Ein Umzug ist immer aufregend, denn damit gehen Abschiede und Veränderungen einher, egal in welchem Alter. Wenn es aber darum geht, für und mit einem Angehörigen mit Demenz einen Umzug zu planen und durchzuführen, dann ist das oft besonders emotional, gerade wenn die Person in ein Pflegeheim umzieht. Mahmoud Abdel-Halim hat ein Umzugsunternehmen und in diesem Gastartikel schreibt er von seinen Erfahrungen: „Wenn niemand rechtzeitig sagt, was bleiben soll, entscheidet am Ende die Frist. Dann geht fast alles in den Container“. Was er Angehörigen rät und wann die Pflegekasse einen Zuschuss zum Umzug zahlt

Ich kann mich so gut an den Umzug meiner Mama ins Pflegeheim erinnern. Es war eine schwere Entscheidung und auch der Tag selbst war so emotional. Aber irgendwie ging auch alles schnell und viel Zeit zum Nachdenken, was in ihr Zimmer mit umziehen sollte, war nicht. Ich fragte viele Angehörige, auch auf dem Blog und über die Community. Die Antworten könnt ihr auf der Liste: 55 Ideen fürs Pflegeheim nachlesen.
Damals konnten wir nur an dieses neue Zimmer denken. Wenn ich darüber nachdenke, wie es nun wäre, falls mein Papa umziehen würde, dann wäre das noch mal eine ganz andere und viel größere Entscheidung. Während ich über all das nachdenke, hat mich Mahmoud Abdel-Halim kontaktiert. Mahmoud hat ein Umzugsunternehmen in Berlin – BerlinUmzugPro – und meinte, er würde gerne einen Gastartikel schreiben, um seine Erfahrungen mit Seniorenumzügen und Haushaltsauflösungen zu teilen. Passt perfekt, dachte ich. Und hier lest ihr nun, was er beobachtet und welche Tipps er Angehörigen gibt.

Gastbeitrag von Mahmoud: „Umzug: Wenn aus einer Wohnung ein Zimmer wird“
Wenn ich klingele, ist alles längst entschieden. Der Platz ist zugesagt, ein Zimmer ist frei geworden, ein Datum steht fest. Von dieser ganzen Geschichte sehe ich immer nur einen einzigen Tag, den letzten. Aber an diesem Tag wird sichtbar, was in den Wochen davor in einer Familie besprochen wurde. Und was nicht.
Ich habe ein Umzugsunternehmen in Berlin. Ein Teil meiner Arbeit sind Seniorenumzüge und Haushaltsauflösungen. Es geht um Wohnungen, die aufgelöst werden, weil jemand dort nicht mehr allein leben kann. Es ist der Teil meiner Arbeit, über den ich am längsten nachdenke.
Viele stehen vor Fragen, auf die sie nicht vorbereitet sind
Aus einer Wohnung wird ein Zimmer. Der Satz klingt banal, er beschreibt aber das ganze Problem. In das neue Zimmer passen ein Bett, ein Schrank, ein Sessel, ein kleiner Tisch, ein paar Bilder. Mehr nicht. Alles andere bleibt zurück: die Küche, in der vierzig Jahre lang gekocht wurde. Der Schrank mit dem guten Geschirr, das nur an Feiertagen benutzt wurde. Die Werkzeugkiste im Keller. Die Bücher. Damit stehen viele Familien vor Fragen, auf die niemand vorbereitet ist: Was kommt mit? Und was passiert mit dem Rest?
Beantwortet wird diese Frage fast nie in Ruhe. Die Wohnung ist gekündigt, die Frist läuft, am Monatsende muss sie leer und besenrein übergeben werden. Entscheidungen, für die man Monate bräuchte, fallen deshalb an einem Wochenende. Nicht, weil die Familie es eilig hätte. Ein Mietvertrag nimmt auf Trauer keine Rücksicht.
Ob die Person beim Umzug dabei ist, verändert alles
Es gibt bei diesen Umzügen zwei sehr verschiedene Tage. Beim ersten ist die Person noch in der Wohnung. Dann geht der Tag langsamer. Es wird gefragt, es wird verhandelt, manchmal wird eine Entscheidung wieder umgeworfen, die vorher feststand. Das kostet Zeit und ist anstrengend für alle Beteiligten, doch es passiert etwas und der Mensch, um dessen Wohnung es geht, ist beteiligt.
Beim zweiten wohnt die Person bereits im Heim, und die Angehörigen räumen allein. Dieser Tag ist ruhiger und geht schneller. Er hat aber eine andere Stimmung. Die Angehörigen sprechen leiser. Sie halten Gegenstände länger in der Hand als sie eigentlich müssten.
Ich glaube nicht, dass es auf die Frage, welcher der beiden Tage der bessere ist, eine allgemeine Antwort gibt. Bei fortgeschrittener Demenz kann eine leere Wohnung mehr Angst auslösen als Abschied ermöglichen. Aber ich habe den Eindruck, dass die Familien, bei denen die Person noch einmal dabei war — und sei es nur für eine Stunde, und sei es nur, um zu sagen, welcher Sessel mitkommt —, den Tag anders in Erinnerung behalten. Nicht leichter. Aber weniger als etwas, das hinter jemandes Rücken passiert ist.
Wenn niemand sagt, was bleiben soll
Darf man das alles für einen Angehörigen bestimmen? Diese Frage steht in fast jeder dieser Wohnungen im Raum, meistens ohne dass jemand sie ausspricht.
Ich kann sie nicht beantworten. Was ich aber sehe: Sie nicht zu entscheiden, ist auch eine Entscheidung und meistens die schlechtere. Wenn niemand rechtzeitig sagt, was bleiben soll, entscheidet am Ende die Frist. Dann geht fast alles in den Container, weil keine Zeit mehr ist, es anders zu machen.
Drei Dinge helfen dabei mehr, als man denkt.
Erstens: zuerst entscheiden, was mitkommt und nicht, was weggeht. Das ist dieselbe Wohnung, aber eine völlig andere Frage. Die erste ist zu beantworten, die zweite überfordert.
Zweitens: die Wohnung fotografieren, bevor sie ausgeräumt wird. Jedes Zimmer, so wie es ist. Das dauert zehn Minuten und ist später oft mehr wert als drei Kisten, die im Keller stehen bleiben.
Drittens: eine Kiste. Nicht einen Lagerraum. Aus schlechtem Gewissen wird oft ein Lagerraum gemietet, der fünf Jahre später noch bezahlt und nie geöffnet wird. Der Lagerraum ist selten eine Lösung. Meistens ist er eine aufgeschobene Entscheidung, die Miete kostet.
Wohin die Dinge tatsächlich gehen
Für den Rest gibt es im Wesentlichen vier Wege: an Angehörige, in die Spende, in den Verkauf, in die Entsorgung. Über den Verkauf möchte ich etwas Unbequemes sagen: Er bringt fast nie das ein, was Familien erwarten. Für Eichenschränke, Sammeltassen und Wohnzimmerwände aus den 1970er Jahren gibt es kaum noch einen Markt, und die Wochen, die eine Familie mit Kleinanzeigen verbringt, kosten meist mehr als am Ende hereinkommt.
Sozialkaufhäuser und Möbelbörsen nehmen dagegen vieles an und holen es teilweise selbst ab. Für die meisten Familien ist das der bessere Weg, und zwar nicht nur finanziell. Es macht einen Unterschied, ob die Sachen weiterbenutzt werden oder ob sie im Container landen. Für die Angehörigen ist das manchmal der entscheidende Unterschied.
Zuschuss zum Umgzug? Das Geld, über das zu spät gesprochen wird
Ein Punkt, den viele Angehörige nicht kennen: Die Pflegekasse bezuschusst Umzüge, unter bestimmten Bedingungen. Es gibt für „Maßnahmen zur Verbesserung des individuellen Wohnumfelds“ bis zu 4.180 Euro, und zwar schon ab Pflegegrad 1 (laut § 40 Absatz 4 SGB XI). Ein Umzug kann eine solche Maßnahme sein: in eine barrierearme Wohnung, vom vierten Stock ins Erdgeschoss, näher zu den Kindern, ins betreute Wohnen. Erkundigen Sie sich unbedingt vorab und beantragen den Zuschuss vor dem Umzug. Dazu brauchen Sie einen Kostenvoranschlag. Dieser sollte aufgeschlüsselt sein, nicht pauschal. „Umzug komplett 1.800 Euro“ wird regelmäßig zurückgewiesen. Was funktioniert, ist eine Aufstellung der einzelnen Positionen — Transport, Trägerstunden, Umzugskartons, Möbelmontage, Halteverbotszone — jeweils mit Nettobetrag, Mehrwertsteuer und Gesamtsumme.
Hilfreich ist außerdem, wenn erkennbar ist, wozu eine Position dient: also nicht nur „Möbelmontage“, sondern „Ab- und Aufbau des Pflegebetts“. Die Pflegekasse muss den Zusammenhang zur Pflegesituation sehen können, ohne nachfragen zu müssen. Solche Kostenvoranschläge schreibe ich regelmäßig, und die meisten Ablehnungen, von denen ich höre, scheitern genau an dieser Stelle.
Aus der Praxis würde ich raten, den Antrag sechs bis acht Wochen vor dem Wunschtermin zu stellen. Die Entscheidung dauert erfahrungsgemäß vier bis sechs Wochen, und dazwischen kommen häufig noch Rückfragen.
Der Umzug in ein Pflegeheim gehört ausdrücklich nicht dazu. Ein Heim gilt nicht als eigene Wohnung im Sinne dieser Vorschrift. Das ist bitter, aber es ist auch die eigentliche Information: Das Geld steht für den Umzug bereit, der den Heimplatz hinauszögern oder vermeiden kann, nicht für den, der ihn besiegelt. Wer also merkt, dass die Wohnung nicht mehr passt, sollte diesen Zuschuss prüfen, solange die Wohnung noch die Alternative ist.
Was ich Angehörigen rate: Fangt früher an und fragt nach
Eine Wohnung ist an einem Tag leer. Die Entscheidungen, die an diesem Tag getroffen wurden, bleiben viel länger.
Deshalb würde ich Angehörigen vor allem eines raten: Fangen Sie früher an, als es nötig scheint. Nicht, weil dann mehr Zeit zum Packen wäre. Sondern weil dann noch Zeit ist, die Person zu fragen, um die es geht.
