Was die Kinder fragen

„Mich hat interessiert, was Vergessen heißt“ – Interview mit Regisseur Gernot Grünewald

Ich habe euch von dem Stück „Selbstvergessen“ berichtet, das ich als Live-Stream vom Deutschen Theater Berlin gesehen habe. Mich hat die Inszenierung sehr beschäftigt und auch mit meinen Töchtern habe ich danach länger darüber gesprochen. Ich wollte wissen, wie es zu diesem besonderen Stück gekommen ist und habe mit dem Regisseur Gernot Grünewald ein Interview geführt. Wir haben über Erinnerungen, Vergessen und die besondere Beziehung von Großeltern und Enkeln gesprochen

Gernot Grünewald (Foto: Inke Johannsen)

Herr Grünewald, was war der Ursprung des Stücks „Selbstvergessen“? Warum Demenz als Thema?
Ich kann das gar nicht genau sagen. Selber habe ich keine Demenzerfahrung in dem Sinn, dass ich Verwandten hätte, die daran erkrankt sind. Ich habe 2011 mein Diplom an der Theaterakademie Hamburg gemacht, mit einem Projekt über das Sterben. Das Thema Vergänglichkeit und Tod ist eines, das mich umtreibt. Zu dieser Zeit habe ich eine Zeitungsmeldung gelesen, in der stand, dass Ronald Reagan, als er in einem fortgeschrittenen Demenzstadium war, an einem Modell des Weißen Hauses vorbeigekommen ist und gefragt hat: „Was ist das?“ Das hat mich merkwürdig berührt.

Können Sie das näher erklären?
Wenn jemand viele Jahre seines Lebens eine Position erstrebt und am Ende gar nichts mehr davon weiß, wozu war der ganze Kampf dann gut? Mich hat interessiert, was Vergessen heißt. Und was das im Umkehrschluss für die eigenen Träume und Utopien bedeutet, wenn man damit rechnen muss, alles zu vergessen. Das habe ich lange als Idee mit mir herumgetragen und hatte ursprünglich geplant, Schauspieler auf Demenzstationen zu schicken.

Und dann?
Das hat nie geklappt. Dann ist es ein wenig in Vergessenheit geraten. Ich war im vergangenen Jahr auf der Suche nach einem Projekt für das Junge Deutsche Theater in Berlin und da kam mir der Gedanke, dass es eigentlich viel spannender wäre, das Thema mit Jugendlichen zu bearbeiten, die eine eigene biografische Anbindung haben. Ich wollte mit ihnen dem Thema Erinnerungen nachgehen. Wodurch entstehen sie und was passiert, wenn diese Erinnerungen verschwinden? Was bedeutet das für mein Ich? Diese Frage hat mich angetrieben.

War es schwierig Jugendliche zu finden, die mitmachen möchten? Das ist ja ein sehr persönliches Thema, sich mit der Demenz und den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen.
Das junge Deutsche Theater ist sehr gut vernetzt und beliebt bei Jugendlichen, die Theater spielen möchten. Wir haben einen Aufruf gestartet und es haben sich gut 40 Jugendliche beworben. Ich vermute, dass denen anfangs nicht unbedingt klar war, was wir da genau vorhaben. Normalerweise schlüpft man als Schauspieler ja in eine Rolle und spielt die. In „Selbstvergessen“ stehen aber die Jugendlichen als sie selbst auf der Bühne. Die Gruppe hat haben dafür aber eine große Offenheit gezeigt.

Wie haben Sie dann die Handlung entwickelt?
Ursprünglich hatte ich geplant, dass die Jugendlichen regelmäßig ihre Großeltern besuchen und mit ihnen Interviews führen. Im Nachhinein war das ein absurder Gedanke, denn natürlich leben Großeltern und Enkel häufig nicht an einem Ort. Von den sechs Jugendlichen, die mitspielen, hatte genau einer eine Oma in Berlin. Alle andere waren weiter weg, ein Opa lebte in Wien, eine Oma in Serbien. Ein Opa war schon gestorben. Das sind natürlich auch erzählenswerte Geschichten. Dann kam Corona dazu, was Besuche nochmal erschwert hat.

Und wie ging es dann weiter?
Ich hatte mich vorab intensiv mit dem Thema beschäftigt und eine lange Liste gemacht an Dingen und Aktivitäten, die die Jugendlichen mit ihren Großeltern machen könnten, um über Erinnerungen zu sprechen.

Was denn zum Beispiel?
Fotoalben anschauen, mit Gerüchen arbeiten oder Erinnerungskisten für Ihre Großeltern anfertigen. Durch Corona und die geografische Distanz war das allerdings nur begrenzt möglich. Die Aufgabe an die Jugendlichen war: „Befragt eure Großeltern zu ihrem Leben und falls das nicht möglich ist, zeigt ihnen Gegenstände aus ihrem Leben und schaut, was passiert.“

Was kam dabei heraus?
Die Herangehensweise der Jugendlichen war ganz unterschiedlich. Lasse, dessen Oma in Berlin lebt, hat richtig Interviews geführt. Greta hat ihre Oma extra in Norddeutschland besucht und versucht ein Interview zu führen. Das Ergebnis war erschütternd, weil die Oma im Endstadium ist. Je nach Möglichkeiten haben alle Jugendlichen ihren eigenen Weg gefunden zu recherchieren. Sie haben sich auch Fotoalben angeschaut oder alte Videoaufnahmen und auch die Eltern befragt. Das Wichtige war, dass sie sich mit ihren Großeltern beschäftigt haben und tiefer in das Thema eingestiegen sind. Ich wollte, dass sie sich nicht nur mit dem Krankheitsverlauf, sondern mit dem Leben beschäftigen.

Hat es ihnen geholfen, die Demenz zu verstehen?
Zum Projektstart hatte ich Expertinnen der Alzheimer Gesellschaft eingeladen, die ein wenig Theorie vermittelt haben. Da hat man schon gespürt, dass die Jugendlichen zum Teil wenig bis gar nichts über Demenz wussten. Durch das Wissen haben sie die Demenz ihrer Angehörigen noch mal anders betrachtet und verstanden. Das war sehr verschieden, je nach Alter und Situation der Jugendlichen. Paula, deren Großvater schon gestorben war, war von Anfang an extrem reflektiert. Sie erzählt, dass sie das Gefühl hat, durch die Krankheit erwachsen geworden zu sein und ihre Familie jetzt anders betrachtet.

Gibt es eine Szene, die für Sie verkörpert, was Demenz und Vergessen ausmacht?
Mich selber haben die beiden Tonspuren von Greta sehr berührt, wo sie immer wieder sagt: „Oma, wie heißt du? Wie viele Kinder hast du?“ Und die Oma antwortet nicht mehr oder erfindet Ausflüchte. In diesen Tonspuren spürt man fast körperlich, was es heißt zu vergessen. In einer andere Szene zeigt Paula der Kamera, die sie mit ihrem Großvater besetzt, ein Fotoalbum. Als Zuschauer/in nimmt man quasi den Blick des Opas ein. Man sieht auf die Bilder eines fremden Menschen, so wie sie auch der Opa sie vermutlich wahrgenommen hat. Das hat mich auf erschreckende Weise dahin geführt in Ansätzen zu begreifen, was Vergessen heißt.

Was nehmen Sie persönlich aus dem Projekt mit?
Ich hatte ein distanziertes Verhältnis zu meinen Großeltern, aber durch das Projekt und das Beobachten der liebevollen Beschäftigung der Jugendlichen mit den Großeltern, ist mir klar geworden, wie wichtig Großeltern sind. Was es bedeutet eine Familie zu sein und sich nah zu sein. Eine andere Erkenntnis ist, dass Projekte, die sich mit dem Sterben beschäftigen, mich gelassener dem Tod gegenüberstehen lassen. Es gibt eine Szene, wo Lasse mit seiner Großmutter über das Sterben redet und sie sagt: „Ich hätte jetzt auch schon sterben können. Wäre auch nicht schlimm gewesen, jetzt lebe ich halt noch ein wenig weiter.“ Für die Jugendlichen war es ein besonderer Moment, sich mit dem Tod zu beschäftigen, damit wie es für sie wäre, alt zu sein und Demenz zu haben. Sie haben auch ihre Wünsche für ihr Alter formuliert. „Mit 94 beobachte ich Wasservögel“ oder mit 82 will ich nochmal auf Weltreise gehen“.

Die Großeltern sind für die Kinder wichtig. Die Kinder auch für die Großeltern?
Ja, das hat man schon gespürt. Greta zum Beispiel, die gar nicht so oft hinfahren kann, hat eine große Wärme für ihre Oma, möchte sie begleiten und für sie da sein. Lasse beschreibt einen Rollentausch, dass er jetzt für seine Oma da ist, so wie sie früher für ihn da war und dass er für seine Oma ein wichtiger Bezugspunkt geworden ist. Diese Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln sind wertvoll und da ist ein großes Potenzial, auch mit der Demenz.

Infos zum Stück „Selbstvergessen“

Livestream am 5. Mai 2021 um 19 Uhr. Im Anschluss Nachgespräch. Livestream des Deutschen Theater.

Eine Stückentwicklung des Jungen DT 
Selbstvergessen
Vom Anfangen und Aufhören
Regie: Gernot Grünewald

Mit: Paula Aschmann, Greta Borg, Lasse Kühlcke, Noa Rosa Nrecaj, Dimitrije Parkitny, Nike Strunk 

Stream Tickets: 20€ Supportticket // 10€ Normalpreis // 5€ ermäßigt I // 3€ ermäßigt II

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