Dieses Jahr hatte es in sich – das habe ich in den vergangenen Tagen wirklich oft gedacht und zwar im Schönen wie im Schweren. Das Jahr begann fröhlich, voll Zuversicht, doch dann im Januar starb Mama und das hat Vieles verändert. Mir fiel das Schreiben schwer und als ich wieder hineinfand, war es mehr als heilsam. Mein neues Buch kam heraus und es ist für mich ein ganz besonderes. Ich bin dankbar für all die Aufmerksamkeit, die es bekam und die vielen guten Gespräche, die ich dazu führen durfte. 2024 war für mich ein Jahr des Loslassens und Durchstartens. Hier könnt ihr den Jahresrückblick 2024 lesen.
Seitdem ich blogge, schreibe ich üblicherweise im Dezember einen Jahresrückblick, zusammen mit vielen anderen Blogger:innen und der wunderbaren Blog-Mentorin Judith Peters. Für 2023 gibt es keinen Jahresrückblik. Und ich glaube, mein letzter Text aus 2023, der zugleich der erste aus 2024 war, gibt einen Einblick, weshalb: Mama zog im Dezember 2023 in ein Heim. Organisatorisch eine Herausforderung, emotional noch mal umso mehr. Ich hatte keine Ruhe, um auf das Jahr zurückzuschauen.
Dieses Jahr 2024 hatte es in sich, hat es doch privat so ganz anders gestartet als gedacht – und mich sehr gefordert. Aber es war auch vieles wunderbar in 2024. Ich bin schwere und schöne Wege gegangen. Manchmal aber auch gar nicht. Ich möchte eine kleine Rückschau machen, zusammen mit der Challenge Jahresrückblog von Judith, und lade dich ein, meinen Jahresrückblick 2024 zu lesen.
Diese Themen findest du in diesem Blog-Artikel
Meine Themen und Highlights in 2024
Mama – Vom Abschiednehmen, Trauern und Vermissen
Ich erinnere mich gut an meinen Start in dieses Jahr. Mama war erst ein paar Wochen zuvor in das Pflegeheim gezogen, ich hatte ihr das Zimmer dort eingerichtet und mich irgendwie von all den Vorurteilen, die ich bis dahin über Pflegeheime gehabt hatte, schnell eines besseren belehren lassen. Der Umzug war mir schwer gefallen, weil da doch auch immer das schlechte Gewissen und viel Traurigkeit dabei waren. Aber als sie dort ankam und das Team auf der Station so liebevoll und herzlich auf Mama zuging und für sie da war, da spürte ich, dass es ein guter Ort für sie ist. Die Entscheidung war mir so schwer gefallen und beim Unterschreiben des Vertrages musste ich mit Tränen kämpfen, aber es war richtig gewesen.
Mama würde dort gut ankommen, dessen war ich mir sicher – und dann kam alles ganz anders. Am 11. Januar nachmittags, kurz bevor ich meine kleine Tochter abholen wollte, bekam ich den Anruf aus dem Heim: „Ihre Mutti ist eingeschlafen.“ Ich verstand erst gar nicht, was sie mir sagen wollte, brauchte elendige Minuten, bis die Nachricht ankam, bis sie mir dann Papa gab, der seinen Satz nicht vollenden konnte. Nach dem Anruf war ich wie in Trance, ging zur Schule, holte meine Kleine ab, aber konnte nicht reden. Wir gingen heim, still und dann sagte ich meinen Töchtern schweren Worte. Konnte nicht mehr reden, lag wie in einer Trance auf meinem Bett und meine Große fragte mich: „Mama, brauchst du was?“.
Die Tage und Wochen verflogen, obwohl die Zeit doch eigentümlich still stand. An vielen Tagen danach wollte ich am liebsten liegen bleiben. An manchen Tagen musste ich krass ausbrechen, um nicht an Mama denken zu müssen. Mir half es, mit Herzensmenschen zu reden, aber auch Gespräche mit entfernten Bekannten und Profis über dieses Trauern und Abschiednehmen half. Auch das Schreiben half, aber es dauerte. Mein Brief an Mama, Ende Januar, lautete: „Liebe Mama, mir fehlen die Worte.“ Er war kurz, viel mehr ging damals noch nicht.
Wie über Mamas Tod sprechen? Darf und möchte ich auf dem Blog darüber schreiben? Möchte ich überhaupt weiter bloggen? Ich habe mich anfangs damit schwer getan und wusste nicht recht, was tun. Aber dann irgendwann dachte ich: Doch. Ich möchte. Und es gehört zur Demenz dazu und zu unserem Weg. So entstanden zwei heilsame Interviews mit Trauerbegleiterin Anja Schmidt-Ott („Was ist das Besondere an Trauer mit Demenz?“, „Wie wandelt sich die Trauer?“). Auch das Gespräch mit Hendrik Lind („Wohin mit der Trauer an Weihnachten?“) hat mir gut getan – und zeigte mir wieder mal, dass es doch hilft, sich mit schweren Themen zu beschäftigen.
Mein neues Buch entsteht: „Meine Eltern werden alt“
Die Idee zu meinem neuen Buch hatte ich schon eine ganze Weile mit mir herumgetragen. Vor Mamas Krankheit haben wir nie über Themen wie Pflege und Altwerden gesprochen. Als Mama die Alzheimerdiagnose erhielt, war sie noch recht jung – 55 Jahre alt –, aber Papa ist ja einige Jahre älter. Eigentlich hätten wir schon mal drüber reden können, aber uns ging es wie so vielen Familien: Wir sprachen nicht darüber, ein wenig so, als könnten wir das Thema von uns fernhalten, wenn wir es nicht ansprechen.
Nun ja, die Realität war jedoch eine andere… Und genau das habe ich auch von so vielen anderen Angehörigen gehört. In den vergangenen Jahren habe ich so viele Erfahrungen beim Pflegen gemacht und habe mir häufig gedacht: ‚Hätte ich das mal früher gefragt!‘ (etwa wie meine Mama zum Thema Pflegeheim steht) oder: ‚Warum sind wir das nicht schon zeitiger angegangen?` (den Badumbau zum Beispiel). Ich wollte all die Dinge, die man frühzeitig angehen kann, sammeln: eine Mischung aus Anregungen für Gespräche, konkrete praktische Dinge, gemeinsame Erlebnisse und Erkundungen aber auch bewusste Aus-Zeiten.
Nicht nur meine Agentin Imke Rösing fand die Idee super, auch ein paar Verlage und ich entschied mich für hanserblau. Das war alles noch 2023. Ich wollte Ende 2023 und 2024 ganz in Ruhe schreiben – und dann wurde es doch sehr herausfordernd. Nach einer wunderbaren Januar-Schreibzeit in Wien, kam Mamas Tod und eine Pause. Und dann der Gedanke, dass ich mit dem Aufschreiben von unseren Erfahrungen anderen Menschen helfen könnte und meine Mama genau das sicher gewollt und unterstützt hätte. Und so schrieb ich weiter.
Der schwierigste Moment war sicher, als ich all den Text über Mama, den ich schon geschrieben hatte, in die Vergangenheit setzen musste. Auch als meine wunderbare Lektorin Doreen fragte: „Willst du etwas zum Tod schreiben?“, war das schwer. In mir sträubte sich so viel, aber es war nun mal so. Ich bin Doreen dankbar, dass wir dieses Kapitel aufgenommen haben und sie mich so feinfühlig dadurch begleitet hat (wie auch durch das ganze Lektorieren).
Ein ganz besonderer Moment war, als die Textarbeit noch nicht abgeschlossen war, ich aber schon die Programmvorschau von hanserblau in den Händen hielt. Mein Papa studierte interessiert das Programm und las sich interessiert die Angaben zu „Meine Eltern werden alt“ durch. Einzig eine Anmerkung hatte er, ob es denn noch möglich wäre, den Titel zu ändern. Er schlug vor: „Meine Eltern werden alt, aber sehen jünger aus.“ Wir lachten. In all dem Schmunzeln merkte ich, dass genau das der Haken ja oft ist. Keiner von uns möchte alt sein, unsere Eltern genauso wenig wie wir – und darüber zu sprechen und schreiben erfordert deshalb auch Mut. Aber Altsein muss ja nicht schlimm sein, wir machen es irgendwie daraus – darüber habe ich neulich im SWR 1 Leute-Talk gesprochen und auch das tolle „Altern“-Buch von Elke Heidenreich zeigt ja: Altern ist auch das, was wir daraus machen.
Demenz Meet München – und noch weitere tolle Meets in Linz und Luzern
Es ist schon einige Jahre her, als ich zum ersten Mal von der Demenz Meets-Bewegung erfuhr. 2021 lud mich der Gründer Daniel Wagner nach Zürich zum Demenz Meet ein und es war ein wunderbares Zusammenkommen an Menschen mit Demenz, Angehörigen und Fachleuten. So viel Mitgefühl, so viel Offenheit – und ich habe mich verstanden und unterstützt gefühlt. Seither ist die Demenz Meets-Bewegung gewachsen und ein Teil der Demenz World geworden.
Bereits 2023 fand das erste Demenz Meet in Deutschland statt. Der Verein Desideria richtete das Demenz Meet in München aus und ich bin als Kooperationspartner und Moderatorin dabei gewesen. Auch in 2024 habe ich wieder mit meiner Podcast-Partnerin Anja Kälin die Moderation übernommen.
Die Wochen zuvor waren aufregend, wir hatten uns überlegt, wen wir als Speaker:in auf die Bühne einladen, dann die Vorgespräche geführt, die Moderationstexte schreiben und schließlich war der große Tag am 4. Mai. Wir hatten ein Element zum Mitmachen für alle 160 Menschen im Raum („Auf dem Seil“). Es hat funktioniert – und sogar noch viel besser als ich gehofft hatte.
Besonders berührt hat mich der Auftritt von Elke Schroeder darüber, warum sie die Worte „noch“ und „nicht mehr“ nicht mehr nutzt (hier habe ich darüber geschrieben), das Gespräch mit Erik Heitzer und der Film und das Gespräch mit Filmemacherin Astrid Menzel („Blauer Himmel Weiße Wolken“). Wie schon im Jahr zuvor und auch in Zürich erlebte ich das Meet als Community-Treffen, das stärkt.
Das Demenz Meet München war für mich auch so besonders, weil ich zum ersten Mal nach Mamas Tod wieder öffentlich gelesen habe, und zwar aus dem Brief „Liebe Mama, danke, dass du hilfst, genauer hinzusehen“. Das Demenz Meet München war so etwas wie der Auftakt. Ich war auch bei dem Demenz Meet in Linz und in Luzern, habe dort jeweils Texte vorgetragen.
organisiert von Sofia und Claudia
Für mich waren die Meets wunderbare Treffen, ich habe viele gute Bekannte getroffen und auch neue Menschen kennengelernt. Oft musste ich an Mama denken und manches Mal hatte ich einen Kloß im Hals. Aber die Begegungen und der Austausch macht mir auch immer wieder Mut und erweitert meinen Blick nicht nur auf das Thema Demenz, sondern auf das Leben an sich.
Mein Hörbuch ensteht – und ich darf es einsprechen
Ich habe mich riesig über die Information gefreut, dass mein Buch auch als Hörbuch erscheinen sollte. Normalerweise würden die Texte professionelle Sprecher einlesen, wurde mir gesagt. Und ich dachte: Ich frage mal nach, denn zum einen ist der Text ja sehr persönlich und ich selber finde es immer schön, wenn die Autorin selber ihren Text einsprecht und zum anderen habe ich ja doch durchs Podcasten und durch die Lesungen ein wenig Sprecherfahrung. Zum Glück waren wir uns dann schnell einig – und beschlossen, dass ich selber einlese.
Und so habe ich einige Vormittage mit Valentin im Podcast-Studio verbracht, aber statt eine neue Folge „Leben. Lieben. Pflegen“ einzusprechen, habe ich mein Buch eingelesen. Die ersten Seiten fielen mir extrem schwer, weil meine innere Kritikerin sozusagen mitgelesen hat und an einigen Stellen auf einmal mit Formulierungen nicht mehr zufrieden war. Der Text war da aber schon im Lektorat durch, also viel zu spät, um noch Änderungen vorzunehmen. Und ich wusste auch, egal, wie oft ich das Manuskript überarbeiten würde, irgendwas würde ich immer entdecken.
Wie also diese innere Kritikerin beruhigen? Mit ihr zu diskutieren, war anstrengend. Immer wieder zu überlegen, ob die Formulierung nicht doch gut war oder zu denken „Mist, ich hätte es besser machen können“. Irgendwann beschloss ich: „Okay, ich habe mein Bestes gegeben – und genau das lese ich jetzt vor und werde nicht jede dritte Zeile hinterfragen.“ Der Gedanke, dass mein Buch vielleicht nicht perfekt war, aber ich mein Bestes gegeben hatte, beruhigte mich – und ließ mich von da an in gutem Fluss weiterlesen. Und ich finde, dass es echt ganz okay geworden ist. (Ihr findet es überall, wo es Hörbücher gibt.)
Berührende Begegnungen im Podcast „Leben. Lieben. Pflegen“
In diesem Jahr ging es natürlich auch weiter mit dem Podcast „Leben. Lieben. Pflegen“ für Desideria Care. Optisch hat unser Podcast einen neuen Look bekommen – viel schöner als zuvor, finde ich. Meine Podcast-Partnerin Anja Kälin und ich haben verschiedene Themen besprochen, mal mit Gästen, mal zu zweit. Wir haben darüber gesprochen, wie es ist, wenn ein Elternteil mit Demenz ins Pflegeheim zieht und mit unserem Gast Heide haben wir über den Umzug des Partners ins Heim gesprochen.
Demenz ist oft eine große Herausforderung für die Angehörigen. Davon berichtet hat etwa Nadine. Ihre Mutter ist an Demenz erkrankt und Nadine begleitet ihre Eltern auf dem Weg mit der Erkrankung – dabei tun sich alte Rollenmuster und damit verbundene Probleme auf (hier könnt ihr die Folge mit Nadine anhören). Unser Gast Katrin hat von ihrem Buch „Lückenleben“ und der Begleitung ihres Mannes erzählt: was ihr und ihrer Familie im Umgang geholfen hat – etwa die Liederabende mit Freunde und „unverünftige Momente des Feierns“ – und auch von den Regeln und Konventionen, die sie erlebt hat. „Von pflegenden Angehörigen wird viel erwartet, aber nicht unbedingt Wut oder Trotz. Man soll das Pflegen bitte still leidend erbringen“, sagt Katrin (hier geht’s zur Folge „Lückenleben“).
Mein absolutes Highlight war das Gespräch mit Arno Geiger. Sein Buch „Der alte König in seinem Exil“ war eines der ersten Bücher, die ich zum Thema Demenz gelesen habe und es war das erste, was mich nicht nur berührt, sondern mir auch Mut gemacht hat. Es war ein berührendes und ehrliches Gespräch und hat mir viel Mut gemacht. Auch weil ich damals den Verdacht auf Papas Krankheit schon nicht mehr umgehen konnte und wusste, dass wir den Veränderungen auf den Grund gehen müssen.
Und eine Aussage aus dem Podcast-Gespräch mit Arno Geiger hilft mir momentan häufig. Arno Geiger sagte: „Als ich das erste Mal gesagt habe, ich gehe mit, habe ich den Unterschied sofort gemerkt. Das ist Solidarisierung. Endlich sagt jemand nicht Nein, sondern Ja. Und wie wichtig ein Ja ist, wenn wir den ganzen Tag nur Nein hören, da werden wir ja verrückt und die Abwärtsspirale dreht sich.“ Das Ja sei ein Stück zu Hause.
„Ich brauch eine Pause“ – Das mit den Auszeiten lernen
Gerade in den vergangenen Jahren habe ich oft gemerkt, dass ich mit dem Kümmern und Pflegen oft an meine Grenzen – oder schon darüber hinaus – gekommen. Im Alltag war Papa bei Mama und kümmerte sich, aber er brauchte zunehmend Unterstützung dabei, was auch immer wieder zu Diskussionen führte. Wie hilft man jemandem, der sich nicht helfen lassen möchte, aber dem es dennoch nicht gut geht?
2024 habe ich häufiger gespürt, wo meine Grenzen liegen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Anja, die sagte: Du kannst ihn nicht retten. Von so manchen Wunschgedanken loszulassen und die Realität als solche anzunehmen, das war ein Prozess. Nicht nur in diesem Jahr, aber in diesem Jahr habe ich ihn bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig hat mir genau das geholfen, mich besser zu sehen, verstehen und wertzuschätzen.
In den vergangenen Jahren habe ich so oft geschrieben und anderen Angehörigen erzählt, sie sollten auf sich aufpassen und wie wichtig Auszeiten sind. Für mich selber fiel mir das schwer. Auch in meinem Buch spielt das Thema eine Rolle. Und als ich in den Endzügen des Schreibens wahr, habe ich mir vorgenommen, mir eine Auszeit für mich zu nehmen. Fast hätte ich es nicht gemacht, aus all den üblichen Gründen und dann bin ich doch gefahren, in ein wunderschönes altes Haus in den Schweizer Bergen und hatte nichts als Ruhe – und das tat so gut.
Aber das mit den Auszeiten im Alltag ist halt so eine Sache. Also habe ich mir vorgenommen, immer mal wieder Pausen und regelmäßige Auszeiten zu machen. Am Abend mit Freundinnen ausgehen, zu einer Lesung ins Literaturhaus, ins Museum, dienstags zum Pilates oder für das Wochenende nach Wien.
Und auch wenn ich bei meinem Papa war, habe ich gelernt, mir dort Auszeiten zu nehmen. Am besten kann ich das im Alltag immer beim Laufen, aber auch Spazieren und an den Sommerabenden den Sonnenuntergang anschauen – einfach wunderschön und so wohltuend.
Vorträge und Lesungen aus meinen Büchern
In diesem Jahr habe ich einige Vorträge gehalten, vor allem zum Thema „Pflege aus Distanz“, etwa für famPlus, Desideria Care und die Demenzfachstelle Oberbayern. Bis vor einigen Jahren dachte ich noch, habe ich mich recht alleine damit gefühlt, aber auch durch die Vorträge habe ich gelernt, dass dies alles andere als selten ist. Schätzungen gehen von einem Viertel der pflegenden Angehörigen aus. Pflegende auf Distanz spielen eine „bedeutsame Rolle“ bei der Unterstützung pflegebedürftiger Menschen, zeigte eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege.
Was ich in den Vorträgen und Gesprächen mit den Teilnehmenden merke: Viele Angehörige sind sich ihrer Leistung gar nicht bewusst: Sie kümmern sich aus der Ferne, übernehmen Fürsorgeaufgaben vor Ort, fühlen sich zerrissen. Oftmals mangelt es an Unterstützung, das Pflegen aus der Ferne bringt besondere Herausforderungen mit sich – in den Vorträgen gebe ich Ideen und Anregungen, wie es etwas leichter werden kann. Dabei sind viele Learnings aus meinen eigenen Erfahrungen.
In diesem Jahr habe ich etliche Lesungen gegeben, erst aus „Mamas Alzheimer und wir“ und dann nach Erscheinen meines neuen Buches auch eine Kombination von „Mamas Alzheimer und wir“ und „Meine Eltern werden alt“ oder nur aus meinem neuen Buch. Manche Lesungen fanden vor sehr viel Publikum statt, andere in kleinerem Kreise.
Für mich ist es beinahe egal, ich bin immer noch jedes Mal aufgeregt. Aber ich habe mittlerweile so oft erfahren, dass ich das eigentlich ganz gut meistere und mit meinen Worten das Publikum berühren kann – in diesem Lampenfieber sammle ich dann genug Mut und kann auf die Bühne gehen. Und sobald ich anfange zu lesen und zu erzählen, läuft es meist wie von alleine.
Urlaub fast vor der Haustür, Baden in den Bergen
Ich bin ja noch nicht so lange selbstständig und das mit dem Urlaubnehmen fällt mir noch ziemlich schwer. In den vergangenen zwei Jahren waren das jeweils nur ein paar Tage und so richtig raus aus dem Arbeiten bin ich nie gekommen, weil ich doch noch einen Text fertig schreiben musste oder einen Experten anschreiben. Aber klar, das lag auch an mir. Ich habe mich nicht getraut, Auftraggebern klar zu kommunizieren, dass ich Urlaub habe und nicht erreichbar bin. 2024 wollte ich das besser machen, so mein Vorsatz. Aber dann wusste ich auch, dass mein Buch Ende August herauskommt, dass es von da an wahrscheinlich recht voll werden würde.
Das Gute an Schulkindern ist ja, dass man gar nicht so viel nachdenken muss, wann die beste Urlaubszeit ist, weil man nicht wirklich eine Wahl hat. Klar war also, dass wir die Schulferien zum verreisen haben. Pfingsten verbrachten wir wieder für ein paar Tage auf dem Reiterhof – und es war wunderbar. Zu sehen, wie glücklich meine Töchter sind, wenn sie dort auf den Pferden reiten oder die Fohlen beobachten. Und auch ich hatte wunderbar erholsame Momente.
Ich wollte im Sommer weiter verreisen, mal wieder weit weg. Aber eigentlich war ich zu kaputt dafür. Und dann entschied ich mich (nachdem ich Prag geplant und dann abgeblasen hatte) für den Walchsee, quasi einmal aus München raus und über die Grenze.
Wir hatten ein wunderbares Häuschen, ganz in der Nähe des Sees und genau dort haben wir wunderbare Sommertage verbracht: mit Schwimmen, am Strand liegen und lesen, mit aufs Wasser und in die Berge schauen. Meine Töchter sind kleine Langschläferinnen und ich habe die Morgende genossen, an denen ich mit Blick auf die Weite und über den See, geschrieben und gelesen habe. Sicher nicht meine spektakulärste Reise, aber wahnsinnig erholsam und genau richtig.
Auf Buch-Tour: „Meine Eltern werden alt“ auch im Fernsehen und Radio
Am 19. August erschien mein Buch und in den Wochen danach war ich viel unterwegs und habe Interviews gegeben, fürs Radio, für Zeitungen und auch im Fernsehen. Und das war ein ganz besonderes Learning für mich. Ich habe immer noch gehörigen Respekt davor, vor vielen Menschen zu stehen und zu reden. Und auch, wenn ich es schon oft gemacht habe, habe ich doch jedes Mal Lampenfieber. Als die erste Live-TV-Anfrage kam – für das Sat 1 Frühstücksfernsehen – , war ich zuerst hoch erfreut und dann dachte ich: „Mist, wie soll ich das denn schaffen?“
Was mir geholfen hat, war der Gedanke, dass es eine große Chance ist, über mein Thema zu sprechen und Menschen zu erreichen. Sicher, es ist eine Möglichkeit, über mein Buch zu reden, aber für mich ist das noch viel mehr. Es sind die sogenannten schweren Themen, über die in der Gesellschaft und auch in den Medien doch viel zu selten gesprochen wird, wie das Pflegen und auch Demenz – und dabei betreffen sie so viele Menschen. Pflegende Angehörige fühlen sich oft allein gelassen und sind es ja auch. Denn es mangelt an Unterstützungsangeboten und meist sind es die Familien, die sich selber durchs Pflegen durchwurschteln müssen und sich nicht nur gefordert, sondern überfordert fühlen. Darüber zu sprechen, gibt nicht nur dem Thema Sichtbarkeit, sondern hilft all jenen, die sich um einen Angehörigen kümmern – und dieser Gedanke hat mir Mut gemacht.
Später im Oktober kam eine ganz besondere Anfrage, über die ich mich riesig gefreut habe. Die Redaktion des „Kölner Treffs“ hat mich in die Talksendung eingeladen. Ich bin Micky Beisenherz dankbar für sein Interesse am Thema und für die Fragen, die die Situation so gut auf den Punkt gebracht haben.
Im Dezember haben Micky und ich eine Sonderfolge für seinen Podcat „Apokalypse & Filterkaffee“ aufgenommen und ausschließlich über das Thema Demenz gesprochen. Hier könnt ihr die Folge anhören.
Eigentlich wollte ich Ruhe, aber dann kam es anders: Papas Demenz
In den vergangenen Wochen, ja Monaten, hat sich unsere Situation wieder verändert und ich bin sozusagen wieder zur pflegenden Angehörigen geworden. Den ersten Gedanken „Und was, wenn es Alzheimer ist?“ hatte ich schon vor ein paar Jahren, aber ich wischte ihn weg. Es war nur ein Moment und ich wollte nicht überreagieren. Zumal ich oft das Gefühl hatte, sehr genau hinzuschauen, wenn es um Symptome einer Demenz geht. Zudem gab es so viele andere Erklärungen, allen voran die Pflege meiner Mama.
Doch als nach ihrem Tod all die Strukturen und Routinen und auch die Aufgabe wegfiel, wurde plötzlich offenkundig, wie schwer mein Papa sich im Alltag tat. Die Überforderung, die Vergesslichkeit, die Antriebslosigkeit – all diese Symptome konnten aber auch für eine Depression oder Trauerstörung stehen. Was also tun? Wie in diesen schweren Monaten zum Arzt gehen, wenn er doch nicht mal reden wollte? Über den Weg zur Demenz-Diagnose habe ich schon in einem Blog-Artikel geschrieben.
Es hat ein wenig gedauert, bis ich darüber schreiben konnte, weil es mich in ein Gefühls-Wirrwarr gestürzt hat. Damals, als Mama die Diagnose bekam, hatte ich Angst. Jetzt habe ich sie wieder, aber es ist eine andere. Und in diese Angst mischt sich Traurigkeit und Wut – und es ist für mich anstrengend, all die neuen Wege zu finden. Klar, die jahrelange Pflege-Erfahrung hilft, was die Formalitäten angeht: Pflegedienst organisieren, Pflegegrad beantragen, Fahrschein für die Kranken- und Arzttransporte etc.
Aber meine Ängste, meine Sorgen, meine Hilf- und Ratlosigkeit, die sind eben doch wieder neu. Was Diagnose feststand. Ich hatte so sehr gehofft, dass all die Untersuchungen ein anderes Ergebnis bringen würden. Und dann waren die Worte der Ärztin so klar und uneindeutig: Demenz. Ich versuche nicht zu kämpfen, aber an manchen Tagen tun wir es doch. Mein Papa möchte Normalität und selbstständig allein im Haus wohnen bleiben – und das funktioniert, aber nur mit viel Unterstützung. Wie soll das weitergehen? Was machen wir jetzt? – Das waren Fragen, die Papa damals nach Mamas Diagnose stellte. Niemand wusste eine Antwort darauf (wer hätte die auch haben können?). Ich versuche geduldig zu sein, mit ihm und mir, und in Schritten zu denken und zu handeln. Mehr kann ich nicht tun – und das ist schon eine Menge.
In 2024 habe ich sehr viel gelesen. Dabei waren viele Romane mit schweren Themen. Am meisten beeindruckt haben mich „Die schönste Version“ von Ruth Thomas und „Schloss aus Glas“ von Jeanette Wells. Manchmal finde ich Sätze in Büchern so schön, dass ich sie abschreibe und mir an eine Wand hänge oder in mein Büchlein schreibe. Diesen Satz habe ich bei Robert Seethaler gelesen und er tut mir gerade gut – und ist mein Vorsatz für 2025: „Man sollte sich immer mehr Hoffnungen machen als Sorgen.“
Mein Jahresrückblick 2024: 5 mal 5
5 Erfolge: Darauf bin ich 2024 stolz
- mein neues Buch „Meine Eltern werden alt“ fertig geschrieben zu haben
- mein Hörbuch eingesprochen zu haben
- auf meine Töchter
- auf viel mehr Schritte pro Tag (das Laufen tut einfach gut)
- dass ich das persönliche Schreiben so präsent in mein Leben geholt habe
Das sind 5 Dinge, die ich 2024 über mich selbst gelernt habe
- Ich kann ziemlich gut live im Fernsehen reden und es macht mir sogar Spaß.
- Mit mir zufrieden zu sein, auch wenn ich gerade nicht mein Bestes geben kann. Manchmal reicht es schon einfach durchzuhalten.
- Ich kann neue, gesunde Routinen zu etablieren und selbst, wenn ich kein Pilates-Fan bin, tut mir das richtig gut.
- Es ist absolut okay, wenn ich Grenzen setze.
- Ich bin nicht alleine.
5 erste Male: Das habe ich 2024 erstmals erlebt
- Ich stand an Mamas Grab – Es fühlte sich absolut unwirklich an und hat Wochen gebraucht, bis ich es wirklich realisiert habe.
- Ich habe meine Töchter erlebt, die bei Mamas Trauerfeier gemeinsam Klavier gespielt haben – und ihre Liebe gespürt.
- Zum ersten Mal habe ich ein Hörbuch eingesprochen – und zwar mein eigenes („Meine Eltern werden alt“, gibt’s überall, wo es Hörbücher gibt).
- Ich habe erstmals live im TV und Radio gesprochen – und das sogar mehrmals und es waren aufregende, ganz besondere Momente (hier könnt ihr den Talk vom Kölner Treff nachschauen und hier das Interview von SWR1 Leute)
- Kunst endlich mal auf der Biennale in Venedig – ein Mini-Trip voller Herzensmomente.
Meine 5 liebsten eigenen Blogartikel in 2024
Ich habe 2024 nicht so viel gebloggt – und das Schreiben fiel mir einfach schwer. Naja, und der Fokus lag darauf, das Buch fertigzu stellen. Aber dennoch habe ich Texte auf dem Blog geschrieben, die mir am Herzen liegen. Hier also meine kleine persönliche Top 5-Liste:
- „Gegen wen kämpfe ich? Gegen die Person oder die Demenz? (hier findet ihr den Artikel)
- „Das geht schon noch. Wirklich?“ (hier ist der ganze Blog-Artikel)
- „Liebe Mama, wir gehen nun neue Wege – es ist richtig, aber schwer“ (hier geht’s zum Artikel)
- „Wie wandelt sich die Trauer?“ (Interview mit Anja Schmidt-Ott, hier lesen)
- „Abschiednehmen: Vom Trösten, Trauern und Abschiednehmen (hier ist der ganze Text)
5 Dinge, die ich im Jahr 2024 lasse und nicht mit in 2025 nehme
- all die Schuldgefühle (sind total unnötig und bringen eh nichts)
- mein Grübeln und Zaudern (bringt auch überhaupt nichts)
- die Perfektion, die mich zwar oft angespornt hat, aber oft auch gehindert
- meinen alten Glaubenssatz: „Ich bin nicht gut genug“
- die schlechte Schlafroutine (ich brauche wirklich mehr Schlaf, auf Dauer)
Mein Ausblick auf 2025
2025 ist für mich noch sehr vage und ich tue mich schwer mit den Wünschen. Die vergangenen Monate waren so voll, mit Aufgaben, mit Arbeit und mit Dingen, die erledigt werden müssen. Ich möchte 2025 mehr Leichtigkeit in meinem Leben haben.
Als ich neulich in einem Interview gefragte wurde, worauf ich mich freue, wusste ich erst nicht, was ich sagen sollte. Aber es gibt Dinge, auf die ich mich freue – und ich möchte versuchen, mehr daran zu denken als an die Herausforderungen.
Meine Wünsche und Ziele für 2025
- Ich möchte endlich mal nach Barcelona (ist realistisch), sehr gerne nach Griechenland (ja, könnte klappen) und unbedingt mal wieder nach Afrika (mal schauen)
- Seit einigen Jahren trage ich eine Roman-Idee mit mir herum und habe auch schon angefangen zu schreiben. Dieses Jahr möchte ich mich endlich ins Schreiben kommen (oder aber die Idee verabschieden und neu anfangen).
- Als Journalistin wieder tolle und spannende Projekte zu begleiten und Texte zu schreiben.
- Spannende Gäste im Podcast interviewen.
- Mit meinen Büchern wieder auf Lesetour gehen (ein paar Termine stehen schon fest, mehr folgen noch)
- Mehr Zeit in Wien verbringen
Ich wünsche euch eine gute Rückschau, falls ihr die denn macht und in jedem Fall ein gutes neues Jahr 2023. Möge es viel Erfreuliches, Hoffnungsvolles und Liebevolles für euch bringen!
