Besser kommunizieren, Meine Eltern werden alt

„Das geht schon noch.“ Wirklich?

Vor ein paar Wochen ist mein neues Buch erschienen. In „Meine Eltern werden alt. 50 Ideen für ein gutes Miteinander“ geht es um das Begleiten unserer Eltern, wenn sie älter werden, Hilfe oder gar Pflege benötigen. Der Titel mag vermuten lassen, das wäre ein einfacher Weg nach Fahrplan. Tatsächlich ist es oftmals fordernd und gleicht einer Gratwanderung. „Das geht schon noch“ ist der Satz, den mein Papa häufig sagte und den ich gerne glaubte. Aber wann geht es „schon noch“ und wann braucht es Hilfe? Wie geht man das an? Auch jetzt höre ich den Satz wieder häufiger und frage mich: Geht es wirlich noch?

In den vergangenen Jahren mit Mamas Demenz und Pflege habe ich sehr oft den Satz meines Papas gehört: „Das geht schon noch“. In meinem neuen Buch „Meine Eltern werden alt“ (hanserblau, hier findet ihr Infos zum Buch) geht es zentral darum. Denn ich habe den Satz einerseits gerne gehört, andererseits hat er es mir schwer gemacht und ich wünschte, ich hätte ihn nicht einfach so stehen lassen.

Wenn es schwerer wird im Alltag mit dem Pflegen

Nach Mamas Diagnose hatte ich große Angst vor raschen Veränderungen, aber dies war vor allem Kopfkino. Denn die Krankheit schritt langsam voran. Meine Eltern hatten einen strukturierten Alltag mit viel Bewegung und Draußensein und es ging ja wirklich schon noch. Aber irgendwann nahmen die Demenzsymptome zu. Mamas großes Bewegungsunruhe und ihre Hinlauftendenz machten es für Papa schwer.

Schleichend wurde vieles mehr und auch anstrengender, etwa das Treppengehen, das Anziehen, das Essen und vor allem auch das Miteinader reden. Papa sprach nicht viel darüber. „Ich möchte nicht jammern“, sagt er mir. Aber ich merkte auch, dass es nun mal anstrengend war für ihn. Nicht nur mein Bruder und ich, auch die Hausärzin und der Neurologe rieten ihm immer wieder: „Nehmen Sie Hilfe an.“

Was in der Theorie einfach klingt und sich leicht sagt, wurde häufig zum Streitpunkt. Denn Hilfe annehmen fällt vielen Menschen schwer. Ich habe mich deshalb oft hilflos gefühlt, weil ich es nicht nachvollziehen konnte. Denn die Unterstützung würde doch die Dinge leichter machen… Ich wusste ja von ihm, dass es anstrengend war. Wenn wir zu zweit waren und sprachen, sagte er dies offen. Sobald wir dann Ideen vorschlugen, machte er aber dicht. Mein Papa ist damit keine Ausnahme, wie ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. Viele
erwachsene Töchter und Söhne haben mir von ähnlichen Erfahrungen berichtet.

„Das geht schon noch.“ – Wirklich?

Auch jetzt höre ich den Satz wieder häufiger. Der neue Alltag ist für meinen Papa schwer, oftmals herausfordernd. Wenn wir Hilfsangebote vorschlagen, entgegnet er oft mit „Das geht schon noch“. Und ich schaue kritisch hin und frage: „Wirklich?“ Für mich ist das eine echte Gratwanderung, denn einerseits möchte ich, dass Papa Unterstützung erhält und sich Dinge verändern, andererseits möchte ich, dass er in seinem gewohnten Alltag alles beibehalten kann, weiterhin selbstständig agiert.

Ich erinnere mich an die Diskussionen, die mein Bruder und ich oft mit Papa führten, weil wir wollten, dass er die Tagespflege für Mama ausprobiert. Statt sich über den Vorschlag zu freuen, sagte er nur: „Mache ich es nicht gut genug?“ In seiner Stimme klangen Enttäuschung und Empörung mit. So als würden wir nicht sehen, wie liebevoll er sich um Mama kümmert. Wir führten viele Diskussionen um diese Frage, mal geduldig, mal genervt – und es dauerte lange, bis Papa zustimmte und wir uns auf die Suche nach einem Tagespflegeplatz für Mama begaben. Sie verbrachte dort drei Vormittage die Woche und das klappte viele Jahre sehr gut.

Und wie damit umgehen?

Ich glaube nicht daran, dass es hilft, jemanden zu überrumpeln oder die Lage zu dramatisieren. Ich möchte nicht übergriffig sein und Dinge für meinen Papa entscheiden und ihn in seiner Autonomie einschränken. Denn ich weiß, wie wichtig ihm das ist und kann das sehr gut nachfühlen. Von meiner Podcast-Partnerin Anja Kälin, Familiencoach, habe ich den Begriff der „fürsorglichen Autorität“ gelernt.

Im ersten Schritt nehme ich mir vor, den Satz „Es geht schon noch“ nicht einfach so stehen zu lassen und zu hinterfragen, warum Papa sich so dagegen wehrt: Ist es die (eigentlich unnötige) Scham, Hilfe anzunehmen? Die Angst vor der Meinung des Umfelds? Der Wunsch nach Selbstständigkeit und Selbstbestimmung? Oder das Gefühl, seiner Aufgaben beraubt zu werden? Oder ist es die Sorge um das Finanzielle? Die Pflegeversicherungen unterstützen zwar mit einigen Leistungen,
allerdings kommt da oft noch ein Betrag hinzu, der selbst gezahlt werden muss.

Und ich denke an Idee 2 meines neuen Buches. Sie heißt: Stelle diese eine Frage und höre einfach zu. Es geht um die Frage: Wie geht es dir wirklich? Was brauchst du? Ein ganz guter Anfang, finde ich. Oder?

Ein Gedanke zu „„Das geht schon noch.“ Wirklich?“

Kommentar verfassen