Buchtipps, Gefühle verarbeiten

Buchvorstellung: „Durch die Krise begleiten“

Wie gelingt es, auf sich selber gut achtzugeben, wenn man einen Angehörigen pflegt? Wie brennen Menschen, die anderen Menschen in Krisen zur Seite stehen, nicht aus? Was bedeutet es, einem anderen wirklich zu helfen – und welche Rolle spielen dabei die eigenen Grenzen? Darüber habe ich vor kurzem mit Maja Günther im Podcast „Leben. Lieben. Pflegen“ gesprochen. Hier stelle ich ihr Buch vor, das sie zusammen mit Andrea Sterr geschrieben hat: „Durch die Krise begleiten“. Das Buch ist so besonders, weil es all jene Menschen stärkt, die anderen Menschen helfen, aber selbst alleine bleiben. Das Buch ist ein echter Mutmacher und bietet viele konkrete Übungen und Impulse.

Buchcover "Durch die Krise begleiten" von Maja Günther und Dr. Andrea Sterr

Was ist es für ein Buch?

Ein Ratgeber mit viel Hilfestellung durch konkrete Übungen und Impulse.
Buchfakten: „Durch die Krise begleiten. Rat und Hilfe für Angehörige von Menschen in seelischen Ausnahmesituationen.“ PAL-Verlag, 2021, 12,80 Euro. ISBN 978-3-923614-72-1

Wer hat es geschrieben?

Maja Günther ist Soziologin und hat eine Praxis für Coaching und Beratung. Sie ist Autorin und betreibt mit Claudia Morgenstern den Podcast „Wecke deine Lebensfreude“. Bei Desideria begleitet sie als Familiencoach Angehörige von Menschen mit Demenz und gibt Seminare und Workshops. Mehr Infos zu Maja Günther

Dr. Andrea Sterr ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Privatambulanz der Uni-Klinik in München sowie in eigener Praxis. Sie schreibt beim PAL-Verlag zu Themen über psychische Störungen. Mehr Infos zu Andrea Sterr

Dr. Andrea Sterr und Maja Günther

Worum geht’s?

Das Buch richtet sich an Menschen, die einen anderen Menschen in einer schweren Lebensphase beistehen, etwa bei Krankheit, Trennung, Tod oder Pflegebedürftigkeit. „Als Person „in der zweiten Reihe“ erlebt man eine Krise unmittelbar mit. Auch wenn sie einen nicht persönlich betrifft, so trifft sie einen eben doch – durch die Beziehung, die man zu den Betroffenen hat“, schreiben Maja Günther und Andrea Sterr. Sie erläutern, wie verschieden die Reaktionen und Gefühle der Helfenden sein können, von Wut und Aggression bis zu Trauer, Überforderung und Hilflosigkeit.

Es geht dabei nicht darum, die Reaktionen als richtig oder falsch zu bewerten, sondern sie möchten dabei unterstützen, die eigenen Gefühle und den Umgang damit wahrzunehmen. „Wer einen anderen durch eine Krise begleiten möchte, spürt oft zu spät, dass die eigene Überlastung erreicht ist“, schreiben die beiden Expertinnen.

Maja Günther und Andrea Sterr beschreiben, warum aber das Wohlergehen der Pflegenden und Helfenden so bedeutsam ist: „Dieses Selbst ist wichtig. Grundlegend wichtig. Wenn es leidet, sich quält oder zugrunde geht, um jemand anderen zu rettten oder seine Pein zu lindern, sind am Ende zwei Menschen betroffen.“

Der erste Schritt, um einer anderen Person wirklich zu helfen (und dabei nicht unterzugehen), liegt also darin, die eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse zu kennen – und Grenzen zu setzen. Im nächsten Schritt lassen sich dann Ressourcen aufbauen, um besser helfen zu können.

Das klingt möglicherweise recht theoretisch, aber die Autorinnen verdeutlichen die Theorie an vielen Beispielfällen. Das gibt all dem etwas sehr Nahbares und man hat das Gefühl, sich wirklich verstanden zu fühlen. Die Autorinnen beziehen auch klar Stellung und fordern: „Raus aus der Aufopferungsfalle“ und ermutigen: „Das eigene Selbst zu stärken“. Anhand von vielen Übungen und Impulsen geben sie dazu konkrete Anregungen.

Maja Günther und Andrea Sterr wissen beide aus eigenen Erfahrungen, wie es ist, sich um einen Menschen zu kümmern und wie schwer es fällt, sich als Pflegende und Helfende nicht zu überfordern. Maja Günther war vor kurzem im Podcast „Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria-Podcast zu Demenz und Familie“ zu Gast und hat mir dort von ihrer Erfahrung berichtet: “Ich habe jahrelang gepflegt und war sehr, sehr ausgelaugt. Ich dachte, ich muss da durch und alles alleine schaffen. Der Wendepunkt war das Gespräch mit einer Stewardess.“ Sie habe ihr von der Rettung in Notfällen im Flugzeug berichtet und Maja habe verstanden: Es ist überlebenswichtig, zuerst die eigene Rettungsmaske anzulegen und dann der anderen Person zu helfen. „Ich habe verstanden, dass wenn ich zusammenbreche, ich mich auch nicht mehr um meinen Angehörigen kümmern kann“, erzählt sie.

Lernfaktor?

Ich nehme aus diesem Ratgeber sehr viel mit. Die beiden Autorinnen erläutern anfangs, was Krisen sind – nämlich in erster Linie Veränderungen – und schon allein diese Erläuterungen nehmen den Schrecken und das Katastrophale, das beim Wort Krise oft mitschwingt.

„Durch die Krise begleiten“ ist ein Ratgeber mit hilfreichen und Mutmachenden Erklärungen und jeder Menge Übungen. Beispielsweise die Übung „Die Perspektive weiten“, bei der es darum geht, nicht nur den Schmerz oder das Schwere in einer Situation zu sehen, sondern genau hinzuschauen, was noch da ist. „Nur weil wir ein schlechtes Gefühl haben, muss nicht unser ganzes Leben schlecht sein. Es kann auch sein, dass uns die Krise weiterbringt, wir den positiven Gewinn aber nicht sehen können, weil das negative Gefühl alles überdeckt.“

Besonders wertvoll finde ich das Kapitel „Das eigene Selbst stärken“, in dem Maja Günther und Andrea Sterr erklären, was hinter den Gefühlen steckt und wie man vom Gefühl zum Bedürfnis kommt und für seine Bedürfnisse einsteht. Und immer betonen sie, wie individuell Gefühle, Bedürfnisse und unser Handeln ist. Es geht nicht darum, einen bestimmten Leitfaden oder Erwartungen zu erfüllen, sondern das Buch stärkt jeden Helfenden ganz individuell. Und genauso kann man es auch nutzen, als hilfreichen Ratgeber oder intensives Arbeitsbuch, das entscheidet letztlich jede Lesende selbst.

Extras

Hier findet ihr eine Leseprobe von „Durch die Krise begleiten“

Mein Lieblinglingssatz

“Eine emotionale Last wird leichter, wenn sie auf mehrere Schultern verteilt wird.“

Mein Fazit

Für mich ist „Durch die Krise begleiten“ ein sehr hilfreicher Ratgeber und ich empfehle ihn wirklich gerne weiter. Über die eigenen Grenzen gehen, die eigenen Bedürfnisse unter den Tisch kehren, um für andere da sein – ich kann das ziemlich gut. Aber es tut ehrlich gesagt weder mir, noch den anderen gut, denn es überfordert mich, macht hilflos und raubt Energie. Ich habe in den vergangenen Jahren schon gelernt, besser hinzuschauen und meine Grenzen zu setzen. Aber es ist ein Prozess und ich lerne immer noch. Ich habe mal ein Abschiedsbrief an mein schlechtes Gewissen geschrieben, aber natürlich lassen sich Gefühle nicht einfach so abstellen. Es ist etwas, das man einüben muss und kann. Und genau dabei unterstützt dieses Buch.

Eine Übung, die ich wirklich super finde, ist der Energietank. Maja Günther hat im Podcast viel darüber gesprochen. Der wer sich kümmert und pflegt, übernimmt oft immer mehr Aufgaben, die Überforderung kommt nicht von einen Tag auf den anderen, sondern schleichende. Die Energietank-Übung hilft dabei, zu sehen, wie viel Energie man überhaupt hat.

Die beiden Autorinnen machen viel Mut mit ihrem Buch. Sie schreiben: „Wir sind der festen Überzeugung, dass jede Krise das Potentzial hat, gestärkt aus ihr hervorzugehen und seinen Frieden mit ihr zu machen.“ In schweren Momenten mag dieser Satz wie Hohn klingen, weil es so scheint, als müsste dieser schwere Moment gut sein. Das ist er nicht. Das Schwere ist schwer – und das erkennen die beiden Autorinnen auch an und nehmen es ernst. Und doch, gibt es auch in schweren Momenten etwas Gutes und das macht unendlich viel Mut.

Maja Günther zu Gast im Podcast „Leben. Lieben. Pflegen“

Selbstfürsorge mit dem Energietank und Mini-Momenten Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie

Du musst auch auf dich achten. Selbstfürsorge ist wichtig. Nimm mal eine Auszeit. – Wer kennt sie nicht, die gut gemeinten Ratschläge? Aber wie soll das im vollen Alltag als pflegende Angehörige funktionieren? Darüber spricht Podcast-Host Peggy Elfmann in dieser Folge “Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie". Zu Gast ist Maja Günther. Sie ist Familiencoach bei Desideria und war lange selbst pflegende Angehörige. Maja gibt praktische Tipps für mehr Selbstfürsorge im Alltag. Unter anderem stellt sie die Übung mit dem Energietank vor und erklärt, wie ihr die machen könnt. Wie diese funktioniert und warum sie so effektiv ist, erfahrt ihr in dieser Folge "Leben. Lieben. Pflegen". Außerdem verrät Maja noch ein weitere konkrete Strategien, wie ihr wieder mehr Energie bekommt, für euch und für das Kümmern und Pflegen.

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