Logopädie wird häufig verordnet, wenn Menschen mit Demenz Schluckstörungen entwickeln. Aber auch im frühen Stadium kann eine logopädische Therapie sinnvoll und hilfreich sein. Das sagt Logopädin Janka Muising im Interview und erklärt, warum es so wichtig ist, dass Menschen mit Demenz Anregungen zur Kommunikation erhalten, welche Strategien sie als Expertin anwendet und wie ein Buch der vergessenen Wörter helfen kann.

Ich erinnere mich, dass ich damals, als Mama schon kaum noch mit uns sprach, auch über Logopädie nachdachte. Als ich ihren Arzt fragte, war der sehr zurückhaltend. Aber losgelassen hat mich das Thema nie ganz. Im Rückblick wünschte ich, ich hätte damals mehr recherchiert und jemanden wie Janka Muising gesprochen. Für meine Rubrik Expert:innen-Gespräche habe ich nun ein Interview mit ihr geführt – um über die Möglichkeiten von Logopädie zu informieren.
Janka arbeitet als Logopädin für Menschen mit neurologischen Erkrankungen und systemischer Coach in Düsseldorf. Hier erfahrt ihr mehr über sie. Janka hat viel Erfahrungen mit Menschen mit Demenz und weiß: „Es wäre sinnvoll, Logopädie bei Demenz frühzeitig zu verordnen, nicht erst bei Schluckbeschwerden.“ Warum das so ist und wie sie als Fachfrau das Sprechen und die Kommunikation stärken und damit auch zur Lebensqualität beitragen kann, das erklärt sie im Interview.
Interview mit Janka Muising zur Logopädie bei Demenz
Liebe Janka, Logopädie wird meist mit der Behandlung von Kindern in Verbindung gebracht. Aber was viele nicht wissen: Menschen mit Demenz können von Logopädie sehr profitieren, oder?
Ja, absolut. Wenn ich sage, dass ich Logopädin bin, werde ich immer auf die Therapie von Kindern angesprochen. Aber ich arbeite eigentlich nur mit erwachsenen Menschen und bin auf Neurologie spezialisiert, vor allem auf Patienten und Patientinnen mit Demenz. Aber auch Ärzte und Ärztinnen kennen oft nicht das ganze Potenzial von Logopädie und mich ärgert es, dass die Logopädie in der frühen Phase sehr zurückhaltend verschrieben wird. Die logopädische Therapie kann bei Menschen mit Demenz sehr zur Lebensqualität beitragen.
Für wen kommt denn eine Logopädie überhaupt infrage?
Oft wird Logopädie erst dann verschrieben, wenn Spracheinschränkungen auftreten. Das ist meist erst im späteren Verlauf. Viele Menschen mit Demenz entwickeln im fortgeschrittenem Stadium Schluckstörungen. Bei diesen Beschwerden wird sehr häufig Logopädie verschrieben und kann den Patienten und Patientinnen helfen. Auch die medizinischen Leitlinien empfehlen da ausdrücklich Logopädie. Ich würde mir wünschen, dass auch andere Potenziale der Logopädie gesehen werden. Schon am Anfang der Erkrankung, bei Schwierigkeiten von Kommunikation, Gedächtnis und Orientierung, kann die Logopädie unterstützen und nicht erst, wenn die Sprache wegbricht oder das Schlucken Probleme bereitet
Was ist dann das Ziel in der früheren Phase der Demenz?
Da steht dann im Vordergrund, sich an den vorhandenen Ressourcen zu orientieren und diese zu fördern. Wichtig ist auch die Beratung von Angehörigen. Selbst Fachleute kennen mitunter nicht das große Potenzial von Logopädie. Ich gebe Fortbildungen für Kolleginnen und kläre auch Ärzte und Ärztinnen auf. Es ist wichtig, dass Menschen mit Demenz und deren Angehörige über die Möglichkeit von Logopädie Bescheid wissen und erfahren, wie hilfreich diese Therapie sein kann.
Nehmen wir mal als Beispiel einen Menschen mit Alzheimer. Was kann Logopädie da leisten?
Wenn die kognitiven und die verbalen Funktionen noch gut vorhanden sind, kann man Strategien aufbauen, die im Alltag helfen. Und man kann auch wirklich noch gut Beziehungsaufbau betreiben und die Kommunikation unterstützen. Deswegen wäre es so sinnvoll, Logopädie frühzeitig zu verordnen, nicht erst bei Schluckbeschwerden.
Lass uns über das Schlucken sprechen: Warum ist da eine Therapie so wichtig?
Beschwerden beim Schlucken können zu einer Lungenentzündung führen – und dem kann eine Logopädie vorbeugen. Wenn jemand nach der Nahrungsaufnahme häufig hustet oder hüstelt oder nicht mehr gut schlucken kann, dann kann es passieren, dass kleine Teile der Nahrung liegen bleiben oder in die Luftröhre gelangen. Normalerweise haben wir ja einen starken Hustenreflex und wenn Nahrung oder Flüssigkeit in die Luftröhre gelangt, husten wir sie aus. Aber dieser körpereigenen Schutzmechanismus kann bei Menschen mit Demenz beschädigt sein. Das kann dann dazu führen, dass diese Nahrungsreste einfach in die Luftröhre fallen und in die Atemwege gelangen. Dies kann zu Entzündungen führen und schließlich eine Lungenentzündung auslösen, die nicht selten zum Tode führt.
Und wie es ist mit dem zweiten Thema, mit dem Sprechen?
Ich sage bewusst Kommunikation und nicht Sprache, denn ich glaube, dass es um mehr als nur das Sprechen geht. Wenn der oder die Betroffene Probleme hat mit der Orientierung und dem Gedächtnis hat, kann das dazu führen, dass es im Alltag super erschwert ist, Gespräche zu führen. Das kann sein, weil die Gesprächsstruktur nicht mehr gehalten werden kann, weil an Dinge kurz zuvor nicht erinnert wird, weil vielleicht schon erste Worte fehlen oder weil keine guten Strategien vorliegen, wie man dann auf diese Worte kommt. Das führt häufig ja auch dann zu sehr emotionalen Reaktionen. Menschen fühlen sich dann nicht mehr kompetent und das kann zu Reaktionen von Frust und Vermeideverhalten führen.
Es liegt also gar nicht so sehr an der Sprache, sagst du?
Nein, es kann sein, dass die verbale Sprache an sich noch funktioniert. Aber die Kommunikation mit anderen gelingt trotzdem nicht mehr. Da kann die Logopädie super hilfreich sein.
Was kann man denn da konkret machen? Was machst du als Logopädin?
Es geht darum, Strategien zu finden und üben. Mir ist wichtig, von den Ressourcen auszugehen und zu schauen, wie ich diese stärken kann. Wir sprechen auch von Ressourcenorientierung. Ich persönlich mache auch eine Diagnostik, aber es ist keine, die mit Defiziten konfrontiert, sondern sie ist ein Gespräch eingebaut. Wir unterhalten uns und ich beobachte das Gesprächsverhalten der Person: Wie groß ist der Redeanteil? Kann das Thema gehalten werden? Treten Wortfindungsstörungen auf? Das kann man alles ganz gut im Dialog beobachten und braucht eigentlich keine Übungen, die vielleicht nur dazu führen, dass die Person ich selber als nicht kompetent erlebt und frustriert wird.
Okay, das ist der erste Schritt. Wie geht es dann weiter?
Wenn möglich, beziehe ich auch die Angehörigen mit ein. Wir sprechen miteinander und wenn möglich, beobachte ich auch eine Gesprächssituation zwischen Angehörigen und Betroffenen. Anschließend besprechen wir, was die Ziele der Logopädie sein könnten. Das kann verschieden sein und ist individuell.
Was sind denn Therapieziele bei Logopädie mit Menschen mit Demenz?
Beispielsweise dass eine Person sagt: „Ich möchte morgens klar kommunizieren können, was ich frühstücken möchte.“ Oder ein Angehöriger sagt: „Wie können wir es überhaupt schaffen, dass Entscheidungsfragen noch mal beantwortet werden können?“ Das ist im Verlauf einer Demenzerkrankung ja auch ein großes Problem, dass Menschen ihre Wünsche nicht mehr mitteilen können. Wenn es beispielsweise um die Frage Kaffee oder Tee geht, dann kann das nicht verbalisiert werden, sondern die Person kann danach nur ihre emotionale Reaktion zeigen. Für beide ist das schwer.
Welche Strategie könnten Menschen dann in der Logopädie erlernen?
Da kann man mit Bildsprache arbeiten, dass man zum Beispiel ein Kommunikationsbuch anlegt. Das können Zeichnungen oder Illustrationen sein, aber man kann auch mit Fotos arbeiten. Das heißt, man macht wirklich ein Foto von der jeweiligen Tasse, aus der morgens getrunken wird, sodass da ein hoher Wiedererkennungswert lange ist. Es ist total cool, wenn die Logopädie früh verordnet wird. Wenn man früh anfängt, so etwas zu trainieren, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass diese Strategie lange im Verlauf der Erkrankung genutzt werden kann. Wenn ich damit beginne, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist, dann ist es sehr schwer, das noch im Alltag zu verankern.
Wie kann ich mir das praktisch vorstellen? Ist es tatsächlich wie so ein Heft, in dem Dinge, Fotos oder Zeichnungen drin sind, die ich dann benutzen kann?
Das ist sehr abhängig von den Möglichkeiten und Ressourcen der Betroffenen. Wenn in der frühen Phase noch das Verständnis für Schriftsprache da ist, dann ist es natürlich sehr viel einfacher und man kann damit arbeiten. Ich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass viele meiner Patienten und Patientinnen, in dieser Phase auch noch immer diese wahnsinnige Angst haben, dass ihnen alles durch die Hände rinnt und sie die Worte verlieren. Mit ihnen führen ich häufig das Vokabelheft der verlorenen Worte. Im Gespräch können sie darauf zugreifen, weil sie wissen, wo der Begriff festgehalten ist. Das vermittelt viel Sicherheit. Und wenn ich dann merke im Verlauf, dass dann die Schriftsprache nicht mehr so gut klappt, also dass vielleicht auch Schreiben oder Lesen vermieden wird, dann würde ich das einfach mit Bildern und Fotos ergänzen. Ich kann durch die Logopädie keine Worte zurückbringen, aber kann beitragen, dass die Menschen besser kommunizieren können und ihnen dafür Werkzeuge wie das Kommunikationsbuch an die Hand geben.
Was würdest du Angehörigen empfehlen: Wie kann man das gestalten?
Es gibt fertige Sets, aber ich tendiere immer eher dazu, einfach einen Ordner in A5 zu nehmen, leere Seiten einzuheften und erst mal zu gucken, was braucht die Person eigentlich? In den vorgefertigten Büchern ist ganz viel drin, was die meisten Menschen nicht brauchen und das verwirrt nur. Ich fange immer mit den Familienmitgliedern an, weil dies den Menschen am wichtigsten ist, dass quasi erstmal alle Namen und die Bilder parat sind. Und dann kann man nach und nach die Alltagssachen ergänzen, die wichtig sind: die Hobbys, Unternehmungen, Lebensmittel.
Welche Methoden setzt du in der Logopädie bei Demenz noch ein?
Ich nutze auch eine Therapie, die ins biografische Training geht. Sie heißt KODOP und steht für kommunizieren, dokumentieren und präsentieren und wurde von Jürgen Steiner entwickelt. Es ist im Prinzip eine Art Projekt zwischen Therapeutin und Patient oder Patientin. Man führt ein Gespräch zu einem Thema, das der Patient mitbringt und macht sich dazu Notizen. Im zweiten Schritt erstellt man gemeinsam ein Dokument dazu. Das kann in Textform sein mit kurzen Sätzen oder auch nur Stichworte. Die Patienten nehmen es mit und können noch um Bilder oder andere Dinge ergänzen. Wenn es im Text um ein Konzert geht, vielleicht das Ticket. Ich mache damit sehr gute Erfahrungen: Meine Patienten sind dankbar, dass sie so Erinnerungen festhalten können. Mit dieser Methoden erleben Menschen mit Demenz ihre eigene Kompetenz und es gibt ihnen Sicherheit. Im besten Fall entwickelt sich daraus auch eine aktive Gesprächssituation zwischen Angehörigen und Betroffenen weiter.
Kann Logopädie dazu beitragen, dass Sprache länger erhalten bleibt?
Durchaus. Wenn die Sprache nicht genutzt wird, kann sie schneller verschwinden. Dadurch dass Logopädie die Kommunikation aktiviert und trainiert, kann sie länger in Stand gehalten werden. Bei Demenz muss man aber schon so realistisch sein, dass Logopädie den Prozess nicht aufhalten kann. Sie kann aber die Teilhabe von Menschen mit Demenz ermöglichen und so auch die Lebensqualität positiv beeinflussen. Wenn die Kommunikation wegbricht, geraten viele ja in die soziale Isolation. Dem kann Logopädie vorbeugen. Das ist, ein sehr wertvoller Faktor.
Gibt es noch einen Rat, den du Angehörigen mitgeben möchtest?
Ich erlebe oft viel Druck und Überforderung von Angehörigen. Suchen Sie sich Unterstützung bei der Betreuung und Begleitung eines Angehörigen mit Demenz. Die Logopädie kann eine Möglichkeit sein. Wir sind immer sehr fokussiert auf medikamentöse Therapien, aber die nicht-medikamentösen Therapien wie Ergotherapie, Physiotherapie oder Logopädie können viel zur Lebensqualität beitragen und sind einen Versuch wert. Ich mache sehr gute Erfahrungen mit Hausbesuchen, weil die Patienten dann im vertrauten Umfeld sind und die Strategien für sich besser üben können. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten für die Logopädie. Es braucht dazu ein Rezept vom Arzt oder der Ärztin.
Drei hilfreiche Links
Sprachtherapie bei Demenz: Informationen für Betroffene und Angehörige. Eine Broschüre vom Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten. Hier geht’s zum Download.
Logopädie und Demenz. Broschüre vom Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein. Hier geht’s zum Download.
Logopädensuche des Deutschen Bundesverband für Logopädie

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