Weihnachten steht vor der Tür und ich merke schon seit den ersten Adventstagen, dass die kommenden Wochen schwierig werden. Das erste Weihnachten ohne Mama, das erste mit Papas Diagnose – beides macht mich traurig. Einer, der sich mit Trauer gut auskennt, ist Hendrik Lind. „Trauer ist da, weil Liebe da ist“, sagt Hendrik, Gründer der Online-Community Trosthelden. Mit ihm habe ich über das Trauern gesprochen, warum es an den Feiertagen oft besonders intensiv ist und was guttun kann. Aktuell gibt es ein neues Projekt: die WeihnachtsHelden.

Irgendwie war das Thema Trauern schon immer Thema auf dem Blog, denn eine Krankheit wie Alzheimer geht mit vielen Abschieden und Trauern einher. Nach Mamas Tod hat es mich sehr beschäftigt (Interview mit Trauerbegleiterin Anja Schmidt-Ott) und auch jetzt kommt das Trauern wieder auf. Es ist das erste Weihnachten ohne Mama, das erste mit der klaren Diagnose von Papa. Irgendwie schwer.
Ich habe mir Rat gesucht und einen gefragt, der sich schon lange mit Trauern beschäftigt: Hendrik Lind. Er hat mit seiner Frau Jennifer die Online-Plattform Trosthelden gegründet. Eine Community, die Trauernde zusammenbringt. Ich habe mit ihm über das Trauern gesprochen, warum Feiertage es schwerer machen können und was helfen kann. Und er berichtet von dem aktuellen Projekt WeihnachtsHelden.
Interview mit Hendrik
Lieber Hendrik, Weihnachten wird ja immer so als wunderschöne Zeit idealisiert. Aber es kann auch traurig machen. Das geht mir gerade so, denn das erste Weihnachten ohne Mama steht an.
Diese Angst, die du beschreibst, kennen viele Trauernde. Vor allem, wenn das erste Jahr ohne einen geliebten Menschen verbracht werden muss. Es ist eine Angst vor einer Trauerwelle und es ist eine Angst vor möglichen Einsamkeitsgefühlen. Vor allem dann, wenn da draußen alle fröhlich und beisammen sind und das Fest der Lichter feiern. Dann wird die eigene Situation doppelt schwer, wo doch ein geliebtes Licht im eigenen Leben für immer erloschen ist.
Du hast ja Trosthelden gegründet, eine Trauer-Community, und nun gibt es zu Weihnachten ein besondere Aktion: WeihnachtsHelden. Was bietet ihr genau an?
Mit unserer Aktion der WeihnachtsHelden bringen wir Menschen an Heiligabend zusammen, die sonst einsam sind. Wir schauen, wer nah beieinander wohnt oder wer ähnliche Schicksalsschläge hat. Und so bringen wir dann Menschen zusammen, die sich an Heiligabend entweder treffen, um den Abend gemeinsam zu verbringen – oder die sich zum Telefonat oder anderem verabreden. So möchten wir Trauernde zusammenbringen, die sich gegenseitig etwas Licht schenken.
Wie kam es dazu? Was sind deine Erfahrungen aus der Community?
Eigentlich fing alles kurz vor der Adventszeit an. Eines unserer Mitglieder der Community äußerte ihre Angst vor der Adventszeit – und vor allem vor Heiligabend. Es sind so viele Kommentare von anderen Mitgliedern gekommen, die die gleichen Sorgen äußerten. Na, und ich matche seit Jahren Trauernde und so lag die Idee auf dem Tisch, dass wir für Heiligabend die digitalen Räume verlassen, um Treffen vor Ort, bei TrostHelden im Wohnzimmer, zu realisieren. Wenn ich aber jetzt einmal Weihnachten außen vor lasse, kann ich von einer wunderbaren gegenseitigen Unterstützung in der TrostHelden-Community berichten.
Wie sieht dies aus?
Ob es ein Einander-Aufbauen ist, Berichte über Dinge oder Tatsachen sind, die einem gut getan haben, Tipps im Umgang mit akuter Trauer oder dem Beschreiben von ganz konkreten, Schicksalsschlag bedingten Gefühlen und Gedanken. Es ist unfassbar viel Mitmenschlichkeit zu sehen.
Wie sind deine eigenen Erfahrungen mit der Trauer an den Feiertagen?
Feiertage oder Jahrestage sind immer eine ganz besondere Herausforderung. Wir empfehlen, diese Tage besonders gut durchzuplanen: von frühmorgens bis abends. So hat man ein Sicherheitsseil, an dem man sich entlangziehen kann. Es kann durchaus auch eine Zeit eingeplant sein, in der kein Programmpunkt steht, um dort zu sich zu kommen. Um dort ruhig für eine geplante Zeit in die Trauer einzutauchen. Doch vorher und nachher gibt es Programmpunkte wie Spaziergänge, ein Kaffee mit einer Freundin, Sport…
Warum ist der Heiligabend für viele Trauernde eine Herausforderung?
Alle um einen herum sind fröhlich. Die meisten treffen ihre Familien. Es ist das Fest der Lichter. Und ein besonders wichtiges Licht im eigenen Leben ist erloschen. Diese Tatsache wird an Weihnachten besonders schwer. Die Trauer wird akut und sehr viele Menschen sind an diesem Abend sehr einsam.
Wie kann die Community helfen? Was erwartet Menschen bei den Weihnachtshelden?
Mit unserer WeihanchtsHelden-Aktion bringen wir ja Menschen zusammen, die räumlich nah beieinander wohnen. Insgesamt liegt mir seit vielen Jahren besonders am Herzen, Menschen mit gleicher Trauersprache zusammen zu bringen. Die eigene Trauer ist so sehr individuell, dass zum Beispiel bei einem anderen trauernden Menschen mit einem anderen Schicksalsschlag völlig andere Themen auf Kopf- und Herzebene stattfinden. Diese beiden Menschen können sich gegenseitig nicht so sehr (oder gar nicht) weiterhelfen wie Menschen mit gleichen Themenwelten. Ebenso verhält es sich mit Menschen in unterschiedlichen Lebensumständen
Was meinst du damit? Kannst du da ein Beispiel geben?
Eine trauernde Witwe, die Kinder hat, lebt in einer völlig anderen Gefühlswelt als die trauernde Witwe ohne Kinder. So gibt es unzählige Unterschiede in den drei Bereichen Schicksalsschlag, Umgang mit Trauer (Charaktereigenschaften bzw. Typ Mensch) und sonstige Lebensumstände, die verschiedene Trauersprachen hervorbringen. Wie gesagt: Trauer ist so individuell wie wir selbst. Doch es ist wichtig, den Menschen zu finden, der unsere Sprache spricht. Der Aspekt, an Heiligabend Menschen mit gleicher Trauersprache zusammenzubringen, ist neben den räumlich nahen Treffen natürlich weiterhin ein Herzensanliegen.
Wer kann sich melden und wie kann man sich vernetzen?
Bei der Weihnachtshelden-Aktion kann sich jeder anmelden, der in unserer kostenlosen Community dabei ist. In die Community geht es über www.trosthelden.de. Eine zusätzliche Anmeldung für die Weihnachtshelden geht dann über die Weihnachtshelden.
Beim Trauern wird ja oft von Trauerarbeit gesprochen. Das klingt so, als müsste ich die Trauer bearbeiten und dann wäre sie verschwunden. Nun ist meine Mama fast schon ein Jahr nicht mehr da und ich bin manchmal immer noch sehr traurig. Ist das normal?
„Trauerarbeit“ ist ein Wort, dass mir zwar nicht gut gefällt, aber es ist tatsächlich sehr anstrengend. Und irgendwie Arbeit. Kümmern wir uns nicht um unsere Trauer, wird sie uns das Leben schwerer machen, als es sowieso schon durch die Trauersituation ist. Nehmen wir sie an und vielleicht sogar hier und da mal in den Arm, wird sie uns auf vielen Ebenen voran bringen. Sehr viele Trauernde berichten im „Rückblick“ , dass sie sich beschenkt fühlen. Alle Beschreibungen der Geschenke gehen in Richtung Persönlichkeitswachstum, mehr Selbstwert und mehr Selbstliebe. Doch einen Zahn können wir hier gleich ziehen: Die Trauer wird nicht verschwinden. Sie wird sich aber wandeln. Und sie verschwindet aus einem Grunde nicht: Trauer ist da, weil Liebe da ist.
Nach dem Tod eines Menschen, gerade auch, wenn die Person eine Krankheit hatte wie Demenz wird vom Umfeld oft gesagt, dass es eine Erlösung gewesen sei. Ich habe das nicht so empfunden, konnte und wollte mich auch nicht erklären. Warum fällt es Menschen oft so schwer, mit der Trauer umzugehen?
Hier sprichst Du mein Herzensthema an! Oben habe ich es schon erwähnt: Trauernde sprechen mit dem Schicksalsschlag von jetzt auf gleich eine sehr individuelle Trauersprache. Das eigene Umfeld kann diese Sprache nicht sprechen und auch nicht verstehen. Selber bin ich Verfechter dafür, dass Freunde keine Trauerbegleiter-Aufgaben haben. Das können sie nicht! Doch sie haben andere wichtige Aufgaben (Hilfe im Alltag, Hilfe mit Orga-Dingen, Dasein und zuhören ohne Ratschlägen und ohne Lösungsvorschlägen etc.). Aber einmal von Anfang an: Wir haben es alle nicht gelernt, mit eigener und fremder Trauer umzugehen.
Und wenn wir dann auf fremde Trauer treffen?
Dann sind wir ohnmächtig. Wir wollen helfen, wissen aber nicht wie. Nach zwei, drei Mal der Ohnmachtssituation schleicht sich das schlechte Gewissen dazu („Was bin ich für ein mieser bester Freund.“). Die Kombination aus Ohnmacht und schlechtem Gewissen ist eine große Gefahr für unser Unterbewusstsein. Unser Selbst muss sich schützen und sieht zu, dass es sich der Situation nicht mehr aussetzt! Beste Freundschaften gehen zu Bruch. Wenn wir aber wissen, dass es Trauersprachen gibt, so sind wir zwar noch ohnmächtig. Aber die Ohnmacht hat eine Erklärung! Es gibt keinen Grund mehr für die Existenz von schlechtem Gewissen. Unser Selbst muss nicht in den Fluchtmodus wissen. In dieser Situation wissen wir, dass wir nichts wissen. Wir müssen keine Lösungen präsentieren. Was für eine Erleichterung! Oder?!! Jetzt können wir dem trauernden Menschen begegnen. Mit Ruhe, mit Zeit, mit Ohr. Das ist alles, was es braucht, um einem trauernden Menschen das zu geben, was er oder sie braucht.
Ihr habt ja auch das Trauersprachen-Modell entwickelt. Was steckt dahinter?
Seit Jahrzehnten haben Trauernde zwei elementare Bedürfnisse, die nicht befriedigt werden und damit einem guten Umgang mit der Trauer im Weg stehen. Das muss man sich mal vorstellen! Wir haben so viel Angst vor Trauer, dass wir als Gesellschaft uns nicht daran gemacht haben, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Es geht um diese zwei, elementaren Dinge: Erstens: Mein Umfeld versteht mich nicht und kann mir das nicht geben, was ich brauche. Zweitens: Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Wenn zwei Menschen mit gleicher Trauersprache zusammenkommen, ist unbedingtes Verständnis da. Meist reicht ein Blick und es ist gegenseitig klar, was in einer Situation nötig ist. Damit ist Bedürfnis Nr. 1 befriedigt. Finden Trauernde im Gegenüber unbedingtes Verständnis, wirkt das wie ein Spiegel, um sich – in Trauer – neu zu erkennen. Bedürfnis Nr.2 ist ebenfalls befriedigt.
Bei Trosthelden trifft man ja auf eigentlich Fremde. Was sind deine Erfahrungen aus der Community: Wie entwickeln sich die Trauerfreund-Bekanntschaften?
Tatsächlich entwickeln sich sehr intensive Freundschaften. Dabei haben wir aber bisher beides beobachtet: Trauerfreundschaften, die für die akute Zeit der Trauer anhalten und Trauerfreundschaften, die über die Zeit andauern.
Die Trosthelden gibt es ja nun schon eine Weile. Gibt es etwas, das dich überrascht hat?
Am Anfang von TrostHelden haben uns viele mit einer Singlebörse für Trauernde verwechselt. Doch unsere Absicht ist es nicht, romantische Beziehungsabsichten zu erfüllen. TrostHelden bringt Menschen mit gleicher Trauersprache zusammen. Doch es haben sich tatsächlich schon Liebespaare bei uns gebildet! Ich weiß bisher von dreien. Wir bekommen immer mal wieder Nachrichten oder auch Fotos auf dem gemeinsamen Urlaub zugeschickt. Selbst jetzt, wo ich es Dir schreibe, zaubert es mir wieder ein Lächeln ins Gesicht
Es gibt immer mal wieder Momente, in denen die Trauer intensiv ist. Hast du einen Rat, den du den Lesenden meines Blogs für solche Situationen geben kannst, damit die Gefühle nicht überwältigen und man gut dadurch kommt?
Trauer hat ihre Berechtigung. Sie ist da, weil Liebe da ist. Sich abzulenken funktioniert für kurze Zeit. Am Ende will die Trauer aber gesehen und angenommen werden. Wenn wir wissen, dass sie nur existiert, weil die Liebe zu unserer verstorbenen nach wie vor Person da ist, ist sie ein wenig erträglicher. Wir alle kennen den Ausspruch „Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Das ist in Trauer besonders wahr. Trauer verändert uns, wir müssen uns neu kennenlernen. Mit einem Menschen, der im selben Boot sitzt, geht das Sich-Kennenlernen besonders gut.

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