Diagnose

Ist die Vergesslichkeit schon Alzheimer?

Manchmal werde ich von FreundInnen gefragt, ob das Vergessen oder auch Verhalten eines Angehörigen ein Zeichen von Alzheimer sein könnte. Und auch ich bin in manchen Situationen besonders aufmerksam. Damals war die Diagnose meiner Mama ein großer Schock, weil niemand von uns damit gerechnet hat. Aber im Rückblick gab es durchaus Signale, die uns hätten auffallen können… Was können Anzeichen für Alzheimer sein? Ich schreibe von meinen Erfahrungen und Experten berichten, was für sie Warnzeichen sind und wann man zum Arzt gehen sollte.

Vergesslichkeit

Vergesslichkeit = Alzheimer?

Seitdem meine Mama Alzheimer hat und ich mich so intensiv mit dem Thema beschäftige, bin ich manchmal eine gefragte Gesprächspartnerin. Und zwar um bei der Frage zu beraten, ob die Mutter/der Vater/die Oma/der Opa eine Alzheimererkrankung oder eine andere Form der Demenz haben könnte. (Hier findet ihr Informationen zum Thema: „Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?“)

„Warum denkst du das?“, frage ich meist als Erstes.
Die Antwort ist dann oft: „Weil sie/er vergesslich geworden ist.“

Fakt ist: Vergessen und Vergesslichkeit sind Symptome einer Alzheimererkrankung, aber nicht jeder, der vergesslich ist, hat Alzheimer. In unseren Köpfen und Vorstellungen von Alzheimer dreht es sich zumeist um das Vergessen. Auch ich habe anfangs vor allem schwindende Erinnerungen und Gedächtnislücken damit verbunden. Aber das sind die Zeichen, die eigentlich am schwierigsten einzuordnen sind.

Das hat zwei Gründe: Zum einen ist Vergesslichkeit Teil eines normalen Alterungsprozesses. Zum anderen können andere Erkrankungen ebenfalls zu Vergesslichkeit führen, auch bei jüngeren Menschen. Krankheiten wie etwa Depression, Schlafapnoe und Schilddrüsenerkrankungen, aber auch Stress und Erschöpfung fördern Vergesslichkeit.

Wann deutet Vergesslichkeit auf eine Demenz hin?

Wann könnte hinter der Vergesslichkeit eine Demenz stecken? Der Düsseldorfer Neurologe Dr. Michael Lorrain hat es kürzlich in seinem Vortrag für die Alzheimer Forschung Initiative e.V. folgendermaßen zusammengefasst: „Wenn Sie etwas stutzig macht und die Vergesslichkeit einen Einfluss auf den Alltag hat.“ Für eine Demenz spricht Vergesslichkeit, wenn die/der Betroffene nicht nur einzelne Fakten vergisst, sondern ganze Erlebnisse. Auch wenn die Vergesslichkeit über einen längeren Zeitraum (mehrere Monate) besteht und sich gar verschlechtert, könnte eine Demenz dahinter stecken.

Um sich besser zu erinnern, nutzen manche Menschen mit Demenz Merkhilfen. Auch in unserer Küche klebten irgendwann ziemlich viele gelbe Post-its, mit einfachen Rezepten für Salatsoße. Auf ihrem Schreibtisch bediente sich meiner Mama ebenfalls dieser Notizzettel. Ich bin mir nicht sicher, ob und wie lange sie ihr geholfen haben. Michael Lorrain sagte: „Bei Menschen mit Demenz funktionieren solche Merkhilfen nicht mehr. Man sieht die Merkzettel überall in der Wohnung verteilt, aber sie ergeben für den Beroffenen keinen Sinn mehr.“

Auch intensives Nachdenken und Konzentrieren helfen nicht, sich zu erinnern“, so erklärt es Dr. Cornelius Weiss aus in seinem Ratgeber „Ein gutes Leben mit Demenz“. Wenn Dinge, die einem wichtig waren, immer wieder verlegt oder vergessen werden, könne das darauf hindeuten, dass hinter der Vergesslichkeit mehr steckt.

Wegen Vergesslichkeit zum Arzt gehen?

Beide Mediziner raten dazu, bei solchen Anzeichen zum Arzt zu gehen. Denn egal, was die Untersuchung ergebe, hilfreich sei es eigentlich immer. „Das frühe Erkennen einer Demenz ist wichtig, da ein früher Therapiebeginn das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann“, erklärt Cornelius Weiss.

Ergibt die Untersuchung hingegen, dass keine Demenz vorliegt, sei es für sie eine große Erleichterung, so Lorrain. Viele ältere Menschen leiden an leichten kognitiven Störungen. „Sie spüren diese Veränderungen, werden traurig oder ärgerlich, weil sie gefühlt immer etwas vergessen“, erklärt Michael Lorrain. Eine Untersuchung beim Arzt kann in vielen Fällen beruhigen.

Ein guter erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt oder die Hausärztin. HIer findet ihr ein bundesweites Adressverzeichnis der Deutschen Alzheimer Gesellschaft mit Gedächtnissprechstunden und Beratungsangeboten. Auch die Alzheimer Forschung Initiative bietet eine Liste der Gedächtnissprechstunden in Deutschland.

Verhaltensveränderungen sind oft typisch

Wenn ich mich an die Monate vor der Diagnose meiner Mama erinnere, so gab es durchaus ganz andere Veränderungen, die auftauchten und typische Warnsignale für Alzheimer sind. Wir sahen sie nicht – oder wollten sie nicht sehen? Meine Mama hatte sich irgendwie zurückgezogen. Sie verbrachte sehr viel Zeit in ihrem Arbeitszimmer und war mit Unterrichtsvorbereitungen beschäftigt. In Gesprächen empfand ich sie manchmal als abweisend und war enttäuscht, dass sie auf mich und meine Themen kaum einging.

Für jede dieser Verhaltensweisen fanden wir zunächst eine Erklärung, in Summe sorgten sie uns dann aber doch so sehr, dass Mama sich beim Hausarzt untersuchen ließ und dieser sie an einen Neurologen überwies. Selbst dann, dachte ich mit keiner Minute an Alzheimer oder Demenz. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Mama gestresst und überarbeitet war und die Diagnose Burnout lauten würde.

Heute weiß ich, dass Verhaltens- sowie Persönlichkeitsveränderungen und vor allem auch der Rückzug Warnzeichen sind. Eigentlich auch gut nachvollziehbar: Man merkt Veränderungen an sich, fühlt sich fremd und verunsichert – und zieht sich zurück.

Wann und wie zum Arzt gehen?

Meiner Mama fielen auch gewohnte Tätigkeiten schwer. Das zeigte sich sowohl im beruflichen Umfeld als auch im Privaten. Sie brauchte sehr lange für ihre Unterrichtsvorbereitungen – und das obwohl sie sehr erfahren und routiniert war. Sie hatte auf einmal Probleme beim Stricken, nicht beim Stricken an sich. Das konnte sie noch sehr lange, aber bei der komplexen Aufgabe die einzelnen Teile zu einem Pullover zusammen zu bringen.

Damals nahm ich diese Veränderungen nicht als Signale für eine Demenz wahr – und ich weiß, dass es vielen so geht wie mir. „Es ist immer wieder erstaunlich für uns Ärzte, wie großmütig Familien mit Menschen sind, die kognitive Störungen und Erinnerungsstörungen zeigen“, sagte Neurologe Lorrain. Vielleicht ist das aber auch ganz gut, denke ich. Nicht gleich jedes Vergessen und jede fehlende Erinnerung zu dramatisieren oder zu einer Krankheit zu machen. Denn schließlich gehört auch das zum Älterwerden und Leben dazu.

Demenz-Erkrankte werden in aller Regel von den Angehörigen gebracht, wenn die Geduld der Familie erschöpft ist„, erzählt Michael Lorrain aus seiner Praxis. Und damit ist dann eigentlich niemandem geholfen – weder den Betroffenen noch den Angehörigen. Er empfiehlt deshalb, eher frühzeitig zum Arzt zu gehen: „Wenn man immer wieder dieselben Fragen hört und der Verdacht Demenz auftaucht, sollte man sich an einen Arzt wenden“

Anderen rate ich auch frühzeitig zum Arzt zu gehen, aber ich weiß, wie schwierig das fällt, gerade wenn so ein Verdacht in der eigenen Familie auftaucht. Das D-Wort als Vermutung auszusprechen schürt so viele Ängste und Sorgen. Michael Lorrains Rat: „Bleiben Sie dran als Angehöriger. Dass Sie möchten, dass diese Person zum Arzt geht, zeigt, wie wichtig sie Ihnen ist, weil Sie ihr Bestes wollen.“

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Diagnose Demenz – Und wie geht es weiter?

In Podcastfolge 2 von „Leben, Lieben, Pflegen“ dreht es sich um das Thema Diagnose. Hier könnt ihr sie anhören:

Folge 2: Nach der Diagnose: Einen neuen Fahrplan finden Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie

Diagnose Demenz – und jetzt? Darüber sprechen Anja Kälin und Peggy Elfmann in der zweiten Folge. Sie tauschen sich darüber aus, wie sie die Demenz-Diagnose ihrer Mütter erlebt haben, was damals schwierig war, was geholfen hat – und wie sie für sich und ihre Familie einen "Fahrplan" für das Leben mit Demenz gefunden haben.

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