Was die Kinder fragen

Vom Vergessen und Erinnern: „Selbstvergessen“

Was bleibt, wenn die Erinnerungen gehen? Um diese Frage dreht es sich in dem Theaterstück „Selbstvergessen“, eine Inszenierung am Deutschen Theater Berlin. Sechs Jugendliche setzen sich mit der Demenz ihrer Großeltern auseinander. Sie begeben sich auf die Suche nach den Erinnerungen ihrer Großeltern und stellen sich gleichzeitig den philosophischen Fragen, die eine Demenz oft aufbringt. Meine Töchter und ich waren bei der Uraufführung dabei: Wir haben gelacht und uns erschrocken, waren verwirrt und erfreut. Wer das Stück sehen möchte: es gibt noch weitere Termine für den Live-Stream. Ich empfehle das Stück sehr gerne weiter.

Selbstvergessen_Ensemble des Deutschen Theaters Berlin
Selbstvergessen: vom Anfangen und Aufhören Eine Stückentwicklung von Gernot Grünewald und dem Ensemble (Greta Borg, Nike Strunk, Noa Rosa Nrecaj, Dimitrije Parkitny, Paula Aschmann, Lasse Kühlcke) Bild: Arno Declair

Ich beschäftige mich viel damit, wie Kinder mit dem Thema Demenz umgehen. Das hat zum einen persönliche Gründe. Ich erlebe, welche Fragen meine Töchter haben in Bezug auf die Alzheimer-Erkrankung meiner Mama. Ich schaue mit ihnen Bilderbücher an und lese Kinderromane, die Kinderbücher stelle ich euch regelmäßig auf dem Blog vor. Ab und an mal ist auch ein Film dabei. Ein Theaterstück war bislang nicht dabei. Bis vergangene Woche, als wir trotz Corona – oder vielleicht gerade wegen Corona? – die Inszenierung „Selbstvergessen“ des Deutschen Theaters Berlin gesehen haben.

Worum geht es in „Selbstvergessen“?

Die Protagonisten sind sechs Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren, die eine Oma oder einen Opa mit Demenz haben bzw. hatten. „Selbstvergessen“ ist eine Inszenierung, die auf diesen persönlichen Erfahrungen und Gedanken aufbaut. „Wir haben die Jugendlichen losgeschickt, um Geschichten zu sammeln“, erzählt Gernot Grünewald, der Regisseur des Stücks. Und diese Jugendlichen kamen mit den unterschiedlichsten Geschichten zurück: mal sind sie traurig, mal fröhlich-leicht, mal schockierend und gruselig.

„Ist das überhaupt für Kinder?“, habe ich mich gefragt, als ich es mir mit meinen Töchtern zum Theater-Stream gemütlich gemacht habe. Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher. „Wollt ihr mitschauen?“, habe ich sie gefragt. Meine Kinder beschäftigen sich durch die Alzheimer-Erkrankung meiner Mama unweigerlich mit diesem Thema, manchmal haben sie aber auch einfach keine Lust darauf – und das ist für mich okay.

Aber auf eine Theateraufführung waren sie neugierig. Ich bin froh, dass ich dieses Stück entdeckt habe und ich es mit meiner zwölf- und achtjährigen Tochter gesehen habe.

In „Selbstvergessen“ gibt es zwei Erzählstränge: da sind einerseits die Erinnerungen der Großeltern und andererseits die Jugendlichen, die davon erzählen, wie sie sich das Alter vorstellen.

Von der kleinen heilen Welt zum Leben mit Demenz

Mithilfe von Fotos, Videos und Tonaufnahmen geben die Jugendlichen einen Einblick in die Beziehung zu ihren Großeltern. Da ist Paula, die fröhlich davon berichtet, wie sie als Kind die „besten Ferien“ bei dem „besten Opa“ verbracht hat. Es ist die kleine heile Welt, die auch meine Kinder lange fühlten, bis sie irgendwann merkten, dass meine Mama durch ihre Alzheimer-Erkrankung anders ist. Auch Paula realisiert irgendwann, dass ihr Opa Demenz hat und seine Welt eine andere wird. „Ich bin in dem Moment erwachsen geworden, wo ich gemerkt habe, dass es uns alle betrifft“, erzählt sie.

Sie geht auf ihren Opa zu, wie auch die anderen Jugendlichen. Sie wollen erfahren und wissen, was es heißt Demenz zu haben. Bruchstückhaft zitieren sie Gespräche, durch die klar wird, was Demenz alles sein kann. Meist sind dann keine tiefgründigen und gemeinsame Gespräche mehr möglich, sondern es ist ein Aufkommen kurzer Gedanken oder Erinnerungen. Deutlich wird dies zum Beispiel als Lasse von seiner Oma wissen möchte, wie es ist mit Demenz zu leben. Als Zuschauer habe ich eine Erklärung erwartet, aber Lasses Oma erzählt Gedankenschnipsel aus den Kriegszeiten.

Für meine Tochter war dies verwirrend. „Häh?“, fragte sie irritiert. So wie ich hat sie eine Antwort auf die Frage erwartet – obwohl das doch mit der Demenz irgendwann nicht mehr möglich ist. Und doch: Die Oma konnte nicht erklären, was es bedeutet, mit Demenz zu leben. Aber dieses Nicht-Gespräch hat uns als Zuschauerinnen die Gelegenheit gegeben, eindrücklich zu erleben, was es bedeutet mit Demenz zu leben, und zwar, dass die Oma in einer anderen Welt steckt. Sie lebt mit ihren Gedanken in ihrer Kindheit und diese Erinnerungen kommen hoch.

Verschwinden die Erinnerungen?

Gernot Grünewald sagte über den Ursprung des Stückes: „Mich hat diese philosophische Frage beschäftigt: ‚Was bleibt, wenn alles, was mich ausmacht, gegangen ist?‚“ Aber gehen die Erinnerungen tatsächlich weg? Diese philosophische Frage stelle ich mir auch oft durch die Alzheimer-Erkrankung meiner Mama. Und auch mit meinen Kindern habe ich darüber gesprochen. Meine Mama spricht kaum mehr, aber heißt es, dass sie sich nicht mehr erinnert und sich vergisst oder ist sie nur in einer anderen Welt?

In „Selbstvergessen“ verschmelzen die Erinnerungen der Großeltern oft mit den Jugendlichen, die von ihnen erzählen. Das gelingt durch gezielte Projektionen. Die Jugendlichen spielen das Stück in der Box, einem dunklen Raum. Im Zentrum stehen Glasscheiben, die genutzt werden, um Spiegelungen herzustellen. Manchmal wischen die Jugendichen Staub von den Scheiben oder bemalen darauf projizierte Gesichter. Etwa der Opa von Greta, der deutlich mit der Demenz seiner Frau überfordert war.

Und da ist Noa, die zu der albanischen Musik der Großmutter tanzt und sich in ihrem Bild auflöst. Und während wir dies sahen, hatte ich den für mich oft so heilsamen Gedanken: Die Erinnerungen verschwinden nicht, sondern sie leben weiter, so wie auch ein Mensch mit Demenz sich nicht auflöst, nur weil das Denken verschwindet. Ganz plastisch wird das dadurch, dass die Jugendlichen Masken aufsetzen. Es sind nicht irgendwelche Masken, sondern die Gesichter ihrer Großeltern. Meine Kinder fanden dies sehr gruselig, aber es hilft natürlich, nachzuvollziehen, in welcher Rolle der Schauspielende gerade steckt: in der des Menschen mit Demenz oder in der des Jugendlichen.

Echt und live – was ich mitnehme

Teilweise berichten die Jugendlichen von Dingen, die man nicht hören möchte, dass etwa die Oma im Bett fixiert wurde. Oder sie schimpfen laut und wütend mit den Großeltern. Weil die Oma den Wasserhahn nicht zudreht und eine Überschwemmung droht. Oder weil sie Hunger haben und die Oma nichts kocht. Ganz ehrlich, am liebsten hätte ich diese Szenen übersprungen, um sie meinen Töchtern zu ersparen, aber ich weiß – und auch sie wissen – dass die Welt mit Demenz nicht nur eine heile Welt ist, sondern man als Angehöriger auch oft an seine Grenzen kommt. Und da bin ich Gernot Grünewald schon wieder dankbar dafür, dass er dieses Thema nicht ausgelassen hat, sondern einen Einblick in das echte Leben mit Demenz gegeben hat.

„Selbstvergessen“ ist ein Livestream und war von Probenbeginn als solcher konzipiert. Es gibt nur eine szenische Abfolge, aber keine genauen Textvorgaben. Deshalb ist jede Vorstellung ein wenig anders. „Das fand ich besonders in diesem Kontext von Erinnern und Vergessen. Erinnerungen finden tatsächlich nur in diesem Augenblick statt. Das macht sie einmalig, fragil und kostbar„, sagt der Regisseur. „Die Zuschauer_innen spüren bestenfalls und hoffentlich, dass sie an etwas beteiligt sind, das gerade für sie kreiert wird. Es ist ein Versuch, das, was Theater ausmacht, ins Digitale zu übertragen: das singuläre Miteinandersein im gleichen Augenblick.“

Meine Empfehlung

Wer also Zeit hat, sich die nächste Vorstellung von „Selbstvergessen“ anzuschauen, dem empfehle ich sie wärmstens. Zum einen, weil es Gernot Grünewald gelingt, ein Stück dieser unmittelbaren, direkten Erfahrung zu machen, die man im Theater oft hat. Für mich ist das ein Highlight in meinem eher trüben Corona-Alltag.

Zum anderen gibt dieses Stück die Gelegenheit, sich mit grundsätzlichen Fragen, die durch die Demenz (beziehungsweise das Alter allgemein) aufkommen, zu beschäftigen. „Was ist Vergessen?“ oder „Wie möchte ich im Alter leben?“ „Ich möchte kein Fleisch essen“ oder „Ich möchte die Dinge erst einmal selbst ausprobieren“ oder „Ich möchte ausschlafen“ erzählen die Jugendlichen. Mit meinen Töchtern habe ich darüber gesprochen, wie wir uns das Alter einmal wünschen. Sich darüber auszutauschen und ins Gespräch zu kommen, ist wichtig und gut, wenn man das früh angeht. „Selbstvergessen“ war ein guter Anlass dazu.

Informationen zum Stück:

Nächste Aufführungstermine:

21.4.2021, 19 Uhr. Im Anschluss an den Stream gitbt es ein Nachgespräch mit den Spieler_innen Paula Aschmann, Dimitrije Parkitny, Nike Strunk und Regisseur Gernot Grünewald, moderiert von Dramaturgin Birgit Lengers.

5.5.2021, 19 Uhr

Regie Gernot Grünewald AusstattungMichael Köpke Musik Daniel Sapir Video und Bildregie LivestreamThomas TaubeLicht Heiko Thomas, Peter Grahn Ton und Video szenisch Leopold Stoffels DramaturgieBirgit Lengers Kamera und Videotechnik Lennart Löttker, Jonas Klipp, Nora Josif Head of Stream Peter Stoltz Sendeton Bernd Schindler

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