Ich möchte euch einen Roman vorstellen, den ich gerade gelesen habe. In „Wintervorrat“ geht es um eine ganz besondere Reise, die zwei Töchter mit ihrer Mutter unternehmen. Oft habe ich mich wiedererkannt in den Beschreibungen und Aussagen der Töchter. Besonders berührt hat mich, wie die Autorin die Perspektive der an Demenz erkrankten Mutter dargestellt hat. Dieses Buch steckt voller schöner Gedanken und ist tröstlich.

Was ist es für ein Buch?
Ein Roman.
Buchfakten: „Wintervorrat. Über das Vergessen. Und das Vergeben.“ Rote Katze Verlag, 2025, 20 Euro, ISBN 978-3-910563-43-8
Wer hat es geschrieben?
Gerlind Schabert war viele Jahre als Journalistin für verschiedene Rundfunkanstalten in Deutschland tätig. Sie ist Autorin und lebt seit zehn Jahren in Wien, wo sie als Biografin tätig ist und Lebensgeschichten vorm Verblassen bewahrt. Mehr zu ihrer Tätigkeit findet ihr auf ihrer Website biografin.at

Worum geht’s?
In „Wintervorrat“ geht es um eine Familienreise. Inge ist die Mutter von Rina und Saskia. Sie ist an Alzheimer erkrankt und lebt im Pflegeheim und soweit geht es ihr gut. Sie beobachtet gerne die Vögel und Liedtexte begleiten sie im Alltag. Inges Schwester Christine lebt seit Jahrzehnten in England, die beiden haben keinen Kontakt – und nun kündigt sich Christine an. Sie möchte in die Heimat reisen und Inge sehen. Doch sie weiß nicht, dass Inge an Demenz erkrankt ist und ihr selbst ist bei dem Gedanken an die Heimatreise mulmig. Die Schwestern trennten sich nicht im Guten, das wird schnell klar, und die beiden Töchter, die die Mutter betreuen, kennen diese Tante gar nicht. Rina und Saskia planen diese Reise nach Lübeck, in die Heimatstadt der beiden Schwestern.
Zugleich geht es um das Erinnern und Vergessen, das Menschen mit einer Demenz und deren Angehörige ja tagtäglich auf besondere Art und Weise begleitet und auch fordert. Inge lebt oft in ihrer Kindheit und erinnert sich an Erlebnisse. Die Töchter und die Enkelkinder hingegen nimmt sie manchmal nicht mehr richtig wahr – und das ist nun mal schwer.
„Lena muss schlucken. Niemals wird sie sich daran gewöhnen, von ihrer Omi gesiezt zu werden wie jemand Fremdes. So oft hat sie mit ihrer Mutter schon darüber gesprocheh und vom Kopf her ist ihr auch längst klar, warum das passiert. Aber das Herz ist eben das Herz.“
Und so reisen die beiden Schwestern mit Inge nach Lübeck und treffen dort auf Christine, die Inge plötzlich wieder Tienke nennt, so wie damals in der Kindheit. Die Reise verläuft turbulent und sie bringt ein Familiengeheimnis zu Tage, aber an dieser Stelle möchte ich nicht mehr verraten…
Lernfaktor?
Gerlind Schabert schreibt über die Begleitung eines Angehörigen mit Demenz. Sie selber kennt dies aus eigener Erfahrung, da ihre Mutter ebenfalls an Alzheimer erkrankt war. Zusammen mit ihren drei Geschwistern kümmerte sie sich um die Mutter. Dieses Buch ist jedoch kein Erfahrungsbericht, sondern ein Roman. Die Figuren sind fiktiv, aber sie wirken sehr real. Ich jedenfalls habe mich häufig wiedererkannt in den Schwestern, die auf unterschiedliche Art mit der Demenz und Pflegesituation umgehen.
Es sind nicht nur die Schwestern, sondern die ganze Familie ist betroffen von Inges Demenzerkrankung. Das wird an den Beschreibungen klar. Auch die Enkeltochter Lena beispielsweise, die die Oma gerne besucht, aber doch auch immer innehalten muss, wenn die Oma sie siezt oder nicht erkennt. Wer einen Angehörigen mit Demenz begleitet, erlebt diese merkwürdige Gleichzeitigkeit der Gefühle: einerseits Freude und Nähe, andererseits Trauer und Distanz. Das ist schon sehr besonders und da gibt es ja nicht wirklich eine Lösung. Es ist wie es ist und ich finde, was dabei am meisten hilft, zu spüren, dass man nicht alleine damit ist.
Dieser Roman steckt voll tröstlicher Sätze und guter Gedanken, die ich gerne mit in meinen Alltag nehme. Ich habe mir ein Herz daneben gemalt, um sie nicht zu vergessen. Da ist zum Beispiel der Satz: „Schießlich kommt es doch weniger darauf an, wie Dinge sind, als wie man sie sieht.“
Oder der Satz, der im Gespräch fällt: „Und was du als Belastung fühlst: Dass du dir Gedanken machst, das ist doch schließlich die Liebe, nichts anderes.“
Solche Sätze fallen auch in Ratgebern zur Selbstfürsorge, aber in eine Geschichte verwoben, fällt es mir viel leichter, sie anzunehmen. Vielleicht auch, weil durch ich mich durch die Protagonistinnen sehr verbunden fühle.
Und doch bei all der Schwere – wegen des Demenz-Themas und des Familiengeheimnisses, das die beiden Schwestern entzweite – bringt „Wintervorrat“ etwas Leichtes und Fröhliches mit sich. Denn da ist Inge, die immer wieder in Kindheitserinnerungen schwelgt und sehr genau beobachtet, was in ihrer direkten Umgebung passiert. Diese kleinen Details, auf die wir im Alltag viel zu selten achten, weil das meiste schnell erledigt werden muss. Aber Inge sitzt beispielsweise im Garten und beobachtet eine Meise. Gerlind Schabert beschreibt dies mit so zärtlichen Worten, dass ich das Gefühl habe neben Inge zu sitzen und dem Vögelchen nachzuschuen. Es entschleunigt wunderbar und ist so wunderbar tröstlich. Dazwischen immer wieder Liedchen aus Inges Kindheit, ohne Kitsch und Pathos, aber mit viel Liebe.
Extras
Hier findet ihr eine Leseprobe von „Wintervorrat“.
Mein Lieblinglingssatz
„Nur wer bereit ist, Veränderungen zu umarmen, wird schöne Ferien haben.“
Mein Fazit
Ich habe „Wintervorrat“ sehr gerne gelesen und mich besonders gefreut, dass ich mein Lieblingskinderbuch „Frederick“ darin entdeckt habe. Die kleine Maus Frederick sammelt statt Körnern lieber Sonnenstrahlen und Farben. Bei seiner Familie kommt das nicht gut an, bis sie im Winter spüren, wie schön es ist, dass Frederick die gesammelten Farben mit ihnen teilt und sie so durch die kalte, trübe Zeit kommen. So wie Frederich für die Mäuse, so sind die Enkelkinder für Inge da und beschließen ihr Sonne und Wärme zu geben.
Dies ist nur ein versöhnlicher Moment. In dem Buch stecken noch mehr. Gerlind Schabert nimmt mit „Wintervorrat“ an die Hand, wie eine gute Freundin, und zeigt, dass Verzeihen und Vergeben möglich sind und dass diese Begleitung eines Angehörigen mit Demenz sehr viel Lernen erfordert. Manches machen wir gut, manches nicht so, wichtig ist dabei immer aufeinander zu schauen.
Einen Satz habe ich mir markiert und möchte ihn noch mit euch teilen: „Nach vorne sehen ist einfach das Beste. Nach hinten raus kann man ja nichts mehr ändern.“
