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Liebe Mama, manchmal fehlt mir die Zuversicht, manchmal finde ich sie unverhofft.

„Es ist schon gut“ – habe ich mir als Mantra für dieses Jahr ausgesucht. Ich versuche mich daran festzuhalten, auch wenn Vieles nicht so gut läuft. Meine Mama hat früher oft gesagt: „Wir beobachten das mal“, wenn mir etwas weh getan hat oder „Das wird schon“, wenn irgendetwas nicht auf Anhieb geklappt hat. Das hat mir Zuversicht gegeben. Heute fehlt mir dieses Vertrauen in die Zukunft manchmal. Gerade auch die aktuelle Pflegesituation meiner Mama bereitet mir Sorgen und ich frage mich, wie es weitergehen kann und zweifle auch an mir. Doch zum Glück gibt es Momente, in denen ich Zuversicht finde. So einen Moment habe ich neulich erlebt, als meine Mama gefallen ist und meine Tochter zur Stelle war.

Liebe Mama, manchmal fehlt mir die Zuversicht.

Ich wollte dieses Jahr ja ganz meinem Mantra „Es ist schon gut“ folgen. Aber es fällt mir momentan nicht leicht, immer positiv zu sein und zu denken und fühlen, dass es schon gut ist. Da ist zum einen die Corona-Situation mit immer neuen Regelungen, Einschränkungen und der Sorge, dass ich oder meine Familie erkranken könnte. Das trübe Januarwetter schlägt auch irgendwie auf mein Gemüt.

Seit meinem letzten Besuch bei euch beschäftigt mich die Frage, wie ich euch helfen kann, mal wieder sehr. Denn ich habe gemerkt, dass du immer mehr auf Unterstützung angewiesen bist und dass Papa häufig an seine Grenzen kommt. Wenn ich mit ihm darüber spreche, welche Hilfsangebote möglich wären und ob er etwas in Anspruch nehmen möchte, lehnt er meist sofort ab. Auch das Thema Pflegeheim habe ich mal wieder angesprochen, weil ich immer häufiger denke, dass es eine gute Option für euch beide sein könnte. Von Papa kam nur ein Verärgertes: „Nein, ich schaffe es.“ Es ist unser immer wiederkehrendes Gespräch – und wie immer endet es ohne Ergebnis.

Ich möchte so gerne zuversichtlich sein, aber es fällt mir schwer. Zuversicht hat, wer positiv in die Zukunft schauen kann. Doch mein Blick in die Zukunft ist momentan getrübt. Ich möchte gerne helfen und euch unterstützen, damit es besser und einfacher läuft. Aber ich rede und rede – und nichts ändert sich. Ich fühle mich, als würde ich mich immerzu im Kreis drehen. Das strengt an und macht mich traurig, denn ich muss zusehen, wie schwer ihr es teilweise habt. Es raubt mir Kraft und Zuversicht – dabei bräuchte ich doch beides, um dir und Papa eine Stütze sein zu können.

Woher hast du die Zuversicht genommen?

Liebe Mama, wie hast du das gemacht, dass du voll Zuversicht warst? In meiner Erinnerung warst du das. Wenn mir etwas weh getan hat oder ich traurig war, hast du mir vor allem eines vermittelt: Zuversicht. Du hast mich getröstet und hast mir das Gefühl gegeben, dass alles wieder gut wird. War das nur meine kindliche Wahrnehmung? Möglicherweise, denn als Kind sieht man seine Eltern ja in einem sehr positiv verklärten Licht. Für mich warst du in vielen Dingen ein Vorbild. Du warst immer fröhlich und positiv – und ich habe auch nie hinterfragt, wie dir das gelingt.

Ich gehe ja selber mit viel naivem Vertrauen durch die Welt und vertraue darauf, dass die Dinge schon funktionieren werden. Aber wenn es zu viele Herausforderungen werden, die da auf mich einprasseln und wenn ich scheinbar nichts machen kann, dann fühle ich mich hilflos. Ich grübele und werde traurig. An die Zukunft mag ich kaum denken, weil sich da eine große Hürde an die andere reiht und ich keine Ahnung habe, wie ich sie überwinden soll. Und irgendwann zweifle ich an mir selber, weil ich meine Aufgabe als pflegende Tochter nicht erfüllen kann.

Ein kleiner Moment ändert meinen Blickwinkel und gibt Zuversicht

In genau dieser Stimmung war ich auch bei unserem letzten Besuch. Es war wie immer, wenn ich da bin. Ich möchte ganz viel helfen. Ich möchte mit dir Zeit verbringen, ich möchte Papa bei dem Bürokram helfen, ich kaufe ein und koche – und achte auf die Zeit, damit wir pünktlich essen. Es war einfach ganz schön viel, dazu ratterte es unablässig in meinem Kopf, wie ich es schaffen kann, einen Plan für die Zukunft, für mehr Unterstützungsleistungen, zu machen. Meine Zuversicht tendierte gegen Null. Hast du das gemerkt? Auch wenn du mit Worten vielleicht nicht mehr kommunizierst, so spürst du doch meine Emotionen meist sehr gut.

Es war irgendwie stressig und ich fühlte mich extrem angespannt. Wir wollten essen. Du wolltest aufstehen. Von der Couch sind es nur ein paar Schritte bis zum Esstisch – und das schaffst du locker. Doch statt zu stehen und zu gehen, lagst du plötzlich am Boden. Du bist unglücklich abgerutscht. Was für ein Schreck! Ich bin zu dir geeilt, meine großen Töchter waren auch zur Stelle. Ich wollte dir beim Aufstehen helfen, doch du wusstest gar nicht mehr, was du tun solltest. Du konntest kein einziges Körperteil aufrichten, sondern hast dich einfach hingelegt. Du hast mich mit großen Augen angeschaut – und ich hätte am liebsten losgeheult. Wie sollte ich dir denn helfen, wenn du meinen Worte nicht mal mehr folgen kannst? Du bist doch viel zu schwer, als dass ich dich heben könnte.

Neue Zuversicht, denn ich bin nicht alleine

Da hat meine Große in ihrer ruhigen Art gesagt: „Steh auf, Oma!“ Sie ist an meine Seite gekommen. Wir haben den Couchtisch weggeschoben und dir gemeinsam hoch geholfen. Dann standest du neben uns – und alles war gut und du ganz ruhig. Es war sogar besser als gut, denn in diesem Moment habe ich ganz viel Zuversicht gespürt. Ich habe gemerkt, dass ich schwierige Situationen meistern kann – und dir helfen kann. Ich habe realisiert, dass ich nicht alleine bin. Denn ich habe Menschen an meiner Seite, die diesen Weg mit deiner Alzheimererkrankung gemeinsam mit mir gehen.

Ich sollte ein bisschen mehr Vertrauen haben, oder wie siehst du das, liebe Mama? Ich glaube, es würde mir guttun. Vertrauen in mich, dass ich zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen fällen werde. Vertrauen in mich als Tochter und in dich, dass du mir zeigen wirst, was dir guttut und wo du dich wohlfühlst.

Ach, und weißt du, du hast tolle Enkeltöchter. In den folgenden Tagen haben meine Mädchen dich mit viel Umsicht und Fürsorge von der Couch zum Tisch begleitet. Es ist als würde dein „Das wird schon“ von früher mit den Kindern mitschwingen und dich noch heute begleiten.

Danke, liebe Mama!

Deine Peggy 

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Dieser Text macht mit bei der Blogparade Demenzmoment. Immer am 21. jeden Monats laden Tanja Neuburger und ich dazu ein. Das Thema für den 21. Januar ist Zuversicht. Alle Texte findest du auf der Demenzmoment-Website.

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