Besser kommunizieren, Meine Eltern werden alt, Wie ich helfen kann

Frag um Rat – auch bei Demenz

In meinem neuen Buch habe ich über ein besseres Miteinander geschrieben. In einer der Ideen geht es darum, um Rat zu fragen. Zugegeben, ich habe das schon eine Weile nicht mehr gemacht und dann vor kurzem, ein wenig durch Zufall, als ich ein Probmem mit dem Fahrrad hatte. Dabei habe ich gemerkt, dass mein Papa auch mit Demenz gut Rat geben kann.

In meinem Buch „Meine Eltern werden alt“ habe ich 50 Ideen beschrieben, um mit den Eltern ein besseres Miteinander zu gestalten. Viele der Anregungen drehen sich um Kommunikation. Es geht darum, einander wichtige Fragen zu stellen und dem anderen zuzuhöhren, aber auch sich selbst zu hinterfragen. Eine der Ideen heißt: „Frage um Rat – und schenke ein gutes Gefühl“. Ich habe darin beschrieben, wie es mir ergangen ist, als ich meinen Vater nach vielen Jahren, in denen ich ihn nicht gefragt habe, weil meine Arbeits- und Lebenswelt so fern von seiner war, um Rat fragte.

Ich merkte, auch im Alter kann er ein Ratgeber sein und eine Stütze. Und ich nahm mir vor, ihn häufiger zu fragen. Auch, weil ich aus dem Buch „Alte Bande“ von Cornelia Kazis und Bettina Ugolini noch gut erinnerte, was sie schrieben: über den Bedeutungsverlust, der an vielen älteren Menschen nagt. Häufig würden sie sich überflüssig fühlen, nicht mehr gebraucht.

Um Rat fragen heißt auch: Ich brauche dich

Dieses um Rat fragen wirke dem Gefühl entgegen. Denn: Jemandem einen Rat geben zu dürfen, gefragt zu werden, bringt zum Ausdruck: Ich werde gebraucht.

Aber wenn kognitive Einschränkungen oder eine Krankheit wie Demenz dazukommen, wird das schwieriger. Mit dem Vergessen und Verlernen geht doch oft einher, dass sich auch die Kommunikation ändert. Die Erfahrung im Alltag zeigt immer häufiger, dass Papa Rat und Anleitung und Erklärung benötigt – und ich und mein Bruder und all die Menschen in unserem Pflegenetzwerk ihm dies geben. Wir wissen oft viel mehr. Dabei geht viel zu leicht unter, dass er doch noch so viel weiß – und auch Rat geben kann.

Das habe ich vor ein paar Tagen gemerkt, als ich mit dem Fahrrad fuhr. Es knackste fürchterlich und fortan musste ich schieben. Ich konnte nicht mehr fahren, habe geschimpft und mir überlegt, wie ich das Fahrrad schnellstmöglich reparieren lassen kann und der Tag nun weiter geht. Nach zehn Minuten genervten Schiebens rief ich Papa an und wollte wissen, wie sein Tag war. Und dann erzählte ich von meinem Fahrrad. Und er wollte helfen und fragte: „Ist was mit der Kette?“ und erklärte, wie ich sie wieder einsetze.

Dankbar für den Rat

Zugegeben, ich wollte ihn erst nicht ernst nehmen. Dann schaute ich auf die Fahrradkette und merkte, dass sie abgesprungen war. Oh Mann, wie peinlich. Und gleichzeitig war ich total erleichtert und sagte: „Papa, danke für deinen Rat!“ Er meinte, er hätte doch gar nicht wirklich helfen können. „Doch, das hast du. Danke!“, sagte ich.

Es war nur eine Kleinigkeit und ein Moment, aber in diesem Moment habe ich gefühlt und verstanden: Ich weiß nicht immer alles besser. Auch Menschen mit Demenz können noch viel. Mich an meinen Vater mit einer Frage zu wenden, zeigt, dass ich ihm ernst nehme und wertschätze. Das tue ich immer, aber in diesem Moment waren wir auf Augenhöhe. Ich hatte nicht nur einen Rat bekommen, sondern ihm auch etwas gezeigt und denke, dass es bei ihm angekommen ist: dieses Gefühl der Wertschätzung, das im Diskutieren und Organisieren im Alltag mit Demenz leider oft untergeht.

Und Ja, mir ist auch klar, dass das mit einer fortgeschrittenen Demenz nicht wirklich funktioniert. Meine Mama konnte ich irgendwann einfach nicht mehr um Rat fragen. Was mir dann geholfen hat, war der Rat, den mir Anja einst in einem Podcastgespräch gegeben hatte: „Du kannst die Mutter, die du aus gesunden Tagen kennst, weiter um Rat fragen.“ Die Demenz ist zwar immer irgendwie da, man muss gut achtgeben, dass sie nicht alles überschattet.

Ein Gedanke zu „Frag um Rat – auch bei Demenz“

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