Ich bin damit aufgewachsen, dass Lügen nicht gut sind. Dass es wichtig ist, aufrichtig und ehrlich zu sein. Aber gerade komme ich immer mal wieder in Situationen mit meinem Vater, in denen ich bewusst zur Lüge greife und frage mich: Darf ich das?

Es ist immer noch das Thema Autofahren, das viele Gespräche bestimmt und immer wieder zu Diskussionen führt. Mein Papa soll nicht mehr Autofahren, vor über einem Jahr hat die Ärztin dies so deutlich ausgesprochen und wir in der Familie waren sehr dankbar, dass wir damals die ärztliche Bestätigung für unser ungutes Bauchgefühl hatten. Ich dachte damals, wir würden durch eine gewisse Phase des Erklärens und Diskutierens gehen und dann könnte Papa alles akzeptieren. Aber noch immer ist das Autofahren beziehungsweise das Nicht-Autofahren ein großes Thema bei uns. Es führt zu Frustrationen, auf beiden Seiten, und es ist nicht so, dass ich es nicht nachvollziehen könnte. Doch ich merke, dass mir die immer wieder kehrenden Diskussionen schwerfallen und ich zunehmend versuche, anders damit umzugehen.
Meine kleine Lüge beruhigt den Moment
Während ich anfangs versuchte, zu erklären und immer wieder die objektiven Fakten erläuterte, bediene ich mich mittlerweile manchmal Lügen. Ich sage dann: „Das Auto ist gerade in der Werkstatt und nächste Woche kommt es wieder.“ obwohl ich weiß, dass es nicht in der Werkstatt ist und auch nächste Woche nicht wieder in der Garage stehen wird. Ich nicke Papa aufmunternd zu und gleichzeitig fühle ich mich mies. Mir kommt der Begriff scheinheilig in den Sinn. Ich beruhige meinen Papa und rede ihm gut zu, erzähle ihm etwas, von ich weiß, dass es gar nicht stimmt.
Darf man Menschen mit Demenz anlügen? Ja, unter gewissen Umständen, darf man das. So würde ich vermutlich jemandem antworten, der mich nach meiner Meinung und Erfahrung fragt. Und gleichzeitig würde ich erklären, dass es nun mal Situationen gibt, in denen es nicht hilft, auf der objektiv richtigen Wahrheit (gibt es die überhaupt?) zu beharren und es der Person auch nicht um jeden Preis guttut. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch mit Mama, als sie der festen Überzeugung war, ich müsste ihren alten Musiklehrer kennen, weil wir doch gemeinsam zur Schule gegangen seien. Dass ich ihre Tochter bin und viel jünger, das verstand sie nicht mehr. Ich wollte sie damals nicht bloßstellen und wusste doch, dass Korrigieren bei Menschen mit Demenz fehl am Platz war. Also murmelte ich ein leises Ja. Ich wollte sie eigentlich nicht anlügen und tat es irgendwie doch.
Darf ich meinen Papa anlügen? Das frage ich mich und überlege, weshalb es mich so beschäftigt. Denn schließlich schadet meine Notlüge nicht wirklich. Im Gegenteil, ich empfinde sie als beruhigend.
Lügen bei Demenz erlaubt?
Es ist definitiv der leichtere Weg, für uns beide. Denn die Wahrheit zu sagen, also: „Dein Auto ist nicht da, damit du nicht fährst“ führt ja immer wieder zu Streit. Gehe ich den ehrlichen Weg, erkläre ich immer wieder und doch akzeptiert mein Papa nicht, weshalb er auf etwas verzichten sollte, was er beinahe sein ganzes Leben lang gut und ganz selbstverständlich getan hat. Es hilft uns beiden, wenn ich sage, dass es in der Werkstatt ist. Ich erinnere mich an Christoph, der hier in einem Gastbeitrag geschrieben hat, wie es ihm und seinem Vater erging mit dem Auto-Thema.
Ich suche Rat bei Naomi Feil. Sie hat das Konzept der Validation begründet, einer Methode für den Umgang mit Menschen mit Demenz. Einer der Grundsätze lautet: Man widerspricht einem Menschen mit Demenz nie und lässt sich auf seine Welt ein. So oft hat mir Validation schon geholfen in der Kommunikation, mit meiner Mama mit Demenz und ich habe häufig erlebt, dass Korrigieren und Verbessern meiner Mama nie geholfen hat, sondern nur schlechtes Gefühl bescherte. Und doch sagt Naomi Feil auch: „Validation lügt nie, das ist ganz wichtig.“ (in einem Interview) Es geht darum, auf den Menschen einzugehen, sie ernst zu nehmen und erforschen, was eigentlich dahinter steckt.
Was steckt hinter der Lüge?
Klar, kann ich mich der Notlüge bedienen und es hilft mir, im Moment. Aber noch einmal genau hinzuschauen und zu verstehen, worum es da eigentlich geht, das ist mindestens genauso wichtig. Nicht mehr Autofahren zu dürfen, ist ein Verlust von Selbstständigkeit. Ganz massiv und nach außen sichtbar. Und ich kann es so gut nachvollziehen, warum meinen Papa dies frustriert und wütend werden lässt.
Mit dem Lügen hadere ich auch, weil ich mich damit irgendwie über ihn stelle und das doch eigentlich nicht tun möchte. Ich möchte ihn normal behandeln und dass er weiterhin der Vater ist, den ich kenne und mit dem ich auf Augenhöhe bin. Der so reflektiert ist, dass er abwägen und entscheiden und verstehen kann.
Doch diese Demenz bringt es mit sich, dass wir nicht mehr so auf Augenhöhe sind. Dass ich bei manchen Themen mehr verstehe und auch die Verantwortung übernehme.
Ich möchte mit Papa nicht an eine der falschen Bushaltestellen sitzen
Die Frage nach der Lüge ist auch ethische. Auch Menschen mit Demenz möchten und sollten ernst genommen werden. Ich denke an die falschen Bushaltestellen und falschen Zugabteile, die es in einigen Heimen gibt. Sie täuschen eine Realität vor, die keine ist. Sie setzten darauf, ein Bedürfnis zu befrieden – oftmals ist es ja der Wunsch nach Hause zu fahren – ohne es wirklich zu erfüllen. Sie nehmen die Person und ihre Gefühle nicht wirklich ernst. Ob das nun richtig oder falsch ist, ich weiß es nicht und möchte es auch nicht bewerten. Ich weiß allerdings ganz sicher, dass ich mit meinem Papa nicht an einer dieser Bushaltestellen sitzen und ihm erzählen möchte, dass gleich der Bus käme, obwohl ich doch weiß, dass da nie einer abfahren wird.
Ist Lügen also erlaubt? Vermutlich muss jeder dies für sich selbst entscheiden. Und ich glaube, es braucht immer wieder ein Abwägen, in jeder dieser Momente und ein Reflektieren, warum ich lieber die Lüge wähle und was ich damit bewirke (oder was auch nicht). Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich weder bevormunden, noch täuschen, aber in manchen Momenten tue ich es dann doch. Vielleicht ist das so. Ich weiß es nicht.
Wie seht ihr das? Darf man lügen?

Liebe Peggy, jeder Mensch (mit und ohne Demenz) ist verschieden und deshalb gibt es meines Erachtens nicht die EINE Lösung für alle.
Meine Mutti war in ihrer Demenz voller Ängste und Unruhe und deshalb habe ich es als meine Aufgabe gesehen, alles zu tun, damit sie möglichst nicht mit Dingen, Meinungen/Antworten, Situationen konfrontiert wurde, die das noch steigern.
Ich habe immer versucht nah an der Wahrheit zu bleiben. Aber das war nicht immer möglich, weil meine Mutti die Wahrheit kognitiv gar nicht mehr verarbeiten konnte.
Und wenn ich bemerkt habe, dass es ihr mit meinen Lügen besser ging und sie sich entspannen konnte, dann war ich froh.
Mein Gewissen war mein Problem…damit musste ich selbst klarkommen.
Ich wünsche dir, dass du im Umgang mit deinem Vati und euren Themen den für euch richtigen Weg finden kannst.
Alles Gute für euch.
Liebe Grüße Rena
Liebe Rena,
vielen lieben Dank, dass du deine Erfahrungen geteilt hast und eine neue Perspektive zu meinem Text hinzugefügt hast.
Danke dir von Herzen, auch für deine lieben Wünsche.
Beste Grüße, Peggy
liebe Peggy -ich bin mir da auch unsicher – ich habe letzthin meinen Mann auch angelogen als er mich suchte – da nach hatte ich ein schlechtes Gewissen und fragte in meiner Community nach – nein ich hätte ihn nicht anlügen sollen – er erkannte mich nicht – und ich spielte mit- da ich erhoffte das sich dies auflösen würde – obwohl ich Validierte aber offensichtlich zu wenig gut -das Auto konnte mein Mann dass besser abgeben als der Hausarzt ihm erklärte – wenn sie jemals einen Unfall haben -ob Schuldig oder Unschuldig – sie sind immer der Schuldige -somit konnte ich seinen geliebten Jeep verkaufen.
Liebe Lily,
vielen Dank fürs Teilen deiner Erfahrung. Ich glaube, das ist so eines der Themen, die sich in Theorie und Praxis unterscheiden, oder? Im Praktischen, im Alltag, handeln wir oft nicht so bilderbuchhaft. Auch das mit dem Validieren ist ja im Alltag oft gar nicht so einfach.
Gut, dass ihr so eine gute Lösung mit dem Auto gefunden habt. Ich habe das Gefühl, dass es oft leichter fällt, wenn man externe Vertrauenspersonen wie den Hausarzt einbeziehen kann.
Alles Gute für dich und deinen Mann!
Herzliche Grüße, Peggy