In letzter Zeit lese ich immer wieder von (vor allem) Töchtern und (seltener) Söhnen, die sich um ihre Eltern kümmern, sie betreuen und pflegen und das als Elternzeit 2.0 bezeichnen. Ist das so? Ich kann den Vergleich nachvollziehen, finde ihn einerseits gut und doch auch schwierig. Denn Pflegen kommt ohne etablierte Strukturen aus und ist viel schlechter planbar. Dazu kommen viel mehr traurige Gefühle und das Abschiednehmen. Pflegen ist für mich etwas anderes als Elternzeit und doch merke ich Gemeinsamkeiten. Vielleicht brauchen wir aber auch einen anderen Begriff. Wie geht es euch damit?

Ist Pflegen die Elternzeit 2.0?
Als ich zum ersten Mal auf den Begriff Elternzeit 2.0 gestoßen bin, habe ich mich gefreut. Es war auf dem Job-Netzwerk LinkedIn und jemand hatte darüber geschrieben, dass sie sich mehr und mehr um ihre Mutter kümmert und dies wie eine Elternzeit 2.0 empfindet. Sie hat von den Herausforderungen geschrieben und dass das Sorgen und Kümmern für die Eltern für sie ein Vereinbarkeitsthema ist und sie an die Elternzeit mit ihren Kindern erinnert, daher Elternzeit 2.0.
Ich habe den Post sehr gerne gelesen und an vielen Stellen gedacht: „Ja, so ist es.“ Von der Politik wird ja gerne suggeriert, jede und jeder könne pflegen und es wäre einfach eine individuelle Aufgabe, die man noch zusätzlich erledigen könne. Als Angehörige sei man ja irgendwie auch in der Pflicht und außerdem mache man das ja gerne, wenn es sich um die Mutter, um den Vater handelt.
Ja, Pflegen ähnelt der Elternzeit
Aber es ist eben nicht mal so nebenbei gemacht, nicht mal aus der Ferne. All die Anrufe bei Ärzten und Ärztinnen, beim Pflegedienst und bei der Tagespflege, das Betreuen und Sorgen für einen Elternteil, das Organisieren von Haushalt und Alltag, das braucht Zeit. Es ist ein wenig so, wie wenn man ein Baby daheim hat. Dieses kleine Wesen braucht Zeit und Fürsorge und es ist gut, dass Eltern in Deutschland die Möglichkeit haben, Elternzeit zu nehmen und ihren berufliche Tätigkeit zu pausieren oder reduzieren, um sich um ihr Kind zu kümmern.
Ich vergleiche meine Mama wirklich sehr ungern mit einem Kind und für mich sind Menschen mit Demenz keinesfalls Kinder (warum lest ihr in diesem Beitrag: Liebe Mama, bist du jetzt das Kind?) Aber natürlich braucht meine Mama Unterstützung im Alltag, sie benötigt jemanden, der ihr beim Anziehen, Essen und auf die Toilette hilft. Sie kann nicht mehr alleine sein, sondern braucht jemanden, der bei ihr ist.
Ich fühle mich zurückversetzt an die Elternzeit
Und ja, wenn ich bei meinen Eltern bin und mich kümmere, fühle ich mich an die Zeit zurück versetzt, als meine Kinder viel kleiner waren. Als ich neben ihnen am Tisch saß und ihnen beim Essen geholfen habe. Als ich sie angezogen habe. Oder als ich sie bei ihren ersten Schritten begleitet habe und an der Hand hielt.
Ich erinnere mich an den Moment im vergangenen Jahr, als wir ein Pflegeheim für Mamas Kurzzeitpflege angeschaut haben. Ich spürte das Unbehagen, die Unsicherheit und den Unwilllen und hatte für einen kurzen Moment das Gefühl eines Déjà-vus. Und zwar fühlte ich mich zurückversetzt an damals, als ich zum allerersten Mal in die Kinderkrippe ging und zweifelte, ob meine Tochter sich dort wohlfühlen würde. Ja, da sind also etliche Momente und Dinge, die mich an die Elternzeit erinnern – und doch tue ich mich schwer mit dem Begriff Elternzeit 2.0.
Pflegen ist doch etwas anderes (leider)
Sich um die Eltern zu kümmern, sie zu pflegen – das ist für mich etwas anderes als Elternzeit 2.0. Das liegt auch an den fehlenden Strukturen. Für die aktuelle Podcastfolge von „Leben, Lieben, Pflegen“ haben Anja Kälin und ich mit Karena Breitenbach über das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gesprochen. Karena hatte eine leitende Position im Unternehmen inne, doch als ihre Mutter die Diagnose Demenz erhielt und sie viel Unterstützung benötigte, blieb Karena keine andere Wahl als ihre Arbeitsstelle zu kündigen. Ein Grund war, dass es keine Struktur und auch keine Bereitschaft in der Firma gab, um Job und Pflegen vereinbar zu machen.
Einzelschicksal, könnte man meinen, aber die Statistiken zeigen, dass Karena mit ihren Erfahrungen nicht alleine ist. Zwei Drittel der Pflegenden sind berufstätig. Sie meistern große organisatorische und emotionale Herausforderungen und zeitliche Vereinbarkeitsprobleme. Die Übernahme von Pflegeaufgaben führt häufig dazu, dass die Arbeitszeit reduziert oder sogar aufgegeben wird. Pflegende Angehörige sind zwischen Wunsch und Wirklichkeit: viele möchten weiterhin berufstätig sein, aber können es nicht (mehr Infos findet ihr hier). Es fehlen die Strukturen – und es fehlt die Planbarkeit.
Pflegen lässt sich schlecht planen
Das ist es letztlich auch, was es mir so schwer macht, das Pflegen als Elternzeit zu bezeichnen. Hierzulande haben Kinder ab dem 1. Geburtstag einen Anspruch auf Betreuungsplatz und in der Regel klappt das auch. Ich wusste, nach dem Krippenplatz kommt der Kindergarten und dann die Schule. Ich hatte vielleicht nicht unbedingt die Wahl an Einrichtungen, aber es gab welche und der Weg, den ich mit meinen Töchtern gehen würde, war klar und vorgegeben. Beim Pflegen fehlt das. Klar, es gibt Tagespflegen und Pflegeheime, aber der Weg dahin ist individuell und viel schwerer und unklarer.
Dazu kommt: Es lässt sich einfach nicht planen, wie eine Krankheit verläuft und wie lange und viel Unterstützung ein Mensch mit Pflegebedarf benötigt. Das merke ich auch an meiner Mama. Die Demenz lässt uns nicht so recht planen. Wir versuchen zu planen, aber dann kommt es doch plötzlich so ganz anders – und wir müssen schnell handeln. Sind auf uns gestellt und können uns nicht auf feste Strukturen verlassen. Es braucht Flexibiltät, immer wieder.
Es gibt Möglichkeiten wie Familienpflegezeit und Pflegezeit, die eine Auszeit ermöglichen und finanzielle Unterstützung. Aber zum einen ist es kein Lohnersatzausgleich, sondern ein Darlehen und das Geld muss wieder zurückgezahlt werden. Und zum anderen lässt sich schlecht planen, wann und wie lange man diese Auszeit nehmen kann. Wer nicht angestellt ist, sondern selbstständig, für den gibt es all das gar nicht.
Fürsorgearbeit, die emotional fordert
Fürsorgearbeit ist immer emotional fordernd, weil wir in Kontakt mit anderen Menschen sind, weil es um Kompromisse und Miteinander geht. Weil Kümmern Kraft braucht und Energie nimmt. Und doch ist es ein Unterschied: Bei meinen Töchtern habe ich oftmals im Hinterkopf gehabt oder von lieben Mitmenschen gehört: „Das wird besser, je älter sie sind.“ Und ja, vieles wurde einfacher.
Mich um meine Mama zu kümmern, geht nicht mit dieser Hoffnung einher. Wir verbringen schöne, nahe Momente, aber die Zukunft, die macht mir eher Angst als dass sie mir Hoffnung gibt. Denn ich weiß, ich werde meine Mama immer mehr loslassen müssen und eines Tages, am Ende der Reise, da ist sie nicht mehr. Es ist eine andere Herausforderung.
Pflegen ist keine Elternzeit 2.0 – aber es ist wichtig und ich hoffe, dass wir die richtigen Wörter finden, denn wir sollten mehr darüber reden. Um Strukturen zu schaffen. Um das Kümmern zur Normalität zu machen. Und die Gefühle und Herausforderungen besprechbarer machen – und so mehr Unterstützung zu geben und finden.
Pflegen und Elternzeit 2.0 – Wie geht es euch damit? Schreibt es gerne in die Kommentare.

Liebe Peggy,
eigentlich gefällt mir der Begriff „Elternzeit 2.0“ ganz gut. Obwohl ich keine Kinder habe, stelle ich häufig fest, dass ich mich bei der Pflege meiner Mutter oft als Elternteil fühle. Als eine Person, die umfassend für die andere da ist. Das Da-Sein umfasst Fürsorge, Verantwortung, Probleme, gute und traurige Gefühle. Und was mir noch an dem Begriff gefällt: Eltern 2.0 klingt selbstverständlich und ein bisschen modern und hat vielleicht das Potenzial, dass das Pflege-Thema irgendwann auch als gesellschaftliche Norm anerkannt wird – und deutliche Verbesserungen für die pflegenden Angehörigen nach sich zieht: bessere Strukturen, finanzieller Ausgleich etc. Aber das ist sicher noch ein gaaaaanz langer Weg …
Liebe Grüße, Birgit
Ich finde die beiden Begriffe Pflegezeit und Familienpflegezeit aussagekräftig genug. Warum muss man überhaupt auf den neuen Begriff Elternzeit 2.0 umsteigen, der zwar modern klingt, jedoch erklärungsbedürftig ist? Vergleichbar mit der Elternzeit für Kinder ist es wirklich nur eingeschränkt, wie du sehr gut erläutert hast.
Für mich liegt das größte Problem darin, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, wann man die Pflegezeit nehmen sollte. Denn anders als bei den Kindern ist es eben bei den Senioren nicht absehbar wie lange dieser Zeitraum dauern wird.
Vom Gesetzgeber bekommt man als pflegender Angehöriger einmalig die 6 monatige Pflegezeit Freistellung und die Familienpflegezeit mit teilweise Freistellung längstens bis zu 24 Monaten. Doch was, wenn ich drei Senioren habe für die ich zuständig bin (Eltern und Tante)? Für die Tante wäre es noch nicht einmal möglich Pflegezeit zu nehmen, obwohl sie keine weiteren Angehörigen außer mir hat.
Ja, Strukturen sind nötig. Vielleicht ein gesetzlicher Anspruch auf einen Pflegeheimplatz ab einem bestimmten Pflegegrad? Vergleichbar mit dem Kindergartenplatz? Ich bin nicht sicher…
Liebe Dagmar,
Genau das finde ich auch schwierig mit der Pflegezeit. Wann ist der richtige Moment? Irgendwie denkt man ja immer, man braucht es vielleicht später noch mehr und irgendwie geht’s schon…
Das mit dem gesetzlichen Anspruch finde ich gar nicht so verkehrt. Aber wie soll das funktionieren in einem Deutschland, in dem sowieso schon lange ein Mangel an Einrichtungen und Pflege- und Betreuungskräften herrscht?
Liebe Peggy, dein Beitrag macht mich wie immer nachdenklich. Elternzeit 2.0 würde ich tatsächlich nicht sagen, da mit der Elternzeit etwas neues beginnt und wächst – mit der Pflege meines Mannes habe ich die Liebe zu ihm, aber auch vor allem die Sorge verbunden. Nicht, dass es darin keine schönen und guten Momente gab, aber wie du sagst, Pflege ist sehr unplanbar, eine Demenzerkrankung ist sehr unplanbar und stellt einen oft plötzlich vor Herausforderungen, die man meistern muss. Und auch hier ein ja, ich fühlte mich oft, wie eine Mutter für meinen Mann und er war doch mein Mann. Man ist ständig in Sorge und ich finde, die Gesellschaft und die Politik hat keine Antwort auf die Herausforderungen, die man meistern muss, wenn man sich um seine Partner, Eltern oder Verwandten kümmert. Man muss vielleicht seinen Job aufgeben oder in geringer Teilzeit arbeiten und ich würde mir sehr wüschen, für uns alle, die Fürsorgearbeit leisten und für die, die es noch tun werden, dass diese Aufgabe mehr Anerkennung und Platz findet in der Gesellschaft und in der Politik, denn Fürsorgearbeit macht einen auch arm und worüber ich mich auch immer wieder wundere, ist die Tatsache, dass das Geld, das man für einen pflegebedürftigen Angehörigen erhält, je nach Pflegegrad, ungefähr ein drittel des Betrages ist, der verrechnet wird, wenn man von offiziellen Agenturen pflegen lässt oder ein Pflegeheim in Anspruch nimmt… für mich passt das alles nicht zusammen und am spannensten ist dann der Moment, wenn man seinen Angehörigen gehen lassen musste .. all die Leistungen, die man sich mühsam beantragen musste, werden mit einem Augenwisch und einer kurzen Beileidsbekundung stante pede beendet: Du bist keine pflegende Angehörige mehr … sorry! Zusammengefasst, Strukturen sind notwendig und mehr finanzielle Unterstützung für die, die es benötigen, Unterstützung für die die sich kümmern, ein größeres Bewusstsein, dafür was es bedeutet, in der Situation zu sein, mehr Flexibilität auch am Arbeitsplatz …. Liebe Grüße, Anja
Liebe Anja,
Vielen Dank, dass du deine Gedanken und Erfahrungen hier mit mir und mit all den Lesenden teilst. Das ist es ja, was ich so schwierig finde. Uns fehlen als Gesellschaft die Strukturen, um pflegende Angehörige gut zu unterstützen. Auch in Firmen fehlt das. Und das macht es so anders als die Elternzeit. Als ich damals in Elternzeit ging, wusste ich, dass meine Tochter in die Krippe geht und dass ich für die Zeit, in der ich daheim einen Lohnersatz bekomme. Das ist jetzt ganz anders…