In ihrem neuen Kinderbuch schreibt Ulrike Blatter eine märchenhafte Geschichte über Demenz. „Kannst du mir sagen, wie ich heiße?“ berührt und bringt schon kleinen Kindern das Thema Demenz nahe. „Kleine Kinder interessieren sich weniger dafür, was im Gehirn passiert, sondern eher für die Gefühle, die entstehen und was man miteinander machen kann“, sagt Ulrike. Im Interview erzählte sie, warum es so wichtig ist, dass Erwachsene mit Kindern über Gefühle sprechen, wie sie gut mit dem Thema Demenz umgehen und weshalb die magische Welt eine Ressource ist.

Bild: Uli Zeller
Immer wieder stelle ich auf dem Blog Bücher rund um Demenz vor und gerne auch Kinderbücher. Nun möchte ich das neue Kinderbuch von Ulrike Blatter vorstellen. Ulrike Blatter ist Ärztin und Autorin. Sie hat viele Jahre in der Sozialpsychiatrie gearbeitet und als Gutachterin im Schwerbehindertenrecht. Ulrike schreibt Romane und Kinderbücher (mehr über Ulrike und ihre Bücher).
Ulrike und mich eint eine ähnliche Erfahrung. Ein Elternteil an Alzheimer erkrankt, jahrelang begleitet – und dann entwickelt das andere Elternteil auch immer stärkere kognitive Defizite. Das Thema Demenz lässt uns also nicht los, begleitet uns, mit seinen Herausforderungen. Der Satz „Es ist schwierig“ fiel in unserem Gespräch häufig – und ich glaube, deshalb ist es uns beiden so ein Anliegen, auch die hoffnungsvollen Momente zu zeigen und Mut zu machen, und zwar von Anfang an. Auch das Thema Kinder und Demenz beschäftigt uns beide.
Interview mit Ulrike Blatter über „Weißt du, wie ich heiße?“
Wie kamst du dazu, ein Kinderbuch zum Thema Demenz zu schreiben?
Als Autorin habe ich schon einige Kinderbücher geschrieben und mich ein bisschen darauf spezialisiert, für Vorschul- und Grundschulkinder zu schwierigen Themen zu schreiben. Ich habe bereits ein Buch über Obdachlosigkeit geschrieben und eines übers Schulschwierigkeiten. Diese Bücher sind alle durch Gespräche mit Kindern entstanden.
Und das Demenz-Buch auch?
Dieses Buch lag sehr lange in meiner Schublade. Es ist tatsächlich aus eigener Erfahrung entstanden. Meine Tochter war damals fünf Jahre alt, da hatten wir eine Omi mit Demenz in der Nachbarschaft. Meine Tochter wollte sie mit einem Freund „retten“. Die Frau war in ihrem Haus und schrie um Hilfe. Meine Tochter und ihr Freund schleppten einen Stuhl vor das Küchenfester des Hauses, um sie zu retten. So kam das Thema Demenz erstmals in unsere Familie. Dann lag das Manuskript lange in der Schublade. Als mein Vater nach seiner Demenzerkrankung gestorben war, konnte ich lange nicht schreiben. Ich holte das Buch dann wieder hervor und fing an, weiter daran zu arbeiten. Es ist wie all meine Kinderbücher eine märchenhafte Geschichte.
Was meinst du damit?
„Kannst du mir sagen, wie ich heiße?“ widmet sich dem Thema Demenz, aber es geht nicht um reine Wissensvermittlung. Ich erzähle eine Geschichte, bei der manchmal nicht ganz klar ist, was real ist. Es ist die Geschichte einer kleinen alten Frau, die im Park verlorengeht und sich nicht mehr an ihren Namen erinnern kann. Zwei Kinder treffen sie und helfen ihr bei der Suche nach ihrem Namen mit allerlei fantasievollen Vorschlägen. Dabei erzählt die alte Dame von zurückliegenden Ereignissen und Menschen. Sie begeben sich gemeinsam ins magische Denken.

Warum hast du diesen Ansatz gewählt?
Bis zum Grundschulalter leben Kinder mit diesem magischen Denken. Sie erleben ihre Umwelt als verzaubert. Dinge haben Gefühle, Wolken weinen oder die Sonne lacht. Oft wird ein unsichtbarer Freund zum Begleiter. Kinder verarbeiten auf diese Weise ihre Emotionen und entwickeln soziale Kompetenzen. Wir Erwachsene sind immer schnell bei der Sachebene und fangen an, Wissen zu vermitteln. Kleine Kinder interessieren sich aber weniger dafür, was im Gehirn passiert, sondern eher für die Gefühle, die entstehen und was man miteinander machen kann. Mit einer märchenhaften Geschichte bleibt man etwas unverbindlicher. Das hat den Vorteil, dass dies keine Angst auslöst, und das Kind kann je nach Alter und Interesse soweit einsteigen, wie es dies selber möchte. Das Buch soll als Türöffner dienen.
Was meinst du damit?
Ich möchte Kindern dabei helfen, die Welt zu verstehen. Zu dieser Welt gehören auch schwere oder traurige Themen. Mein Kinderbuch ist so gedacht, dass man es gemeinsam liest und das wie ein Türöffner für ein Gespräch ist. Das Lesen kann Kindern helfen, ihre Gefühle zu formulieren und etwa auszudrücken, dass sie traurig sind.
Meine Tochter hat nach dem Lesen gesagt, dass sie traurig ist. Eigentlich will man als Eltern so etwas ja vermeiden. Aber warum ist es wichtig?
Wenn bei einem Familienmitglied die Diagnose Demenz gestellt wird, fahren die Gefühle Achterbahn. Die Erwachsenen sind oft sehr mit sich beschäftigt, mit der Organisation des Alltags und der eigenen emotionalen Bewältigung. Auch Kinder spüren, dass sich etwas Grundlegendes verändert hat. Aber dies zu benennen, fällt ihnen schwer. Oder sie schlucken die eigenen Fragen oder Gefühle runter, um nicht zu belasten. Aber es ist wichtig, ihre Fragen ernst zu nehmen und darauf einzugehen und das geht am besten über die emotionale Ebene.
Du gibst ja auch Lesungen. Wie kommen deine Bücher bei Kindern an?
Ich erlebe immer wieder, wie gut die Bücher als Türöffner funktionieren. Die Kinder sind während der Lesung ganz still. Und danach kommen ihre Fragen. Sie sind oft erfrischend konkret und meist auf den normalen Alltag bezogen. Ihr Zugang zu vielen Themen ist ein emotionaler. Eltern sollten dies als Ressource begreifen und wertschätzen.
Sind Kinder gar Vorbilder, wenn es um das Thema Demenz geht?
Was Kinder oft viel besser hinbekommen als Erwachsene: Sich darauf einlassen. Das habe ich damals schon an meiner Tochter bemerkt. Sie saß damals neben dieser dementen Omi. Die beiden saßen einfach da und haben miteinander in ihrer eigenen Sprache gequatscht, ein wenig Italienisch und Slowenisch und Deutsch. Sie haben sich weggeschmissen vor Lachen und fanden das witzig.
Dein Vater hatte ja auch Demenz. Was hast du im Miteinander als wichtig erlebt?
Sich auf Augenhöhe zu begeben. Durch meinen Vater habe ich den Begriff Lebensqualität völlig neu für mich definiert. Die Krankheit hat viele Einschränkungen gebracht und doch hat er viel Lebensfreude ausgestrahlt. Er hatte Freude an Musik und wir haben viel gesungen. Einen Vogel zu beobachten, die Wolken wie sie ziehen oder den Wind im Gesicht, das waren kleine Glücksmomente. Mein Vater hat mir in den letzten Wochen seines Lebens oft kleine Vögel gezeigt, die er gesehen hat. Jetzt kann man sagen, das waren Halluzinationen oder eine Sehstörung. Aber ihn hat es jedes Mal sehr glücklich gemacht, wenn er einen Vogel gesehen hat. Wir haben viel zu oft das Gefühl, wir müssten die Krankheit analysieren und verstehen. Aber es gibt noch eine andere Ebene als die rationale. Ich bin mit ihm in seine magische Welt abgetaucht – und das hat uns allen gut getan.
Für wen hast du das Buch geschrieben?
Ich habe es für Familien geschrieben, in denen das Thema Demenz aufkommt. Aber ich sehe es auch als größeres Thema. Es geht auch um das Altsein und die Herausforderungen, die dies mit sich bringen kann. Ich denke, dass eine immer größere Gruppe an Kindern damit konfrontiert sein wird, schon allein aufgrund des demographischen Wandels.
Der letzte Teil des Buches richtet sich an Eltern. Worum geht es da?
Das ist ein Wissensteil, weil ich die Eltern mit den Fragen und Gefühlen, die beim Lesen unweigerlich aufkommen, nicht im Regen stehen lassen will. Ich gebe ganz konkrete Anregungen für Gespräche, sodass Kinder beispielsweise erfahren, dass es verschiedene Arten von Erinnerungen gibt und warum Menschen mit Demenz sich an Ereignisse aus der Kindheit so gut erinnern können. Dazu gibt es jeweils einen ganz konkreten Praxistipp, was Kinder mit den Großeltern machen können, etwa gemeinsam ein Lied singen oder ein Erinnerungsalbum anlegen.
Mit all deiner heutigen Erfahrung als pflegende Tochter: Was hättest du gerne früher gewusst?
In der Demenz gibt es so etwas wie eine Chance. Das mag sich komisch anhören, aber das habe ich durchaus als Geschenk empfunden. Es gibt ja Probleme und Konflikte im Miteinander, aber die Demenz lässt dies vergessen und am nächsten Tag kann man noch mal neu anfangen. Mein Vater hatte manchmal richtig schlechte Tage und dann hat er furchtbar geschimpft. Ich wusste, er meint es nicht so, er ist gestresst und unzufrieden, aber schwer war es dennoch. Ich habe mich unter Druck gefühlt und wusste nicht, wie ich weitermachen sollte. Am nächsten Tag strahlte er mich an und lachte. Man fängt immer wieder von Neuem an. Ich habe immer versucht, mich so gut wie möglich auf seine Welt einzulassen und mit ihm eine Verbindung herzustellen. Die Frage, ob etwas wirklich ist oder stimmt, lohnt oft nicht. Es geht darum, schöne Momente zu erleben und da bringt das Korrigieren nichts. Meine Mutter hat lange versucht, meinen Vater zu erziehen. Aber das bringt ja keinen Erfolg. Solange es niemandem schadet, ist es die beste Strategie, sich auf die Welt der Person einzulassen und so eine Verbindung herzustellen.
Das ist ein Lernprozess, oder?
Ja, das ist ein Lernprozess. Man muss auch lernen, loszulassen und Dinge abzugeben, um diese Ruhe zu haben. Es ist wichtig, dass man auch bewusst etwas Schönes für sich macht und sich um sich selbst kümmert. Das geht auch im Alltag. Für mich war meine Arbeit eine wichtige Ressource. Mir hat auch Bewegung geholfen. Dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren bin. Diese körperliche Aktivität hat viel Stress abgebaut und ich bin viel entspannter zu Hause und bei meinem Vater angekommen.
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