„Auch in widrigen Lebensumständen kann man gute Laune haben“, das ist eine der Lektionen, die Uli Zeller in den vergangenen Jahren gelernt hat – und zwar durch seine Arbeit als Seelsorger für Menschen mit Demenz in einem Pflegeheim. Hier findet ihr einen Gastbeitrag von ihm. Besonders berührt hat mich seine Erzählung über Manfred.
Auf meinem Blog findet ihr auch immer wieder Beiträge von anderen, die über ihre Erfahrungen mit der Demenz berichten (hier findet ihr alle Gastbeiträge.)
Hier findet ihr einen Gastbeitrag von Uli Zeller. Er ist Buchautor (Uli schreibt unter anderem Vorlesegeschichten für Menschen mit Demenz, wie „Erinnerungen auf vier Pfoten“ oder „Lachen ist die beste Medizin“) sowie Theologe und Krankenpfleger Uli arbeitet als Demenz-Seelsorger in einem Pflegeheim. In seinem Gastbeitrag schreibt er über 17 Dinge, die er von Menschen mit Demenz gelernt hat.
Gastbeitrag von Uli: Was ich von Menschen mit Demenz gelernt habe
Manfred hat mich beeindruckt. Ich war als Pfleger auf der Station tätig, auf der er lebte. Manfred war ein fröhlicher Mensch. Trotz seiner Demenz. Meistens lächelte er freundlich. Schon lange erkannte er die Menschen nicht mehr, aber man merkte an seinem Blick, dass er sie gerne hatte: beim Blick in die Augen, wenn man ihm die Hand gab. Oder wenn er seinem Gegenüber über die Wangen fuhr.
Seine blauen Pupillen wurden dann kleiner. Fokussiert. Der Blick klar. Glücklich schien er auch, wenn er mit anderen „redete“. Dann sagte er ein paar Laute und das Gegenüber erwiderte etwas. Und dann „antwortete“ Manfred wieder. Für Dritte machte es keinen Sinn. Er hatte seine eigenen Worte. Für Manfred schien „das Gespräch“ wundervoll zu sein.
Manfred war seit vielen Jahren verheiratet. Seine Frau besuchte ihn oft. Wenn sie aus dem Aufzug kam und den Flur der Station entlang ging, erkannte man sie sofort. O-Beine, Buckel und Krückstock. Bei Manfred hängte sie ihren Krückstock an seinen Rollstuhl. Sie schob ihn über den Flur und stützte sich am Rollstuhl ab. Eine Szene mit den Beiden hat mich sehr berührt. Davon erzähle ich Ihnen weiter unten.
Wenn ich mit Menschen wie Manfred zu tun habe, wird mir klar: Es gibt schwere Zeiten im Umgang mit Demenz. Herausforderungen. Überforderungen. Unverschämtheiten des Lebens.
Aber, es gibt auch das: Viele Momente, in denen ich merke: Eigentlich bin ich der Beschenkte. Obwohl ich gerade dem anderen helfe. Ich nenne Ihnen hier 17 Punkte, die ich von Menschen mit Demenz gelernt habe. Und ich lerne sie immer wieder neu von ihnen. Diese Dinge helfen mir auch in anderen Lebenssituationen.
1. Das Jetzt
Sich an die Vergangenheit erinnern. Die Zukunft planen. Beides ist für Menschen mit Demenz schwierig. Darum leben sie im Moment. Im Jetzt. Das möchte ich mir abschauen: Nicht dauernd irgendwo anders mit dem Smartphone sein. Sondern ganz dem anderen zugewandt. Meiner Frau zuhören. Meine Kinder wahrnehmen. Der beste Zeitpunkt ist: jetzt.
2. Die Versöhnung
Versöhnung ist nicht nur möglich, wenn der Verstand noch gut funktioniert. Ich denke an Frau Bertram, die sich nicht mehr äußern konnte. Sie lag im Sterben, bekam Besuch vom Sohn. Ein Blick, der alles sagte. Kein Wort. Und dann konnte sie in Frieden sterben. Dennoch will ich meine Beziehungen klären und ins Reine bringen, solange ich noch fit dazu bin.
3. Die Erwartungen
Menschen mit Demenz signalisieren mir oft, dass es ihnen schnurzpiepegal ist, was ich über sie denke. Sie machen ihr Ding. Meine Meinung ist zweitrangig. Oft tut man genau das, was das Dorf verlangt: Ein Haus bauen, eine Familie gründen, Mitglied im Sportverein werden. Piepegal muss es mir ja nicht sein, was andere über mich denken. Aber ich kann von Menschen mit Demenz lernen, anderer Leute Erwartungen nicht zu meinem Maßstab zu machen.
4. Das Essen
Wenn die demente Frau Adam Kartoffeln schält, dann strahlt sie bis zu den Ohren. Gemeinsam kochen, zusammensitzen, spülen und aufräumen. Macht satt, macht zufrieden, gibt neue Impulse. Gute Lektion für mich: Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es zu zelebrieren macht glücklich.
5. Die Tagesform
Wer sich heute zurück zieht, kann morgen doch anderen Menschen ganz zugewandt sein. Gefühle, die Menschen mit Demenz leben, sind oft so wuchtig wie Wellen im Meer. Und am nächsten Tag ist wieder Ebbe. Also kann ich davon lernen, Menschen jeden Tag neu anzunehmen. So wie sie eben sind.
6. Das Herz
Mich beeindruckt an vielen Menschen mit Demenz, wie intensiv sie ihre Gefühle leben. Denn sie können gar nicht mehr so verkopft sein, wie ich es manchmal bin. Die 84-Jährige Erna weint, weil der Besuch geht. Die 77-Jährige strahlt bei der Tanzveranstaltung. Und dann ist da eben auch Manfred, von dem ich unten weiter erzähle…
7. Der Abstand
Manchmal will jemand seine Ruhe haben. Ich kann von ihm lernen: nichts aufdrängen. Und bei mir selbst auch darauf achten und es ernst nehmen, wenn ich Zeit für mich brauche.
8. Die Leberwurst
Die Welt vieler Menschen mit Demenz zerbröselt. Denn nichts stimmt mehr zusammen. Manche bringen ihre Welt wieder ins Gleichgewicht, indem sie lügen, schimpfen, beleidigen. Oft sind diese Äußerungen dabei noch nicht mal böse gemeint. Das will ich mitnehmen: Nehme nicht gleich alles persönlich, sei keine beleidigte Leberwurst.
9. Das Kleine
Frau Kleinhans ist in sich gekehrt. Äußert sich kaum noch. Doch eines Tages – da lächelt sie mich an. Und ich freue mich danach den ganzen Tag darüber. Das will ich auch bei Menschen ohne Demenz tun: Zufrieden sein mit kleinen Gesten und Worten. Nicht zu viel erwarten. Dankbar sein fürs kleinste Lächeln.
10. Die Ehrlichkeit
Nein, ich möchte nicht lügen. Aber: Muss ich denn jemandem die Wahrheit aufdrängen, wenn sie ihn überfordert. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt Nuancen zwischen Wahrheit und Lüge. Will heißen: Ehrlich bleiben. Ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. Man muss ja nicht jedem immer alles sagen, was man weiß…
11. Der Vergleich
Das hab ich mal so erlebt: In einem Wohnbereich eines Pflegeheims. Herr Grün beschimpft Frau Herz. Da kommt die demente Frau Dingelmann um die Ecke. Sagt: „Schau doch auf dich selber.“ Super Lektion. Für mich. Nicht mit dem Finger auf andere zeigen.
12. Die Leistung
In unserer Tageszeitung gab es mal eine Interview-Serie: „15 Fragen an… .“ Die Fragen waren immer die gleichen. Egal, ob man den Pfarrer, den Schausteller oder den Manager des Kaufhauses befragt hat. Und die Antwort bei der ersten Frage war immer die Längste. Wie hieß sie, diese erste Frage? Diese Frage hieß: „Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“ Dazu kann jeder viel erzählen. Bei Menschen mit Demenz kann ich lernen: Nein, es kommt nicht auf die Leistung an. Sondern nur auf das Sein.
13. Die Musik
Musik tut gut. Die einen spielen ein Instrument. Andere singen gern oder hören gern Musik. Bei Menschen mit Demenz habe ich schon miterlebt, dass Musik ihnen einen Raum öffnet – und den Augenblick wertvoll macht. Das kann ich davon lernen: Baue Musik in dein Leben ein und lass dich von ihr begleiten. Übrigens kann Musik auch dabei helfen, einer Demenz vorzubeugen.
14. Der Sinn
Menschen mit Demenz scheinen ihren Alltag oft als sinnvoll zu erleben. Auch wenn das, was sie tun, für andere keinen Sinn macht. Wenn sie nur die Flüssigkeit zwischen zwei Bechern hin und her schütten. Oder Tücher herum tragen. Oder in der Erde wühlen. Wichtiger als andere zu verstehen ist, ob ich eine wertschätzende Grundhaltung ihnen gegenüber habe. Auch wenn ich gar keinen Sinn sehe in dem, was sie tun. Wer bin ich schon, dass ich mir anmaße, andere verstehen zu können?
15. Die Lebensfreude
Ich habe in den letzten Jahrzehnten viele fröhliche Menschen mit Demenz kennengelernt. Zum Beispiel Manfred. Unten erzähle ich Ihnen gleich, wie herzerwärmend er seiner Frau am Hochzeitstag begegnet ist. Tolle Lektion für mich: Auch in widrigen Lebensumständen kann man gute Laune haben.
16. Der Abschied
Ein Mann mit Demenz ist verstorben. Seine Ehefrau nimmt der Tod sehr mit. Sie sagt zu mir: „Eigentlich habe ich jetzt schon seit drei Jahren Abschied von ihm genommen. Trotzdem ist es schwer.“ Abschied nehmen gehört nicht nur zu Demenz und Tod, das kann ich mitnehmen. Das ganze Leben ist Abschied nehmen. Von lieben Menschen, von Gesundheit, von lieb gewonnenen Orten…
Zurück zu Manfred. Sie erinnern sich? Er saß im Rollstuhl. Gab nur noch Laute von sich. Ich konnte mich fast nicht mehr erinnern, wann er zum letzten Mal ein Wort gesagt hatte, das ich verstanden habe.
Dann kam sein Hochzeitstag. Meine Kollegin hatte eine charmante Idee. Sie lugte aus dem Fenster und sah: Da kam jemand. O-Beine, krummer Rücken, Krückstock. Es war Manfreds Frau. Meine Kollegin setzte Manfred in seinen Rollstuhl und gab ihm eine Blume in die Hand. Sie sagte: „Heute ist Ihr Hochzeitstag.“ und fuhr ihn zum Aufzug.
Als sich der Aufzug öffnete, strahlte Manfred – wie immer. Aber was er dann tat, berührte mich, denn das hätte ich nicht vermutet. Er hatte ja lange kein Wort mehr gesagt. Er schaute seine Frau an und sagte: „Du bist da.“
Und das bringt mich zum letzten Punkt:
17. Die Liebe
Oft denke ich, ich muss etwas tun. Helfen, begleiten, fördern. Den Menschen mit Demenz anleiten, unterstützen, ihm etwas bieten. Aber: Das größte Geschenk ist, einen Angehörigen lieb zu haben (oder wenn man den Menschen beruflich kennt: ihn zu mögen). Da sein. Die Hand halten. Mein Gegenüber wertschätzen. Klar, wenn wir gemeinsam etwas Schönes machen können, ist das gut. Aber: Liebe ist immer noch das größte Geschenk. Das kann man sogar ohne Verstand merken. Und das gilt doch für alle Menschen, egal ob mit oder ohne Demenz…
In diesem Sinne:
Lassen Sie uns Omas Augen zum Leuchten bringen.
Ihr Uli Zeller
P.S.: Die Namen habe ich natürlich alle verändert. Und die Situationen so weit verfremdet, dass sie keine Rückschlüsse auf die darin vorkommenden Personen zulassen.
Wenn ihr noch mehr von Uli Zeller lesen möchtet, dann schaut euch gerne auf seinem Blog um. Hier bekommt ihr seine kostenlosen E-Mails, um besser mit Demenz umgehen zu können.
