Gefühle verarbeiten, Selbstfürsorge

Abschiednehmen: Vom Trösten, Trauern und Reden

In den vergangenen Monaten war ich oft traurig. Die Traurigkeit nimmt ganz verschiedene Formen an: mal laut, mal leise, mal ist der ganze Tag trüb, mal nur für ein paar Minuten. Wenn ich ehrlich bin, dann ist diese Traurigkeit nicht erst da, seitdem Mama endgültig gegangen ist. Ich habe vor vielen Jahren angefangen, von ihr Abschied zu nehmen. Ich bin traurig – und das ist okay. Wieder mal merke ich, dass es vielen Menschen schwerfällt, damit umzugehen (mir ja auch). Und so begebe ich mich auf die Suche nach Trost. Mein Plädoyer für mehr Gefühl und weniger gute Ratschläge.

Geht es dir besser? – Das fragte mich vor einigen Tagen eine Bekannte. Ich weiß, sie war ehrlich interessiert, wollte wissen, wie es mir geht und meinte es gut, aber mir tat die Frage weh. Nein, kein Schmerz im herkömmlichen Sinn. Aber im Sinne von Unverständnis. Denn dass Mama wirklich endgültig nicht mehr da ist, das kommt jetzt erst so richtig bei mir an – und das schmerzt.

Viele Menschen haben auf Mamas Tod reagiert und mir tröstende Worte geschickt. Zu wissen, dass ich nicht alleine bin, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder machen, das tut mir gut.

Trösten gute Ratschläge?

Da war viel von Erlösung und Friede die Rede. Ja, vielleicht ist es eine Erlösung und ein Friede für sie, aber mir fällt es schwer, das so anzunehmen. Denn für uns als Familie, für mich als Tochter ist es vor allem traurig. Mein Papa ist voll Trauer. Man könnte ja meinen, dass er erleichtert ist, dass die aufreibende Pflege, die es in den letzten Monaten war, nun nicht mehr seinen Tag und sein Leben dominiert. Aber er ist unglücklich und gut gemeinte Ratschläge kommen nicht an. Auch mir fällt es schwer, sie anzunehmen. Ich möchte all diese Worte und guten Ratschläge oft nicht hören, denn sie trösten mich nicht.

Mehr noch: Es fühlt sich an, als würde ich nicht ernst genommen. So, als müsste ich irgendwie auch dankbar sein, dass sie erlöst ist. So, als wäre dieser Tod nicht so schlimm, weil der Mensch schon so lange krank war… Aber, möchte ich allen sagen, es war doch meine Mama, die da gegangen ist – und nicht die Demenz – und das ist nun mal traurig.

Ich habe mit Anja Schmidt-Ott über gesprochen und sie erklärte: „In der Regel ist das ein hilfloser Versuch des Umfeldes, zu trösten oder auch selbst den Verlust einzuordnen.“ (im Interview erklärt sie, wie Freunde und Bekannte Trost spenden können):

Abschiednehmen mit Demenz – ein langer Prozess

Mir hat es sehr geholfen, mit meiner Podcast-Partnerin Anja von „Leben. Lieben. Pflegen“ von Desideria über das Trauern und Abschiednehmen zu sprechen. Und auch das Interview mit der Trauerbegleiterin Anja Schmidt-Ott hat mir geholfen zu verstehen. Es hat mir gezeigt, dass das Abschiednehmen von einem Menschen mit Demenz etwas Besonderes ist und dass es ein langer, langer Trauerprozess ist. Und: Nur, weil man vor dem Tod schon trauert, nimmt das die Trauer danach nicht vorweg.

In dieser Folge “Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria-Podcast zu Demenz und Familie” spricht Peggy Elfmann mit ihrem Gast Anja Schmidt-Ott über eine besondere Form der Trauer: die unsichtbare Trauer, auch weiße Trauer genannt. So nennt man einen Trauerprozess, der beginnt, wenn eine Person noch im Leben steht und immer mehr verschwindet. So wie das bei einer Demenzerkrankung der Fall ist. “Vielen Angehörigen ist gar nicht bewusst, dass das, was sie erleben, Trauer ist.” Als pflegende und sorgende Angehörige sind sie oft dauerhaft im “Funktionieren” und haben wenig Raum für eigene Gefühle. Doch: Unterdrückte Gefühle kehren häufig in unpassenden Momenten wieder und sie können nicht nur den Alltag, sondern auch die Beziehung zu der Person trüben. In dieser Podcastfolge spricht Anja Schmidt-Ott, Trauerbegleiterin und Angehörigen-Coach bei Desideria, darüber, welche Strategien Angehörigen im Umgang mit der Trauer helfen können.

Ich fühle mich ein wenig in die Zeit zurückversetzt, als Mama gerade ihre Alzheimer-Diagnose erhalten hatte. Alles fühlte sich schwer und trüb an. Die tröstenden Worte und Ratschläge spendeten keinen Trost. Ich war unsicher, wie es weitergehen würde. Damals war es die Angst um Mama. „Melde dich, wenn du reden willst“, sagten mir damals liebe Freundinnen. Ich wollte nicht reden, denn ich fing dann ja doch nur an zu weinen. Das Reden fiel mir so schwer. Und meist fehlte mir die Kraft, mich zu melden. Was sollte ich anderes erzählen, als dass ich Angst habe und mir Sorgen mache? Ich hatte das Gefühl, dass ich Gespräche nur schwer mache. Ich wollte mich niemandem zumuten.

Auch jetzt geht mir das oft durch den Kopf. Mir kommen schnell die Tränen, wenn ich rede. An den meisten Tagen geht es mir ganz gut, vieleicht sogar besser, an anderen Tagen ist es sehr grau. Mamas Tod hat diese graue Wolke wieder über mich ziehen lassen, ich grüble zu viel und mache mir große Sorgen um Papa. Jetzt, wo seine straffe Routine wegfällt, tut er sich schwer mit dem neuen Alltag.

Tröstend: Trauern, reden – und lachen

Und doch habe ich eines im Laufe der Jahre gelernt und es hilft mir jetzt enorm: Ich darf nicht so tun, als könnte ich da einfach so weitermachen. Ich weiß, dass das Trauern zur Demenz und auch zum Abschiednehmen gehört – und dass es okay ist.

Im Herbst habe ich an einem neuen Buchprojekt angefangen zu arbeiten, als alles noch normal war. Das Schreiben hält mich und hilft mir, aber an trüben Tagen bin ich sehr langsam. Dann weine ich um Mama – und mich. Früher wäre ich dann unzufrieden mit mir gewesen, aber ich bin milder geworden, übe mich in Selbstmitgefühl.

Ich nehme mir Pausen, wenn ich sie brauche – und merke, dass sie mir guttun. Vor einer Weile habe ich mit Anja Kälin über meine Traurigkeit geprochen und sie sagte damals: „Die Traurigkeit kann einen gleichzeitig auch in eine Qualität führen, dass man sagt: ‚Okay, jetzt habe ich genug geweint, jetzt packe ich es an.‘ Und ich denke, das das Weinen eigentlich ein sehr gesunder Prozess ist.“ Nun lese ich den Text „Liebe Mama, darf ich traurig sein?“ mit anderen Augen. Seitdem ist viel passiert, ich habe oft Abschied genommen, Mama in ein Heim umgezogen und nun ist sie schon bald drei Monate nicht mehr da.

Vermutlich hätte ich früher selber wie die Bekannte gedacht, dass es mir nach drei Monaten „besser“ gehen müsste. Aber ich weiß, es gibt kein besser oder schlechter. Meine Gefühle sind gut wie sie sind.

Die Psychologin Prof. Dr. Tanja Michael sagte neulich in einem Interview: „Es ist ein Gesetz der Seele, an dem nicht zu rütteln ist: Wenn wir etwas Wertvolles verlieren, müssen wir trauern.“ Ein ähnlicher Gedanke hilft mir schon lange: Ich bin ja traurig, weil ich Mama vermisse und sie so gerne habe und hatte. Vielleicht liegt der Trost also auch einfach im Trauern, so weh es vielleicht tut.

An manchen Tagen mag ich nur daheim sein, bin trüb und weine, an anderen Tagen bin ich unterwegs, lache und bin froh – und beides tröstet.

4 Gedanken zu „Abschiednehmen: Vom Trösten, Trauern und Reden“

  1. Liebe Peggy,
    danke für Deine Zeilen.
    Es drückt meine damaligen Gefühle aus, als Mami gestorben ist.
    Es ist über 3 Jahre her und es tut manchmal genauso weh wie damals.
    Es ist halt die Mami.
    Ich wünsche Dir viel Kraft.
    VlG,
    Evi

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