innen-Gespräche

„Mit einer Demenz geht noch viel“ – Interview mit Ruth Wetzel

„Die Diagnose ist ein Schock. Aber auch mit einer Demenz geht noch viel.“ Das sagt die Altentherapeutin Ruth Wetzel, die darüber ein ganzes Buch geschrieben hat. Im Interview haben wir uns darüber unterhalten, wie Pflegende und Angehörige in die Welt einer Person mit Demenz gelangen können und warum dies so hilfreich im Alltag ist. Ruth sagt: „Wir dürfen uns nicht nur an den Krankheitssymptomen orientieren, sondern brauchen Informationen zu der Biografie jedes einzelnen Menschen.“ Worauf es ankommt, welche Rolle Biografiebögen und Schatzkisten spielen und wie das daheim und im Pflegeheim funktionieren kann, erklärt sie hier. Plus: Links für Biografiebögen zum Herunterladen.

Dieses Buch liegt schon lange auf meinem Schreibtisch und ich habe sehr viel daraus gelernt. Ich bin froh, dass es nun mit einem Gespräch geklappt hat. Ruth Wetzel ist gelernte Krankenschwester, ausgebildete Altentherapeutin und gerontopsychiatrische Fachkraft.

Ruth ist Expertin in Sachen Biografiearbeit und Erinnerungstherapie – beides hilfreiche Methoden für Pflegekräfte und Therapeut:innen (hier ist ihre Homepage). Aber auch Angehörige profitieren enorm von dem Wissen darum. In ihrem Buch „Was mit Demenz noch alles geht“ (ERV Reinhardt Verlag) gibt sie viele Erklärungen, Anleitungen und Beispiele. Auch im Interview haben wir darüber gesprochen.

Interview zu „Was mit Demenz noch alles geht“ mit Ruth Wetzel

Liebe Ruth, du hast ein Buch geschrieben mit dem Titel „Was mit Demenz noch alles geht“. Wie ist es zu dem Buch gekommen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich erinnere mich an ein besonderes Erlebnis damals, als ich als Krankenschwester in der Chirurgie im Krankenhaus arbeitete. Eine ältere Dame war aufgrund eines Oberschenkelhalsbruchs in der Klinik. Als ich sie ansprach, auf Hochdeutsch, schien sie mich nicht zu verstehen und reagierte nicht. Ich wusste da noch nicht, dass die Dame ihr ganzes Leben auf einem Bauernhof in einem schwäbischen Dorf verbracht hatte. Meine Kollegin sprach sie auf Schwäbisch an und mit einem Mal entstand da ein Kontakt. Die Dame teilte meiner Kollegin auf schwäbisch mit: “Schon allerhand, dass sie mit Ausländern arbeiten müssen.” Dieses Erlebnis machte mich damals sehr neugierig und ich begann, mich mit der Altersmedizin (Geriatrie und Gerontologie) und auch Biografiearbeit zu beschäftigen.

Welche Rolle spielt die Biografie für Menschen mit Demenz?

Eine große. Wir alle machen im Laufe unseres Lebens vielfältige Erfahrungen, entwickeln Vorlieben, haben Hobbys. All das sind Dinge, die uns ausmachen – und Ressourcen sind. Mit meinem Buch möchte ich Betreuungs- und Pflegekräften sowie Therapeutinnen erklären, wie wichtig es ist, diese individuellen Ressourcen zu nutzen. Ich möchte zeigen, was mit Demenz noch alles geht.

Mit der Diagnose kommt ja bei vielen das Gefühl, dass alles vorbei ist. Das kenne ich auch…

Die Diagnose ist ein Schock. Aber es ist nicht alles vorbei. Auch mit einer Demenz geht noch viel. Hilfreich ist es, wenn man als Angehörige oder Pflegende versteht, wie sich ein Mensch mit Demenz fühlt und die Türöffner kennt, um die Person in ihrer Welt zu begleiten.

Welche Effekte hat das?

Durch diese wichtige Beziehungsarbeit kann der Alltag daheim oder in der stationären Einrichtung entspannter ablaufen. Der Mensch mit Demenz fühlt sich in seiner Welt verstanden. Es entstehen weniger Spannungssituationen. Und auch für das Gegenüber, egal ob als Pflegekraft, Betreuungskraft, Therapeutin oder Angehörige, führt dieses Erleben zu mehr Wohlbefinden

„Was mit Demenz. noch alles geht“ von Ruth Wetzel

In deinem Buch vermittelst du grundlegendes Wissen über Demenz. Für mich zentral ist die Aussage, dass Menschen mit Demenz andere Menschen brauchen, um ihr „Personsein“ ausleben können. Weshalb ist das so und warum ist es wichtig?

Das basiert auf dem personenzentrierten Ansatz von Tom Kitwood. Es geht darum, dass eine Person in ihrer eigenen Individualität anerkannt wird. Wenn wir sein dürfen, wie wir sind, stärkt uns das und tut uns gut. Für das eigene Personsein braucht jeder Mensch wertschätzende und respektvolle Begegnungen mit anderen Menschen, etwa in der Familie, mit Freunden oder in beruflichen Kontakten.

Viele Menschen mit Demenz erleben dies aber häufig nicht mehr.

Das stimmt und falls doch, so steht meist die Krankheit mit den Herausforderungen, Ängsten und Sorgen im Vordergrund. Dazu kommt, dass Menschen mit Demenz typischerweise oft antriebslos sind oder sich zurückziehen. Von alleine fehlt ihnen der Antrieb, um ihre Hobbys und Aktivitäten auszuleben oder Freundschaften zu pflegen. Daher brauchen sie Unterstützung von anderen.

In vielen Tageseinrichtungen und Pflegeheimen gibt es etliche Gruppen- und Einzelangebote. Wie schätzt du diese ein?

Es ist gut, dass es diese gibt. Allerdings ist das Problem mit diesen Angeboten zur Aktivierung, dass diese oft nicht an den Ressourcen der einzelnen Personen orientiert sind. Pflegeeinrichtungen mit großen Stationen werden den Bedürfnissen der Menschen meist nicht gerecht. In den typischen Gruppenaktivierungen werden die Menschen oft überfordert oder auch unterfordert. Stell dir mal vor, du wärest in einem Heim und würdest zu einer Aktivierung wie Mandala ausmalen mitgenommen, obwohl du das noch nie gemacht hast und nicht gerne malst. Du kannst dich verbal aber nicht mehr äußern. Wie geht es dir dabei? Fühlst du dich wertgeschätzt?

Wohl eher nicht. Wie könnte eine Aktivierung aussehen, die sich an den Bedürfnissen orientiert?

Wir dürfen uns nicht nur an den Krankheitssymptomen orientieren, sondern brauchen Informationen zu der Biografie jedes einzelnen Menschen. Die sind ein Türöffner. Ich erinnere mich an eine Dame im Pflegeheim, die unruhig war und immerzu fragte „Und was machen wir jetzt?“ Das war herausfordernd in der Betreuung. Im Gespräch mit ihrer Tochter erfuhr ich, dass sie viele Jahre in Paris gelebt hatte und Französisch sprach. Eines Tages kamen Gymnasialschülerinnen zum Praktikum, die Französisch lernten. Ich hatte die Idee, dies aufzunehmen. Am nächsten Tag stellten sich die Schülerinnen der Dame auf Französisch vor und es kam zu einem lebendigen Gespräch, das die Bewohnerin führte. Sie schwärmte von Frankreich und Paris. Die Frage „Und was machen wir jetzt?“ war ausgeschaltet, da sie in ihrer Zeit in Paris leben durfte. Es geht darum, solche Türöffner zu finden und dies zu nutzen.

Über diese Türöffner schreibst du ja ausführlich in deinem Buch. Wie lassen sich die Türen zu Menschen mit Demenz öffnen?

Die Sprache kann ein Türöffner sein. Wenn eine Person in der Kindheit oder Jugend eine andere Sprache gesprochen hat, kann dies eine Ressource sein. Als Pflegende oder Angehörige muss ich meine Kommunikation sowieso anpassen, aber in der Sprache zu reden, ermöglicht einen anderen Zugang. Häufig ist der Beruf auch ein wichtiger Bereich, gerade bei Männern. Da kann ich über Gespräche oder nonverbale Elemente die Tür öffnen. Ich erinnere mich an einen Herrn, der im Rollstuhl saß. Er strahlte immer, aber sprach kaum. Durch seine Biographie erfuhr ich, dass er Geschäftsführer gewesen war, immer adrett angezogen und wenn er ausging, trug er einen Hut. Ich brachte ihm dann einen Zylinder mit. Was dann passierte, lässt sich schwer beschreiben. Der Herr lebte auf und ich spürte diese innere Freude. Diesen Moment hat der Herr später sicher vergessen, aber dennoch ist er wichtig gewesen.

Warum denn? Was passiert dabei?

Diesen Moment zu erleben, war wichtig, weil er sich wertgeschätzt fühlte. Das sind vielleicht kleine Dinge, aber sie ermöglichen den Zugang zu der Person und bestärken diese. In der Begleitung von Menschen mit Demenz ist ja oft auch von herausforderndem Verhalten die Rede. Dies entwickelt sich häufig dadurch, dass die Bedürfnisse der Personen nicht gesehen und erfüllt werden.

Wie können Angehörige dazu beitragen, dass Pflege- und Betreuungskräfte und Therapeut:innen auch dieses Wissen über die Personen haben?

Die Grundlage ist der Biografiebogen. Mittlerweile haben die meisten Einrichtungen sogenannte Biografiebögen, die die Angehörigen vor dem Einzug ausfüllen sollen. Da werden verschiedene Stationen der Kindheit, Jugend und weiterer Lebensgeschichte abgefragt, aber auch Vorlieben und Gewohnheiten. Und es lohnt sich, diesen Biografiebogen umfassend auszufüllen. Vielleicht fühlt es sich komisch an, auch heikle Informationen oder negative Erfahrungen anzugeben. Aber für die Pflegenden kann das Wissen darum wichtig und hilfreich sein, etwa wenn Verhaltensauffälligkeiten auftreten. Ich kenne viele Beispiele, die mit Erfahrungen im Krieg oder mit Gewalt zusammenhängen.

Ich erinnere mich, dass ich vor dem Einzug meiner Mama ins Heim sogar einen Biografiebogen zur Ernährung von der Leiterin bekam.

Ja, die Ernährung spielt eine besondere Rolle, auch die Essgewohnheiten. Es ist hilfreich, darüber gut Bescheid zu wissen. Im Alltag zu Hause kann auch das gemeinsame Kochen eine gute aktivierende Tätigkeit sein, wenn das Kochen für die Person immer wichtig war. Mit der Demenz geht das Kochen langsamer und es braucht Unterstützung, aber es ist eine Ressource. Und das gemeinsame Tun verbindet noch mal ganz anders. In meinem Fachbuch gebe ich auch Tipps über die gewohnte Esskultur, die wichtig für Menschen mit Demenz sind. Sie geben Sicherheit, schenken Behaglichkeiten, stärken die Gesundheit. Ich habe häufig beobachtet und von Kolleginnen gehört, dass die selbständige Nahrungsaufnahme besser möglich ist.

Die Situation zu Hause ist ja anders als im Pflegeheim oder einer Tagespflegeeinrichtung. Angehörige sind oft sehr eingebunden in den Alltag. Kommt dann noch die Aufgabe der Aktivierung und Biografiearbeit hinzu?

Für pflegende Angehörige ist es eine ganz besondere Herausforderung. In der professionellen Pflege habe ich ja immer eine Art der Distanz. Wenn ich als Angehörige meinen Partner oder meine Partnerin, meinen Vater oder meine Mutter betreue, dann ist das emotional fordernd. Die Person, die ich kenne, verändert sich vielleicht. Durch die Krankheit treten Defizite auf, das macht traurig. Dazu kommen Herausforderungen wie innere Unruhe, Kommunikationsprobleme und Inkontinenz. Es geht nicht darum, dass pflegende Angehörige sich eine bestimmte Methode aneignen, sondern den ganz normalen Alltag ermöglichen.

Das klingt jetzt so einfach. Aber der Alltag ist oft auch voller Aufgaben und belastend.

Ja, das ist er. Deswegen sind auch die Thema Selbstpflege und Unterstützung von anderen so wichtig. Als Angehörige habe ich den Vorteil, dass ich die Person gut kenne. Es geht bei aktivierenden Angeboten nicht darum, eine bestimmte Aktivität durchzuführen, sondern darum etwas in Gang zu bringen. Menschen mit Demenz tut es gut, das zu tun, was sie sowieso gerne machen. Im Alltag immer wieder Türöffner zu finden und Normalität zu leben – das ist genau richtig. Dazu braucht es Zeit und Ruhe.

Was mich noch interessieren würde: Wie kann man sich denn vorbereiten, also auf das eigene Alter oder wenn man Pflege benötigt. Wie kann ich dafür sorgen, dass andere Menschen –Familie oder eben auch Pflegekräfte – meine Lebensgeschichte kennen?

Eine Möglichkeit sind natürlich Fotoalben, bei denen man auch beschriftet, wer und was zu sehen ist. Es gibt auch ganz tolle Biografiebücher, beispielsweise von den Alzheimer Gesellschaften. Das sind gute Möglichkeiten, um das eigene Leben festzuhalten. Es ist eine visuelle Lebensgeschichte, worüber sich die Kinder und Enkelkinder freuen. Auch das Gestalten macht Freude. Erkenntnisse des eigenen Lebens werden nochmals bewusst.

Und natürlich auch eine Schatzkiste mit eigenen Herzensgegenständen, oder?

Ja, definitiv. Ich sage immer: Jeder sollte sich eine eigene Schatzkiste anlegen. Hinein kommen Bilder und Gegenstände, die von Bedeutung sind. Das kann der Lieblingsstein sein oder auch ein Kleidungsstück. Solche Schlüsselreize stimulieren das Gedächtnis, sie funktionieren über die emotionale Ebene und erreichen auch Menschen mit Demenz gut.

Und das ist ja auch etwas, das man zusammen tun kann oder gemeinsam drin stöbern kann.

Ja, das ist es. Gerade auch für Kinder kann das unheimlich spannend sein, mehr über das Leben der Großeltern oder Eltern zu erfahren. Ich erinnere mich daran, wie wir im Album meiner Mutter ihre Hochzeitsfotos fanden. Sie trug ein schwarzes Kleid. Das ist ja ganz ungewohnt. Aber damals, so erklärte es meine Mutter war das üblich. So eine Schatzkiste kann man immer wieder nutzen, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Das kann natürlich auch traurig machen und es können Tränen kullern, weil es so berührt. Aber es kann auch stolz machen und einen als Person bestätigen, in dem, was man geleistet hat.


Hilfreiche Infos und Materialien zur Biografiearbeit:

Ruth Wetzel: Was mit Demenz noch alles geht. Personzentrierte Aktivierierung Schritt für Schritt. ERV Reinhardt Verlag. (Im Buch finden sich viele Planungshilfen und zugehörige Onlinematerialien). Hier ist eine Leseprobe

Damals und Heute. Biografieheft und Datenblatt. Herausgegeben vom Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung der Landesfachstelle Demenz Rheinland-Pfalz: Hier kannst du das Biografieheft gratis herunterladen

Biografiebogen der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg: Hier kannst du den Biografiebogen gratis herunterladen

4 Gedanken zu „„Mit einer Demenz geht noch viel“ – Interview mit Ruth Wetzel“

  1. Sicher ein sehr hilfreiches Buch. Werde ich mir besorgen. Brauche für den Alltag mit meinem dementen Ehemann jegliche Hilfe mit Anregungen für den Alltag.

    1. Es ist ja eigentlich ein Fachbuch für Pflege- und Betreuungskräfte, aber ich finde, dass man auch als Angehörige viel lernen und für den Alltag übernehmen kann.

    2. Danke dir Ruth das du dieses Buch geschrieben hast.
      Du hast in deinem langjährigen Berufsleben, in der Pflege und in der Betreuung
      vieles an Erfahrung in der in der praktischen erleben können. Es wird eine große Hilfe für viele sein, die Angehörige mit dieser Erkrankung zu betreuen haben.

      Herzlichen Dank Wolfgang Schmidt

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