Diagnose Demenz, Gefühle verarbeiten, Wie ich helfen kann

Mein Vorsatz für 2025 (und auch sonst): Das WARUM vergessen und nach vorne schauen

Die neue Demenzdiagnose bringt viel Grübeln mit sich. In den ersten Wochen danach habe ich mich oft gefragt: Warum? Warum muss mein Papa diese Krankheit bekommen? Und auch: Warum muss ich wieder zur pflegenden Angehörigen werden? Warum ist alles so schwer? Warum kann das Leben nicht mal easy sein? Diese Suche nach dem Warum hat mich mal wütend, meist aber traurig gemacht. Diese Warum-Fragen tun nicht gut – und ich möchte versuchen, sie nicht mehr zu stellen und mehr nach vorne schauen. So etwas wie ein Vorsatz fürs neue Jahr, nicht nur wenn es um Demenz geht.

Warum Papa? Warum Mama? Warum wir?

Das Jahr ist zwar schon einige Tage alt, aber ich komme jetzt erst so langsam darin an. Während andere ihre komplette Jahresplanung schon längst gemacht haben, hänge ich gefühlt immer noch in der Silvesternacht. Das hängt auch damit zusammen, dass die vergangenen Tage recht fordernd waren – und zwar für beide Seiten.

Meinem Papa fällt der Alltag doch schwer, vieles verunsichert ihn und frustriert ihn. Etliches lässt sich erklären, manches jedoch nicht. Und selbst wenn, auch bei der 100. Erklärung oder Such-Aktion nach dem Geldbeutel fällt es mir schwer, ruhig zu bleiben. Sicher, ich weiß viel über Demenz und worauf es ankommt bei der Kommunikation, aber im Alltag bin ich nicht immer so entspannt wie ich das nach Ratgeber-Manier gerne wäre. Es strengt an, manchmal fühlt es sich gar nach kämpfen an, aber ich weiß, für meinen Papa ist das auch nicht leicht. Es ist ein Weg, der Nerven kostet – ein großer Lernprozess für mich

Es gibt Risiken – und doch bleibt die Frage nach dem Warum

Was mich in den ersten Wochen nach der Diagnose sehr belastet hat: Immer wieder tauchte die Frage nach dem Warum auf. Warum hat mein Papa Demenz bekommen? Ich finde sogar mehr Erklärungen als bei meiner Mama damals. Als sie die Diagnose bekam, war das ein einziges großes Warum. Warum bekommmt ein Mensch, der so gesund gelebt und sich ernährt hat, sportlich und geistig immer fit und rege war, Alzheimer? Niemand konnte eine Erklärung geben, wie denn auch?

Bei meinem Papa könnte ich diese vielleicht eher finden: Er ist deutlich älter als Mama. Mit 84 Jahren ist das Risiko, an einer Demenz zu erkranken um ein Vielfaches höher als mit 55, zeigen die Daten der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Sein Blutdruck ist erhöht, er hört schlecht, er hatte viel Stress – drei weitere Faktoren, die das Demenzrisiko erhöhen. Und doch ist da dieses große Warum.

Die Frage nach dem Warum macht mich wütend

Warum hat Papa diese verdammte Krankheit bekommen? Das ist nicht fair. Er hat sich so liebevoll um Mama gekümmert, war für sie da, wirklich und wahrhaftig in guten und vielen schweren Tagen. Das hat er nicht verdient.

Warum muss meine Familie schon wieder diesen Weg gehen? Warum muss ich nun ein zweites Elternteil an Alzheimer verlieren? Viele Tage waren diese Gedanken da, immer wieder. Und mit ihr die Wut. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich so wütend auf das Leben war. Denn auch, wenn es gewisse Risiken gab, so scheint mir das keine wirkliche Erklärung zu sein. Warum nun mein Papa – das konnte bislang kein Arzt und keine Ärztin erklären.

Mein Vorsatz: Das Warum vergessen

Ich habe gemerkt, dass mich diese Warum-Frage wütend macht. Bisweilen auch traurig und mitunter gar hoffnungslos werden lässt. Es ist dieses Grübeln, und das weiß ich doch eigentlich sehr genau, das nichts bringt, außer Angst und Sorgen und dem Gefühl, nichts tun zu können. Ich habe schon im Blog-Artikel neulich über das Gespräch mit meiner Podcast-Kollegin Anja Kälin geschrieben, die mich fragte: Gegen wen kämpfst du? Gegen die Person oder die Demenz?

Genauso sinnlos wie dieser Kampf gegen die Demenz ist letztlich die Frage nach dem Warum. Das ist mir in den vergangenen Tagen klar geworden. Die Warum-Frage hilft mir nicht weiter, hilft auch sonst niemandem und meinem Papa schon gar nicht. Selbst, wenn wir wüssten, weshalb mein Papa an einer Demenz erkrankt ist, was würde es denn ändern?

Vor kurzem habe ich in dem Buch „Endlich in Frieden mit den Eltern “ von Beate Scherrmann-Gerstetter und Manfred Scherrmann gelesen: „Grübeln ist unproduktiv und schädlich, wir sollten es möglichst schnell unterbrechen. Denn danach geht es uns schlechter als zuvor. Wir sind dann wieder einmal nicht weitergekommen, und das wirkt sich nicht gerade positiv auf das Selbstwertgefühl aus.“

Mein Vorsatz, auch für das neue Jahr 2025, lautet daher: nicht über das Warum grübeln, vielleicht sogar das Warum vergessen. Es erinnert mich sofort an einen Vorsatz, der schon einige Jahre alt ist. Im Januar 2021 schrieb ich: Liebe Mama, lass uns den Moment geneißen und nach vorne schauen! Und ich glaube, genau das könnte mir – und uns jetzt viel besser helfen als die Rückschau. Mein Wunsch: weniger grübeln, mehr machen. Mich nicht im Warum verlieren, nach vorne schauen. Und das bezieht sich auf meinen Papa – aber nicht nur. Auch auf all die anderen Dinge in meinem Leben. Alles wird gut, irgendwann.

Verschlagwortet mit

10 Gedanken zu „Mein Vorsatz für 2025 (und auch sonst): Das WARUM vergessen und nach vorne schauen“

  1. Mir ging es genauso. Erst Fassungslosigkeit, dann wütend und jetzt einigermaßen entspannt. Es hilft mir nicht , wenn ich mich aufrege und frage nach dem warum!

  2. Liebe Peggy, dieses „Warum“ kenne ich auch nur all zu gut. Nach dem Tod meines Vaters habe ich mich das anfangs auch oft gefragt. Warum? Haben wir nicht vorher schon genug durchgemacht? Warum jetzt auch noch das? Das ist doch nicht gerecht!

    Und als ich die Pflege meines Opas übernahm, fragte ich mich, warum bin ich damit jetzt alleine? Warum kümmert sich sonst keiner um Opa? Heute weiß ich, warum.

    Sag mal, kennst du die MBSR-Kurse, die von der Krankenkasse bezuschusst werden? Ich habe durch so einen Kurs endlich richtig meditieren gelernt. Du könntest auch mal abends im Bett eine erste Mediation im Liegen machen, das mache ich gerade oft. Schau mal bei Koala Mind auf Spotify, dort findest du einige Mediationen extra für den Abend. Meditieren hilft dabei das Grübeln vorzuverlegen und in die richtige Richtung zu lenken. 😜 Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute und viel Kraft für 2025! Liebe Grüße aus Berlin, Valeska

    1. Liebe Valeska, vielen lieben Dank fürs Teilen deiner Erfahrung! Und danke für den Tipp mit den Kursen. Das schaue ich mir mal an. Fürs Meditieren bin ich meist zu ungeduldig, aber das ist wohl eine Frage der Übung, oder?

  3. Liebe Peggy, was für ein toller Vorsatz! Es ist schon spannend – Kinder fragen „Warum?“, um zu lernen, wie die Welt funktioniert. Und irgendwann sind wir erwachsen und die Frage nach dem Warum lässt uns im Kreis drehen… Ich wünsche dir, dass du deinen Vorsatz gut in die Tat umsetzen kannst!

    1. So habe ich es noch gar nicht betrachtet, liebe Bianca! Manche Warum-Fragen sind ja auch im erwachsenen Alter noch gut und hilfreich. Aber manche lassen sich halt nicht beantworten.

  4. Liebe Peggy,

    Vielen Dank, dass du diese persönlichen Gedanken mit der Welt teilst. Dein Text ist so ehrlich und berührend – und ich bin mir sicher, dass sich viele Menschen in ähnlichen Situationen darin wiederfinden. Die Entscheidung, das „Warum“ loszulassen und nach vorne zu blicken, ist unglaublich stark und inspirierend. Es zeigt, wie viel Mut und Liebe in deinem Umgang mit der Situation steckt. Ich wünsche dir und deiner Familie weiterhin viel Kraft und viele wertvolle, gemeinsame Momente 2025.

    Alles Liebe,
    Martina

  5. Liebe Peggy,
    ich würde gern etwas tröstliches schreiben. Aber das fällt mir schwer. Und wie sollte so eine Antwort auf ein Warum überhaupt lauten? Weil du es kannst? Weil du noch etwas zu lernen hast? Als wenn du über Demenz nicht schon alles wüsstest!
    Bei den Begegnungen mit meiner Mutter hat es etwas mit „Kopf aus. Herz an“ zu tun, was mir in dieser Konstellation nicht immer leicht fällt. Aber bin ich erst mal im Nichtwissen(wollen) angekommen, wird es einfacher.
    Für den Moment.
    Eva
    P.S. Kleine Erinnerung: Das Leben hat noch viel mehr Facetten als die Pflegeverantwortung für die eigenen Eltern. Und die dürfen alle ein großes Warum oder Wofür haben.

Kommentar verfassen