Buchtipps

Buchvorstellung: „Was bleibt, wenn alles verschwindet“

Dieses Mal stelle ich euch keinen Ratgeber vor, sondern einen Roman. „Was bleibt, wenn alles verschwindet“ handelt von Susanne und Ruth, die seit mehr als 30 Jahren beste Freundinnen sind. Susanne entwickelt eine Demenz – und das wirbelt Vieles um und bringt Veränderungen mit sich. Denn es kommen auch alte Geheimnisse hoch. Wird die Freundschaft der beiden halten? Ich gebe euch ein paar Einblicke ins Buch und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Cover_Was bleibt, wenn alles verschwindet

In meinen Büchertipps stelle ich Ratgeber rund um Demenz vor, dieses Mal gibt es die Buchvorstellung des Romans „Was bleibt, wenn alles verschwindet“. Die Autorin hatte mich kontaktiert und gefragt, ob ich Lust hätte, das Buch zu lesen. Und das habe ich wirklich sehr gerne getan. Sie hat mir von den Hintergründen und ihren eigenen Erfahrungen berichtet. Hier bekommt ihr einen Einblick in den Roman:

Was ist es für ein Buch?

Ein Roman.

Buchfakten: „Was bleibt, wenn alles verschwindet“, Insel Verlag 2021, 10,95 Euro Website zum Buch

Wer hat es geschrieben?

Die Autorin Hermien Stellmacher

Hermien Stellmacher. Sie ist Autorin und Illustration und hat mehrere Kinder- Jugendbücher und Romane für Erwachsene geschrieben. Mit dem Thema Demenz kennt sie sich auch persönlich aus, denn ihre Mutter hatte Alzheimer. Hier ist ihre Website.

Worum geht’s?

Das Buch handelt von Ruth und Susanne. Sie sind seit über 30 Jahren beste Freundinnen und immer füreinander da. Susanne, die von Ruth liebevoll Zuckerschnute genannt wird, zeigt immer mehr Anzeichen einer Demenz. Sie vergisst etwa, wie man den Fernseher bedient, was ihre Enkelkinder erzählen oder wo sie ihr Auto geparkt hat. Die kleinen Alltagsaufgaben strengen sie immer mehr an und überfordern sie zunehmend. Ruth beobachtet die Veränderungen mit großer Sorge, aber dennoch verspricht sie ihrer Freundin: „Ich werde immer für dich da sein…. Egal, was kommt. Versprochen.“

Susannes Mutter hatte einst Demenz. Als Susanne erste Veränderungen an sich bemerkt, ahnt sie, dass auch sie das gleiche Schicksal erleben könnte wie ihre Mutter. Sie setzt sich jedoch auch aktiv damit auseinander, was das für sie bedeuten kann. Was Ruth nicht weiß: Susannes und ihr Leben sind auf tragische Weise miteinander verwoben. Susanne hat dies über all die Jahre als ihr Geheimnis bewahrt, doch nun beschließt sie, ihre ganze Geschichte aufzuschreiben, auch um Ruth einzuweihen. Aber wie wird sie reagieren? Wird sie weiterhin an ihrer Seite bleiben?

Susanne driftet immer häufiger in die Vergangenheit und ihre eigene Welt ab. Ruth versucht so gut es geht zu helfen, doch kommt an ihre Grenzen. Susannes Sohn Paul hat anfangs ein eher distanziertes Verhältnis zu seiner Mutter und unterschätzt die Situation. Doch als die Krankheit fortschreitet, findet auch Paul wieder zu seiner Mutter. Auch Pauls Kinder spielen eine wichtige Rolle, denn sie sind ein Ankerpunkt für Susanne. Sie nehmen ihre Oma so an, wie sie ist (ganz im Gegenzug zu Susannes Schwiegertochter).

Lernfaktor?

Je weiter sich die Demenz bei Susanne entwickelt, umso häufiger findet sie sich in ihre Kindheit zurück. Scheinbar von einem Moment auf den anderen fühlt sich Susanne wieder als siebenjähriges Mädchen oder sagt Reime, die sie als Kind gelernt hat. Sie hört ein Fahrradklingeln und geht diesem hinterher, weil sie denkt, es wäre ihr Vati und dabei vergessen hat, dass dieser schon lange nicht mehr lebt. Für mich sind diese Beispiele sehr eindrucksvoll gewesen und vermitteln sehr gut, warum Menschen mit Demenz oft überfordert sind vom Alltag – ihre Gedanken sind mal im Hier, mal in der Vergangenheit.

Susanne verliert einerseits ihre Sprache, denn sie spricht immer weniger und nutzt Fantasiewörter, andererseits taucht sie in die ihr bekannte Sprache aus der Kindheit ein und findet dadurch Geborgenheit und Sicherheit. „Eins, zwei, drei, vier Eckstein…“ zieht sich durch das Buch und man spürt, wie solche Sprüche und Erinnerungen aus der Kindheit der erwachsenen Susanne mit ihrer Demenz Halt geben. Was die Autorin da beschreibt ist typisch für Menschen mit Demenz – die Erinnerungen der Kindheit spielen eine große Rolle.

Hermien Stellmacher sagt, dass sie mit der Geschichte keine Botschaft vermitteln wollte, aber durch ihre Schilderungen gelingt es ihr, auf eine lockere Weise über das Leben mit Demenz zu schreiben und Tipps für ein gutes Miteinander zu geben.

Ruth macht einen Lernprozess durch, was den Umgang mit Demenz angeht und kommt zu folgender Erkenntnis: „Während Susanne zögernd in die Gegenwart zurückkehrte, ahnte Ruth, wie schwer es sein würde, sich auf diese Welt einzulassen. Sie verstand, dass sie die Wahl hatte: Sie konnte Susanne belehren oder sie die wenigen Schritte zu diesem imaginären Grenzübergang begleiten…. Während sich ein Gewitter über der Stadt entlud erkannte Ruth, dass es keine Frage war, ob sie das alles aushalten könne. Die Frage lautete vielmehr, ob sie bereit war, sich auf diese fremde Welt einzulassen.“ Und ihr gelingt es immer wieder kreativ zu werden, wenn Probleme auftauchen.

Pflegen geht nur gemeinsam – diese Erfahrung macht auch Ruth. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie sich um ihre beste Freundin kümmert und sie nimmt Susanne nach einem Krankenhausaufenthalt bei sich auf. Doch dann kommt auch Ruth an ihre Grenzen und es findet sich eine gute Lösung.

Extras?

Hier findet ihr eine Leseprobe zum Buch

Mein Lieblingssatz

„Zusammen kann man alles viel besser stemmen.“

Mein Fazit

Ich gebe es zu, ich war anfangs skeptisch und das liegt am Titel „Was bleibt, wenn alles verschwindet“. Denn ich bin überzeugt davon, dass mit einer Demenz nicht „alles verschwindet“. Wenn man den Roman liest, dann merkt man übrigens, dass auch bei Susanne überhaupt nicht „alles verschwindet“ (also lasst euch nicht davon stören). Im Gegenteil, Susanne findet sogar Einiges wieder und darunter sind auch Dinge, die für sie von großer Bedeutung sind.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, vor allem wegen der Freundschaft der beiden Frauen. Susanne und Ruth sind schon durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Die Demenz fordert beide und auch die Freundschaft, aber es gelingt ihnen, dass die Krankheit sie nicht auseinanderbringt, sondern nur noch näher zusammenführt. Das zu lesen macht Mut und ist einfach schön zu erfahren, dass Menschen zueinanderhalten.

Was mir ganz besonders gut gefallen hat, ist, dass die Autorin die Perspektiven wechselt und auch aus Susannes Sicht schreibt. In alltäglichen Situationen mischen sich plötzlich Ereignisse, Gedanken oder Sprichwörter aus der Kindheit. Ich frage mich manchmal, wie meine Mama das Geschehen um sich herum wahrnimmt und zu gerne würde ich es von ihr erfahren. Dank Hermien Stellmacher kann ich mir dies nun ein wenig besser vorstellen. Vielleicht hat auch sie mitunter diese Erinnerungen an unbeschwerte Kinderreime.

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